Mr. 36
Marburg, Mittwoch, den 12. Februar.
1873.
Oberhessische Zeitung.
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Deutsches Reich.
*♦ Berlin, 10. Febr. In Regierungskreisen hält man eS für wahrscheinlich, daß der Oberpräsideirt von Horn auf seinen früheren Posten nach Posen zuiück kehren werde. — Tie Nachricht, daß die Staatsregie rung bereits mit den Vorbereitungen zur Uebertragung der neuen Kreisordnung auf die westlichen Provinzen beschäftigt fei, ist unrichtig. Die Einführung dieser tiefgreifenben Verwaltungsreform in den westlichen Provinzen nimmt die Thäligkeit der Regierung Dollarn in Anspruch und wird dieselbe zunächst den praktischen Erfolg der Ausführung deS Gesetzes abwarten, ehe sie an eine Erweiterung des Gültigkeitsgebietes gehen kann. — Eine Vertagung des Reichstag- im Laufe der nächsten Session ist nicht unwahrscheinlich, da im ReichSkanzleramte die Frage angeregt worden, ob es nicht angemessen sei, die Gesammtheit der Justizorganisationsgesetze dem nächsten Reichstage im <&it»urfe vorzulegen, damit dieselben einer großen Justiz Corn Mission zur gleichzeitigen und eingehenden Vorberathung übergeben werden können. Die Commission roürot dann nach Erledigung der übrigen Arbeiten deS Reichstages in die zusammenhängende Berathung der Gesetz entwürfe eintretcu und das Ergebniß der Vorhand lungen dem Reichstage bei seinem Wiederzusammeniriti vorlegen. — Die SlaatSregierung wendet den durch die Laskersche Rede angeregten Fragen die größte und ernsteste Aufmerksamkeit zu, jedoch ist es unrichtig, wenn schon jetzt von bestimmten Beschlüssen gesprochen und behauptet wird, daß die Disciplinaruntersuchung gegen den Geheimenrath Wagcner bereits angeordnet sei. Zunächst wird wohl dem Beschuldigten Gelegenheit gegeben werden, sich den erhobenen Anschuldigungen gegenüber zu äußern und nach dem Ergebniß dieser Aeuherung die weitere Beschlußnahme der Regierung erfolgen. Die Regierung verkennt die Schwere der Beschuldigung und die Tragweite deS Falles keine- weg« und kann man' mit aller Zuversicht erwarten, daß dieselbe nicht- verabsäumen wird, um eine volle Aufklärung herbeizuführen und dem öffentlichen Bewußtsein im Interesse der Integrität des Beamtcn- standes gebührend Genüge zu lhun.
— Richt ohne Interesse für die finanzielle Lage Preußens und das materielle Wohl der Bevölkerung ist der Umstand, daß die Zahl der im Jahre 1873 zur Staatseinkommensteuer herangezogenen Personen diejenigen des Vorjahre» 1872 um den vierten Theil übersteigt. Im Jahre 1872 sind herangezogen 16,500 Personen mit 1,424,000 Thlr. Im Jahre 1873
werden herangezogen 18,900 Personen mit 1,775,000 Thlr., also ru»d 2,400 Personen mit 250,000 Thlr mehr.
— Die Eiseiibahnanleihecommisstvn des Abgeoro- netenhauses hat ihre Arbeiten beenvet. Aus einer Mittheilung des Finanzininisters ergibt sich, daß Frank reich bi« jetzt 3350 Millionen Kriegsentschädigung gezahlt hat. Von diesem Betrage sind bereits 2700 Millionen für allgemeine Reichszwecke verwendet und circa 956 Millionen zur Gründung deS Jnvaliden- penstonsfond- und zum Umbau deutscher Festungen bestimmt. Weitere Verwendung für Reichszwecke feien in Aussicht und so dürften von der ganzen Kriegs entschädigung nebst Zinsen nur etwa 200 Millionen Thaler an die einzelnen Staaten gelangen. Die zu 8- 3 vergeschlagene Einschaltung erhielt nunmehr eine Fassung, dahin gehend, daß die für die Eisenbahnzwecke bewilligten 120 Millionen durch eine Anleihe gedeckt werden: „so weit die Summe nicht aus dem preußi- schen Antheil an der französischen Kriegsentschädigung gedeckt werden kann." Mit dieser Modification wurde das ganze Gesetz mit großer Majorität angenommen, der Abg. v. Rauchhaupt zum Referenten ernannt.
Wiesbaden, 10. Fbr. Eine gestrige Wmider- versaminlung des „deutschen Katholikenvereins" in Oestrich (Rheingau) wurde polizeilich aufgelöst wegen aufregender Rede eines Mainzer Metzgermeisters.
München, 8. Februar. Zu den wunderbarsten Gerüchten, welche Gott weiß woher und wozu in einige baierische Blätter neuerdings ihren Weg gefunden haben, gehört die Mittheilung, daß Frhr. v. Ow, der bisherige Kammer-Präsident, Secretär des Königs werden solle. Es hätte nur noch die Er gänzung gefehlt, daß Herr Pfarrer LucaS oder Piahler ebenfalls ins Eabinet berufen worden. Offenbar küßen solche und ähnliche Erfindungen auf der allge meinen Ueberjeugung, daß die Reichsfreundlichkeit an maßgebenden Stellen sehr lau geworden ist und der sogenannte Prinzeneinfluß wächst. Als ein Zeichen gänzlicher Ungnade g»*ett die fortschrittliche Stadtverwaltung wird auch be&erft, daß der älteste Sode» des Prinzen Luitpold, Prinz Ludwig, seine Unterstützungen nicht mehr durch die Bezirks-Armenverwaltung sondern oen Vincentiusvereirt spenden läßt. Aus daS Palais Luitpold führen auch eingeweihte Stimmen den Widerstand zurück, welcher die im Interesse der baierischen Armee selber gelegene Unifotmirung mit dem Reichsheere hindert und für den der Krieg« > Minister sehr mit Unrecht verantwortlich gemacht wird. Natürlich muß sich der Einfluß des gedachten Kreises steigern,
| wenn der jüngere Sohn, für den so eben an der Spitze de» hier garnifonirenben Cuirassier Regiment- Platz gemacht worden ist, der Schwiegersohn de- Kaiser» von Oesterreich, hier sein Haus einrichtet, ob, gleich gerade dieser Prinz wegen seiner trefflichen Haltung im Felke auch außerhalb der Armee populär ist und mit der übrigen Schpe nicht ohne Weitere- zusammengetvvrfen wird. Einer kleinen praktischen Nachbildung Norbdeutschlands gehet, wir in so fern entgegen, als der Kriegs Minister bas Ministerium bes Innern veranlaßt hat den Genteinben bei Aufstellung neuer Ortstafeln bie Angabe bes betreffenden LandwehrbezirkS zu empfehlen. Da hierbei kein Farbenwechsel Statt findet, ist wohl kein Inhibitorium zu erwarten.
Nürnberg, 10. Febr. Der „Nbg. Corresp." meldet, daß gestern bei dem Abgeordneten Pfarrer Mohr in Ebermannstadt Hmssuchung und Confiscation deS eben erschienenen offenen Briefs an den baierischen Justitminister stattfand.
Straßburg, 7. Februar. Von den hiesigen Optionen sind bis jetzt 1533 amtlich für ungültig erklärt worben. Der Bevölkerungszuwachs unserer Stadt betrug allein im Monat Januar 1136 Personen; die von den Franzosen angekündigte Entvölkerung dürfte sich deshalb schon noch etwas in die Ferne ziehen. — Herr Bürgermeister Ernst Lauth ist von seiner Krankheit wiederhergestellt. — Der Theaterbau schreitet jetzt rasch feiner Vollendung entgegen und ist bet Beginn ber Vorstellungen auf Mitte be- Monats März festgesetzt. Damit wirb einem besonders von ber hieiigen Beamtenwelt ohne Ausnahme gefühlten Bebürfniffe entsprochen. — Der Präsident von Unter Elsaß hat im Interesse ber Vertilgung be» Schwarzwildes eine Prämie von 5 Franken für bie Erlegung eine» Wilbichweines gleichviel ob solche auf Treibjagden oder sonst erfolgt, bewilligt. — Der von ben hiesigen Blätter» dieser Tage fälschlich fignalifirte Gelbdiebstahl von angeblich 11/2 Million Franken, der am hiesigen Bahnhof verübt worden sei, beschränkt sich auf 12,000 Franken, die einer hier angekommenen KriegsentschäbigungSrate entnommen wurden. Es gelang jedoch, den Thäter in Mannheim zu ermitteln und in Haft zu bringen; dagegen wurde tu Ranzig, ebenfalls an nach Deutschland bestimmten Geldern, ein Diebstahl im Betrags von 42,000 fl. verübt, von deffen Thäter man auch nicht die geringste Spur ermitteln konnte.
Die Bencrnfiiger.
Novell« von Ewald August König.
tKortsetzung.)
' „Mohrenelement, Richter — vorwärts", sagte er. Der Füsilier räusperte sich und feuchtete die Kehle an, dann begann er mit dünner haarscharfer Stimme: Es steht «in Wirthshaus an dem Rhein, Da kehren alle Fnhrleut' ein, S-3, Krau Wirthin sitzt am Ofen, Die Fuhrleut' um bei, Tisch herum. Den Wein will Niemand loden!
Jubelnd fiel der Chor ein, ohne zu beachten, daß der Feldwebel eintrat.
Die Wirthin hat auch einen Mann. Der spannt den Iuhrleut' selber an, Und schenkt vom allerbesten Ulrichsteiner Fruchtbranntwein Und setzt ihn vor den Gästen. Die Wirtdin hat auch «ine Magd^ Sie sitzt im Garten und pflückt Salat, Sie kann es kaum erwarten, v0 Bis daß das Glöcklein zwölfe schlägt, Da kommen die Soldaten.
Und als das Glöcklein zwölfe schlug, Da bette sie noch nicht genug;
Da fing sie an zu meinen, Mit ei, ei, ei und ach, ach, ach, Nun hab' ich wieder Keinen. Und wer Hal wohl dies Lied gemacht? Zwei Soldaten auf der Wacht, Ein Tambour und «in Pfeiffer; '
Und wes das Lied nicht weiter kann. Der fang es an zu pfeifen.
! feint« Lied," spottete der Feldwebel näher
tretend , „Mohreuelement, hier geht'S ja hoch her — das Fäßchen schon leer — rote?"
Bestürzt blickten die Untergebene» zu dem gestrengen Herrn auf.
Der Unteroffizier nahm ein Gla- und fußt« e«, Niemand dachte daran, dem Feldwebel einen. Sch an zubieten.
„Millionenschockschroerenoth, weiß denn Keiner von Euch, was Ihr zu thun habt, wenn ein Vorgesetzter ins Zimmer tritt?" fuhr ber gestrenge Herr entlüftet auf. „Mohrenelement, Euch soll ber Teufel bad Licht halten."
Ais ob ein elektrischer Funken sie allesammt getroffen hätte, schnellten bie Soldaten von ihren Sitzen empor, in militärischer Haltung trat der Unteroffizier von den Vorgefetzten.
„Stube Nummer sechs," meldete er, „belegt mit einem Unteroffizier und zwölf Manii.^
Inzwischen hatte Hugo schon dem Feldwebel das volle Glas angeboten, der strenge Herr nahm e- an und bekundete durch ein Kopfnicken, daß fein Groll verraucht fei.
„Nichts Solides?" fragte er.
Franz holte au- seinem Schranke Weißbrod, Butter und Käse und der Feldwebel forotrte durch einen gnädigen Wink ben Unteroffizier auf, sich bei dem nun beginn«,iben Angriffe zu beteiligen.
„Ra, welcher besonderen Beranlaffung verdanken wir denn dieses Tractement?" fragte er, während er mit einem tiefen Schnitt in ben Käs« hineintuhr. .> wub Ihnen nicht unbekannt fern, Herr Unter«!
osstzier, daß ich durchaus nicht dulde, wenn die neu eingetretenen Rekruten zu solchen Gelagen gepreßt werden —"
„Füsilier Schiffer feiert feinen Geburtstag," warf ber Unteroffizier ein, und Franz bestätigte durch eine zustimmende Geberve diese Erktärung, welche Hugo später zu der Bemerkung veranlaßte, daß der Unter« osfizier Geistesgegenwart besitze.
„Schön, dann ist es gut," fuhr ber Feldwebel fort, „an solchen Tagen lhut Jeder gern was in seinen Kräften steht. Schiffer, wenn Sie ben Abend im Kreise Ihrer Familie verbringen wollen, so können Sie Urlaub bis zehn Uhr Haden."
„Nimm ihn an," flüsterte Hugo.
Der Feldwebel nickte wohlwollend und fuhr in seiner angenehmen Beschäftigung, unterstützt durch ben Unteroffizier unb ben Gefreiten, so lange fort, bi» bie letzte Äälerinbe verschwunben war.
Dann setzte er tief aufseufzend daS Glas an die Lippen, um tt in einem Zuge zu leeren.
„So," sagte er, „nun noch eine Cigarre, bann fehlt mir nichts, um mich so wohl zu fühlen, wie ein Fisch im Wasser."
Hugo beeilte sich, seinen Wunsch zu erfüllen, und der Unteroffizier nahm die Gelegenheit wahr, sich ebenfalls zu einer Cigarre zu verhelfen.
„Ra — wer kennt ben Herrn Major v. Barnitz?" fragte ber Feldwebel nach einer Panse. „Niemand? Schadet auch nichts; so hat denn wohl auch Ricmattd von ber prachtvollen Wappensammlung des Herrn Major- etwa- vernommen? Richt? Ra, e- ist ja am