Wr. L3«. Marburg, Donnerstag, den 20. Februar. 1873.
j ObeMsische Zeitung.
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Deutsches Strich.
Berit«, 18. Febr. Der Tarif für die Wohnung« «ldzuschüffe der unmittelbaren Staatsbeamten ist jetzt v,n der Regierung in ander« Weise, al» in dem früh« vorgrlegten Gesetzentwurf, folgendermaßen fest «stellt worden. Danach «halten Beamte der 1. Rang klasse in den Orten der Srrvisklasse Berlin: 500, 400,300,240, 200, 200 Thlr, Beamte der 2 und 3. Rangklasse, sowie Ober Regierung»räthr und mit diesen in gleichem Range stehende Beamte 400 , 300 , 240, 200, 180, 180 Thlr., Beamte der 4. und 5. Rang klaffe 300, 220, 180, 160,140,120 Thlr , Beamte, welche zwischen den Beamten d« ö. Rangklasse und den Subalternen der ProvinjialbehSrden rangiren, Subalternbeamte zweiter Klaffe bei den Ceirlral- bedirden, Subalternbeamte bei dm Provinzial- und Localbehirdm 180, 144, 120, 100, 72, 60 Thlr, Unterbeamte 80 , 60 , 48 , 36 , 24 , 20 Thaler — vor einiger Zeit hat der hiesige Senator Dr. EggerS eine Petition um Einführung der Stenograph,, in die höheren Lehranstalten an da» Cultusministerium eingereicht. Der Bescheid de« Herrn Cultusministers hierauf lautet: „Ew. Wohlgeboren erwidere ich auf die Eingabe vom 22. October v. I., welcher sich in Folge Ihrer Anregung nach unv nach 16 steno graphische Vereine in verschiedenen Städten deS preu ßischen Staates angeschloffen haben, daß ich ohne di. Bedeutung deS Gegenstandes zu verkennen, die jetzige Zeit nicht für geeignet halte, Ihrem Gesuche, die Stenographie nach dem Gabelsberger'schen System zu einem obligatorischen oder facultat.ven Unterrichtsobj.ct für alle öffentlichen höheren Schulen zu machen, weitere Folge zu geben. Die Angelegenheit kann nur im Zusammenhang des allgemeinen Lehrplans der be tteff.nden Lehranstalten in nähere Erwägung gezogen werden, und daß dies bei Gelegenheit der darüber in nicht ferner Zeit bevorstehenden Verhandlungen ge- schehen wird, stelle ich Ew. Wohlgeboren gerne in Aussicht."
— Der Bundesrach hielt am Montag die erste Plenarsitzung in der neuen Session unter dem Vorsitz des Reichskanzler«. Zunächst fand die Wiederwahl des bisherigen Protokollführers, Geh. RcgierungSraih e. Pommer Esche, statt. Die BLdung der Ausschüsse für Landhccr, Festungm und Marinewesen, welche be kanntlich durch königliche Ernennung erfolgt, wurde publicirt. Wie bi«her, so beschloß man auch die Wahl besonderer AuSschüffe für die Verfassung und für di. Geschäftsordnung Borgelegt und an diese Ausschüsse
verwiesen wurden: die Ergänzung der Vorschriften über Prüfung der Apotheker; die Militär-Convention mit Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Sirelitz; der Antrag Lübeck wegen Besteuerung deS Büchen- Lübecker-Eisenbahn-Unternehmens. Auf ber Tagesvrd nung standen noch: Beschlußnahme über die geschäit- li :e Behandlung des Antrags SachsenS wegen Behandlung der portopflichtigen Corresponvenz mit Baiern und Würtemberg, ferner Ausschußberichte über die Zollsicherheitsmaßregeln bei Durchführung der Venlo- Hamburger Eisenbahn durch bremische« Gebiet rc, über Feststellung deS Feingehalts der Silberwaaren; über die Nachsteuer au« den 1868 und 1869 dem Zollverein beigetretenen Ländern; über die Revision veS Servistarif« und der Klaffeneintheiümg, endlich der Antrag Sachsens über.Me anderweite Feststellung der zu vertheilmden Posteinnahmen. — Die erwähnten Militärconventionen zwischen Preußen und den Groß hrrzogthümern Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg Strelitz um'assen je 17 Art kel, die im Wesentlichen gleichlautend sind. Nach dem ersten Artikel tritt bas mecklenburgische Contingent vom 1. Januar 1873 ab in den Etat und in die Verwaltung der königlich preußischen Armee und zwar speciell deS 9 Armee corps (Schleswig Holsteinisches). Die von diesem Zeit punkte ab nach dem ReichSmililäretat zur Unterhal lung der mecklenburgischen Contingente bestimmten Beträge werden daher der preußischen Militärverwal- lung zur Verfügung gestellt, wogegen diese die Verpflichtung übernimmt, sä nmlliche Bedürfnisse der Eon- lingente nach den preuß>lchen Normen und Verwal tuugSgrunvsätzen zu bestreiten, ohne daß ihr daraus den mecklenburgischen Regierungen gegenüber irgend ein Anspruch auf weitere Leistungen eiwächst, al« in den Conventionen erwähnt sind. Hiernach werden lämmlliche Ausgaben, welche bisher auS den den Con- lingenten überwiesenen Mitteln deS Reichsmilitäretats bestritten worben sind, namentlich auch vie Pensionen, stäiivigen Unteistützungen rc. vom genannten Tage ab von der preußischen Militärverwaltung übernommen Die übrigen Bestimmungen der Convention sind genau Denjenigen entsprechend, welche Preußen mit andern Bundesstaaten abgeschlossen hat.
— Der Große Generalstab hat auf Grund ber von ber GrenzregulirungScommission ihm mitgerheilten Materialien eine Specialkarte ber neuen deutsch-französischen Grenze im Maaßstabe 1:80,000 veröff milcht (Verlag der Kgl. Hosbuchhanslung von E. S. Mittler und Sohu in Berlin) Wir empfangen darin di.
authentisch richtige und genaue Angabe dieser Grenze; ja wir haben zugleich den Eindruck, als hätten wir das Original der Karte, welche bei dem Friedensschluß benutzt wurde, vor unfl, da dieser Ausgabe da« Facsimile der Unterschrift von Bismarck, Jules Favre und Thier« hinzugefügt ist, mit welcher sie diese Grenze, die Eirungenschaft des großen Krieges anerkannten. Seltsam stechen dabei Bismarcks wuchtige große Schriftzüge von ber versteckten, unkräftigen Schreibweise ber beiden französischen Herren ab. Auch die Grenzverträge selbst sind im Wortlaut beigefügt. — Der Preis dieser wichtigen und intereffanten Karte ist 20 Sgr.
Hamburg, 15. Februar. Mit dem heutigen Tage hört die bisher in Hamburg üblich gewesene Rechnung uach Mark Banco auf, nachdem dieselbe seit dem Jahre 1619, in ihrer jetzigen Form und sundirt auf Barrensilber, seit 1770 bestanden. Von übermorgen tri t an die Stelle ber Bancowährung bie Reichsmünzwährung. Die Veränberung, welche sich dadurch von heute ab in unserem winhschaftlichen und c.'mmerciellen Leben vollzieht — schreibt ber „Hamb. Corr." — hat auch politisch ihre Bebeuiuiig. In der Zeit der Ohnmacht und des Zerfalls deutscher Reichs- euiheit und Kaiserherrlichkeit blieb der ersten Handelsstadt deS Deutschen Reichs nichts übrig als sich auch bezüglich des MünzwesenS auf eigene Füße zu ft. Öen und in einem spe ifijch Hamburgischen Jnititnt Schutz gegen die allgemeine Verarmung und Creditlosigkeit zu suchen, welche als Folge deutscher Staats- und W.hilosigkeit eintrat. Die Wiekeraufrichtung des Reiche« führte UNS zu der alten Fahne zurück und gab Hamburg die Gelegenheit, wieder einzutreten in das Gebiet jetzt des einheitlich gewordenen deuts den Münz- wesrnS. Diese wirthschaftlich-inercantile Restitutio in integrum ist ein Spiegelbild der größeren Renitutiou, weiche sich auf politischem Gebiete vollzogen hat, uns und dem Reiche zur Ehre und zum Heil.
Leipzig, 18. Febr. Nach ber „D. A. Z." hat die Gewerbe-Polizeibehörde aus Anlaß eine« in der Zeitschrift „Corresponvent, Wochenschrift für Deutschlands Buchdrucker", bezüglich beS jetzigen Sinke enthaltenen Passus, in welchem bie Erwartung ausge- lprochen wirb, „baß kein ehrenhafter College in Leipzig Eonbition ann.hinen werbe", ben 9t.bact.ur bes genannten BlatteS wegen Verletzung des § 153 ber Reichs Gewerbe Ordnung in Untersuchung genommen. Der Paragraph lamet: , Wer Andere durch Anwenkung körperlichen Zwanges, durch Drohungen, durch Ehr-
Dir Bauernfänger.
Novelle von Ewald August König.
. (Fortsetzung.)
„Wer mir das vor einigen Monaten gesagt hätte!" fuhr er nach einer Weile auf. „Einen Stock möchte «h nehmen und ber Leichtfertigen Raison beibringen! Hat mit dem Schwindler geheime Zusammenkünfte in kr Diebesherberge!"
„Wer hat Dir da« gesagt?"
»Franz."
„Er haßt Liebrecht."
„Und er hat Ursache dazu. Um sich Gewißheit zu verschaffen, hat er stundenlang sich dem schneidenden Zug und Regen ausgesetzt, dazu die Aufregung, das muß einen Körper von Stahl und Esten niederwerfen 6t hat gesehen, daß ber Schwindler in die Spelunke hineinging, er ist ihm nachgeeilt, aber der schuftige Hirth kennt seine Gäste, Liebrecht war verschwunden."
„Sah er denn auch Helene hineingehen?" fragte Mutter in fieberhafter Spannung.
„An demselben Abend nicht."
»Nun, bann —"
„Aber einige Abende früher ist Helene in der dpelunke gewesen."
„Da« kann ich nicht glauben."
„Oho — ich werde sie fragen, st« soll gestehen." Frau Therese trat rasch zwischen ihren Gatten die Thür.
»Jetzt nicht, Peter," sagte sie ernst. „Du bist Aufgeregt, gereizt, Du würdest Dich vergeffen und die Liebe Deine« Kinde« Dir für immer entziehen.
Ich will Helene fragen und ihr in'« Gewissen hineinreden ; in ber Aufregung spricht man oft harte Worte, die man später bitter bereut und dann nicht mehr zurückmhmen kann; überlaß es mir, ich weide erfahren, was an der Sache Wahres ist. Wenn Liebrecht ein Schwindler, ein Verbrecher ist, bann soll und muß Helene ihn vergessen, unb sie wirb es thun, wenn ihr bie Augen in Güte und Liebe geöffnet werden. Schroff.« Entgegentreren, barsche« Befehlen erbittert nur und fordert den Eigensinn heraus, harte Worte tragen immer böse Früchte."
Tie Ruhe und ber Ernst ber Mutter verfehlten ihren Eindruck nicht; der Küppermeister fühlte sich von ber Wahrheit ihrer Worte getroffen; er war nicht der Mann, der selbst in der leibenschastl'cksten Aufwallung ber besseren Einsicht sein Herz verschloß
Wohl hegte( er einige Bedenken, da er ja wußte, daß seine Frau heimlich das Verhältniß Heleue's zu Liebrecht begünstigte; aber er stützte sich auf die Gewißheit, daß Frau Therese seine Verbündete fein werde, sobald sie über den Charakter Liebrecht'S aufgeklärt sei
Murrend unb scheltend ging er in die Werkstätte; Frau Therese eilte zu ihrer Tochter, um ihr die Worte des Vater« mitzutheilen.
Sie wollte j.tzt nicht mehr zugeben, daß Helene noch einmal die Spelunke besuchte, nur bas Versprechen des Mädchens, daß es daS letzte Mal sein solle und ihre entschloffene Erklärung, daß sie eS thun muffe, um Liebrecht zu dem entscheidenden Schritt zu bewegen, und sich selbst über seinen Charakter Gewißheit
zu verschaffen, konnten sie bewegen, ihr Verbot zurück- zunehmen.
Und kaum hatte bet Küppermeister am Abend baS Haus verlassen, al« Helene den Weg anirat.
Liebrecht glaubte zwar nicht, daß Helene ihn an diesem Abend aufjuchen werde, aber er erwartete sie dennoch, wie er ihr versproLen hatte.
Ihre Verlegenheit, die scheue Befangenheit, mit der sie ihm ihre Hand überließ, fielen ihm auf, sie mußten ihn befremden.
„Du haft Unannehmlichkeiten gehabt?" fragte er.
Helene nickte bejahend.
„Meinetwegen?"
»Ja, Deinetwegen, Conrad; ber Vater hat erfahren, daß Du dieses Haus beuchst."
„Nun? WaS hat'S zu bedeuten?" erwiderte Liebrecht gleichmüihig.
„Du fragst noch?" sagte Helene vorwurfsvoll.
„Diese Schenke ist berüchtigt."
„Bah, in dem Auge deS Reinen ist Alles rein; ich sagte Dir schon, weShalb ich nicht wagen dürfe, an einem andern Otte mit Dir zusammen zu tr.ffen,"
Er wollte sie umarmen, Helene entwand sich ihm unb nahm in der Nähe deS OfenS Platz.
„Vater hat Manches erfahren", sagte sie zögernd, „er weiß auch, daß ich hier gewesen bin.“
„Teufel, das ist unangenehm", fuhr Liebrecht überrascht auf, „wer hat eS ihm gesagt?"
„Ich weiß es nicht."
„Hm — ich kann mir's denken. Dein Bruder war ja vor einigen Abenden hier, er wollte spioniren."