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Marburg, Sonntag, den 26. Januar.

1873

Oberhessische Zeitung.

1 äglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22^ Sqr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Steinpel 22 Sgr. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

ö Sämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

rMür die Monate Februar und Marz nehmen alle O Postanstalten Bestellungen auf die vberhefsifche zettung zu dem Preise von 15 Sgr., wozu der ge­wöhnliche Postaufschlag noch kommt, entgegen.

"" Politische Wochcn-Ueberstcht.

Der Schlußtag der vorigen Woche war der Jahres­tag des zu Versailles am 18. Jan. 1871 neu ver­kündeten (deutschen Reiches und der Tag des alten preußischen Krönungsfestes, an dem dieses Mal unser allverehrter Kaiser Wilhelm in gcknz befriedigender Gesundheit theilnehmen konnte, was in vorigem Jahr ihm nicht vergönnt war. Am Sonntag folgte in Potsdam eine militärische Festlichkeit zur feierlichen Ausstellung der 1870/71 eroberten französischen Adler und Standarten in der dastgen Garnisonkirche. Fürst Bismarck wohnte diesen Feierlichkeiten nicht bei, sondern kehrte erst am Montag Abend von einem Ausflug auf seine lauenburgischen Güter nach Berlin zurück. Bei Gelegenheit seines Rücktrittes vom Prä fldium deS Ministeriums hat ihm des Kaisers und Königs Majestät mit einem alle Verdienste des großen Staatsmannes anerkennenden huldvollen Schreiben die Brillanten-Jnsignien des schwarzen Adlerordens ver­liehen. Die parlamentarische Thätigkeit des Abgeord­netenhauses war angestrengt in der Berathung der Gesetzesvorlagen deS CultusministerS, die nunmehr in einer besonderen Commission der weiteren Erörte­rung unterworfen werden, die dann dahin geführt hat, im^Hause einen neuen Gesetzentwurf zur Aendernng der §§. 15, 16 und 18 der Verfassung einzubringen Auf dem sächsischen Landtage dauert das Kämpfen und Verhandeln zwischen beiden Kammern über die VolkSschul- und die Staatsverwaltungs Organisation fort. In Betreff der Volksschulvvrlage ist der Fall eingelreten, daß die cigenthümlich sächsische VerfaffungS- bestimmung in Anwendung kommen kann, nach welcher die Regierung berechtigt ist, ein Gesetz zu verkünden, das in Einer Kammer (hier in der Ersten) ange uommen und in der Zweiten nur mit weniger als 2A Stimmen verworfen worden.

Im Abgeordnetenhause CiSleithanienS, das

Jan. seine seit dem 20. Dec, unterbro chene Thätigkeit wieder aufnahm, erfolgte noch nicht sofort die Vorlage der Wahlreform; doch steht die verfassungs- mäßige Uebermittlung in naher Aussicht. Die Polemik über Oesterreichs Haltung bei Beginn deS Krieges zwischen Deutschland und Frankreich dauert fort. Graf Andraffy hat für seine Person nachgcwiesen, daß seine Haltung correct war; dem Grafen Beust ist dies aber weitaus nicht für seine Person gelungen. In Pest erstattete am 18. Januar der Finanzminister Bericht über die Finanzlage von 1868 bis 1871, der wieder ein starkes Deficit nachweist. Ungarn wird, das stehtfest, einsichtiger und sparsamer haushalten lernen müssen, wen» es nicht erst durch sehr bittere Erfahrungen klug werden will.

In der Schweiz haben Cantone und Land fort­während mit den kirchlichen Wirren zu schaffen. Auch die. Angelegenheiten der Simplon - Eisenbahn (Ligne d'Jtalie) bleibt noch immer in den Tractanden. Am 16. Jan. hat der Bundesrath eine Verfügung über die Ausprägung von Goldmünzen für Rechnung von Privaten erlassen.

In Frankreich gehörte die dritte Januarwoche dem Unterrichts-Minister JuleS Simon. Schon vor den. Weihnachtsferien ward als beschlossene Sache an­gekündigt, daß sogleich nach Wiedereröffnung der Na- tional-Versammlung der Mann, der sich durch unkluge Haltung bei allen Parteien mißliebig gemacht hat, der Rechten aber von jeher ein Dorn im Auge war und von der Linken nur aus diesem Grunde noch gehalten wurde, gestürzt werden solle, um einem zuverlässigeren Freunde dcS Thrones und der Kirche Platz zu machen. Jndcß die Rechte hatte ihren Kreuzungsplan so schlecht berechnet, daß schließlich der Angegriffene siegreich und neu befestigt auS dem Kampfe hervorging. Ob ThierS selbst aus seinem langwierigen Ringkampfe mit der Dreißiger Commission gleichfalls als Sieger her- vorgchen werde, ist fraglicher als je. Die Tage der Pilgerfahrt der Bonapartisten nach Chislehurst gingen in ganz Frankreich ruhig vorüber, und es hat nicht den Anschein, als ob die Aussichten des Sohnes von

Eugenie von Theba neuerdings gestiegen sind Ob­wohl in Paris und im Lande die Stimmung der Ar­beiter sich nicht merklich verschlimmert hat, ließ die Regierung Verhaftungen von angeblichen Mitgliedern der Internationale so wie auf der Blutebene von Sa- tory drei neue Hinrichtungen von Communards voll­ziehen.

Der italienische Senat hat das Gesetz über die Aufhebung der theologischen Facultäten an den italie­nischen Universitäten angenommen. Die UnterrichtS- zweige der theologischen Facultät, welche die Philologie, Philosophie und Geschichte betreffen, werden auf die Facultäten der Philosophie und der schönen Wisten- schaften übertragen. In der Deputirtcnkammer legte der Finanzminister Sella einen Bericht über die Schlußergebnisse der Finanzverwaltung von 1872 vor, nach welchen die Einnahme 108 Millionen mehr be­trug als im Jahre 1871; die Ausgabe betrug 89 Millionen mehr als im Vorjahre. Die Gesammt-Ein- uahme betrug 1296 Millionen, die Geiammt-Ausgabe 1367 Millionen.

Dir erste Kammer der niederländischen Ge­neralstaaten hat die Berathungen über das Budget durch Annahme sämmtlichrr Abtheilungen deffelbcn er­ledigt.

Obwohl einerseits Graf Schuwalow auf der Heimkehr aus England überall von dem günstigen Erfolge seiner Mission spricht, andererseits die eng­lische Presse sehr zufrieden lhut mit dem Eindrücke, den der russische Abgesandte von der festen Haltung der britischen Regierung empfangen habe, und also wohl beide Theile mit dem vorläufigen Ausgange der Sache zufrieden sein könnten, herrscht doch in Eng. lanb-fortrotymtb Mißtrauen gegen die Absichten Ruß­lands in Centralasien, und zur Bekräftigung dieses Gefühles werden russische Umtriebe bei der hohen Pforte und ein sehr zweifelhafter geheimer Vertrag des Czaren mit dem Schah von Persien über eine Gebietsabtretung am Kaspischen Meere nördlich vom Atrcck angeführt. Eine nicht ganz nahe Zukunft wird erst beweisen können, ob Rußland seiner Andeutung,

Die Bauernfänger.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Peter Schiffer sand auf diese Frage keine andere Antwort, als daß sein Geselle sich durch seine Schüch­ternheit abhalten lasse; war dies der einzige Grund, so konnten einige ermunternde Worte ihn ja beseitigen.

Der Küppermeister öffnete seine Horndose und bot dem Gesellm eine Prise an.

Macht Schicht," sagte er,morgen kommt auch ein Tag und das Faß wird schon fertig werden."

Hugo schüttelte ablehnend das Haupt.

Wenn wir uns auf den nächsten Tag verlaffen, bringen wir's niemals weit," erwiderte er,ich kann noch ein Stündchen arbeiten, was heute gethan wird, das

Na, ja, Ihr habt immer ausgehaltm bis zum letzten Augenblick," unterbrach der Meister ihn wohl­wollend,Ihr seid ein tüchtiger und fleißiger Ar­beiter; das Zeugniß muß Euch jeder geben, der Euch kennt. Wollt Ihr denn nicht daran denken, auf Euren tigenen Füßen zu stehen? Euch kannn's doch wahr ^stig nicht fehlen, Ihr habt die Mittel und die Kenntnisse, und ich glaube auch, daß Ihr selbst wünscht, kinen eigenen Heerd zu haben."

Das wohl, aber"

Himmel alle Welt, fürchtet Ihr, es könne schief gehen? Ihr seid doch in anderen Stücken nicht ängst- »ch, weshalb wollt Ihr es hierin fein?"

Hugo trieb den Reifen an, als ob er versuchen wollte, das eiserne Band zu sprengen.

»Na, sagt mir ganz ehrlich, welche Zweifel ver­steckten sich hinter EuremAber?" fuhr der Küpper- feister fort.Ihr müßt doch wiffen, daß ich Euch gewogen bin und daß ichs gut mit Euch meine."

Der Geselle ließ den Schlegel ruhe», er blickte 0111 feinen treuherzigen Augen den Meister fragend an .. »Als Ihr Euren Heerd gegründet, wäret Ihr wohl ">cht mehr Juuggesellc?" fragte er.

Nein, ich*

Nun seht, ich möchte auch erst dann mich aus meine eigenen Füße stellen, wen» ich gleichzeitig hei- rathen kann. Ich denke mir, Meister zu sein und keine Frau haben, ist nur halbes Werk, da will ich lieber warten, bis ich so weit gekommen bin, daß ich heirathen kann."

Könnt Ihr nicht?"

Nein."

Diesesnein" klang so fest und entschieden, daß der Küppermeister sich der Vermuthung nicht erwehre» konnte, sein Sohn müsse doch nicht so sehr genau über die Absichten Hugo's unterrichtet gewesen sein.

Nun, wenn Ihr das glaubt, so liegt es nur an Euch," sagte er nach einer Pause,Ihr könnt an jede Thür anpochen, Euch wird Niemand zurückweisen. Seid offenherzig, Hugo, Ihr wollt mir etwas ver­schweigen"

Nein, Meister, ich will Euch nichts verschweigen," unterbrach Hugo ihn.Aber was kann es nützen, wen» ich mich Hoffnungen hingebe, die niemals Er süllung finden? Es gab eine Zeit, und ist noch nicht sehr lange verstrichen, in der ich glaubte, Hoffen zu dürfen; wenn ich damals geredet hätte, wäre es viel­leicht bester gewesen. Es ist meine eigene Schuld."

Wenn ihr damals geredet hättet?" fragte der Küppermeister, den diese Worte einigermaßen in Ver­wirrung brachten.Das verstehe ich nicht."

Hugo zuckle die Achseln, als ob er sagen wolle, wenn der Meister das wirklich nicht verstehe, könne er es ihm auch nicht näher erklären.

Peter Schiffer »ahm geräuschlos eine Prise und klappte die Dose sehr euergisch zu.

Ihr habt damals ein Auge auf meine Helene geworfen", fuhr er fort,ich weiß es, und sehe nicht ein, weßhalb ich verschweigen soll, daß ich es weiß. Nun wenn ihr fürchtet, ich werde Euch in den Weg treten, so irrt Ihr, mir seid Ihr als Schwiegersohn schon recht, denn ich sehe mehr aus de» Charakter und

ernsten Willen des Mannes, als auf seine Glücks- gülcr. Also, wenn es Eure ernste und ehrliche Ab­sicht ist, um Helene zu werben, so seid kein Hasenfuß und faßt Euch ein Herz! S< nun habe ich ge­sprochen , jetzt ist es an Euch, die Sache zum Ende zu bringen.

Hugo blickte starr vor sich hin, düstere Schatten lagerten auf seiner Stirn.

»Daß Ihr so zu mir reden würdet, wenn ich einmal die Last von meinem Herzen wälzte, wußte ich voraus", erwiederte er,ober wozu nützt es? Seit­dem der junge Herr hier eingezogen ist, hat's mit meinen Wünschen ein Ende genommen."

Himmel alle Welt"

»Meister, cS ist so, der Windbeutel hat dem Mädchen den Kopf verdreht, daß es einen schlichten Handwerker nimmer ansehen mag."

»Der Windbeutel ist über alle Berge"

Gleichviel, Helene denkt noch immer an ihn, Ihr sollt sehe», daö Ting nimmt ein Ende mit Schrecken."

Peter Schiffer schüttelte mit einer Miene ernsten Zweifels das runde Haupt.

Seitdem der Windbeutel fort ist, hat Helene ihre heitere Laune wieder gefunden", sagte er,sie denkt nicht ntchr an ihn, laßt es Euch gesagt sein. Und wenn es dem Herrn von Habenichts jemals einfallen sollte, an. sie zu schreiben, oder in anderer Weise sich ihr zu nähern, so werde ich wiffen, was ich zu thun habe. Himmel alle Welt, glaubt Ihr denn, ich werde mein Kind diesem Lump an den Hals werfen?"

Und wenn nun Helene will?"

Zum Henker, ich habe auch meinen Willen."

Meister, Ihr seid ein braver und biederer Mann, aber Eure Kinder sind Euch an's Herz gewachsen, und wenn Helene Euch sagt, ihr bleibe nur die Wahl zwischen der Heirath mit diesem Manne und einem Leben voll Gram und Siechthum, dann sagt Ihr in Gottes Namen ja. Legt die Hand aus's Herz, Ihr könnt es nicht leugnen." (Fortsetzmts folgt.)