Mr« IS. Jllarßurg, Sonnabend, den iS. Januar. 1873.
Oberhessische Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 22 i Sar. durch die Postämter 27 Sgr. (erd. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer», für das Ausland exd. Stempel 22 Ser. - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.
Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Die Unterzeichner erklären ihre Uebereinstimmuntz mit Sydow in allen Sticken, welche dessen Absetzung begründen sollen.
Pillau, 15. Jan. Zum Weiterbau der hiesigen Moolen resp. zu einem Petroleumhafen sind, gutem Vernehmen nach, von dem Handelsminister 200,000 Thlr. bewilligt worden.
Wiesbaden, 15. Jan. Gestern war der Vorsitzende des Main Lehrerbundes im Auftrag des Vorstandes desselben bei dem hiesigen Landrath, um mit demselben über die Befoldungs - Aufbesserungen im Main-Kreis zu sprechen. Landrath Raht erklärte, er habe den besten Willen; allein die Lehrer des Kreises müßten sich eben noch gedulden, da die Berichte über freiwillige Aufbesserungs - Anträge Seitens der Ge- meinderäthe noch nicht von allen Bürgemeistern eingegangen sind. Sobald dies geschehen, solle im ganzen Kreis von den Beamten diese Angelegenheit gemeinschaftlich mit den Amtöbezirksräthen zum vorläufigen Abschluß gebracht werden. — Der Gesammt-Gewinn der Spielbank in dem Jahre 1872 beträgt 2,800,000 Gulden, der Wintergewinu 675,000 Gulden, die Winter-Dividende 20 pCt.
_ Malchin, 15. Januar. Da- Ansuchen der Stände um Aussetzung der Verfassungsverhandlungen ist durch den Großherzog genehmigt worden.
Darmstadt, 15. Jan. Wie die „Fr. Pr." aus guter Quelle vernimmt, ist der berühmte Pädagog, Prof. Dr. Stoy von Heidelberg, zur Organisation unseres Volksschulwesens von der Regierung berufen worden. Ebenso verlautet, daß in nächster Zeit durchgreifende Reformen und Personalveränderungen auf dem Gebiete des höheren Schulwesens zu erwarten seien.
Karlsruhe, 14. Jan. Großes Aufsehen macht die am Samstag vollzogene Verhaftung von drei ultramontanen Agitatoren, welche seit Monaten die Seegegend zum Schauplatz ihrer wühlerischen Thätigkeit gemacht haben. Es sind dies die Herren Kaplan Werber in Radolfszell, Arzt Schachleitner in Bodmann und Stiftungsverwalter Edelmann in Constanz. Die Haft ist eine sogenannte Collusionshaft, d. h. sie soll verhülen, daß die Ängeschuldigten sich vorher über ihre Aussagen vor dem Untersuchungsrichter verabreden. Die Anklage wurde durch die großherzogliche Staatsanwalt
schaft wegen Vergehen- gegen die öffentliche Ordnung im Sinne des § 131 des R.-Straf-Ges. erhoben und soll sich auf Reden gründen, welche die Genannten bei einer ultramontanen Bauernversammlung zu Gasenhofen am 15. v. MtS. gehalten haben. Die Verhafteten sind sämmtlich im Anitögefängniß zu Radolfszell untergebracht nnd führt das dortige Amtsgericht die Untersuchung. — In unserem amtlichen Blatte ist eine Verfügung wegen etwaiger Hoftrauer aus Anlaß des Todes Napoleons III. noch nicht erschienen. Die Verwandtschaft unseres Fürstenhai seS mit der napoleonischen Familie ist bekannt.
Straßburg, 12. Januar. Die Auszahlung der Entschädigung der früheren Inhaber käuflicher Stellen rc. in Elsaß-Lothringen bauert bereits seit 28. De- cember v. I. ohne Unterbrechung fort, und wird die ganze in elsaß - lothringischen Staatsobligationen zur Zahlung kommende Summe jedenfalls 20 Millionen Frcs. übersteigen. Bis jetzt sind schon etwa 4 Millionen Frcs. zur Auszahlung bei dem nach dem Gesetze vom 10. Juni gebildeten „Bureau für Schuldenverwaltung" gekommen.
Metz, 15. Januar. Die au- französischen und deutschen Beamten zusammengesetzte Commission, welche die neue Gränze zwischen Deutschland und Frankreich festzustellen und abzustecken beauftragt war, hat dieser Tage ihre Arbeit beendigt. Die neue Gränze ist durch 1,04 Meter hohe und gegenseitig 100 Meter entfernte Steine bezeichnet und ist es mit zwei Ausnahmen gelungen, die Gränzlinie so zu ziehen, daß sie keineOrtsgemarkungen durchschneidet.
Ausland.
Wien, 15. Jan. Dem Gesandte» der Pforte in London ist, dem Vernehmen nach, von der türkischen Regierung die telegraphische Weisung zugegangen, gegen die „Times" wegen der Veröffentlichung des angeblichen Circulars Khalil Pascha's über die Uni- ficirung der türkischen Staatsschuld den Prozeß einzuleiten. — Durch mehrere Blätter geht die Nachricht, Rußland habe durch seine Vertreter im Auslande ofsicielle Aufklärungen über die Politik des CabinelS von St. Petersburg Khiwa gegenüber gegeben. Im hiesigen auswärtigen Amte ist von einem derartigen diplomatischen Schritt nichts bekannt, und nach der
föoftoYfltttrtPlt auf öic Oberhessische Zet- öCflVUUntjVIl tung, erstes Quartal 1873, werden von allen Postanstalten angenommen. Auf dem Lande nehmen auch die Postboten Bestellungen an.
Deutsches Reich
Berlin, 16. Jan. Der Reichskanzler hat beim Bun- deSrathe den Antrag gestellt, die Gebühr für die extraordinären Zeitungsbeilagen auf die Hälfte des bisherigen Satzes, nämlich auf V2 Pfennig (7/48 fr.) pro Beilageexemplar herabzusetzen und zugleich die Postbehörde zu ermächtigen, bei Sendungen in großen Partien einen Rabatt von 50 pCt. dieses Satzes eintreten zu lassen. Die bisherige Gebühr hat sich nämlich in der Praxis als zu hoch erwiesen nnd hat verhindert, daß von dieser sonst erwünschten Einrichtung ein ausgedehnterer Gebrauch gemacht wird. — Ebenso sollen die Postmandatsgebühren auf 5 Sgr. (bis jetzt 7 Sgr.) bei Beträgen bis 25 Thlr. und auf 7 Sgr. (jetzt 9 Sgr,) bei Beträgen über 25 bis 50 Thlr. ermäßigt werden, damit das Publikum von diesem bequemen Zneassomittel immer noch umfassenderen Gebrauch machen könne. Statistisch ist festgestellt, daß im Jahre 1872 durch die Postanstalten 140,000 Mandate im Gesammtbetrage von 3,300,000 Thlr. befördert worden sind. — Die deutschen Ausstellungs-Commissionen find gegenwärtig mit den Vorbereitungen für den Transport der Ausstellungsgegenstände nach Wien beschäftigt. Wie wir vernehmen, beabsichtigt die Central- Commission für den Transport die Zeit von Mitte Februar bis 20. März zu bestimmen. Sie wird demnächst auch die Art des Transportes im Allgemeinen regeln. Im Einzelnen ist die« den Landescommissivnen überlassen; für Preußen hat das hiesige Speditions- haus Phaland und Dietrich den Transport übernommen.
— Die Summe, welche die Regierung durch eine demnächstige Vorlage bezüglich der Bewilligung außerordentlichen Mittel zur Abhülse für den Nothstand der durch die Sturmfluthen Beschädigten verlangen wird, beträgt, wie aus sicherer Quelle verlautet, 3 bis 4 Millionen. — Die Morgen-Zeitungen veröffentlichen eine von zwölf Berliner Geistlichen unterzeichnete Eingabe an den Oberkirchenrath, welche beantragt, die Amts-Entsetzung Dr. Sydow's zu eassiren.
Dir Bauernfänger.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Thun Sie e- nicht, Herr Baron," sagte er, »wenn der Herr Fähnrich einen eigenen Harem an- kegen könnte, würde er zum MohamedanismuS über- Ireten."
„Es wäre möglich," versetzte der Fähnrich, „Mohamed war ein kluger Mann."
. „Geh' hin Eduard," rief der Hauptmann, „Du würdest Deine Melancholie dort rasch verlieren."
„Sie erwähnten vorhin des BaronS v. Menk- fkrn," nahm der Major daS Wort, „ich erinnerte wich nicht, daß ich den Herrn kenne, und habe doch stmen Namen schon oft gehört."
„Ich lernte ihn vor einem Jahre in Madrid kennen," mviderte der Freiherr, „wenn eS Ihnen Vergnügen wacht, stelle ich ihn vor."
„Sie haben ihn schon oft gesehen, Herr Oberst - Wachimeister," sagte der Oberst, „wenn ich nicht irre, wntten Sie ihn sogar hier kennen."
„Wann war das?"
„Nun, ich glaube, kurz nachdem wir aus dem Ma- ttiver zurückgekehrt waren."
„Ganz recht," sagte der Hauptmann, „er saß hier an unserem Tische. Erinnern Sie sich des Herrn nicht mehr? Gr trug einen kostbaren Brillantring "
„Ach ja — na, ich habe ihn nicht beachtet, ging auch an dem Abend ziemlich früh heim."
Der Major erhob sich nach diesen Worten eS war nahe an Elf.
. Der Oberst begleitete ihn, und der Freiherr entfernte sich gleich darauf ebenfalls.
„Was haltet Ihr von ihm?" fragte Warndorf leise.
»Gin interessanter Mensch," erwiderte der Fähnrich.
„Auf Ehre, er hat Vieles erlebt, was Unsereins niemals erleben wird."
»Ich glaube, daß wir Alle das erleben können," bemerkte der Lieutenant sarkastisch, „ist es Dir denn nicht klar geworden, daß er ganz gewaltig ausgeschnitten hat?"
„Ausgeschnitten?" fragte der Hauptmann bestürzt.
Warndorff nickte.
„Der ist so wenig im Harem des Sultans gewesen, wie ich," fuhr er fort, „und ich möchte sehr bezweifeln, daß er überhaupt die Türkei gesehen hat "
„Das wäre ja eine verwegene Kühnheit," ries der Hauptmann. „Aber ich kcmns nicht glauben, er macht nicht den Eindruck eines Schwindlers."
„Und raucht wundervolle Cigarren," fügte der Fähnrich hinzu.
„Was beweist das?" spottete Warndorff.
„Daß er reich sein muß "
„Bah — ich habe Manchen gekannt, der keinen Groschen in der Tasche batte und trotzdem ein Leben führte, wie unser Herrgott in Frankreich," sagte der Hauptmann, während er die lange Nase über das volle GlaS hielt. „Aber von der Sorte ist der Freiherr v. Wittgenstein nicht, fein nobles Auftreten und seines Benehmen verrathen den Edelmann vom reinsten Waffer."
„Ein Edelmann kann sich selbst in Lumpen verleugnen."
„Brechen wir ab," sagte Warndorff verstimmt, „die Zeit wird lehren, wer Recht hat."
„Du fürchtest wohl, daß er Dir ins Gehege kommen könne?" fragte der Fähnrich.
„In wie fern?"
„Na, der Major hat ihn einzeladen, Fräulein v. Barnitz wird ihn kennen lernen, eS kommt nun darauf an, welchen Eindruck er auf die Damen macht."
„Eduard hat Recht," sagte der Hauptmann nachdenklich, „Du darfst da- nicht so leicht nehmen. Wie weit ist überhaupt die Angelegenheit gediehen?"
„Nicht weiter, als sie vor vier Wochen schon war," entgegnete Warndorff unmuthig, „ich darf ja nicht wagen, offen mit der Sprache herauSzurückm."
„Und weshalb nicht? Selbst ist der Männl"
„Ja wohl!" sagte der Lieutenant bitter. „Mit Fräulein v. Barnitz bin ich im Reinen, bei ihr hebt mich Niemand mehr aus dem Sattel und der Major wird mich nicht zurückweisen, davon darf ich überzeugt sein; aber die Sympathie der gnädigen Frau fehlt mir und ich werde sie mir nie erwerben, jo lange meine Verhältnisse sich nicht gebeffert haben."
„Nun, nun, wenn der Major Dir seine Zusage gibt —"
„Er gibt sie nicht, ohne die Zustimmung seiner Gattin."
Der Hauptmann schüttelte bedenklich sein eckiges Haupt.
„Dann allerdings ist'S noch etwas faul im Staate Dänemarck," sagte er, und der Fähnrich erlaubte sich: „Sehr faul!" hinzuzufügen. „Aber Geduld und guten Muth, wenn Fräulein v. Barnitz Deine Verbündete ist, darfst Du den kommenden Dingen ruhig entgegen sehen."
Warndorff warf einen Blick auf die Uhr und traf Anstalten zum Aufbruch; Mitternacht war schon nahe.
Die Trostgründe des Hauptmanns konnten ihn tiicht beruhigen, er kannte den Charakter, den Stolz und Ehrgeiz der Frau v. Barnitz und wußte nur zu gut, daß er an ihr eine gefährliche Gegnerin seiner Hoffnungen und Wünsche besaß.