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ffr. 18

Marburg, Mittwoch, den 22. Januar.

1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 22j Sar.. durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnscrtionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

e Seine Majestät der Kaiser und König hat folgende Allerhöchste GabinetS Ordre erlassen:

Soldaten Meiner Armeei

Ich habe den heutigen Tag durch das letzte rühmliche Gefecht vor Paris und durch die Schlacht bei St. Quentin einer der neuen Ehrentage der Armee gewählt, um die Siegeszeichen des letzten Krieges denen hinzuzufügen, welche aus früheren glor­reichen Kriegen in der Garnisonkirche zu Potsdam aufgestellt sind. Gott war mit uns und hat Großes an uns gelhan. Die Vertreter der ganzen Arniee, welche der heutigen Feier beiwohnten, werden, wie Ich, vor Allem das Gefühl des tiefsten Dankes gegen den Allmächtigen empfunden haben. Nächst diesem Danke aber gedenke Ich mit Stolz und Rührung Meiner Armee, ihrer Tapferkeit, ihrer ausdauernde» Hingebung und tief bewegt ihrer Opfer. Die dankende Erinnerung an Alles, was die Armee in diesem Feld- znge geleistet, wird in Meinem Herzen bis zu seinem letzten Schlage fortleben; der Nachwelt aber werden die Siegeszeichen, welche wir heute aufstellen, ein redendes Zeugniß hierfür bleiben.

Mögen die kommenden Generationen das Erbe unserer Väter, den alten Ruhm und die Wafsenehre der Armee, ebenso treu hüten, wie Ihr gethan Habti

Potsdam, 19. Januar 1873.

(gez.) Wilhelm.

Deutsches Strich.

* Berlin, 18. Januar. Von dem statistischen Amte ist eine Uebersicht über die Production, Einfuhr und Ausfuhr von Taback, sowie über die vom Taback erhobenen Abgaben im deutschen Zollgebiete während des Zeitraumes vom 1. Juli 1871 bis zum 30. Juni 1872 veranstaltet worden. Nach derselben betrug die Production von Rohtaback 713,945 Ctr., die Einfuhr von Rohtaback 983,496 Ctr., von Rauchtaback in Rollen rc. 2885 Ctr., von Cigarren 12,912 Ctr., von Schnupstaback 267 Ctr. Auf Rauchtaback redu- cirt gibt die Einfuhr zusammen 1,003,972 Ctr. und Production und Einfuhr in einer Summe 1,717,917 Ctr. An diesem Gesammtquantum beteiligte sich Preußen mit 839,396 Ctr., Baden mit 269,645 Ctr., Baiern mit 198,626 Ctr., Elsaß - Lothringen mit 121,642 Ctr., Sachsen mit 115,306 Ctr. rc. Die Ausfuhr betrug an Rohtaback 82,992 Ctr., an Rauch- taback in Rollen rc. 24,157 Ctr., an Cigarren 36,642 Ctr., an Schnupstaback 5,960 Ctr., zusammen auf Rohtaback reducirt 162,670 Ctr. Dieses Quantum abgezogen von der Production und Einfuhr, bleibe»

für den inländischen Verbrauch 1,555,247 Ctr. Eine beachtenswerthe Erscheinung tritt aus dem Vorstehen­den herauf Dke Ausfuhr von deutschen Tabacks- fabrikaten überwog bei Weitem die Einfuhr von zu­bereitetem Taback. Die Ausfuhr überragte die Ein­fuhr bei Rauchtaback in Rollen rc. um 21,272 Ctr., bei Cigarren um 23,730 Ctr. und bei Schnupftabak um 5,693 Ctr. Der Abgaben-Ertrag belief sich an Tabackssteuer auf 503,449 Ctr., an Eingangszoll von Taback auf 4,228,387 Thlr., zusammen auf 4,431,836 Thlr. und »ach Abzug der Ausfuhr-Vergütungen aus 4,658,339 Thlr. Die Einwohnerzahl des deutschen Zollgebietes beträgt c. 40 Mill. Der vierte Einwohner ungefähr consumirt Taback. Mithin kommen auf den Kopf eines Tabacks-Consumenten durchschnittlich c. 1/e Ctr. Taback und von Abgaben für Taback durchschnitt­lich c. 1/2 Thlr. Dieser Steuer - Beitrag verringert sich aber für diejenigen, welche inländischen Taback rauchen, bedeutend, während er sich für diejenigen, welche ausländischen Taback consumiren, sehr erheblich steigert.

20. Jan. Fürst Bismarck ist gestern Abend hierher zurückgekehrt.

Coburg, 18. Jan. Die Wahlen zum neuen Landtag für das hiesige Herzogthum sind nunmehr beendet und von den seitherigen Abgeordneten nur fünf wiedergewählt worden, während die sechs neuen Landesvertreter, worunter ein Lehrer und ein Privat- secretär, weder in politischer noch socialer Beziehung irgend eine hervorragende Thätigkeit bis jetzt aufzu­weisen haben. Der neue Landtag wird deshalb manche sehr fühlbare Lücke gegen früher zeigen. Der poli­tischen Stellung nach gehört die Mehrzahl der Land­tags - Mitglieder der national liberalen Partei an, und nur ein Abgeordneter vertritt die demokratische Richtung.

Darmstadt, 19. Januar. Dem Entwurf des Budgets entnehmen wir folgende Daten. Die Saline Nauheim wird bei einer jährlichen Pro­duction von 60,000 Gentnern voraussichtlich einen Überschuß von jährlich 5000 st. abwerfen. Theodors- Halle bei einer Production von nur 19,000 Gentner bis 7,700 st. Was das Bad Nauheim betrifft, so können, obgleich fein Kurfond nur 110,000 st. beträgt, dennoch dafür etwa 42,000 st. verwendet werden Die Haupteinnahme liefert das Badegeld (31,000 st.) Die jährliche Holzsällung wird auf 348,536 Raum­meter mit einem Erträgniß von 1,567,602 st. veran­schlagt. Von de» alten Grundrentenscheinen wurden 97,977 st. nicht zur Einlösung präsentirt und sind

daher verfallen. Für die oberhessischen Bahnen ist für das lausende Jahr ein Betriebsüberschuß von 40,000 st. in Aussicht genommen und daher ein muth- maßlicher Staatszuschuß von jährlich 988,926 st. zu gewärtigen. Für Zuschuß zu den Gehalten der Volksschullehrer werden 201,000 st oder 67,000 st. mehr wie seither veranlagt. Für die Landesuniversttät werden gleichfalls 13,000 st. mehr beansprucht. Des­gleichen weitere 7000 ft. für Verbesserung des Ge­werbewesens und 5000 st. für Errichtung einer Prä- parandenanstalt zu Friedberg. Für das Halten von Dienstpferden sollen den Kreisärzten und Kreisveterinär­ärzten nunmehr statt 200 jetzt 350 st. vergütet wer­den ; die Forstwarte aber eine Zulage von 40 ft. er­halten , wie solches schon die vorige zweite Kammer beschlossen. Auch den Gehülsen der Kreisämter, Actuariate soll eine Erhöhung ihres Gehaltes (etwa ein Fünftel) zu Theil werden.

Minister a. D. v. Dalwigk richtet eine Er­klärung an dieKöln. Ztg." worin er einer Wiener Meldung des genannten Blattes widerspricht, als habe der Herzog v. Gramont im Juli 1870 auch von ihm (Dalwigk)die beruhigendsten Zusagen" erhalten: Ich muß sehr bestimmt in Abrede stellen sagt Herr v. Dalwigk jemals der französischen Regie­rung eine der in fraglichem Artikel angedeuteten Zu­sagen, zumal eine- solcheberuhigendster" Art gemacht zu haben. Es scheint mir auch in der That, daß der Minister eines Landes von dem Umfange des Groß- herzogthums Hessen schon materiell außer Stande ist, einem Staate wie Frankreich Zusagen zu machen, die für solchendie beruhigendsten" sein könnten. Ich brauche nicht anzuführen, daß, wenn solche Zusagen Vorgelegen hätten, ich nicht das 1870 den deutschen Südstaaten gestellte Ansinnen Frankreichs, im bevor­stehenden Kriege neutral zu bleiben, sofort und be­dingungslos, wie geschehen, hätte zurückweisen können. Ich habe den Krieg von 1870 seit langer Zeit als eine unvermeidliche Folge der Ereignisse von 1866 angesehen, und in dieser Voraussetzung schon drei Jahre vor dem Ausbruche desselben einer hohen Person in Paris mit dürren Worten gesagt:Denken Sie nie daran, daö linke Rheinufer zu nehmen. In diesem Falle würden die Parteien in Deutschland verschwin­den, und die Nation würde sich wie Ein Mami zur Vertheidigung ihrer Grenze erheben." ES schien mir damals nicht, daß meine Worte einen angenehmen undberuhigenden" Eindruck hervorbrachten, und sie waren auch wahrlich nicht darauf berechnet. Ich glaube, daß man ein guter Deutscher fein kann, auch

Die Saitmtfimger.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Der Baron v. Menkstern verstand die Kunst, eine Gesellschaft zu unterhalten und zu fesseln, nicht durch seichtes Geplauder, sondern durch interessante Mitthei­lungen und eingehende Urtheile über Personen und Dinge, die Jeden intereffiren mußten.

Selbst Hermine fühlte sich gefesselt, sie sah nicht de» finsteren Blick des Lieutenants, der an den Mit Heilungen des Barons keinen Gefallen zu finden schien, sie hörte schweigend zu und senkte verwirrt die Wimpern, wenn ein Blick aus den großen durch­dringenden Augen des Erzählers sie traf.

Aber ich bemächtige mich da der Unterhaltung," brach der Baron endlich seine Mittheilungen ab,ich dcrgesse ganz"

Bitte Herr Baron, fahren Sie fort," unterbrach ötflu v. Barnitz ihn lächelnd,Sie erzählen so in- leressant, daß es unS Allen Vergnügen bereiten muß, 3hnen zuzuhören."

Der Baron verbeugte sich dankend.

Und was, wenn ich mir die Frage erlauben M, bewog Sie, nach Amerika zu reisen?" fragte Warndorff, die Pause benutzend.

Mein Wunsch, dieses Land kennen zu lernen," ttttiberte der Baron ruhig.Reisen, ferne Länder >Hen, die Sitten fremder Völker kennen zu lernen, ®ar stets mein Lieblingswunsch, und der Erfüllung desselben stand Gottlob nichts im Wege."

IGlücklich der, welcher das sagen kann!" seufzte der Fähnrich.

Wenn eS Dir erlaubt wäre, würdest Du Dir die Türkei anschauen", sagte der Hauptmann, der jetzt Gabel und Messer niederlegte, während der Oberst noch immer tapfer einhicb.

Ja, das würde ich", erwiederte der Fähnrich, träumerisch in sein Glas schauend,weshalb auch nicht?"

Der Major gab seinem Diener einen Wink, er brachte eine bessere Weinsorte.

Rüdesheimer Berg!" las der Oberst, während er mit der Serviette den weißen Schnurrbart säuberte.

Apropos, Herr Baron, man sprach ja vor eini­gen Tagen von der Beraubung einer russischen Gräfin", nahm Frau von Barnitz das Wort,hat man den Thäter noch nicht ermittelt?"

So viel mir bekannt ist, nein", entgegnete der Baron gelassen,auch glaube ich kaum, daß man ihn so bald entdecken wird."

He vertrauen Sie so wenig unserer Polizei?" fragte der Oberst.

Das nicht, aber sie befindet sich nach meiner An­sicht in dieser Angelegenheit auf dem Holzwege. Sie sucht den Dieb hier."

Erlauben Sie Raubmörder!" schaltete der Hauptmann ein,die Gräfin ist bei der Affaire er­mordet worden."

Und man will behaupten, daß die verschiedenen Raubmorde der jüngsten Zeit nur von einer und der­

selben Person verübt worden seien", fügte Frau vow Barnitz hinzu.

So sagt man", entgegnete der Baron achsel­zuckend,man stützte sich darauf, daß stets, und nur reiche Damen dieses Schicksal betroffen habe"

Und daß der Verbrecher mit einer Sicherheit operirt habe, die zur Evidenz feststelle, daß er mit den Wohnungen und der Lebensweise dieser Damen sehr genau bekannt gewesen fein müsse."

Ganz recht, gnädige Frau, aber gerade dies widerlegt jene Behauptung. Ich würde sie weit eher für begründet halten, wenn"

Erlauben Sie einen Augenblick, Herr Baron", sagte der Major, während er fein Glas hinstellte. Johann!"

«Zu Befehl?"

Was ist mit diesem Weine borgegangen?"

Na ja, ich wollte auch schon bemerken, daß er kein Rüdesheimer fei", warf der Oberst ein unv der Hauptmann pflichtete durch ein Kopfnicken dieser An­sicht bei.

Nichts, Herr Oberstwachtmeister", erwiederte Jo­hann ruhig.

Aber es ist der Wein nicht, den ich aus dem Easino erhalten habe!"

Das kann möglich sein, Herr Oberstwachtmeister."

Die Blicke Aller richteten sich auf den Burschen, der das so phegmatisch sagte, als ob er überzeugt sei, daß er in der nächsten Minute sein verdientes Lob ernten werde. (Fortsetzung folgt)