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Mr. 16.

Marburg, Sonntag, den 19. Januar.

1873.

Oberhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckcrei) bezogen 224 Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. texcl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer», für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

auf die Oberhesfische Zei- II tuim, erstes Quartal 1873, werSen von allen Postanstalte» angenommen. Auf dem Lande nehmen auch die Postboten Bestellungen an.

Politische Wochrn-Ueberstcht

Im Abgeordnetenhause fand in der ablaufenden Woche die Generaldiskussion über das neue Eisenbahn- anlehen resp. über die Erweiterung des StaatS-Eisen- bahuuetzes, sowie über eine der neuesten kirchliden Vorlagen des Cultusministers Dr. Falk statt, Die Parleistandpunktc zu dem Gesetzentwurf kamen in der Donnerstagssttzung durch die Reden RcichenspergerS in der nltramontanen Auffassung und DunkerS in der iiberal-doclrinären, sowie in den Reden des Grasen Limburg in der konservativen und Bennigsens in der einer liberalen Realpolitik zum Austrag. Rach fortgesetzter Debatte am Freitag ist die Vorlage an eine besondere Commission von 21 Mitglieder ver wiesen worden. — In Sachsen dauerten die Kämpfe um das Schulgesetz zwischen beiden Kammern fort. — In Würtemberg fand das Einführungsgesctz zum Reichsgesctze über den Unterstützungswohnsitz die Zu stimmung der Abgeordnetenkammer (mit 51 gegen 30 Stimmen). — In Bezug auf die Reichslande Elsaß- Lothringen legte der Reichskanzler dem Bundeörathe einen Gesetzentwurf BettcffS der Bezirks- und Ge mcindevertretung und Kr Wahlen zu Gemeinderäthen vor. Die Bezirksvertrctung wird nach Bildung der früheren Generalräthe, die Kreisvertretung nach Bildung der früheren ArrondissementSräthe zusammengesetzt. Die Bezirks- und Kreistage sollen im Laufe dieses Jahres zusammentreten. - . .

In Oesterreich hat während der augenblicklichen Ruheperiode, welche in parlamentarischen Kreisen durch die Vorberathungen über die Wahlreform nutzbar ausgesüllt wird, die Polemik zwischen Gramont und Lenst, in die nun auch Andrassy eingetreten ist, sowie

Die Bauernfänger.

Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

„Der Sekretär am Polizeibureau verlangt fünfzig Thaler für die Pässe und verschiedene andere Doku­mente."

„Du kannst sie ihm zahlen."

„Das wäre Alle«; haft Du heute Abend beson­dere Dispositionen zu treffen?"

Der Baron entfaltete ein Papier, welches er auf dm Tisch legte.

„Hier findest Du sie", sagte er, „der lange vor­bereitete Einbruch bei dem Commcrzienrath Danner soll in dieser Nacht ausgeführt werden; der Rath hat heute bedeutende Summen eingenommen, die er morgen feinem Banquier übergeben wird. Du weißt, wo der genaue Plan des Hauses liegt, unterrichte die Leute und mache ganz besonders aufmerksam, daß kein Blut stießen darf. Werden sie überrascht, so sollen sie sich augenblicklich zurückziehen."

„Es ist gut."

„Dann soll Schröder morgen früh der heute an- gekommenen Baronin von Frank - aus Paris feine Dienste als Lohndiener anbieten, sie logirt im König- sichen Hofe. Da er sehr fertig Französisch spricht, so wird e« ihm wohl nicht schwer fallen, den Auf­trag auszusühren, er soll mir morgen Abend Bericht erstatlm."

„Wird es der Mühe lohnen?"

„Ja. Sollte im Lause des Abends Dir ein ge winnverfprechendcS Unternehmen aufstoßen, so handle llach Deinem Gutdünken."

Die Unterhaltung stockte, Neuhoff sah die Liste durch, der Baron wanderte gedankenvoll auf und ab.

„WaS hast Du eigentlich mit dem Major vor?" Nahm der Erstere nach einer geraumen Weile wieder das Wort.

Der Baron blieb stehen, die Falten auf seiner Stirn zogen sich drohend zusammen.

„Lieber Freund, Tu bist der Einzige, dem ich •Reine Geheimnisse anoertraue", ermieberte er, „aber diese- Geheimniß wirst Du erst dann erfahren, weim

der Tod Napolen's mehr Staub aufgewirbelt, alS ein politisch stark in Athen« gehaltenes Volksleben zu ge­statten pflegt. Die neubeginnende Thätigkeit des Reichstags wird nun auch diese Dinge bald in den Hintergrund treten lassen.

Der schweizerische Bundesrath ist mit Streitig feiten zwischen dem päpstlichen Nuntius und der genfer Regierung befaßt. Jndeß hat das von der genfer Regierung entworfene neue Gesetz für den katholischen Cultus auch noch keineswegs die Zustimmung des Cantons.

Der Tod des Verbannten in Chislehurst hat in der französischen Republik zwar einen leb haften Eindruck gemacht und den Bonapartisten Ge­legenheit gegeben, das Land daran zu erinnern, daß daS Geschäft Napoleon-Bonaparte unter Firma Eugeuie Theba und Sohn fortgesetzt werden soll; als ein Er- eigniß dagegen wurde die Nachricht weder in repu- pticanischen noch in royalistischen Kreisen behandelt. Daß die Uitramontanen aus dem reuigen Sohn der Kirche Capital für die Jnsallibilität und die weltliche Herrschaft zu schlagen suchen, entspricht der Tradition der frommen Leute. Bedenklicher für Frankreich, als das Confiteor seines entthronten Napoleon III. ist die Augendienerei des Präsidenten der Republik und seines schwachmüthigen Unterrichts-Ministers gegen die Clericalen, weil diese sich dadurch aufgemuntert finden, ihr beliebtes Verlangen nach der ganzen Hand, wenn ihnen ein Finger geboten wird, zu betätigen. Dies zeigt sich in recht schlagender Weise bei den jetzt in der National Versammsung Statt findenden Verhand­lungen über den höheren Unterrichtsrath; die Cleri- calen verlangen ihr „Recht auf den Unterricht" bis zur Regelung der Universität. Die sonstigen Wünsche Thiers' welche von der Dreißiger-Commission berathen werden, nehmen nur einen sehr langsamen Fortgang.

In Italien hat der Tod des Exkaisers Napo-

ich im Begriffe stehe, den entscheidenden Schlag zu führen."

„Du willst ihn vernichten?"

»Ihn?"

Der Baron zuckte die Achseln.

„Was liegt mir an ihm — und doch, auch er muß fallen. Hast Du schon erfahren, daß der Stolz, die Koketterie und Herzlosigkeit eines Mädchens das Lebensglück eines Mannes vernichten können?"

„An mir selbst nicht."

„So danke Gott dafür. Sieh, ich war in meinen Jugendjahren ein strebsamer, fleißiger Mensch, ich besaß tüchtige Kenntnisse, ernsten Willen und einige Mittel. Ich liebte und glaubte mich wieder geliebt. Es war ein Wahn, auf den ich meine stolzen Lust­schlösser baute. Und als der Traum zerrann, als ich erkannte, daß die Geliebte mit meinen Gefühlen ein frevelhaftes Spiel getrieben hatte, da--ha, noch

klingt ihr Hohnlachen mir in den Ohren, mit welchem sie meine gerechten Vorwürfe erwiderte! Damals ge­lobte ich mir, Rache zu nehmen, und bei Gott, ich will mein Wort einlösen. Ich konnte die Schmach nicht überwinden, die Arbeit widerte mich an, nirgends fand ich Raft noch Ruhe. Ich mußte Europa ver­lassen; Gründe, die meiner inneren Zerfallenheit ent­sprangen , nöthigten mich dazu und mit Entsetzen be­merkte ich, daß ich im Begriff stand, die Bahn des Vagabunden zu betreten. Da raffte ich mich auf, der Gedanke an die Rache kräftigte mich und so bin ich nach zwanzig Jahren geworden, was ich bin, das Haupt einer Räuberbande."

Mit steigender Erbitterung hatte der Baron diese Worte gesprochen, ter Ton seiner Stimme verrieth die innere Unzufriedenheit und Zerfahrenheit.

„Na, eine ehrliche Existenz ist cs nach den Begriffen der Gesetzgeber nicht", erwiderte Neuhoff gelassen, „aber es ist immerhin eine Existenz, mit der Du zu­frieden sein kannst."

„Ein Kartenhaus, welches zusammenbrechen und mich unter seinen Trümmern begraben wird."

„Bah, wenn man die Augen offen hält, weiß man stets, woher der Wind weht."

„Nein, nein, ich sehe daö Ende voraus und mache

Icon einen großen Eindruck hervorgebracht. Der König hat eine zwölftägige Hoftrauer befohlen und sandte den General Piola-Caselly in Begleitung von drei Offizieren nach Chislehurst, um der Bestattung beizu­wohnen. Alle Blätter sprachen mit großer Anerkenung von dem Verstorbenen, selbst die clericalen mit großer Mäßigung, und die „Unita Cattolica" erschien sogar mit einem Trauerrande. Nur die republikanische Ca- pitale ist unerbittlich gegen de» Tyrannen, der die römische Republik von 1848 gestürzt und die Helden von Mentandgxschlagxn hat. — Das Parlament trat am 10. Januar wieder zusammen.

Chislehurst ist der Wallfahrtsort von Tau­fenden geworden, welche aus Neugier oder alter An­hänglichkeit den tobten Kaiser noch einmal sehen wollten. Das Leicheubegängniß hat am 15 Jan. stattgefunden und Napoleon III., in den Tuilerieen geboren, ruht jetzt in der kleinen Marienkirche, indem er seinem Lande außer ven Folgen des Krieges nut noch die traurige Erbschaft bonapartiftischer Agitationen hinter­laßt. Die Politik hat inzwischen auf der britischen Insel wieder einmal große Blasen auffteigen lassen; hochtönende Warnungen erschollen aus der Presse den Russen entgegen, die einen neuen Feldzug in daS Herz Centralasiens hineintragen, und sogar das ominöse Wort casus belli trat in stolzen Lettern zu Tage. Die Blasen sind jedoch bald geplatzt, und allem An­scheine nach hat der Abgesandte des Czaren, Graf Schnrvaloff, die englischen Minister über die Pläne Rußlands im fernen Asten zu beruhigen gewußt, ins­besondere ihnen versichert, daß sie für Afghanistan nicht zu fürchten brauchten, da es ja nicht einmal die Absicht der russischen Regierung sei, Khiwa ihrem Ge­biete einzuverleiben. — Die große Arbeitseinstellung in den Eisen- und Kohlenbezirken deS südlichen Wales ist leider noch nicht zu Ende, und die blasse Roth beginnt in Die Wohnungen der Feiernden einzuziehen.

mir keine Illusionen. Aber gleichviel, kommt dieses Ende, so werde ich fallen wie Hannibal und die Ge­wißheit mit mir ins Grab nehmm, daß ich nicht um­sonst gelebt habe. Der Menschheit schadet eS nichts, wenn--es klopft, geh' und laß unfern Frei-

Herrn ein."

Neuhoff ging kopfschüttelnd hinaus, er kehrte gleich darauf in Begleitung Liebrecht's zurück.

„Nun, was bringen Sie mir?" fragte der Baron kühl.

„Die Einladung", erwiederte Liebrecht, „der Major von Barnitz fühlt sich geehrt, Sie als seinen Gast —"

„Und so weiter", unterbrach der Baron ihn ruhig. „Ward es Ihnen leicht?"

„Leichter, als ich glaubte.“

„Berichten Sie mir."

„Ich war gestern Morgen bei ihm, um seine Wappensammlung zu bewundern; eS gelang mir, durch Versprechungen seine Gunst in so hohem Grade zu erwerben, daß er mich seinen Damen vorstellte.“

„Ich weiß das, Sie sagten es mir gestern Abend im Cafe de Paris.“

„Ganz recht. Frau von Barnitz war Anfangs höflich und kühl, einige Schmeicheleien verfehlten die beabsichtigte Wirkung nicht.“

„Und das Fräulein?“

„Ich kann ihr keinen Geschmack abgewinnen.“ „Dieser schönen und geistreichen Dame nicht?“ „Schöir ist sie freilich, aber ihren Geist ließ sie nicht leuchten, sie war kalt und einsilbig. Gestern Abend traf ich mit dem Major wieder zusammen, er muß wohl mit seinen Damen über Sie gesprochen haben, denn er äußerte den Wunsch, daß ich Sie vorstellen möge. Ich versprach, diesen Wunsch zu er­füllen und erhielt heute Morgen die Einladung für Sie und mich zürn Souper.“

„Auf heute Abend?“

„Acht Uhr.“

„Gut, so gehen mir.“

Der Baron wechselte leise noch einige Worte mit seinem Vertrauten, bann verließ er in Begleitung LiebrechtS die Schenke.

(Fortsetzung folgt.)