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Hr 24.

Marburg, Mittwoch, den 29. Januar.

1873.

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22 £ Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Die Monate Februar und März nehmen alle ö Postanstalten Bestellungen auf Die Lbcrheffische Zeitung zu Dem Preise von 15 Sgr., wozu Der ge­wöhnliche Postaufschlag noch kommt, entgegen.

Deutsches Reich.

** Berlin, 27. Jan. Das wichtigste Ereigniß innerhalb der politischen Schaubühne ist unbedingt die Sitzung des Abgeordnetenhauses vom Sonnabend, in weicher Fürst Bismarck mehrere Male das Wort genommen hat. Der Eindruck der Reden war schon ein sehr tiefer während derselben, aber .eine noch höhere Bedeutung erlangen diese Reden, wenn man den ganzen Inhalt derselben genau prüft. Zunächst geben die Worte des Reichskanzlers Aufklärungen über die Vergangenheit und bilden somit gewissermaßen den Abschluß der Krisis. Es ist noch jüngst von einem radicalen Blatte gesagt worden, daß alle An­gaben über die Ministerkrisis und selbst die derKöln. Ztg", welche man zu jener Zeit für durchaus amt­lich hielt, nicht hinreichten, die öffentliche Meinung zu beschwichtigen, so lange nicht Fürst Bismarck selbst Erklärungen abgegeben habe, die alle jene vielfachen Eerüchte über Dissonanzen, Conflicte im Minsterium beseirigten. Dieses Verlangen ist nun erfüllt und cs sind alle Angaben der Presse auf den wahren Werth oder besser Unwerth zurückgeführt, denn Fürst Bis­marck hat es zuversichtlich erklärt, daß er in voller Ucbereinstimmung mit seinen College» sich befinde, daß ebenso alle Beschlüsse seiner früheren Collegen mit seiner Auffassung in vollem Einverständniß stände und daß es daher auch sein Bestreben gewesen sei, den Bestand des Ministeriums unverändert zu erhalten Diese Auslastungen des Fürsten Bismarck widerlegen denn auch die neuesten Mittheilungen der militärischen Blätter, welche von einem Conflict des Reichskanzlers mit dem Militärdepartemcnt wissen wollen. In der­selben bestimmten Weise, wie Fürst Bismarck sich über die Vergangenheit ausgesprochen, hat derselbe auch die Entwicklung der Zukunft klar dargelegt und gewinnen deshalb die Reden des Reichskanzlers auch nach dieser Richtung hin eine hohe Bedeutung. Der Reichskanzler beleuchtete die Neugestaltung der Dinge in Beziehung zu den Aufgaben des Reiches. Diese Ausführungen erreichen allerdings im Einzelnen viel­

fach andere Anschauungen, als solche^st Bismarck zur Zeit der Gründung des Norddeutschen Bundes kundgab, das Reich kann eben eine selbständigere Or ganisation ertragen. Wie immer hat Fürst Bismarck auch dieses Mal nicht daran gedacht, ein theoretisches Programm aufzustellen; denn als echter Staatsmann ist er durch und durch Practiker.

Unter den Gründen, weshajb der deutsche Reichstag bis zum 10. März berufen werden soll, steht nicht an letzter Stelle die finanzielle Lage des Reichs, d. h. nicht sein Mangel, sondern sein Ueber fluß an Geld. Bekanntlich ist von Frankreich die dritte Milliarde im December vollständig abgetragen, von der vierten Milliarde sind am 16.18. Januar 150 Millionen bezahlt, und weitere monatliche Raten von 200 Millionen sind, wenn auch vielleicht nicht officiell, in Aussicht gestellt. Man hofft in Frankreich, bis Ende Mai die vierte Milliarde getilgt zu haben, und trägt sich in neuester Zeit mit dem Gedanken, auch für die fünfte Milliarde statt der Garantieen Baarzahlung zu leisten. Wenn auch die letztere Absicht wohl nicht so rasch ausgeführt werden wird, so sind doch sehr bedeutende Summen theils im Besitz der Reichsrcgierung, theils in Aussicht, über welche durch Reichsgesetz verfügt werden muß. Es handelt sich zu nächst um die Anweisung der Mittel für die allge­meinen Reichszwecke (z. B. Sorge für die Kriegöin- validen). Der Reichstag wird also mit höchst be­deutsamen Finanzvorlageu zu thun bekommen.

Die Ausgaben der Reichspostverwaltung für das Jahr 1874 sind im Ordinarium auf 26,287,439 Thlr., im Exordinarium 379,426 Thlr., auf* zu sammcn 26,666,865 Thlr. veranschlagt, dagegen die Einncchmen auf 31,199,000 Thlr. Es ergiebt sich daraus ein Ueberschuß von 4,532,135 Thlr. Derselbe betrug im Vorjahre 2,957,320 Thlr., mithin für 1874 mehr 1,574,815 Thlr. Die Portoeinnahmen sind im Ganzen veranschlagt auf 26,600,000 Thlr., gegen den Ansatz des vorigen Etats von 23,600,000 Thlr., also um 3,000,000 Thlr. höher.

Pose», 27. Jan. Der bisherige Rector des aufgelösten Jesuitencollegiums in Schrimm, Graf Mycielski, ist, nachdem das an daS Reichskanzleramt gerichtete Gesuch, ihm weiteren Aufenthalt zu gestatten,

abgelehnt worden, aufgefordert, nunmehr sofort die Provinz Posen zu verlassen. Gleichzeitig ist ihm amt­lich eröffnet, daß er seinen ferneren Wohnsitz weder in den Provinzen Schlesien, Preußen, Westphalen, Rheinland, noch in den Residenzstädten Berlin und Potsdam nehmen dürfe.

Dresden, 27. Januar. Nach dem jetzt amtlich festgestellten Resultat der Reichstagswahl im 17. sächsischen Wahlbezirk Glauchau-Meerane wurde Bebel mit 10,470 Sitmmen von 14,720 wiedergewahlt. Sein Gcgencandidat, Bezirksgerichtsdirector Petzoldt in Glauchau, erhielt 4240 Stimmen.

München, 23. Jan. Die Rückkehr des Kö­nigs läßt erwarten, daß einige lang schwebende An­gelegenheiten endlich ihre Erledigung finden werden. Namentlich gilt dies von der Uniformirungsfrage, welche für die Betheiligten eine wahre Calamität zu werden anfängt. Die Resignation ist schon so weit gediehen, daß man gegen den Inhalt der Entscheidung fast gleichgültig geworden ist und nur den Wunsch hegt, daß wenigstens etwas entschieden werde. Eine gewisse Neigung, möglichst viel beim Alten zu laffen, hat von jeher einen Grundzug in den hiesigen mili­tärischen Kreisen abgegeben, und darüber hinaus pflegt den Reformvorschlägen an der enticheidenden Stelle noch ein weiterer Dämpfer aufgesetzt zu werden. Letzteres gilt namentlich für Personalveränderungen, von deren besonderer Schwierigkeit man hier wie anderswo keinen Begriff hat. Großes Aufsehen in nicht bloß militärischen Kreisen machen zur Zeit einige Artikel derAugsb. Allg. Ztg." über die wissenschaftliche Bildung im baierischen Offiziercorps. Die sehr gut und lebendig geschriebene Abhandlung trifft vielfach den Nagel auf den Kopf, das Wort in mehr als einer bildlichen Bedeutung genommen, und wenn sich auch die Waffengattungen, denen der Verfasser offenbar nicht angehört, über zu hartes Maß beklagen, so kann diese Einseitigkeit der guten Wirkung offener, sachlicher Kritik nur wenig Abbruch thun. Von militärischer Fach Literatur ist außerdem noch das kürzlich erschienene Werk des Hauptmanns Hellwig über das erste baicrische Armeecorps v. d. Tann im Kriege 1870/71 hervorzuheben, welches von sachverständigen Beurtheilern große Anerkennung findet

Dir Bancrnfängrr.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Willenlos folgte Hugo dem Freunde, es wider­strebte seinem Zartgefühl, zu erforschen, welchen Zweck tiefer späte Ausgang hatte, aber er konnte auch nicht leugnen, daß seine Neugier angeregt war.

Helene wanderte rasch durch die ziemlich dunklen anb einsamen Straßen, sie schritt über den Vieh markt und bog in die Gasse ein, in der die Schenke Laumann's lag.

In dieser Schenke verschwand sie den Blicken der Freunde, die in kurzer Entfernung ihr gefolgt waren.

Was nun?" fragte Hugo und der zitternde ton von seiner Stimme verrieth feine gewaltige Er­regung.

Warten wir," erwiderte Franz gemeffen,sie wird nicht ewig da bleiben, und ich will wiffen, was sie in Lesern Hause zu schaffen hat."

Peter Baumann empfing das junge Mädchen und führte es in seine eigene, dürftig ausgestaitete Wohnstube.

Hier erwartete Liebrecht sie.

Er schritt ihr mit allen Zeichen der Ungeduld ent Aegen und machte ihr Vorwürfe, daß sie so lange ihn habe warten laffen.

Es ist meine Schuld nicht," rechtfertigte Helene stch, die vor Kälte und Aufregung zitterte,ich er |*elt Deinen Brief erst heule Nachmittag und der yater ging später aus. Aber weshalb hast Du mich ,n dieses Haus bcschieden? Ich fürchte mich, Conrad, wenn mich Jemand in dieser Spelunke bemerkte"

Wer kann Dich hier sehen, Schatz?"

,Es wäre um meinen guten Ruf geschehen. Wes­

halb kommst Du nicht zu uns? Du weißt ja, daß der Vater Abends ausgeht."

Liebrecht hatie dem Mädchen einen Stuhl hinge­schoben und ihr gegenüber Platz genommen.

Ich darf der Beständigkeit dieser spießbürgerlichen Gewohnheit nicht oerrauen", erwiederte er leichthin, und ich mag mich der Gefahr, mit groben Worten hinausgewiesen zu werden, nicht aussetzen. Ich würve Dich gebeten haben, zu mir in den Gasthof zu kom­men, in welchem ich abgeftiegen bin, aber ich fürchte die neugierigen Augen der Kellner, die alle Treppen und Gänge belagern, deshalb wählte ich diese Schenke, ich weiß, daß ich mich auf den Wirth verlaffen kann. Du darfst unbesorgt sein, er wird uns nicht verrathen."

Diese Versicherung schien Helene zu beruhigen, sie blickte dem jungen Manne, der ihre Hände gefaßt hielt, lächelnd in's Auge.

Du bist also zusrieden?" fragte sie.

Ja, es ist eine angenehme Stelle."

Und das Gehalt?"

Entspricht allen billigen Anforderungen."

Und nun machst Du die erste Reise für die Firma?"

Liebrecht nickte.

Ich hätte Dir früher geschrieben, daß ich hieher kommen würde", sagte er, aber ich konnte den Tag meines Eintreffens nicht mit Sicherheit bestimmen, und dann auch wollte ich Dich überraschen."

Ach, wie angenehm und schön wäre diese Ueber- raschung gewesen, wenn"

Freilich, wenn nicht Dein eigensinniger Vater zwischen uns stände", ergänzte Liebrecht, die Stirn runzelnd.Er wird nimmer seine Einwilligung geben.

Doch, Conrad"

Nein, niemals! Er haßt mich, ich bin eben nicht nach seinem Herzen geschaffen, nicht derb und einfach

genug, ungebildete Leute stehen immer den gebildeten feindselig gegenüber, weil sie glauben, der Gebildete sehe mit Geringschätzung auf sie hinunter."

Helene schüttelte mißbilligend das Köpfchen.

Darin thust Du ihm Unrecht", sagte sie,er vckehrt ja so viel mit den reichsten Kaufleuten"

Das ist eine andere Sache. Aber wenn einer dieser reichen Herren sich in eure Familie eindrängen wollte, würde Dein Vater ihm sofort feindselig gegen« überstehen."

Gewiß nicht, er grollte Dir, weil er glaubte, Du gebest Dir keine Mühe, Beschäftigung zu erhalten; wenn er eines Besseren belehrt wird, muß der Groll schwinden. Mutter steht ja auch auf unserer Seite."

Sie kann nichts ausrichten, sie kann den Starr­sinn Deines Vaters nicht beugen."

Liebrecht hatte sich erhoben, der treuherzige Blick des Mädchens schien ihn zu beruhigen.

Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, dann bleibt uns nur ein Weg", sagte er nach einer Pause, und ich fürchte,, Deine Liebe ist nicht stark genug, daß sie Dich bewegen könnte, diesen Weg gemeinsam mit mir zu gehen."

Conrad!"

Liebes Kind, auf der glatten Bahn wandert es sich leicht, aber vor den rauhen und dornenvollen Pfaden bebt Mancher zurück."

Ich nicht."

Glaubst Du das wirklich?"

3a, ich glaube es, Conrad."

Liebrecht blickte das Mädchen forschend an, die Energie und Opferfreudigkeit, die in ihren Zügen sich auSdrückten, mußten ihn befriedigen.

Und wie heißt dieser Weg?" fragte Helene.

Heimliche Trauung "

Das hatte Helene nicht erwartet, sie erschrak