[ Mr« S7. JRatÖurg, Sonnabend, den 8. März. 1873.
ii Oberhessische Zeitung.
tie 'Erscheint tiiglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bexogen 88i 8gr., durch die d Postämter 87 Ggr. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl- Stempel 88 Sgr. — JnscrtionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.
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Deutsches Keich.
.. Betlin, 6. März. In den Blättern ist viel über das gegen den Geheimenrach Wagener ein- -eteitete Scrutinal -Verfahren geredet, und sind auch Merlei Bedenken erhoben worden. Es ist dagegen m bemerken, daß zwar in den DiSciplinargesetzen von einem solchen Verfahren nicht die Rede ist, einer jeden gerichtlichen Procedur jedoch ein einleitendes Verfahren vorauSgehen muß. Einem jeden Richter und Staatsanwalt stcht das Recht zu eine Vorvernehmung herbeizuführen, um danach entscheiden zu (innen, ob der Untersuchung eine weitere Folge zu geben sei. Dasselbe findet auch bei dem Disciplinar- Berfahreu statt; eS werden fortwährend Beamte vernommen, gegen welche diSciplinarisch vorgegangen «erden soll. WaS den Fall Wagener betrifft, so hat da« Staatsministerium von demselben bekanntlich eine schriftliche Auslastung verlangt; da durch dieselbe ober Manche« unaufgeklärt blieb, auch inzwischen die zweite Rede LaSker'S wieder allerlei Neues brachte, so beschloß das Staatsministerium von weiteren schriftlichen Maßregeln abzustehen und ein mündliches Verfahren eintrelen zu lasten. — Die „Grenzbotenhaben vor Kurzem einen sehr interestanten und korrekten Artikel gebracht „WaS Europa durch die deutschen Siege gewonnen hat.- Gegen diesen hat die Petersburger Börsen-Zeitung 2 Artikel unter derselben üeberschrift veröffentlicht, welche von gänzlicher Un- kmntniß der deutschen Verhältnisse oder von großer Böswilligkeit zeugen. Das genannte Blatt hat sich freilich stets als antideutsch gezeigt. ES sagt in den angeführten Artikeln „ganz Europa sei durch Deutsch land bedroht worden. Durch diese Behauptung wird aber die Wahrheit vollständig auf den Kopf gestellt, da cS thatjächlich Frankreich war, von welchem diese tzedrohung Europa'« auSging. Wenn ferner speciell wSgcsührt wird, daß Belgien und Holland durch Deutschlands Machtstellung gefährdet seien, so heißt da« auch wieder die Wahrheit auf den Kopf stellen. Dhalsächlich hat Frankreich stets Gelüste auf Belgien an den Tag gelegt und dann, um die Aufmerksamkeit don sich abzuleiten, Preußen Gelüste auf Holland untergeschoben. Dahin richletcn sich auch einst die
Worte RouherS im CorpS legislatif. JedeSmal, sobald Frankreich gegen Belgien intriguirte, hat eS stets auf Absichten Preußens gegen Holland hingedeutet. Endlich wurde auch durch die dritte Behauptung der PeterSb. Börsenztg. durch die gegenwärtige Macht- stellung Deutschlands ganz Europa gezwungen werde, fortwährend unter den Waffen zu stehen, die Wahrheit wiederum auf den Kopf gestellt. ES kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß es Frankreich war, so lange eS auf der Höhe seiner Macht stand, welches Europa nöthigte, sich fortwährend in der Waffenrüstung zu befinden. — In der Preste laufen unaufhörlich Gerüchte um, nach welchen die „Post" als Organ deS Ministerium des Innern bezeichnet wird, und haben diese Gerüchte auch schon den Weg in die auswärtige Presse gefunden. Sie ergehen sich in Combinationen über die vertrauten Beziehungen der verschiedenen Ministerien zu verschiedenen Organen der Presse. ES ist aber bereits wiederholt erklärt worden und kann nur auf daS Bestimmteste aus gesprochen werden, daß die „Post" in gar keiner Beziehung zum Ministerium deS Innern oder zum titerarischen Bureau stcht. Ueberhaupt beruht es auf einem Jrrthum, wenn behauptet wird, daß die verschiedenen Minister auch zu verschiedenen Zeitungen in Beziehungen ständen. Nur die „Nordd. Allgemeine Zeitung", und zwar nur diese allein, empfängt, wie nicht in Abrede gestellt werden kann, osficiöse Mittheilungen. — Ein wichtiges Tagesereig- niß bildet die glückliche Beendigung des Droschken- strike's, der vollständige Sieg der Polizeibehörde. Die Droschkenbesitzer haben beschlossen, sich den Anordnungen der Behörden zu fügen. Der Inhalt der öffentlichen Bekanntmachung, welche sie erlaffen haben, stimmt aber nicht mit den Thatsachen überein, indem darin gesagt wird, daß die Droschkenbesitzer auf den Wunsch Sr. Maj. des Kaisers den Betrieb ihrer Fuhrwerke wieder eröffneten. Diese Andeutung hat aber keine andere Unterlage, als den inzwischen bekannt gewordenen Erlaß des Handelsministers, welcher eine Bescheidung auf die von den Droschkenbesitzern eingereichte Immediateingabe enthielt. ES ist densetben darin eröffnet, daß ihre Beschweren einer gründlichen
Dir vaurrnfanger.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Der Baron gab die Karten nicht, aber er hatte sie anscheinend in Gedanken vertieft, gemischt, der Rajor hielt ein weiteres Mischen unnöthig.
„Das ist sonderbar, sagte der Baron, als er seine Karlen aufnahm. '
„Sonderbar? WaS?" fragte der Major in skberhaster Unruhe.
„Run Sie haben schon wieder schlechte Karten."
Dem Major war'S als ob ein Blitzstrahl ihn ge troffen habe, er mußte gewaltsam an sich halten, um btn Seelenschmerz, der ihn folterte nicht zu ver- mchen
Der Baron hatte Recht, sein Gegner mußte auch diese Partie verlieren.
Wieder perlte der Schweiß von der Stirn dcö NajorS, wieder war sein Blick stier, gcisterartig ge "erden, der Baron schien eS nicht zu bemerken.
„Sie haben verloren," sagte er, „ich bedaure das «srichtig, um so mehr, als ich mir vorwerfe, dazu die Veranlaffung gegeben zu haben."
„Inwiefern?" fragte der Major mit dumpfer Stimme.
„Nun ich habe Sie veranlaßt, den Einsatz zu dttdoppeln, das hat Ihr Glück verscheucht."
„Wenn Sie daS wirklich glauben, können wir ihn N wieder ermäßigen."
„Bestehen Sie heute nicht darauf, Sie haben eS I» gestern Abend erfahren, zwingen läßt sich das Stück nicht, und wenn e» ja einmal geflohen ist, tyrt cS sobald nicht zurück. Warten wir bis borgen."
„Nein, nein," sagte der Major hastig, „ich finde *toe Ruhe, bevor —*
„Würden Sie die Ruhe finden, wenn Sie den
Einsatz verdoppelt hätten? Hegen Sie keine Besorgnisse, morgen wollen wir klüger und vorsichtiger fein."
„Achtzigtausend Thaler," murmelte der Major.
„Es lautet fürchterlich," lachte der Baron.
„Die Schuld übersteigt mein Vermögen."
„Bah, Sie werden nicht nöthig haben, sie zu zahlen."
„Wiffen Sie das so bestimmt?"
„Sie spielen ausgezeichnet Whist — das Weitere wird sich finden."
„Aber glauben Sie den, ich wolle mich wochenlang mit dem drückenden Gedänken herumfchleppcn, daß ich Ihr Schuldner sei?"
„Nun, das kann ich nicht ändern, Herr Oberst- wachlmeister," jagte der Baron höflich, aber fest, „ich glaube denn doch alles Mögliche zu thun, wenn ich Sie versichere, Sie nicht drängen zu wollen. — Freilich, können Sie plötzlich sterben," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, „aber an den Fall wollen wir nicht denken."
„Für den Fall hätten Sie keine Sicherheit für Ihre Forderung," erwiderte der Major »bitter, „ich will Tie Ihnen geben."
„Wozu das?"
„Wäre es auch nur, um Sie zu überzeugen, daß ich ein Ehrenmann bin."
,Herr Oberstwachtmeister, was bringt Sie auf die Vermuchung, daß ich daran zweifeln könne?"
„Nun, Zhre eigenen Worte."
„Jene Absicht lag ihnen keineswegs zu Gmnde."
„Mag sein, aber mich erinnern sie daran, daß ich Ihnen Sicherstellung Ihrer Forderung schulde."
Der Baron wollte ihn zurückhalten, aber der Major, der sich an der Ehre gekränkt fühlte, setzte sich an seinen Schreibtisch um die Schuldverschreibung mit zitternder Hand niederzuschreiben.
Untersuchung unterworfen werden sollten, von ihnen aber erwartet werde, daß sie den Betrieb sofort wieder aufnähmen. Se. Majestät hat die Energie, mit welcher das Polizeipräsidium in dieser Angelegenheit vorgegangen ist, vollständig gebilligt und unterstützt. Die in letzter Stunde von den Droschkenbesitzern noch verlangten Zugeständniffe sind mit aller Entschiedenheit abgewiesen worden. — Der Ausschuß für Justizwesen hat in der Sitzung deS Bundesrathes vom 3. d. M. beantragt, daß der vom Reichskanzler am 23. Januar aufgestellte Entwurf einer Strafproceßordnung zur Vorberathung einer aus 10 angesehenen Juristen bestehenden Commission überwiesen werde. — Die vereinigten Ausschüffe deS BundeSrathes für Justiz- und Rechnungswesen haben unterm 3. März Bericht erstattet über den Entwurf eines Gesetzes über die Rechtsverhältniffe der Reichsbeamten. Es sind mehrere Aenderungen vorgeschlagen, aber schließlich eine Einigung erzielt — Die Zeitungen tragen sich vielfach mit dem Gerüchte, daß der UnterstaatSsecretär im Ministerium des Innern, wirkl. Geh. OberregierungS- rath Bitter, für den Posten deS Seehandlungs-Prä- sidcnten auSersehen sei, falls der jetzige Präsident Günther zum Oberpräsidenden von Posen berufen werde; letzteres Gerücht hat mehr Wahrscheinlichkeit für sich als das erstere.
— Der Bericht der Reichscommijsion für Aufhebung der Salzsteuer wird dem Bundcsralhe in seiner nächsten Plenarsitzung bereits zugehen können. Die Commission, welche unter dem Vvlsttz des preußischen Mitgliedes, Geh. Ober-Finanzralh Burghardt, auS den baierischen Oberzollräthen von Schleitheim und Felser, dem sächsischen Geh. Finanzrath Wahl, dem würtcmbergischen Steuerdirector Fihr. v. Valois, dem badischen Geh. Finanzrath Lepique und dem Consul Meyer aus Bremen bestand, begann ihre Thäiigkcit am 4. November v. I., vertagte sich am 12. November v. I. und trat am 3. Februar d. I. wieder zusammen. Der Bericht über ihre Thätigkcit geht von der Fixirung der Gesammteinnahme von der Salz- steuer mit 12% Millionen Thalern auS, und geht Dann zu dem Nachweise über, daß die Erhöhung der Tabakssteuer in erster Linie geeignet sein würde, ein
Hatte der Baron diese Starrköpfigkeit erwartet und absichtlich sie herausgefordert?
DaS triumphirende Lächeln, welches flüchtig seine Lippen umzuckte, ließ dies vermuthen.
Der Major bemerkte dieses Lächeln nicht, als er aufblickend seinem Gläubiger den Schuldschein überreichte, bemerkte er keinen Zug in dem Anlitz desselben, der ihm Argwohn einflösen konnte.
„ES ist eine unnütze und überflüssige Maßregeln," sagte der Baron, nachdem er gelesen hatte.
„Durchaus nicht," erwiderte der Major mit heiserer Stimme, „die Umstände rechtsertigen sie."
„Nun, wenn eS Sie beruhiget, will ich den Schein aufbcwahren, bis die Sache erledigt ist. UebrigcnS gibt eS ja einen sehr einfachen Weg, die Sache zu erledigen."
„Welchen?"
„Meine Verlobung mit Fräulein Hermine."
Der Mojor ließ daS Haupt auf die Brust sinken, die Cigarre, welche er in so fröhlicher Stimmung angezündet hatte, war längst erloschen.
„Diese Verlobung würde mich verpflichten den Schein sofort zu vernichten," fuhr der Baron fort, „und da ja auch Frau von Barnitz diese Verlobung wünscht, so denke ich —"
„Herr Baron, denken Sie darüber wie Sie wollen, nur verlangen Sie nicht, daß ich eingreifen soll in diese Angelegenheit!" fuhr der Ttajor unwirsch auf.
Der ganze Groll, der in seiner Brust tobte und ihn der Verzweiflung in die Arme zu führer drohte, richtete sich in diesem Augenblicke gegen den Gläubiger. Er erinnerte sich, daß dieser Mann ihn gestern und heute zum Spiel verleitet hatte, und er glaubte ein Recht zu haben, ihm deswegen zu grollen.
Der Blick der Barons ruhte stechend auf dem Gesicht des alten Mannes.