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Marburg, Freitag, den 17. Januar.
1873.
Oberhessische Zeitung.
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sie einzuschränken, damit wir neben einander Platz haben, damit wir in Ruhe mit einander leben könne». (Prov.-Corr.)
6Mf die Oberhessische Zei- [ÖVfrtUllUUV II tung, erstes Quartal 1873, vcrSe» von allen Postanstalten angenommen. Auf dem Lande nehmen auch die Postboten Bestellungen au.
Die kirchlichen Vorlagen.
Der Landtag wird in den nächsten Tagen an seine wichtigste diesjährige Aufgabe herantreten, an die Be- rathung dcr kirchlichen Gesetze.
ES handelt sich dabei um eine der höchsten und schwierigsten politischen Aufgaben überhaupt, um die Wahrung der Staatshoheit und dcr Siaatsinieressen gegenüber der-inneren Selbständigkeit der Kirche.
Wenn die preußische Regierung es nach dem Er laß der Verfassung vom 31. Januar 1850 im Ver trauen auf die damaligen Beziehungen zu den kirchlichen Gewalten zunächst unterlassen hat, den Artikel 15 der Verfassung, nach welchem „die evangelische und die römisch kaiolische Kirche, sowie jede andere Rclie gionsgesellschaft ihre Angelegenheiten selbständig ordnen und verwalten", in seiner Bedeutung und Tragweite durch ausdrückliche Ausführungsbestimmungen (wie sie sonst fast zu allen ähnlichen Verfassungsartikeln ergingen) näher festzustellen, so ist seit dem Beginn der neuesten katholischen Wirren immer entschiedener die Nothwendigkeit hervorgetreten, durch unzweideutige Staatsgesetze alle diejenigen Gebiete zu regeln, auf welchen sich kirchliche Interessen mit den Bedürfnisien und Forderungen deS staatlichen Lebens berühren.
Je weiter aber der Gegensatz der jetzigen Stellung des römischen Stuhls zu den bürgerlichen Gewalten sich entwickelt hat, desto mehr trat auch hervor, daß es sich bei jener Regelung nicht lediglich um eine Aus fühcung, sondern theilweise um eine Aenderung des Artikels 15 der Verfassung handeln muffe.
Die katholische Kirche ist durch die Beschlüsse des Vatikanischen Concils in ihrer Stellung zu den welk sichen Staaten eine andere geworden, als sie zu der
Zeit des Erlasses der Verfassung war. Schon während des Concils hatte die deutsche Regierung in Uebereinstimmung mit anderen Großstaaten darauf hingewiesen, daß durch die in Aussicht genommenen Beschlüsse die Beziehungen der geistlichen zur weltlichen Macht tief berührt und erheblich verändert werden würden. Im Vertrauen auf den gesunden Sinn unseres Volkes und auf die festgegründete Kraft un sereS Staatswesens hatte sie jedoch davon Abstand genommen, ihrerseits die Grundlagen der staatlichen Beziehungen zur Kirche zu verändern, so lange nicht in dem thatsächlichen Verhalten der Geistlichkeit unmittel bare Anlässe dazu hervorträten.
Es bedarf kaum eines erneuerten Hinweises da raus, in welch unerwartetem Maße die Nothwendigkeit einer neuen Regelung sich inzwischen geltend gemacht hat, in welchem Maße besonders die veränderte Stellung des katholischen Clerus hervorgelreten ist. „Der Clerus ist", wie der Cultus-Ministcr sagte, „innerlich und äußerlich abhängig geworden von Mächten, die außerhalb unserer Nation stehen, und denen daö na tionalc Bewußtsein darum fremd ist." Diese veränderte Stellung des Clerus durste bei der beabsichtigten Regelung nicht außer Acht gelassen werden; — es müssen durch bi< Gesetzgebung verstärkte Bürgschaften gegeben werden, daß die Selbstständigkeit der Kirche nicht die Erfüllung der unerläßlichen Aufgaben des Staates beeinträchtigen könne.
Auch jetzt liegt eö der Staatsregiemng fern, sich in die eigentlichen inneren Angelegenheiten dcr Kirche und in die Glaubensfragen zu mischen, sich etwa auf eine Leurtheilung und Würdigung der vom Concil verkündeten Glaubenssätze cinzulasstn. Aber wir können den Anspruch auf die Ausübung eines Theils der Staatssouveränetät den geistlichen Behörden nicht einräumen, und so weit sie dieselbe etwa besitzen, sehen wir im Interesse deS Friedens nns genöthigt^
Deutsches Strich.
•• Berlin, 15. Jan. Dec evangelische Ober» Kirchenrath hat durch einen Erlaß angeordnet, daß von den Geistlichen die Niederlegung einer schon geführten Schulaufsicht, sowie die Ablehnung einer von der Staatsbehörde ihnen neu angetragenen Schulaufsicht nur nach eingeholter Zustimmung des zuständigen Consistoriums vorzunehmen ist. Eine besondere Genehmigung zur Fortlührung resp. Uebernahme einer Schulaussicht innerhalb der Parochie des Geistlichen resp. der Ephorie des Superintendenten bedarf eö nicht. Dagegen ist die Genehmigung jedesmal einzuholen, wenn ein Geistlicher die Function als Lokal- Schul-Jnspector außerhalb seiner Parochie, resp. ein Superintendent die Function des Kreis-Schul-Jnspec- tors außerhalb seiner Diöcese übernehmen will. Sobald einem Geistlichen von der Regierung die Schul - Inspektion entzogen wird, ist darüber von dem Betreffenden an das Consistorium Anzeige zu machen. Was die aus Kirchenkassen bisher für Acte der Schulaufsicht, wie Visitationen, Lehrer-Einführungen rc., geleisteten Zahlungen betrifft, so erklärt es der evangelische Ober-Kirchenrath für unbedenklich, dieselben, so lange die Aufsichts-Function in Verbindung mit dem bisher damit betrauten Amte bleibt, unverändert fort zu entrichten. — Das landwirthschaftliche Museum ist in dem abgelaufenen Quartale durch Ankäufe und Geschenke nicht unerheblich erweitert worden. Von den Ankäufen ist eine größere Collection von Werkzeugen und Geräthen für Obst- und Gartenbau, ein fünf- schariger verstellbarer Saatpflug rc., von den Geschenken ein größeres Sortiment vorzüglicher Kartoffeln, sowie Kartoffel-Bestände, welche künstlich gebildet worden
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88,.;.
Die Bauetnsänger.
Novelle von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Sie scherzen", sagte er, „diese Siegel haben einen nicht unbedeutenden Werth."
„Für den Sammler, Herr Oberst-Wachtmeister."
„Aber ich darf das nicht annehmen —"
„Na, fo geben Sie eine Flasche Wein, dann ist die Sache abgemacht", unterbrach ihn der Oberst.
Der Major reichte dem Freiherrn dankend die Hand.
„Drei Flaschen Rüdesheimer-Berg!^ rief er dem derbcieilcnden Kellner zu.
„In Eis!" donnerte der Oberst dem Davoneilcn- dcn nach.
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t »Der wird Dich curiren, Eduard", sagte der Haupt ?nun, „vor dem Feuergeist dieser Sorte muß Deine s Melancholie zerrinnen, wie der Herbstnebel vor den Sonnenstrahlen."
»Ter Herr Fähnrich ist melancholisch?" fragte der Oberst, während er in das Cigarrenetui des Freihcrrn &Off’ „Der Teufel, Herr Fähnrich von Schack, das m eine schlechte Angewohnheit, die Sie ablegen müssen, d>cnn Sie die Epauletten tragen."
„O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen", warf Warn W ein. „Gönnen Sie ihm das Vergnügen, Herr Oberst, die schöne Zeit der ersten Liebe bleibt ja nie Mils^ewig grün!"
Dem Fähnrich schoß daß Blut in die Wangen.
„Wenn ich nun in derselben Weise über Dich Pvtlen wollte?" fragte er gereizt. „Du forderst mich heraus und solltest doch bedenken, daß Dein Zehnen und Hoffen ebenfalls Stoff zu sarcastischen Bemerkungen und Witzeleien bieten kann."
Der Premier-Lieutenant schüttelte das Haupt.
»Du mußt einen Scherz verstehen können", ent ^SNetc er, „und im Grunde ist ja Dein Abenteuer ichts weiter, als ein harmloser Scherz, den Meidinger k. einer Anekdote verarbeitet haben würde. Räche
"h dcßhalb nicht an mir in der Weise, welche Tu Hi-'N h Qnb®utctcft' be* Gott ich würde es nicht ruhig »i. »®° schweige auch Du endlich", sagte der Fähn- unwillig."
„Es ist schade, daß ich das nicht früher wußte", nahm der Freiherr das Wort, während er das Bouquet des Weines einsog und die Farbe betrachtete, auf meinen Reisen in Rußland, Spanien, England und der Türkei hätte ich manche Gelegenheit gefunden, mir interessante Siegelabdrücke zu verschaffen. Aber ich werde meinem V-rwalier darüber schreiben, er soll in Prag und Brünn in den Archiven nachforschen, ich zweifle nicht, daß der Erfolg die Mühe lohnen wird."
„Die Auslagen vergüte ich gern“, erwiederte dcr Major, „ah — Sie müssen meine Sammlung sehen, Herr Baron, sie wird Sie gewiß interessiren." —
„Wenn ich mir die Ehre schenken darf —"
„Ich bitte darum, bestimmen Sie nur die Stunde, in her ich Sie erwarten darf."
„Bitte, ich kann über meine Zeit verfügen."
„Ich ebenfalls."
„Nun wohl, so haben Sie die Güte, die Stunde zu bestimmen"
„Wenn Sie es wünschen, morgen Vormittag."
„Ich werde so frei sein."
„Sic waren auch iii dcr Türkei?" fragte der Hauptmann.
Dcr Freiherr verbeugte sich.
„Ein schmutziges Land ohne Cultur und Civili- sation", sagte der Oberst wegwerfend.
„Nicht so sehr wie eS verschrieen ist", erwiederte der Freiherr, „ich habe den Sultan auf Mänches auimerksam gemacht und höre, daß er meine Winke benutzt hat."
Die wafferblauen Augen des Fähnrichs ruhten unverwandt auf dem Freiherr».
„Haben Sie auch den Haren^ des Sultans gesehen?" fragte er schüchtern.
„Gewiß", sagte der Freiherr ruhig, „und ich versichere Sie, daß es ein gefährliches Unternehmen war. Ich hatte einen Eunuchen bestochen, — kennen Sie einen Eunuchen?"
„Persönlich nicht."
Das Lachen der Anwesenden trieb dem Fähnrich abermals das Blut in die Wangen.
„Eunuchen nennt man die Wächter des Harems," fuhr der Freiherr fort.
„Ja, ja, das weiß ich," unterbrach der Fähnrich ihn ungeduldig, „also Sie haben einen dieser Wächter bestochen?"
„Ja. Er führte mich in den Harem, natürlich trug ich die Kleidung und den dichten Schleier einer Haremsdame. Ich mußte mich hinter einen Teppich, der als Vorhang diente, verstecken, und konnte von hier aus das Leben und Treiben beobachten. Ich sage Ihnen, es waren reizende Odalisken, blendende Schönheiten, die da vor meinen Augen scherzten, sangen und tanzten."
„Sie Glücklicher."
Die Worte waren den Lippen des Fähnrichs unwillkürlich entschlüpft und zwar in einem Tone, der den Herren zu einem fast wiehernden Gelächter Veranlassung gab.
„So sehr glücklich schätzte ich mich in jenem Augenblick nicht," fuhr der Freiherr fort, „wenn ich entdeckt wurde, war mein Leben keinen Silbergroschen werth."
„Ter Sultan war —"
„Ec saß und rauchte und schlürfte seinen Mokka, während die Sclavinnen tanzten."
„Nun, und nachher?"
„Was nachher?"
„Die Geschichte mit dem Schnupftuch."
„Na, Eduard, Du bist gar zu neugierig," lachte der Hauptmann.
„Ach — Sic meinen, ob diese Geschichte auf Wahrheit beruht?" fragte der Freiherr. „Ganz gewiß; ich sah, daß der Sultan einer OdaliSke, die für meinen Geschmack etwas zu üppig war, ein seidenes Tuch zuwarf, darauf verschwanden die Beiden in einem anstoßenden Raum."
„Und Sie?"
„Nun, ich blieb."
„Bei den Odalisken?"
„Nur bei einer, Herr Fähnrich, wenn Sie einmal hinkommen, werde ich Ihnen die Adresse ves Eunuchen geben."
Der Oberst v. Horn lachte, daß ihm die Thränen über die Wangen rannen.
(Fortsetzung folgt.)