Ur LS Marburg, Dienstag, den 4. Februar. 1873.
Oberhessische Zeitung.
,t täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Aoch'sche Buchdruckerei) bezogen Sgr., durch die Postämter S7 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel ÄS Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.
Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
her Besserung und dürfte nächste Woche sein Amt wiederum übernehmen. — Der Reichskanzler hat dem BundeSralh eine Denkschrift vorgelegt, welche über die Benutzung der Eisenbahnen während der Zeit von» 20. Juli 1870 — 1. Mai 1871 zu Militärzwecken spricht und beantragt, da durch diese Benutzung des Betriebsmaterials die Eisenbahnvcrwaltungen geschädigt worden sind, als Entschädigung für diese Benutzung ein Pauschquantum von 250,000 Thlr. den inländischen Eisenbahnen zu bewilligen und die Gewährung von Entschädigungen an fremdländische Vereinsverwaltungen auf Grund einzureichender Liquidationen auszusprechen. — Nach Berichten aus dem RegierungS bezirk Düsseldorf hat sich dort «in merklicher Auf schwung in Handel und Gewerbe ergeben, so ist z. B. die Einnahme der rheinischen Eisenbahnen im December 1872 gegen das Jahr 1871 um 215,642 Thlr. ge- stiegen, die Wechselst.mpelsteuer hat während der ersten 11 Monate eine Einnahme von 131,334 Thlr. ergeben , während der Betrag aus dem ganzen Reichspostgebiet für Wechselstempel nur 2 Millionen Thlr. ausmachte.
— Mit welch' eigenthümlicher Kenntnih von Per fönen und Sachen die Berliner Correspoudenten der Pariser Blätter ihre Leser über detttscke Verhältnisse belehren, davon ein Beispiel aus einer drei Spalten langen Berliner Correspondenz deS „Bien public", des offiziösen Organs des Herrn Thiers. Da heißt es u. ,A.: „Zu derselben Zeit wurde Dr. Sydow von Dem Obcreonsistorium der evangelischen Kirche wegen Heterodoxie aus seinem Predigtamt entlassen, unk wenn diese Verurtheilung dazu angethan war, dem König wie auch Herrn v. Roon zu gefallen, so mußte sic doch das Gemülh deS Kanzler« mit Bitterkeit erfüllen und die nationalliberale Partei, deren Führer er ist, höchlich erzürnen. In der Thal, denn Herr v. Sydow ist Minisierialdirector im Cu tuSministeriu» ; als solcher hat er den Herrn v. Bismarck zu seinem Vorgesetzten und man konnte nicht den Elnen anrühren, ohne Den Andern zu verletzen ..." ... „Das Problem der deutschen Einheit war ebenfalls in Frage gestellt. Von gewisser Seite »bestritt man Preuße» Das Recht einen Kriegsminister zu haben (?); Andere »übersetzten sich Dem, daß der Ministerprasioenl als Organ der Vermittelung zwischen Preußen und Deutsch tand eintrat und die seither in Beireff dieses letzien Punktes getroffene Entscheidung ist mindestens be-
fremdlich: eS soll der preußische Minister der auswärtigen Angelegenheiten sein — so hat man sich schlüssig gemacht —, welcher den Staat vor dem Bundes- rathe deS Reiches zu vertreten habe, wie dies der Fall ist gegenüber allen möglichen auswärtigen Mächten. Aber — kein Staat des Reiches, mit einigen Ausnahmen, welche auf Familienrücksichten beruhen, macht irgendwie ein solches Haus aus — wie sollte denn Preußen, der höchste Ausdruck des ReichsgedankenS, daraus bestehen, über die Sphäre der allgemeinen Jnteresien dieses Reiches hinaus eine diplomatische Action auszuüben? Und, auch dieses zugegeben, wie kann man jedenfalls vernünftiger Weise begreifen, daß Preußen, der Begründer, der Vormund und der Leiter des Deutschen Reichs, dieses Reich als auswärtige Macht betrachten und behandeln will? Alles das, wie mir gestern eine hervorragende Persönliel keit der Stadt Ulm sagte, ist in einer Weise gebrechlich und entartet, daß es schwerlich die Probe besteht und daß der erste Sturmwind zweifelsohne eS in Die äußerste Zerrüttung stürzen nzirv." Die Antwort aus diese Albernheiten haben wir aus der „Nord. Allg. Ztg." in der vorigen Nr. unseres BlatteS mitgetheilt.
— 2. Febr Die Eisenbahn-Commiiston des Abgeordnetenhauses genehmigte einstimmig die Erbauung der Moselbahn Oberlahnslein - Trier bis zur Reichsgrenze bei Sierck und den hierfür geforderten Kosten betrag von 20,750,000 Thalern, wobei in Folge Der von Den ©täDten Wittlich, Bernkastel und Trarbach etngereichten Petitionen empfohlen wird, die Staatsregierung aufzufordern, Stichbahnen nach den genannten Orten auszuführen. Noch wurde ein Antrag eingebracht, welcher auf Die Befriedigung der Eisenbahnansprüche d r OstproMzen abzielt.
— Die Commission zur Vorberathung deS Einkommen- und Klassensteuergesetzcs hat unter theilweifer Annahme der Abänderungsantläge von Richter und Rickeit den § 6 in folgender Fassung genehmigt: „Der Jahresbetrag der Klassensteuer wird auf 1 Millionen Thaler festgestellt. Eine Abänderung dieses Normalbetrages kann nur durch Gesetz angeorbnet werden. Wird der Normalbetrag der Klassensteuer durch den auS der Veranlagung sich ergebenden Jahresbetrag der Solleinnahme überstiegen ober nicht erreicht, fo findet eine Herabsetzung bezw. Erhöhung bis auf den Normalbetrag statt. Det^Finanztmnister veröffentlicht alljährlich durch die Gesetzsammlung bis
♦ är die Monate Februar und März nehmen alle n Postaustalten Bestellungen ans die vberhefsifche Leitung zu dem Preise von 15 Sgr., wozu der ge- Wöhnliche Postauffchlag noch kommt, entgegen.
Deutsches Reich.
** Berlin, 1. Febr. Das Abgeordnetenhaus hat in der gestrigen Sitzung ein gutes Stück Arbeit gefördert und ist nun zur Beschlnßnahme Über die BerfasfungSänderungen gelangt, wodurch das Ergebniß erzielt ist, welches in allen politischen Kreisen erwartet worben ist. Die Mehrheit für die projectirten Ver fasiungSSnderungen betrug 2/3 der Abstimmenden und wird durch diese Mehrheit der thalsächl'che Beweis geliefert, daß die Staatsregierung für die kirchlichen Vorlagen die Mehrheit der Landesvertretung in allen ihren Parteien hat, was wiederum die Behauptung aufstellen läßt, daß diese Vorlagen aus dem Bedürf nifle für das Staatsinteresse hervorgegangen sind. — Die nächst wichtige Aufgabe des Abgeordnetenhauses wird die Berathung der Finanzgesetze sein, und da, wie bekannt, aus der Jmtiative des Abgeordneten Hauses einzelne Abänderungsvorschläge gemacht worben sind, so müßte die Regierung vor Berathung ber Gesetze sich schlüssig machen, welche Stellung sie zu diesen Vorschläge einnehmen wolle; bie Berathungen innerhalb des Staatsministeriums sinb in vollem Gange. — In dem Etat bes Kultusministeriums sinb 250,000 Thlr. ausgeworfen behufs Erleichterung ber Gründuntz neuer Schulstellen. Die Förderung bieser Angelegenheit konnte, wie ber Cultusminister in einem Restript an bie Regierungen sagt, nicht eher in bie Hand genommen werben, als bis bie Ausbesserung der Lehrergehälter erfolgt, ber Mangel an Schulstellen macht eS aber zur Pflicht, auch bieser Sache Fürsorge zu schenken. — Bei Besprechung bes jüngsten Leitartikels ber „Prov. Corresp " gibt in der Presse ein Mißvergnügen sich kunb, daß das halbamtliche Organ über bie Reichsinnitutionen in Zukunft nicht weiteren Aufschluß gibt. Diese Kritik geht jevenfalls von ber falschen Voraussetzung aus, daß über biefe Institutionen bereits bestimmte Beschlüsse gefaßt sinb, welche die „Prov-Corresp." nicht mittheilen will. Dies ist jedoch eine irrige Annahme, was auch babrnch Be ftätigung ftnbet, baß bie „Prov.-Corresp " selbst sagt, daß die Entwickelung bet Zukunft anheimgegeben ist — Der erkrankte UnterstaatSsecretät im Ministerium des Innern, Herr Bitter, befinbet sich auf bem Wege^
Dir Bauernfänger.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
ES war ein ziemlich weiter und beschwerlicher Sieg, die herrschende Finsterniß und der rauhe schneidende Wind erhöhten die Unannehmlichkeiten deS nächtlichen Marsches.
Sie verließen die Stabt und schritten an den Villen und Landhäusern vorbei, in denen längst alles Leben verstummt war.
Von Zeit zu Zeit schlug ein Hund an, oder ein heftiger Windstoß rüttelte an den Fensterläden, hie und da zeigte sich an einzelnen Fenstern der schwache schein einer Nacktlampe.
Plötzlich blieb ber Calefactor stehen, er hob die Laterne empor, ihr Licht fiel aus eine hohe dunkle Gestalt, die vor der Thür eines großen und eleganten Hauses stand.
Ter Premier Lieutenant konnte einen Ruf der Ueber- ^schung nicht zurückdrängen, er erkannte den Baton don Menkstern.
Er rief ihn an, aber erhielt keine Antwort, et wußte sich geirrt haben.
Und doch glaubte er, an seinem Wuchs, seiner Haltung ihn erkannt zu haben.
Der Herr hatte die Thür geöffnet und war in HauS getreten.
Warnborff setzte seinen Weg fort, ohne weiter an ^fie Begebenkeit zu denken.
Tie Wache am Pulverschoppen war revibirt und ® Ordnung befunden, der Ronbevsfizirr trat den "lückweg an.
Er sehnte sich nach der warmen Stube in der
Hauptwache, nach einem Glase Punsch und einem kurzen Schlaf in dem weiten geräumigen Sessel, daß ber Fähnrich ihm seine Rechte auf das Sopha nicht abtreten werte, sah er voraus.
Da vernahm' er plötzlich den gellenden Ruf: „Räuber! Mörder! Zu Hülfe!" und dieser Ruf schien aus demselben Hause zu kommen vor welchem Watnborf eine halbe Stunde vorher den Baton bemerkt zu haben glaubte.
„Trab, Trab!" commandirte der Offizier, im Laufschritt eilte er mit seiner Mannschaft auf das HauS zu.
Abermals erscholl der Ruf, deutlich sah Warn borf an einem geöffneten Fenster eine weibliche Figur in weißem Nachtgewanbe.
In bemselbm Augenblick bemerkte er, daß zwei Männer baS HauS verließen, einer von ihnen eilte ber Stabt zu, ber anbete mußte, wenn er bie ein geschlagene Richtung verfolgte, ber Patrouille in die Arme laufen.
„Halt! Werda?" donnerte Watnborf, und noch ehe ber etsckreckt zusammenfahtende Flüchtling die Gefahr in ihrem ganzen Umfange erkennen konnte, fühlte er schon eine nervige Faust in seinem Genick
„Ich habe ihm schon, Herr Lieutenant," sagte ber Füsilier, „ein strammer Butsche, hol' mir der Kukuk!"
„Halten Sie ihn und bei dem geringsten Versuch, Widerstanb zu leisten, schlagen Sie ihn nieder," befahl Watnborf.
„Zu Befehl, Herr Lieutenant, werde schon fertig mit ihm werden."
„Also da- ist der Lohn dafür, wenn man einem
Bedrängten zu Hülfe eilt?" fragte ber Gefangene. „Hier waltet ein Mistvetstänbniß ob, bie Verfolger werben festgehalten, bie Thäter entfliehen."
„Maul halten, nicht raifenniren," ermieberte ber Füsilier barsch, „es wirb sich Alles nachher finden."
Warndots hatte nur einen flüchtigen Blick auf den Gefangenen geworfen, bann war er mit seinen decken Leuten rasch in das HauS eingebrungen.
Eine Dame im Negligee begegnete ihm auf der Treppe.
„Dem Himmel sei Dank," sagte sie, „ich bin gerettet Ich bitte dringend, Herr Hauptmann, lassen Sie das ganze Haus Durchsuchen."
„Ich Denke, cs ist unnöthig, Madame," fiel der Lieutenant ihr in's Wort, „einen Verbrecher haben wir erwischt, ber anbere ist entronnen. Wollen Sie nun bie Güte haben, mir zu berichten, waö hier vor- gefaUen ist?"
Die alte Dame war einer Ohnmacht nahe, zum Glück erschienen in Diesem Augenblick ein alter Diener UND ein Mäochen, beide mit brettnenben Kerzen.
Sie führten die Dame in bas nächste Zimmer und ber Diener bat ben Oifizier ebenfalls einzutreten.
Das Mädcheei holte einen Flacon uns wusch mit ber stark buftenben Essenz Stirn und Sckläfe ihrer Herrin, die erst nach einer geraumen Weile sich so weit von ihrem Schrecken erholt, baß sie im Zusammenhang berichten konnte.
„Ich fuhr aus dem Schlaf empor und fühlte eine Hand an meinem Halse," sagte sie; „alle meine Kräfte aufbietend, stieß ich einen lauten Schrei atrt, und bieier Sckrei rettete mich.
Die Hand ließ ab, ich hörte einen halb unter«