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Wr< LO Marburgs Sonntag, den 16. Februar. 1873.
t Oberhessische Zeitung. Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22$ Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.
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Palitischr Wochen-Neberftcht
Der Spannung über die kircheiipolitischen 33c- rachungen des preußischen Abgeordnetenhauses Hal sich eine neue in Folge der am Schlüsse der vorigen Woche in 21/2 stündiger Rede des Abg. Lasker gege- denen Enthüllungen über das schwindelhafte Treiben bei dem Eiseirbahn-Concessionswesen und der Bethei ligung des Geh. Oberregierungsraths Wagener zuge- sügt. Die gehegte Befürchtung, die Regierung werde einer parlamenlarischen Untersuchungs-Commission ent. gegen sein, hat ihre Widerlegung durch die dem Hause der Abgeordneten zugegangene Allerhöchste Botscha,l gefunden — ohne Ansehen der Person, noch der Vcr- hültnisse will die Botschaft die Untersuchung streng und unparteiisch geführt haben. Eine Conferenz von Justiz - Ministerialräthen Preußen«, BaiernS, Badens, Würlembergs und SachsenS ist in Berlin zu Vor beralhungen in Betreff eines EinsührungSgesetzes für die deutiche Civil- und Strafprozeßordnung zusammen getreten. — Dem Landlage in Stuttgart ist ein „Re- lablissemenlsgcsetz" wegen Bewilligung für die volle Wiederherstellung der Ausrüstung des würtembcrgischen Reichs Contingents zugegangen und von der Abgeordnetenkammer an einen aus allen Parteien gleichmäßig zusammengesetzten Fünfzehner-Ausschuß zur Vorbe- rathung gewiesen. — Im sächsischen Landtag ist so eben zwischen beiden Kammern ein Einverständniß über eie Organisationsgesetze der Verwallungsbehör- den, Bezirksvertretung, LandgLmeindeordnung re. er- reicht, und in Hessen hat das Ministerium für seine Entwürfe einer Kreisordnung, Städteordnung und Laudgemeindeordnung nunmehr die Zustimmung des Großherzogs erhalten.
Das österreichische Kaiserhaus hat, wenige Monate nach dem Tode der Erzherzogin Sophie, einen neuen Trauerfall zu beklagen: Die Witwe Franz I , die Kaiserin Carolina Augusta, ist am 9: Februar gestorben, nachdem sie wenige Stunden zuvor daö 81. Jahr vollendet hatte. Der Kaiser ist endlich der langen polnischen Schaukelpolitik überdrüffig geworden, denn in dem Ministerrathe, der am 10. Februar gehalten wurde, hat derselbe zur Vorlage des Gesetzes sür Ditecte Reichsrathswahlen seine Zustimmung erteilt. Die Anregung der Jejuitenfrage im ungarischen Reichstage hat sür und wider in den pester und wiener Blättern zu lebhaften Erörterungen geführt.
In der Schweiz nehmen Die kirchlichen Händel über Den Baseler Diöcesan- und den Genfer Bisthums- Streit eine immer er »fiere Gestalt an.
In Frankreich ist der Schluß eines neuen ActeS in der VerfassungS Comödie, die seit dem 14. November 1872 zwischen dem Dreißiger Ausschuß und dem Chef der Executive erzielt wird, erfolgt; aber das Jntriguenspiel dauert fort, ein Ergebniß ist nicht erzielt worden. Dabei beeilt Thiers nach K>ästen die Abzahlungen der Kriegsenischädigung; Gambetta spricht wieder von der Auflösung der Nationalversammlung und die Royalisten bemühen sich eifrig und, wie es jetzt den Anschein hat, ernstlich um Abschluß der langjährigen FusionSverhandlnngen. — Auch in der Frage wegen Unterdrückung der Generalate in Rom dauert Die Protestbewegung deS französischen Episcopats fort und Barthslcmy St. Hilairc Hal im Namen des Präsidenten der Republik dem Botschafter durch Rund- ichreiben die Versicherung ertheilt, „die Regierung der Republik werde mit unermüdlicher Sorgfalt über die großen moralischen und religiösen Interessen des Landes wachen."
In der Angelegenheit der römischen Klöster hat die Veröffentlichung eines Rundschreibens des General corrrctors der Minimen an sämmtliche Klöster und Angehörige seines Ordens eine bedeutende Wirkung auf die öffentliche Meinung gemacht. Es wird darin Anweisung gegeben, aus welche Weise das Gesetz, welches Die Klöster säcularisirt, umgangen und Die Besitzungen Der Orden erhalten werden können. In Rom hat sich ein Comits gebildet, welches Volksversammlungen veranstalten will, um in dieser Angelegenheit auf Die Regierung und das Parlament in ravt calem Sinne einen Druck auszuüben.
Plötzlich und unblutig hat sich das Königreich Spanien in eine Republik verwandelt. Schon ist Amadeus auf portugiesischem Boden angekommen, um seinem königlichen Schwager zu erzählen, wie man einer Krone entsagt — und wer weiß, wie viele Jahre Dom Luis es noch als gekrönter Nachbar einer Republik , deren Ziel die „Vereinigten Staaten von Jberien" sind, aushalten könnte! Der schnelle Wechsel hat seinen äußeren Anlaß in einer Meinungsverschie- heit zwischen Amadeus und seinen Ministern über die Maßregeln gegen das Osficiercorps Der Artillerie, welches sich gegen die Ernennung des ihm verhaßten Generals Hidalgo zum Commandanten des Militärbezirks Tarragona sträubte. Die Minister verschafften sich ein Vertrauensvotum der Cortes und suchten hier mit den König moralisch zu zwingen, auf ihr Verlangen einzugehen. Das geforderte Decrcl hat nun Amadeus allerdings unterzeichnet, aber zugleich die
Gelegenheit genommen, seine Thronentsagung kund zu thun; ein Entschluß, der in Den letzten Monaten in ihm gereift fein muß und jetzt einen günstigen Augenblick ergriff, ans Licht zu treten. Umsonst riethen die Miliister ihm ab. Die Abdankungsbotschaft wurde ausgesetzt, Den Cortes vorgelesen, von Viesen genehmigt, unD Der Exkönig verließ das Land, das er vor zwei Jahren mit stolzen Hoffnungen betreten hatte. Die Corteö constituirten sich nun als souveräne Landesvertretung , richteten mit 256 gegen 32 Stimmen die republikanische Staatsform auf und wählten eine neue Regierung, an deren Spitze Figueras steht. Tie auswärtigen Angelegenheiten übernahm Castelar, die inneren Pi y Margall, die Justiz Nicolas Salmeron, sämmllich alte Republikaner, während die übrigen Fächer in den Händen der bisherigen rabitalen Minister bleiben, nur daß an die Stelle des Colontal- Ministers Mosqucra jetzt sein Parteigenosse Francisco Salmeron tritt. Zum Präsidenten der Cortes wurde Der bisherige Minister des Auswärtigen, Cristino Martos, gewählt. Die Prätendenten der beiden bour- bonischen Linien, die daraus rechneten, im Trüben filchen zu können, werden über die schnelle Einsetzung einer neuen Regierung nicht erbaut sein, aber trotzdem ihre offenen und geheimen Anstrengungen verdoppeln. Zum Glück für Spanien stehen sie einander gerade so feindlich gegenüber, wie der republikanischen Regierung.
Das englische Parlament hat seine Session wie Üblich mit der Adreßvebatte begonnen, welche einigen hervorragenden Mitgliedern der Opposition Gelegenheit gab, das Ministerium wegen der Alabama-Verhandlungen, der centralasiatischeu Frage, der Parkordnung und anderer alten und neuen Sachen zur Rechenschaft zu ziehen. In Dublin hat der Riesen- proceß gegen die Der gesetzwidrigen Wahlbeeinflussung augefiagten Geistlichen aus Der Gegend von Galway begonnen; eö kommen dabei wunderbare Proben von irischer Kanzelberedsamkeit zur Erscheinung.
Rußlands Feldzug gegen Khiwa gcht vor sich. Am 2. Februar hat General Kaufmann, Der den Oberbefehl übernimmt, Petersburg verlassen und sich nach Taschkend begeben. Der Großfürst Nikolaus (Sohn Konstantin'S) und Fürst Eugen (von Leuchtenberg) begleiteten ihn bis an an den Bahnhof. Beide haben vorn Kaiser die Erlaubniß erhalten, an dem Felozug persönlich Theil zu nehmen. Ersterer ist am 5 d. nach Nizza gereift. In strategischer Hinsicht ist Der Beschluß gefaßt worden, zwischen dem Atrek und
Dir Bauernfänzer.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Der Feldwebel zögerte nicht, dieser Aufforderung Folge zu leisten, sie entzog ihn allen unangenehmett Fragen, welche der Major in seiner Eigenschaft als Hausherr an ihn richten konnte.
„Kennen Sie Den Freiherrn von Wittgenstein? fragte Warndorff, als sie sich auf der Straße allein befanden.
„Den Freiherrn von Wittgenstein?" erwiderte der Feldwebel verwirrt-
„Ja, den Herrn, den Sie so starr ansahen."
„So? der ist Freiherr?"
„Ader mein Gott, Sie müssen ihn kennen, daS 8*ng auS Ihrem Blick hervor."
Der Feldwebel ward immer verlegener.
„Ich begegnete vor einigen Wochen in dem Hause Eines Freundes einem Commisvoyageur, mit Dem ich Einen kleinen Wortwechsel halse," sagte er, „fast Zöchte ich Darauf schwören, Dieser Freiherr und der Eommisvoyageur, der mir vorlügen wollte, er sei Landwehr Offizier, müßten eine und dieselbe Person sein."
„Das wäre ja mtereffantl Sind Sie Ihrer Sache gewiß?"
„Nein. Der Commisvoyageur trug einen Vollbart, war die Farbe des HaarcS und des Bartes etwa« heller."
„Aber trotzdem haben Sie ein Erkennungszeichen gesunden?"
„Die Stimme und der Blick. Aber ich kann mich rja irren, wie sollte der Commis zu Dem Range und dem Titel eines Freiherrn v. Wittgenstein kommen?"
„Nun, man kann nicht wissen, obgleich es mir auch unwahrscheinlich erscheint. Sollten Sie ihm wieder begegnen, so beobachten Sie ihn genau, und theilen Sie mir dann das Resultat mit."
„Zu Befehl, Herr Sieutenant!"
„Na, und nun beeilen Sie sich, daß Sie zur Kaserne kommen, es ist nahe an Mitternacht."
In der Küche des Majors saß Christine auf einem Stuhle und große Thränen raunen über ihre bleichen Wangen.
Johann aber wanderte mit bewuuderungswerther Seelenruhe vor ihr auf und ab.
„Du bringst mich um meinen guten Ruf, um mein ganzes Glück," schluchzte sie, „es war ein ab- icheulicher Streich, den ich Dir niemals vergeffen weide."
Johann zuckte gelaffen die Achseln.
„Einmal mußte es ja doch em Ende nehmen," erwiderte er, „und Da ist es immer bester früher. Der Herr Feldwebel mag sich in anderen Häusern bene thun, hier laste ich mir mein Reich nicht verkümmern."
„Du sollst es bereuen."
„Ich hoffe das nicht. Den Braten, den der Herr Feldwebel verjpciien und den Wein, Den er trinken joU, kann ich mir auch zu Gernüthe führen."
„Es ist abscheulich."
„Durchaus nicht. Jeder hilft sich, so gut er kann;
ich glaube, der Herr Feldwebel wird sobald nicht wieder kommen."
„Ich werde ihn morgen wieder einladen," fattte Christine trotzig, und sie sah dabei den Burschen so) eiitschlosten an, daß derselbe Die Festigkeit ihres Willens nicht bezweifelii konnte. „Morgen Abend wird er wieder hier fein und dann marschirst Du hinaus."
„Holla!"
„Ich will es!"
„Und ich will es nicht. Nun wollen wir sehen, wer seinen W llen durchsetzen wird."
Christine hatte sich erhoben, sie wiribsLaftete zwischen den Tellern und Schüsseln, als ob sie die Zerbrechlichkeit des Porzellans einer gründlichen Prüfung unterwerfen wolle.
Es gelang ihr wirklich, einigen Tellern ein ra* sches Ende auf den Steinplatten des Fußbodens zu bereiten.
Johann lachte, Christine raffte ärgerlich die Scherben zusammen.
„Was verlierst Du denn schließlich an Dem Feldwebel?" fragte er nach einer Pause. „Zum Donnerwetter, Dein Geld muß Dir doch viel zu lieb fein, als daß Du es für einen solchen Mann anlegst."
„Habe ich denn schon gesagt, daß ich ihn heirathen wolle?" fragte Christine spitz.
„Gesagt gerade nicht, aber ich habe auch Augen," spottete Johann.
«„Na, und wenn ich es nun wollte?"
In drohender Haltung, die HätiDe in die Seiten