Wr« 46 Marburg, Sonntag, den 23. Februar. 1873.
OterhesMe Zeitung.
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Politische Wochru-Ueberficht.
Die Commission zur Untersuchung von Eisenbahnunternehmungen ist nun vollständig gebildet, nachdem auch das Herrenhaus zwei Mitglieder hierzu wählte. Der Bundesrath hat am vergangenen Montag seine neue Session begonnen. — Aus Baiern verlautet von einer dort an entscheidender Stelle eingetretenen gün tigeren Stimmung in Bezug auf die Rechtseinheit des Reiches. — Die badische Regierung hat den Alt katheliken in Constanz, nachdem über 670 katholische Männer aus den dortigen Gemeinden sich in öffentlicher Abstimmung gegen die Annahme des Vaticanum erklärt, den Mitgebrauch einer der dortigen Kirchen zugesagt.
In Oesterreich ist endlich die längst erhoffte Wahlreform dem Abgeordnetenhause vorgelegt. In den Blättern der Versassungspartei finden die beiden Wahlvorlagen, trotz der ihnen anhaftenden Mängel, eine freudige Aufnahme, und man wünscht, dieselben möglichst rasch unter Dach gebracht zu sehen. Nur die versassungsfeindlichen Organe sind höchlichst unzufrieden , obgleich die Vorlagen dem conservativen Standpunkte die weitgehendsten Concessionen machen. Nicht minder wichtig als die Wahlvorlage ist der Gesetzentwurf über die Errichtung eines VerwaltungS- gerichtshoseS, der am 18. im Herrenhause vorgelegt wurde. In derselben Sitzung nahm die Berathung über die Stadtproceßordnung ihren Anfang, die am Freitag in dritter Lesung beendigt wurde.
Auf Beschluß des schweizerischen BundeSrathS vom 17. Febr. ist die Ausweisung des Pfarrers Mer- willod aus der Schweiz für so lange, als er sich weigert, auf die Ausübung der Functionen eines apostolischen VicarS zu verzichten, erfolgt. Derselbe ist an die französische Grenze geführt und verweilt seitdem in Fernex.
Der historische Verlauf der letzten Verhandlungen der Dreißiger-Commission der französischen Nationalversammlung war folgender: am 17. las der Herzog von Broglie einen Bericht dem Ausschüsse der Dreißiger vor; am 18. entwickelte Fallou sein Amendement, welches dahin geht, die Nationalversammlung wöge, bevor sie sich auslöse, Vorsorge sür die Organisation der Executivgewalt treffen; an demselben 18. Febr. ward Broglie's Bericht Thiers mitgetheilt und beschlossen, der Ausschuß wolle erst über denselben Beschluß fassen, nachdem die Bemerkungen von Thiers zu demselben eingelaufen seien. Dieser Beschluß wurde
Dir Bauernfiiuger.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.) '
Liebrcchl war nicht so ruhig wie der Baron, aber seine Besorgnisse nahmen ab, als er kein Geräusch vernahm, welches sie erhöhen konnte.
So verstrich eine Stunde, dann erschien Peter Baumann, um seine Gäste zu beruhigen.
„Ter Mann war nur betäubt“, sagte er, „ein Küppergeselle, der schon einige Mal versucht hat, hier ju spioniren.“
„Ein Küppergeselle?" fragte der Baron erstaunt Der Wirth nickte.
„Er scheint es aus diesen Herrn abgesehen zu Men", erwiederte er, auf Liebrecht deutend, der, be Mrgt, sofort den Zusammenhang errieth, „aber er kam heute nicht allein, die Polizei begleitete ihn."
„Nun — was weiter?" fragte der Baron.
„Hm — die alte Geschichte. Sie haben wieder kinmal alle Winkel durchstöbert und der kluge Herr Cvmmiffarius sitzt noch unten. Er hat mir erklärt, er da sitzen bleibe, bis er Gewißheit habe." Der Baron lächelte höhnisch.
„Trinkt er etwas?"
„Bier."
„So schüttet ihm dies Pulver in's Glas; wenn ihm die Augen zugefallen sind, sagt es uns. — Finnen Sie den Küppergesellen?" fuhr er, sich zu Liebrecht wendend, fort, nachdem der Wirth das Zimmer klaffen hatte.
„Nein", erwiederte Liebrecht ruhig, während ich
Thiers durch Broglie mündlich mitgetheilt und darauf eine Conferenz der Majorität veranlaßt, der eine Versammlung der Commission folgte, in welcher, nach Verwerfung der übrigen Amendements, das neue von Dufaure mit 16 Stimmen angenommen wurde: „Die Nationalversammlung wird, bevor sie sich trennt, Bestimmungen treffen über die Organisation des Ueber- ganges der vollziehenden Gewalt, über die Schöpfung und die Besugniffe der zweiten Kammer und über das Wahlgesetz." Mit 17 Stimmen erfolgte dann die Annahme des Ricard'schen Amendements: „Die Re gierung wird der Kammer Anträge über diese drei Puncte vorlegen." Die Regierung läßt durch den Telegraphen verkünden, daß sie diese Beschlüsse als einen Sieg für Thiers betraWk. Die Verfassungsfrage selbst ist also, wenn die National Versammlung zu den Beschlüsten der Dreißiger ihren Segen gibt, vis zu gelegener Zeit vertagt.
In der gesetzgeberischen Arbeit deS italienischen Parlaments ist ein Stillstand eingetreten, da eine große Zahl von Deputaten sich aus persönlicher Machtvollkommenheit Ferien gemacht und Rom verlassen hat. Die Commission für das Gesetz über die religiösen Körperschaften hält tägliche Berathungen ab, ist aber noch nicht so weit gediehen, um einen Berichterstatter wählen zu können.
Die souveraine Gewalt Spaniens ist nunmehr auf die aus den Mitgliedern des Senates und Con- grcffes gebildete Nationalversammlung übergegangen, welche allerdings späteren constituirenden CorteS die Organisation der neuen Staatsform überlassen soll. Dem scheidenden Könige Amadeus, welcher jetzt in Lissabon bei seinem Schwager weilt , hat die Versammlung als Antwort auf sein sreimüthigeS und edles Abdankungsschreiben eine anerkennungsvolle Ad- jchiedSadresse mit auf den Weg gegeben; und die Schreibarbeit wird von der Regierung fortgesetzt, welche Rundschreiben an die spanischen Gesandten im Auslande und an die Provincialgouverneure im Jnlande erlaffen hat, in welchem die Aufrichtung der Republik angekündigt und die besten Hoffnungen an dieses Er- eignitz geknüpft werden.
Zwei große Gesetzentwürfe, welche voraussichtlich den Hauplbestandtheil der dreijährigen parlamentarischen Arbeit in England bilden werden, find an einem und demselben Abende eiugesühri worden. Der Premier Minister Gladstone entwickelte dem Unterhause die Nothweirdigkeit, das höhere Unterichtswesen in
Irland zu heben, und gab eine sehr eingehende Darstellung seines Plcknes, durch Einverleibung der OueenS Colleges in die Universität von Dublin und durch Erweiterung der letzteren eine große Universität unter einem freien Vorstande zu gründen. Die zweite große Vorlage, welche der neue Lordkanzler Selborne im Oberhause einführte, bildet gewisser Maßen eine Parallele zu der ersteren, indem durch Verschmelzung der verschiedenen höheren Gerichtshöfe Englands ein „oberster Gerichtshof" gebildet wird, neben oder über welchen no ü eine neue Appellationsinstanz tritt. Die Aufnahme beider Entwürfe war eine recht günstige.
Der schwedische Reichstag hat einige Veränderungen am Staatsgrundgesetz vorgenommen, welche durch das neue Kirchengesetz und durch die neu eingeführte Goldwährung nöthig geworden waren. Ein Antrag auf Neugestaltung deS Staatsrathes und Einsetzung eines Ministerpräsidenten wurde zwar von der Zweiten Kammer mit 118 gegen 61 Stimmen angenommen, von der Ersten aber mit 55 gegen 53 Stimmen abgelehnt.
Wenn das amtlich veröffentlichte russische Staatsbudget einen nicht unerheblichen Ueberschuß herausgerechnet hat, so ist am Jahresschlüsse doch ein Deficit zu erwarten, welches nur durch Ausgabe neuen Papiergeldes wird gedeckt werden können. Das Reich hat zur Zeit nicht weniger als 764 Mill. Rubel und 46 zeitweise ausgegebene Millionen Rubel Papiergeld im Umlauf.
In Griechenland find die Wahlen zur neuen Deputirlenkammer meist im Sinne der gegenwärtigen Regierung ausgefallen und kein Führer der Opposition hat ein Mandat erhalten.
In Konstantinopel ist der bisher schon seit dem letzten Bairanfeste erwartete Ministerwechsel endlich doch vor sich gegangen.- Der schwer kranke Meh- mcd Ruschdi Pascha hat abgedankt und an seine Stelle als Großvezier ist Essad Pascha, der Günstling des Sultans und bisherige Kriegs.Minister, getreten. Der bisherige türkische Botschafter in Petersburg, Rustem Bey, wird abberufen, weil er an des gestorbenen Franko Pascha Stelle Gouverneur von Libanon werden soll.
Deutsches Reich.
•• Berlin 21. Febr. Die heutige Sitzung des Herrenhauses brachte die Beleuchtung dcr Angelegenheit Wagener-Lasker von einem anderen Standpunkt
bei dem Küppermeister wohnte, habe ich mich um seine Gesellen nie bekümmert."
„Äber der Mann muß seinen Grund haben —" „Er steht vielleicht im Dienste der Polizei."
„Es ist möglich — buten Sic sich vor ihm, ich glaube, er spionirt in seinem eigenen Interesse."
Unten in der Gaststube saß der Polizei-Commissär, den Blick unverwandt auf die geöffnete Thür gerichtet, durch welche er den Flur überschauen konnte.
Er ahnte, daß es in diesem Hause ein Versteck gab, in welches die Verbrecher sich zurückzcgen, wenn ihnen Gefahr drohte, er war ja den Flüchtigen auf dem Fuße gefolgt und hatte deutlich gesehen, daß sic die Treppe hinaufeilten. Und trotz alledem hatte er dieses Versteck nicht gefunden.
Er war entschlossen, zu warten Tag und Nacht, er mußte endlich Gewißheit haben.
Es ärgerte ihn jetzt, daß er allein den Küppergesellen begleitet und keinen Beamten' mitgenommen hatte, jetzt konnte er seinen Posten nicht verlassen.
„Gebt mir ein GlaS Wasser," herrschte er den Wirth an, der, behaglich seine Pfeife rauchend, hinter dem Schenktisch saß und in einem alten Zeitungsblatt studirte.
Peter Sanmann blickte phlegmatisch auf. „Schmeckt Euch das Bier nicht?" fragte er. „Was kümmert es Euch? Ich verlange Wasser." „Um klare Augen zu behalten, — na ja, Ihr thätet bester, heimzugchen und Euch ins Bett zu legen, hier könnt Ihr sitzen, bis Ihr so alt geworden seid wie Methusalem, dann habt Ihr noch immer —*
„Schweigt! Ihr seid freilich ein geriebener
Bursche, aber einmal kommen wir doch hinter Eure Schliche."
„Ich möchte es Euch wünschen," erwiederte der Wirth ironisch, „Ihr habt jetzt ein Leben, wie der ewige Jude, weder am Tage noch in der Nacht Ruhe und das Alles nur um meinet wegen."
Die Augen des Commiffärs funkelten, er zitterte vor Wuth.
' „Wir werden diesen Fuchsbau kaufen und niederreißen," knirschte er, „bann wird —"
„Sie könnten mir keinen größeren Gefallen erzeigen," unterbrach ihn der Wirth ruhig, „ich fürchte nur, daß Sie den Preis, den ich fordere, nicht an« legen werden."
Lachend ging er hinaus, um Wasser zu holen und dieses fette Lachen trieb dem Commissär die Galle noch tiefer ins Blut.
Er leerte hastig das GlaS, welches der Wirth mit seinem stereotypen Wohl bekomm'Sl vor ihn stellte; Peter Baumann setzte seine interestante Lektüre fort
Das Pulver wirkte rasch, fast plötzlich, der Com- miffär sand nicht einmal Zeit, gegen den Schlaf anzukämpfen.
Der Wirth gab das Signal, gleich darauf schritten zwei Gestalten rasch und geräuschlos an der Thür vorbei.
11. «apttel.
V a banque!
Im Hause des Majors v. Barnitz herrschte eine unheimliche drückende Stille.