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Marburg, Sonntag, de» 9. März.

1873

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in aller Stille, Miilister Sella ist mit einem Gesetz­entwurf über die Circulation des Papiergeldes be­schäftigt und Visconti-Venosta rüstet sich, mit Herrn Ozenne in Verhandlungen über Veränderungen am Handelsverträge ju treten, wobei er nothqedrungen an den Prinzipien des Freihandels festzuhalten haben wird, trotz aller eingewurzelter Neigung, Frankreich gefällig zu sein.

In Spanien droht ein Zerwürfniß zwischen der erst vor einer Woche gebildeten, fast reinrepublikani­schen Regierung und der auö der früheren radicalen Partei bestehenden Mehrheit der.National-Versammlung. In dem Gesetzentwürfe, durch welchen die Neuwahl auf den 20. April, der Zusammentrit der Constituante auf den 1. Mai bestimmt wird, sollte die jetzige Ver­sammlung zugleich erklären, daß sie nach Erledigung der dringendsten noch schwebenden Vorlagen ihre Sitzungen suspcndiren werde. Auf diese Forderung der Regierung waren die Radicalen nicht geneigt ein­zugehen, wohl aber die extremen Republikaner, und ein Zwiespalt ist im Entstehen begriffen, der möglicher Weise auch zu außerparlamentarischen Zusammenstößen führen könnie. Den fremden Regierungen hat Castelar als Minister des Auswärtigen ein neues Rundschreiben zugehen lassen, in welchem er die definitive Gründung der Republik und deren friedliche Bedeutung betont, um nachzuweisen, daß der Anerkennung der spanischen Republik kein Hinderuiß im Wege stehen könne. Doch ist bisher dem Vorgänge der Vereinigten Staaten und der Schweiz noch keine Macht gefolgt.

Im Hafen von Lissabon hat die italienische Fregatte „Roma" die Anker gelichtet; sie bringt den Exkönig Amadeus mitsammt Gemahlin und Kindern in seine italienische Heimath zurück. Die Ruhe ist zwar in Portugal nicht gestört worden, doch herrscht nichtsdestoweuiger eine aufgeregte Stimmung in dem kleinen Königreiche, welches so plötzlich der Nachbar einer Republik geworden ist.

Das englische Unterhaus steht mitten in der Debatte über die zweite Lesung der irischen Universi- tätsvorlage, deren Schicksal noch sehr ungewiß ist. Von allen Lagern her, vom radicalen, conservativen, ultramontanen, wird Sturm gegen sie gelaufen, und

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Und jene Herren, seine Freunde, die mit Ihnen sou- pirieu, sind seine Genossen."

„Bomben und Granaten —"

»Ruhig, Herr Oberstwachtmeister, so lange wir keine Beweise haben, dürfen wir nichts überstürzen. Wer gab die Karten, wenn Sie verloren?"

„Der Baron."

„Stets?"

„Nein, beim letzten Spiel nicht, aber ich erinnere mich, er hatte sie vorher gemischt."

„Hatten Sie gestern einmal die Bank?"

„Nein."

„Und Sie wissen genau, daß nur mit Fünfzig- thalerscheinen pointirt wurde?"

»Ja."

„Wie viele Scheine dieser Sorte sind im Spiele gewesen?"

„Nach meinemj Dafürhalten etwa vierhundert."

„Nun es wäre immerhin möglich —"

„Warten Sie ich glaube —"

Der Major hatte hastig seine Börse geöffnet.

„Hier ist noch einer," sagte er, „ich sand ihn erst heute Morgen, gestern Abend wußte ich nicht, daß ich ihn besaß."

Warndorff prüfte die Banknote.

„Ich verstehe von diesen Dingen nichts," er­widerte er nach einer Weste, „aber es ist ja leicht, sich darüber Gewißheit zu verschaffen. Wenn dieser falsch ist, so ist auch Ihre Schuldverschreibung un­gültig. Wie schade, daß wir die Karten nicht haben — ah, dort liegt ja eine unter dem Tisch, Treff-As, laß sehen."

Der Lieutenant trat rasch an's Fenster, in wachsen­der Erregung folgte der Major ihm.

Ein neuer Hoffnungsstern leuchtete an seinem Horizonte und das Licht dieses Sternes schien die dunklen Wolken verscheuchen zu wollen. (Forts, folgt.)

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anderes Herz, dem er seinen Kummer und seine Sorgen anvertrauen konnte.

Entsetzt, erschüttert hörte Warndorff ihm zu, dann und wann unterbrach er die Mittheilungen des Ma­jors durch eine Verwünschung, die er nicht unter­drücken konnte.

Er sah schärfer, sein Blick war weniger befangen, aus diesen Mittheilungen ging ihm sofort hervor, daß der Major das Opfer eines durchtriebenen und schlau berechneten Gaunerstreichs war.

„Nun bin ich ein Bettler," schloß der Major mit bebender Stimme seine Mittheilungen, „und nicht allein das, ich bin ein Ehrloser, daß ich das Glück und die Existenz meiner Familie so leichtsinnig aufs Spiel setzen konnte. Was nun? Von meiner Pen­sion kann ich meine Familie nicht ernähren, und ich bin zu alt geworden, um als Portier oder Lohndiener mein trocken Brod zu verdienen. Ich bin ein er­bärmlicher Mensch, ein @qnbtr der den Schuß Pul­ver nicht werlh ist, mit welchem er sich 'von Gott lind Rechtswegen die Kugel in's Gehirn jagen sollte! So,, schelten Sie mich doch, Warndorfi, auch Ihre Hoffnungen habe ich ja vernichtet, stehen Sie nicht so steif und gelassen da, ich will kein Mitleid — hören Sie, ich will es nicht!"

„Mitleid und Beistand kann Ihnen Niemand ver. sagen, der ein warmes Herz und einen offenen Kops hat," schnitt Warndorff ernst die leidenschaftlichen Ausbrüche des erregten Mannes ab. „Nicht Sie sind erbärmlich, sondern der Schurke, der Sie be­trogen hat."

Betroffen blickte der Major den jungen Herrn, der mit blitzenden Augen, das Gefäß des Degens krampfhaft umklammernd, vor ihm stand.

„Dieser Baron ist ein Gauner," fuhr der Lieute­nant fort, „das kann keinem Zweifel unterliegen.

Srscheint täglich außer den Werktagen nach Soqn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Sax durch bie Postämter 27 Sgr. lexcl. Bestellgebühr und mcl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Dir Bauernfänger.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Der Major fühlte, daß er zu weit gegangen war, daß er den Haß dieses Mannes nicht aus sich laden durste.

„Ich wollte Sie nicht kränken," lenkte er ein, ,eS ärgerte mich, daß Sie gerade in diesem Augen­blick auf Ihre Werbung anspielten und da glaubte ich Ihnen nicht verhehlen zu dürfen, daß —"

Er stockte, der Baron streifte gleichgültig die Asche ton seiner Cigarre und erhob sich.

„Ich weiß, was Sie mir nicht verhehlen zu dürfen Klauben," entgegnete er sarcastisch, „wir reden ein vtdermal darüber."

„Weshalb nicht sofort, Herr Baron? Hermine — btt Premierlieutenant v. Warndorff — ich kann mein finb nicht zwingen —"

„Und ich verlange es auch nicht. Leben Sie wohl °Uf Wiedersehen."

Die Gäste lösten heute einander ab, der Baron ^ttc das Haus noch nicht verlassen, als der Premier- unuenant v. Warndorff eintrat.

Der Major zuckte zusammen, er wagte nicht, dem "iitf Warndorff'S zu begegnen, überzeugt, der junge Herr müsse in seinem verstörten Gesichte lesen, welches "ergehens er sich schuldig gemacht habe.

Und der Prcmierlieutenanl hätte in der Thal blind sein müssen, wenn ihm die Verstörung und Er- "gung des MajorS nicht aufgesallen wäre.

. Er ahnte sofort, daß ein verhängnißvoller Vor- M sich ereignet haben mußte; in warmem, thcil- Ahmenden Tone bat er den Major, ihm fein ^ttrauen zu schenken und überzeugt zu sein, baß er Wfen werde, wenn er es vermöge. I

Und der Major hatte keinen andern Freund, kein

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Politische Wochen-Uebcrficht.

DaS preußische Abgeorbnetenhaus hat an ben beiden ersten Tagen dieser Woche in der An­nahme der beiden Gesetzentwürfe zur Reform der Elasten- und Einkommensteuer und zur Aufhebung der Mahl- und Schlachtsteuer den lange erstrebten Grundstein einer gesunden allgemeinem Steuerreform bereit gestellt. Es ist wohl nicht zu zweifeln, daß auch das Herrenhaus diesem bedeutungsvollen Fort­schritte zustimmen wird. Auch die Specialberathung der Etats, mit ihrer erfreulichen reichlicheren Ausstat­tung für Schulen und Verkehrsmittel und Verbesse­rung der Lage by: Beamten rc. ist erlebigt, bie an gemessene Erhöhung ber Diäten der Abgeordneten von drei auf fünf Thaler ist in erster Lesung angenom­men, ebenso in erster und zweiter Lesung ein von dem Abgeordneten Bernards eingebrachter Gesetzentwurf, über die Aufhebung des Zeitungsstempels, welchem die Regierung gegenüber indessen keine geneigte Stel­lung einnahm. — In Braunschweig mahnte die San desvertretung an eine strengere Geltendmachung des staatlichen Charakters der Volksschule. In Hessen hofft ber Gesetzgebungs-Ausschuß des Landtags die Vorberathung und den Bericht über bie Gemcinbe- und Kreisorbnungs - Reform noch vor Beginn bcs Reichstags fertig zu stellen Der beutsche Kronprinz wird, nachdem seine Genesung nunmehr genügend voll­endet ist, am 10. März von Wiesbaden nach Berlin zurückkehren und ber Eröffnung bes Reichstags an- wohnen.

Das österreichische Abgeorbnetenhaus nahm die Wahlreform mit 119 gegen 2 Stimmen ohne De­batte an, nachdem die Polen sich zurückgezogen hat­ten. Von den Polen war kaum ein günstigeres Er- gebniß als bei früheren Ausgleichungsversuchen zu er­warten: sie suchen durch Verzögerung und Verschlep­pung nur Zeit zu gewinnen, um wenn möglich die Wahlreform noch zu Falle zu bringen. In Pest hat sich ein Ministerwechsel vollzogen. Der bisherige Minister des Innern Toth ist unter Verleihung des Großkrcuzes des LeopoldordenS und der Geheimrath würde von seinem Posten enthoben und Graf Szapary zu feinem Nachfolger ernannt worden.

Der schweizerische Bundesrath hat unter dem 24. Februar ein Anerkennungs und Beglückwün- : schungsschreiben an die Regierung der spanischen Re- ' publik erlassen. In den Cantonen der Diöcese Base!, zumal in Solothurn, dauern bie aufregenbcn kirch- ; lichen Wirren fort.

Der Kampf, der zwischen den Parteien der fran- ; zösischen Nationalversammlung und der Regierung nun schon seit dem 13. November mit wechselndem Glücke wogt, neigt sich endlich zur Entscheidung. Am 1. März wurden nach dreitägigem äußerst heftigen Toben und Schimpfen die allgemeinen Verhandlungen über den Bericht des Herzogs von Broglie in ber Verfassungsfrage zum Abschluß gebracht unb am 4. März dann die Einleitung zu den Artikeln mit 475 gegen 199 Stimmen angenommen. Es bedurfte der feinsten Redekünste von Dufaure und Thiers, um dieses Ergebniß zu erlangen und die Annnahmc der ganzen Vorlage vorzubereiten. Indem Thiers die An­träge der Dreißiger vollständig annimmt, erklärt er, daß es ihm nicht darum zu thun sei, die Regierung zu einer definitiven zu machen; die Regierung sei unparteiisch, der Pact von Bordeaux jetzt noch eben so gut wie damals, als er beschlossen wurde, anwend bar; er bedeute für den einen Theil die jetzige Si­cherheit,^ für den anderen Theil die Freiheit der Zu kunft, für ihn, den Präsidenten, die redliche Treue, das ihm anvertraute Pfand ungekürzt zu überliefern. Zugleich sprach Thierö die Zuversicht aus, dieses Jahr werde den Arbeiten der Nationalversammlung ein Ende machen. Die beiden großen Eventualitäten von 1873: die Räumung des Gebietes nach Abtra­gung der Kriegsentschädigung und die Auflösung der jetzigen Nationalversammlung haben angefangen, die Situation zu beherrschen.

Das größte politische Ereigniß, welches die ita­lienischen Blätter in letzter Zeit verzeichnet haben, ist die enthusiastische Feier des römischen Carnevals, die allerdings beweist, daß die überwiegende Mehr­zahl der Römer der entschwundenen Papstherrschaft nicht nachtrauert. Im Uebrigen ist es sehr ruhig im Lande. Die Commissionen für das Klostergesetz und für die Verbesserung des höheren Unterrichts arbeiten

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