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Marburg) Donnerstag, den 30. Januar.
1873.
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Oterhessische Zeitung.
Erscheint täglich äuget den Werktagen nach Son^ und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 22 Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und mcl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.
Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
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Die finanzielle Lage der Geistliche«.
Von den einzelnen Theilen deS Staatshaushaltes wird der Cultusetat am spätesten in das Abgeord netenhauS gelangen; er ist dis jetzt noch nicht einmal in der Budgetcommission berathen. Nur eine Gruppe dieser Commission hat sich vorläufig über den Etat orientirt und bei diesen Besprechungen aller dings auch Vertreter der Regierung zur Auskunft herbeigezogen. Zu den Positionen, welche bei diesen Berathungen discutirt wurden, gehört unter anderen der Posten: „Zur Verbesserung der äußeren Lage der Geistlichen und Lehrer", der im Vergleich zum vorigen Jahr um etwa 50,000 Thlr. erhöht ist. Die Regierung hat nach der Aeußerung ihrer Vertreter die Absicht, mit Hülse dieser Position die Gehälter der Geistlichen zu verbessern; sie wünscht das Einkommen der evangelischen Geistlichen auf ein Minimum von 500 Thlr. und das der katholischen auf ein Minimum von 400 Thlr. za bringen. Die Verschiedenheit dieser Sätze beruht natürlich nicht auf einem Mangel an paritätischer Gesinnung, sondern aus dem einfachen Umstand, daß der katholische, im Cölibat lebende Geistliche keine Familie zu ernähren hat. Die Gehaltsverbesserung soll nur da eintreten, wo die Gemeinden zu Mehrleistungen nicht fähig sind und andere Fonds nicht zu Gebote stehen. Sie soll in Form von zeitweiligen Zulagen erfolgen, so daß eine RechtSverpfiichtung des Staats bei einer etwaigen künftigen Auseinandersetzung dadurch nicht begründet würde.
Die Frage ist, wie wird sich die Gesammtheit der Commission und die Mehrheit deS Hauses zu dieser Angelegenheit stellen? Darüber ist wohl kein Streit, daß ein Einkommen von 500 Thlrn. ein außerordentlich bescheidenes ist und bei den heutigen Preisverhältnissen kaum notdürftig hinreicht, den Geistlichen seinem Stande gemäß zu erhalten. Gleichwohl wird selbst dieses Minimum in Hunderten von Stellen noch nicht erreicht. So haben z. B. nach der Statistik einer Schrift des Metropolitan Dr. theol. Hochhuch von den 482 Pfarrstellen de« Regierungsbezirks Hessen - Cassel 134, also mehr al« der vierte Theil,
„Bewahre, der Zufall brachte uns in Deine Nähe. ®ir wollten Dich anrufen, aber es war schon zu M. Du hattest bereits die Schwelle überschritten." j . „So ist eö", bekräftigte Hugo. „Wir warteten M Sie, um Sie nach Hause zu begleiten."
„Und Du hast uns auffallend lange warten kaffen", ■u8tc Franz hinzu.
„Ich war am Bette einer Kranken", erwieberte Helene, und ein scharfer, erfahrener Beobachter würde J® Klange ihrer Stimme gehört haben, daß das Mädchen nur mit innerem Widerstreben zu einer Lüge . *tinc Zuflucht nahm.
»In der Spelunke?" fragte Franz zweifelnd.
„Ist das Haus eine Spelunke? Ich habe e« nicht Stufet."
„Man sagt, e« sei eine Diebsherberge."
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Die Bauernfänger.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
- Kaum hatte Helene die Gaffe verlaffen, als sie kme bekannte Stimme hinter sich vernahm, die ihren
1 Namen rief.
Erschreckt fuhr sie zusammen, ste wollte die Flucht j ^greifen und vermochte es nicht, fie fühlte, daß ihre 1 j Äräfte sie verließen.
* Aber sie fühlte auch, daß in diesem Augenblicke He Geistesgegenwart allein der drohenden Gefahr vor beugen konnte, gewaltsam raffte sie sich auf, scheinbar heiler und unbefangen erwieberte sie den Gruß ihres Bruders, den Hugo begleitete.
„Was in aller Welt führt Dich in jenes Haus?" fragte Franz, ohne den warnenden Rippenstoß seines ReundeS zu beobachten.
„Du hast spionirt?" erwieberte Helene ausweichend.
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*• *ür die Monate Februar und März nehmen alle O Postanstalten Bestellungen auf die Oberhesfische H Zeitung zu dem Preise von 15 Sgr., wozu der gell wohnliche Postaufschlag «och kommt, entgegen.
nur ein Einkommen von 400 Thalern. Weit über die Hälfte sämmtlicher Pfarrstellen hat nur ein Entkommen bis zu 600 Thlr.; Stellen, welche über 1000 Thaler hinaus eintragen, gibt es überhaupt nur 14. Selbst ein Ausgleich zwischen den besser und den schlecht botirten Pfarren, vorausgesetzt daß er rechtlich zulässig wäre, würbe also nichts fruchten; es wäre unmöglich, den Mangel so Vieler burch ben Ueberstuß einiger Wenigen zu becken. Die Folge solcher Zustänbe muß nothwenbig fein baß bie Zahl der Theologie Studirenben erfchreckenb abnimmt oder baß bie letzteren sich mehr und mehr aus den unteren BevölkerungSclaffen retrutiren.
Man wirb uns einwerfen: Diese Uebelstänbe ge stehen wir zu, aber was geht bas uns an? Die Kirchen, welche so sehr auf ihre Selbftftänbigfeit pochen, welche sich so schwer unter bas Hoheitsrecht des Staats beugen, mögen auch sehen, wie sie ihre Geistlichen ernähren. Wollen sie bie Rechte bes Staats nicht anerkennen, so können sie doch wahrlich nicht verlangen, daß der Staat seinen Säckel über seine Rechtspflicht hinaus anfihut und gutmüthig für diejenigen zahlt, welche ihn bekämpfen. Ja in manchen Kreisen hat man vielleicht die Ansicht, es sei für den bürgerlichen Frieden des Staates ganz vortheil- haft, wenn bie Geistlichkeit durch ein gewiffes Hunger system von der Hoffahrt der modernen Orthodoxie geheilt und wieder zur Demuth und Verträglichkeit geführt werden.
Wir hallen diese Ansicht für falsch. Allerdings hat der Staat keine RechlSpflicht, den Kirchen zu helfen. Man kann sich, um dieses Recht juristisch zu begründen, unmöglich auf bie Säcularifationen im Resormationszeilalter berufen. Allerdings ist ferner das Verhältniß des Staats zu ben Kirchen überhaupt noch nicht georbnet, und baher würde die Uebernahme neuer dauernder und für die Zukunft bindender Verpflichtungen im Augenblick am wenigsten rathsam fein. Aber auch die Pflicht, welche der Staat zu den Zuschüssen für die unzureichenden Lehrergehälter hat, ist gesetzlich noch nicht geordnet, und doch würde der Staat sehr unrecht thun, wenn er der dringenden Nolh nicht abhülfe. Ist der darbende, in Kummer und Noch versinkende einzelne Geistliche Schuld daran, daß das Verhältniß zwischen Kirche und Staat noch nicht klar gestellt ist, daß insbesondere die evangelische
„Das war mir unbekannt. Man hat mich gebeten, dorthin zu kommen, eine frühere Freundin wünschte mit mir zu reden, ich habe arglos die Bitte erfüllt und eine Kranke gefunden, bie der Unterstützung be barf. Ich bitte Dich, sprich zu Hause nicht davon, der Vater würbe mir Vorwürfe machen; er nennt bas Extravaganzen, bie thöricht seien, da ja bie Armenver waltung hinreichenbe Mittel zur Linderung der Noch habe."
„Und ich glaube, er hat Recht darin", erwieberte Franz, ber an einer Ecke stehen blieb, „aber ich will Dich nicht in Ungelegenheit bringen. Hugo, sei so gut unb geleite meine Schwester heim, meine Glocke hat geschlagen, ich muß zur Caserne."
Hugo verstand den Wink, aber er war feinem j Freunde nicht dankbar für die Gelegenheit, die dieser ihm bot. Verlegen, verwirrt, befangen von seinen Zweifeln, wagte er nicht, biefe Gelegenhcit zu benutzen.
Er bot bem Mädchen seinen Arm an, Hclene legte leicht ihre Hand hinein.
Wie Feuer durchströmte es ihn, alle Hoffnungen und Wünsche, bie er gehegt hatte, tauchten neu in seiner Seele empor, er erinnerte sich ber ermuthigen- den Worte seines Meisters, seiner eigenen Zweifel, und fand doch nicht den Muth, sich Gewißheit zu verschaffen.
„Sie werden nun auch bald an eigene Häuslich feit denken", sagte Helene, und kaum wären die Worte über ihre Lippen, als sie auch schon bereute, fie so gedankenlos gesprochen zu haben.
Dem jungen Manne aber gaben sie den Muth zurück, sie brachten Ordnung und Klarheit in das Chaos, welches in seiner Seele wogte.
„Es gab eine Zeit, ist ber ich sehr ernst daran t
Kirche noch nicht die Verfassung gefunden hat, in der sie sich selbst helfen kann? Und ist es für ben Staat gleichgültig, wenn bie Pfarren veröden ober von immer untauglicheren Personen besetzt werben? Man kann die Ueberhebung des Ultramontanismus und auch bie der lutherischen Orthodoxie mit aller Schärfe bekämpfen und doch der Ansicht fein, baß der sfttftche Zustand unseres Volkes die größte Gefahr liefe, wenn die evangelischen und katholischen Pfarrhäuser jemals verfallen sollten.
Der Staat darf die Geistlichen nicht verkommen laffen, er darf es nicht um des Volkes willen, dessen höhere Interessen er zu pflegen hat; und selbst wenn diese sitiliche Pflicht ihn nicht triebe, so müßte ihn die politische Klugheit treiben. Millen im heftigen Kampf mit bem RvmanismuS hat gleichwohl bie baierische Kammer ber Verbesserung der Gehälter der Curat- geistlichen zugestimmt und sie hat sehr Recht damit gethan. Der Staat sorge dafür, daß der einzelne PfarrgeistUchc Ursache hat, ihm verpflichtet und dankbar zu sein; das ist auch ein Mittel, um zu verhüten, daß von Außen her vateriandslose Gesinnungen dem Clerus eingeprägt werden. Er schütze den Geistlichen vor der Willkür von oben, gebe ihm einen festen unb sichern Boben unter die Füße unb weise nicht gleichgültig bie bescheidenste Bitte um die Verbesserung seiner Existenz von der Hand. Die Frucht der geringen Opfer, welche dies kostet, wirb nicht bie Hierarchie, sondern wird das Vaterland ernten. (Spen. Ztg.)
Deutsches Reich.
•» Berlin, 28. Jan. Die Reden, welche Fürst Bismarck im Abgeordnetenhaus gehalten hat, bilden natürlich für den Augenblick den wesenilichsten Stoff für alle politische mündliche und schriftliche Discussion. Es sind wieder einmal zündende Funken und vollkommen neue Gesichtspunkte, bie ber geniale Staatsmann in bie zur Zeit etwas locker gewordene Stimmung der politischen Welt wie einen befruchtenden Regen hat nieberfaUen laffen. Dem Mangel an sonstigen neuen Jbeen und lebendigerem Eingreifen in die Politik war daher auch wohl zum großen Theil die uu- ermübliche Nörgelei und unklare Mißstimmung zuzu- schreiben, welche bann in ben berüchtigten Enthüllungen über bie angebliche Ministerkrisis ihren Ausdruck luchten. An deren Stelle haben Fürst Bismarck's
dachte, mein Fräulein", erwieberte er, „aber ich fürchte, baß sie vorüber ist unb nicht wieberkehren wirb."
„Weshalb bas?"
„Weil meine Liebe nicht erwiebert wirb." „Glaubten Sie eS früher?"
„Ja; aber ein Anderer trat zwischen Sie unb mich, unb seilbem barf ich für mich nichts mehr hoffen."
„Wissen Sie bas so bestimmt?"
„Mein Fräulein, ich kann keine Zweifel mehr hegen."
Helene schwieg, ber Faben war abgerissen.
Hugo aber faßte sich ein Herz, er hatte ben ersten Schritt gethan, weshalb sollte er nun unentschlossen stehen bleiben.
„Ich weiß nicht, ob ich mit Ihnen barüber reben darf", fuhr er fort, „aber ich bente, Sie werden mir nicht zürnen. ES sind nur wenige Monate seitdem verstrichen, da waren Sie immer recht freundlich gegen mich, und gewiß, Sie mußten wiffen, wie glücklich ihr Lächeln mich machte. Hätte ich damals gesprochen, so wäre ich vielleicht auch heute noch glücklich, aber ich fand nicht den Muth dazu. Da kam ber Andere, der in Ihrem Hause wohnte unb von diesem Zeitpunkte ab galt ich Ihnen nichts mehr, wie jeder andere Geselle Ihres Vaters. Nun, ich hoffte noch immer, wenn der Andere einmal fortgegangen sei, werde ich in meine alten Rechte wieder eintreten. Es war vergeblich, und wk auch Ihr Vater darüber denken mag, mich täuscht Ihre heitere Ruhe nicht; der Andere ist freilich gegangen, aber fein Bild in Ihrem Herzen zurückgeblieben. Unb nun wiffen Sie Alles."
Hugo fühlte, baß bie Hanb, bie auf seinem Arme