Einzelbild herunterladen
 

Ufr. -43-

JUarÖUtg, Mittwoch, den 19. Februar.

1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 88H Sgr., durch die Postämter 87 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 88 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Ndt

nden

ei-

r zu kach- ch z» »den

lg

[309

ier.

lll- l|lr. rnde - zu der

[265

tri,

bi- Zch rk-

find irrt-' !ie. 333

t:

ißes Sut

l.

» t

Expl

n au*;

, oder Damt

106 J306 zu vo» tu. i

tut«-

,96„l

88, »J

Deutsches Reich.

«• Berlin, 17. Fehr. Die bestimmte Ueberzeu gimg, welcher wir im letzten Schreiben Ausdruck gaben, daß die königliche Botschaft als eine vollstän­dige Erfüllung der im Abgeordnete! Hause gehegte» ,nd durch den Antrag Lasker formulirten Wünsche anfgesaßt werden würde und daß demnach an dem bereitwilligsten Eingehen auf die Vorschläge der Re­gierung unter Zurückziehung des gegenstandslos ge- wordcnen Antrags Lasker nicht zu zweifeln sei, hat sich vollständig bestätigt; die Majorität war eine fast an Einstimmigkeit grenzende, wenn man die kleine Zahl a tont prix und principiell opponirender Mal cvntanten, wie billig, nicht mitrechnet. Das Votum im Abgeordnetenhaus war auch von der Presse mit geringen Ausnahmen im Voraus gerechtfertigt und dann ohne wesentliche abweichende Motivirung bestä­tigt worden. Man schloß sich der ja auch von Lasker selbst hervorgehobenen Auffassung, daß die Vorschläge der Regierung unter den noch mündlich vom Mi nisterpräsidenten beigefügten Erläuterungen vollständige Garantie für Erreichung de» Zweckes biete, ohne Widerspruch an. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß auch solche Blätter, wie etwa die parti- culanstische „Franks. Ztg.", ihren Beruf zum Wühlen gegen die Regierung bei dieser Gelegenheit hätten auf; geben wollen» aber bemerkenSwerth ist, daß Blätter, wie die „Voss. Ztg." und die „VolkSztg.", es für opportun gefunden haben, nicht mit der Majorität der LandeSvertrrtung zu gehen, sondern ziemlich isolirt sich mehr den parücularistischen Feinden Deutschlands zu nähern. ES scheint, daß auch diesen Organen der privilegirten Freistnnigkeit die Uebereinstimmung zwi­schen Regierung und Volk nicht angenehm/ sondern vielmehr ein fröhlicher „Conflict" mehr nach Ge­schmack sein würde. Glücklicher Weise ist diese faule Spekulation nur sehr vereiiMt zu Tage getreten, bei Weitem die große Mehrheit fr tut sich der gesunden Entwickelung unserer inneren Staatsfragen. Von einigen Seiten hat man aus unserem Betonen des chniglichen Einflusses auf die Einsetzung der Unter

Die Lanrrnfanger.

„ Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

10. Lapttel.

Ein folgenschwerer Entschluß.

„Und dabei bleibt eS," fuhr der Küppeameister in gewaltigem Zorne auf. „Entweder Hugo Müller oder Keinen. Mir fehlt noch, daß die Leute erführen, wem Du nachläufst, daß st« mit Fingern auf Dich zeigten und ich auf allen Straßen und Plätze» meinen ehr- lichm Namen am Pranger sehen müßte ,

„Peter! Peter!" warnte Frau Therese. „Wie magst Du nur so in Gegenwart Deines Kindes reden. Ist bnm Lieb recht ein Verbrecher, ein ausgemachter Schurke, röt Mensch, den Zeder verachtet? Dn hegst eine Abneigung gegen ihn, weil Du Dir in den Kopf ge­setzt hast —"

„Ich mag diese» Thema nicht noch weiter erörtern"' stel Schiffer ihr barsch ins Wort. „Meine Ansicht über ihn kennt Ihr Beide. Wie, ich soll wohl noch »Freude darüber empfinden, wenn meine Tochter einen Mann heirathet, aus den die Polizei fahndet!"

. „Es ist eine Verleumdung, Vater," warf Helene bebender Stimme ein

„Eine Verleumdung," fuhr der Küppermeister fort. »Auf falsche Denunciationen gibt die Polizei heutigen Tages nichts mehr; wenn sie einen Mann verfolgt, i° Hai sie auch wichtige Gründe dazu.

, „Aber «s ist eine Verleumdung, daß sie ihn ver­folgt."

Der flammende Blick deS tief entrüsteten Mannes jjbtt ernst und streng auf dem bleichen Gesicht des Mädchens.

_ „Ich habe heute Morgen selbst mit dem Herrn Evmmiffär gesprochen," sagte er mit scharfer Beto ?""g. „Ich wollte Gewißheit haben und ich erhielt W- Der Schwindler treibt sich noch immft in der “tobt herum, er besucht die niedrigsten Spelunken ^ud scheint in seinem Fach ein geriebener Bursche zu

suchungs Commission den Schluß hergeleitet, daß dem königlichen Willen ein anderer gewichtiger Einfluß gegenüber gestanden habe, zu deffen Alterirung eben das Gewicht des Allerhöchsten Willen nöthig gewesen sei. Diese Vermuthuug ist auch von einem hiesigen Börsen­blatt verbreitet worden, jedoch mit Unrecht; eS ist uns aufs bestimmteste von zuverlässiger Seite versichert wor den, daß der Antrag Lasker auch beim Fürsten BiSmarck von Anfang an nicht als ein Fehler, wie man erzählte, sondern als eine dringende Provocation zu energischem Einschreiten der Regierung gegen die gerügten Miß­stände und Gefahren aufgesaßt worden sei und daß überhaupt im Schooße des Ministeriums über die Rothwendigkeit einer gründlichen mit vollem Nachdruck zu führenden Untersuchung keinerlei Widerspruch oder abweichende Meinung geherrscht habe. Auch der Skandal übet die von der „Nordd. Allgem. Ztg." an gekündigte Veröffentlichung der Verlheidung Wageners ist unberechtigt; diese Publication ist reine Privatsache und nicht osfieiöser Natur, wahrscheinlich wird die Bertheidigung in der „Nordd. AUg. Ztg." identisch sein mit der am Freitag dem Präsidenten des Staals- ministeriums vom Geh. Rath Wagener übergebenen Auslassung. Deren Veröffentlichung zu' verhindern, hat die Regierung keine Veranlassung. — Der Re- gierungs- und Oberprästvial-Rath v. Meyeren ist allerdings hier als HülfSarbeiter im Staatsministerium eingetreten, aber nicht, wie die Blätter melden, speciell zur Vertretung des Geh. Rath Wagener, sondern weil durch Wchrmann's Abgang eine Vacanz eingetreten war, einer Berichtigung bedarf ferner die Meldung, daß die Audienz, welche Geh. J.-Rath Friedberg beim Kaiser gehabt, mit der König!. Botschaft in Verbi« düng gestanden habe; dies ist ffänzlich unbegründet.

Darmstadt, 16. Febr. Seitens des Abgeord­neten Dumont ist ein Antrag eingelaufen auf Auf Hebung der Ober-Medieinal Direetion und Einführung einer neuen Medicinal-Ordnung. Der Antragsteller will für die Ausübung der liberalen und wiffenschaft- licken Profession der Aerzle die Aushebung der be­stehenden rein biireaukratischen Verfassung und die

eigene Controle der Aerzte durch aus ihrer Mitte selbst gewählte Organe, die, in den einzelnen Pro­vinzen vertheilt und durch eine nicht ständige Central- behörde zusammengehalten, die allgemeine Gesundheits­pflege wahren und die DiSeiplinar Verhältnisse hand­haben sollen. — Seitens des Finanzministeriums wird vorgeschlagen, die früher zu militärischen Zwecken ver­wendeten Immobilien zu Friedberg, die in Folge der Verlegung der Garnison entbehrlich geworden sind, zu veräußern oder zu verpachten, die dazu gehörige Burgcaserne und den sog. Fetdwebelsbau aber wegen ihres Zusammenhanges mit dem großherzoglichen Schlosse dem großh. Familien - Eigenthum zusammen gegen 17,000 fl. zu überlassen, welche Summe auS dem sog. Requisition»-Fonds in die Staatskasse ab­zuführen sei.

Karlsruhe, 1». Februar. Der von Konstanz hierher entsendeten Deputation der Altkatholiken, welche um Einräumung einer der Konstanzer Kirchen nach- snchte, sollen, bestimmtem Vernehmen nach, sehr be­ruhigende Zusicherungen über die von der Regierung auch jetzt noch zu dem AltkatholiciSmus eingehaltene Stellung geworden sein. Aeußerfte Consequenzen scheint man auch von Seiten der Altkatholiken selbst nicht ziehen zu wollen; sie stehe», und darin liegt eine Stärke ihrer Sache, vollsKndig auf dem Boden des katholischen Bekenniniffes, jedoch ohne Unfehlbar­keitsdogma. Diese Stellung kann man vorn Stand­punkt religiöser Debatten ungenügend finden, rechtlich ist sie stärker als jede prononcirtere Haltung. Uebrigens kann es ja nicht ausbleibe», daß besondere Gesetze über die Creirung altkatholischer Gemeinden geschaffen werden. Die Erklärungen der Regierung sollen auf Grund zuvor gehaltener Erörterung im Staatsmini­sterium erfolgt fein.

Stuttgart, 17. Febr. Ei» heute Morgen auS- gegebene« Bulletin über das Befinde» der Königin Mutter lautet: Der gestrige Tag veklief befriedigend; mit Beginn der Nacht traten sehr heftige Bewegungen bei sehr kleinem unterdrücktem Puls auf. — Sänger Pischek ist gestern zu Sigmaringen, woselbst er auf

fein, denn der Polizei will es nicht gelingen, ihn zu fassen. Wenn das mir der Herr Kommissär sagt, so schöpfe ich wohl aus zuverlässiger Quelle."

„Was liegt denn gegen ihn vor?" fragte Frau Therese schneidend.

Der Küppermeister zuckte die Achseln.

„DaS weiß ich nicht und es kümmert mich auch nicht," erwiderte er, „mir genügt, daß er ein Ver­brecher ist."

„Aha — da haben wir’S," triumphirte die Mut­ter. „Wenn etwas gegen ihn vorläge, würde der Co»i missär eS Dir unaufgefordert mitgetheilt haben und Liebrecht säße längst hinter Schloß und Riegel. So aber ist es nur ein Verdacht, der entstehen kann."

Der Küppermeister wollte eine auffahrende Ant­wort geben, dieser Wiederstand steigerte seine Erbitte­rung aufs Höchste, der Eintritt des Feldwebel« hin­derte ihn daran.

„Ich bringe Ihnen eine unangenehme Nachricht," nahm der gestrenge Herr daS Wort, „bitte beun­ruhigen Sie sich nicht, gefährlich ist die Sache nicht. Ihr Sohn ist erkrankt, — der Arzt hat ihn in's Lazareth geschickt."

„Himmel alle Welt!" rief der Küppermeister be­stürzt. „Im Lazareth ist er schon?" »

„Ich habe ja immer gesagt, daß er den schweren Dienst nicht aushalten könne," jammerte Frau Therese.

„Na, Mohrenelement, Madame, Ihr Franz ist. wahrhaftig ein starker Bursche, wenn der'» nicht aus­halten kann, bann — "

„Weßhalb ist er nicht hierher gebracht worden?" fiel Schiffer dem Feldwebel in’» Wort. „Hier würde er eine bessere Pflege finden."

„Das Militärreglement gestattet das nicht. Uebri­gens ist es auch nur ein leichtes Fieber, welches er sich an seinem Geburtstage geholt hat."

„An seinem Geburtstage?" fragte die Mutter er­staunt.

„Ja wohl, Madame, er feierte ihn ja vorgestern."

„Herr Feldwebel, er feiert feinen Geburtstag im August", unterbrach der Küppermeister ihn.

„So? Dan» hat er mich belogen", entgegnete der Feldwebel gemessen. „Drei Tage Mittelarrest wird ihn die Lüge kosten. Ich habe ihm Urlaub gegeben, er ist bis nach 10 Uhr draußen geblieben, am andern Morgen mußte er sich krank melden."

Peter Schiffer blickte fragend feine Frau an, sie schüttelte mit ernstlicher bedenklicher Miene den Kopf.

„Ein Freund holte ihn ab", fügte der Feldwebel hinzu, „ich denke, er wird wissen, wo sie sich an jenem Abend umhergetrieben haben."

„Ich werde Hugo fragen", sagte Schiffer, „ich vermuthe, daß er der Freund war. Kann ich meinen Sohn besuchen?"

„Gewiß."

„Und ist eS ganz unmöglich, ihn aus dem Laza­reth in mein Haus zu holen?"

„Unmöglich? So viel ich weiß, ist ein derartiger Fall noch nicht vorgekommkn. Aber sprechen Sie mit dem Oberstabsarzt; wenn er Ihnen die Genehmigung gibt, so steht Ihrem Wunsche nichts mehr im Wege."

„Gut, ich werde unverzüglich hingehen", sagte der Küppermeister, indem er seinen Rock ergriff, „wenn Sie die Güte haben wollen, mich zu begleiten, er­zeigen Sie mir einen großen Gefallen."

Der Feldwebel war dazu bereit, die Beiden gingen hinaus.

„So kann e» nicht fortgehen, Mutter", sagte He­lene, mit Thränen in den Augen, „es bringt mich der Verzweiflung nahe."

Frau Therese nickte gedankenvoll.

„Und wenn cs nun wahr wäre, was Dein Vater behauptet?" fragte sie folgenschwer.

„Es kann nicht wahr sein."

„Ja, das denke ich auch, aber der Herr Commiffär muß doch seiner Sache gewiß fein."

„Mutter!"