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Marburg, Dienstag, den 14. Januar.

1873.

! Oberhessische Zeitung.

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Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 22 J Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und inet Stempelsteuer», für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr. Jnsertionsgcblihr für die gespaltene Zeile 1 Sgr.

Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

die Dberhessische 3et- löCfrCUllllflW- II tuug, erstes Quartal 1873, Wtr8tn von allen Postaustaltc» angenommen. Aus ,em Lande nehmen auch die Postbote» Bestellungen an.

Deutsches Keich.

»r» Berlin, 11. Januar. Seit der Ernennung des Grafen Roon zum Präsidenten des Staalsmi- mstiriums wird dieses Thema als eine unerschöpfliche Quelle in tertff anter oder wenigstens die Beachtung der Leichtgläubige» auf sich ziehender Berichte von allen erfinderischen Köpfen des JournalistenstandeS auSgibeuttt. ES ist nicht ohne Interesse, die mannig­fachsten Darstellungen der Vorgänge, welche den Em- fcheiduligeu zu Grunde liegen und vorangeganzen sein sollen, in den verschiedenen Blättern zu verfolgen und zu vergleichen. Natürlich wollen die Bericht­erstatter und Urheber dieser Combinationen immer ganz genau die innersten Gedanken und Geiühle der betreffenden Staatsmänner, womöglich auch des Kaisers selbst kennen. Auch offenbare Widersprüche und leicht erkennbare Einstellungen werden darin nicht gescheut, nenn die Erzählung nur dem Gros der ß.fer impo mrt Bisher haben" sich auch vorzugsweise unbedeu tendere Blätter solche Fabeln aufvinden lassen, und die Motive ihrer Erfindung warm weniger böswillig als ein Ausfluß von Unzuverlässigkeit. Um Interessantes berichten zu können, ging man über andere Bedenken leichter hinweg. Weniger unschuldig aber ist eS, wenn sich ein geachtetes großes Organ, wie dieKöln. Zig ", zur Verbreitung solcher in persönlich böswilliger Absicht tenveneiös gefärbter Darstellungen brauchen läßt, wie das j tzt geschehen ist. In Nr. 10, II Blatt läßt sich dieKöln. Ztg." aus, wie sie bemerkt, guter" Quelle ein Bild von den Vorgängen, Mo­tiven und handelnden Personen in dieser Regierungs- krisis entwerten, zu welchem offenbar entschiedenes Uebelwvllen und feindliche Absicht gegen den Grasen Eulenburg den Pinsel geführt haben. Wenn man tieierguten" Quelle derKöln. Ztg." Glauben schenkin wollte, uäre eigentlich Graf Eulenburg spe- cieU Gegenstand des Mißtrauens und Widerstrebens des ReichskaiizlerS gewesen, als Führer der Majoiiläl in brr Herrenhaus und Kreisordnnngssrage, während der Kriegsminister Graf Roon mit d.m Fürsten Bis-

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marck die Herrenhaus Reform und andere Pläne, gegen die Majorität vertreten habe, die unter Führung des Ministers des Innern von der Majorität des Mi­nisteriums durchkreuzt worden seien. Daß diese Dar­stellung den Stempel der böswilligen Erfindung an der Stirn trägt, ist leicht zu erkennen, und ihre Auf nähme in derKöln. Ztg." daher zu bedauern. Wenn dieKöln. Ztg." dabei in Eiwägung gezogen hätte, daß die Verbreitung solcher fing'rter Differenzen int Schvoße der Regierung unmöglich zur Förderung des Ansehens beitragen können, würde sie diesen Artikel wohl einer strengeren Prüfung vor der Aufnahme unterworfen haben. Wozu unbegründetes Mißlrauen erwecken? Graf Eulenburg hat kürzlich im Avgeord uetmhauS Thatsachen und Thaten deS jetzigen Mi­nisteriums verheißen, welche besser sein sollten, als theoreliiche AuSsührungeu über ein Programm; nun diese Thaten sind schon gefolgt und liegen der Be- urtheilnng vor. Die drei kirchenpolitischen Gesetzent würfe siudganze Arbeit", wie ein hiesiges liberales Blatt mit Recht sagt; sie sind feste Säulen uut> Stützen der Staatssouveränität gegen die Uebergriff hierarchischer Herrschsucht, wie sie noch keine Regie tung einschneidender und wirksamer gegeben hat, da­gegen ist die Waffe des ultramontanen Verdächtigens uno Wühlens stumpf. Ein Gesetzentwurf zur Be­schränkung der Betheiligung von Beamten an Actien Unternehmungen wird bereits im Ministerium des Innern auSgearbeitet und demnächst zur Berathuug kommen.

27 Prediger, darunter 5 Berliner, veröffent lichen anläßlich des gegen Sydow etngcfeblagtnen Ver­fahrens eine Erklärung, zu welcher sie nicht durch die Solidariläl einer Lehrfreiheit, sondern die Solidariiäi der Glaudeuseinheit und durch die sie in gleicher Weise treff,noe Verkümmerung der evangelischen Lehr sreiheit gedrängt werden. Die Unterzeichner erkennen in ter heiligen Schrift, insbesondere im neuen Testa­mente die alleinige Quelle und den alleinigen Strom des Christenöglaubeus, sie wahren sich aber die freie Forschung in der heiligen Schrift: Sie sehen in den Hauptiymbolen der Kirche den ihrer Zeit angentiffenen AuMuck über Lehre und V rfassung und leben und wisM sich mit dem Vorschreiten derselben in geschicht-

lichem Zusammenhänge, aber sie erkennen darin keine, für alle Zeiten bindenden Glaubensgesetze, auf Grund deren kirchliche Behörden oder gar die jetzigen, in ihrem Bestände ganz unbefugten Synodal-Versamm- lungen Anklagen erheben und Aufschließungen a»S- fprechen dürften. Gestern sand im Bürgersaale deS neuen Rathhauses eine von wohl 11/2 Tausend Per­sonen aus de» gebildeten Kreisen besuchte Versamm­lung statt, welche auf Vorschlag deS Vorstan.-es des Uuiousvereins ohne jede Debatte und einstimmig eine Adresse an Dr. Sydow genehmigte, in welcher für denselben Partei genommen und die vollständige Ueber- einstimmung mit dessen Grundsätzen und Lehre» aus­gesprochen wird.

DiePost" setzt in einem bemeikenSwerthen Artikel auseinander, daß das Unfehlbarkeitsdogma eine neue katholische Religion geschaffen habe, der gegenüber der Staat nur diejenigen Verpflichtungen habe, welche ihm gegenüber den anderen neuen ReiigionSgesell- schaslen oblägen Da dem Blatte Beziehungen zu den maßgebenden Persönlichkeiten beigelegt werden, macht der Artikel Aufsehen.

Dresden, 10. Jan. Der zur Berathung über das Volksschulgesetz gebildete Ausschuß der zweiten Kammer faßte in seiner heutigen Sitzung definitive Beschlüsse. Die Majorität des Ausschusses empfahl die Beschlüsse der ersten Kammer in Betriff der aus­schließlich confessionellen Stellung der Voltsschule ab- zulehiieu, und bitjenigen Über das facultatioe Schul­geld und die Besetzung der L.hrershlleN durch Ge­meindewahlen aufrecht zu erhalten. Die Minorität war dagegen für Annahme des ganzen Gesetzes nach den Beschlüssen der ersten Kammer. Der Vorstand vcs Ausschusses, der Abgeordnete Biedermann, kündigte hierauf an, er werde in dem Falle, daß daö Gesetz abgelehul werde, ein Notbgesetz einbringen, um die Fortbildungsschulen und die fachmännischen BezirkS- Schulinfpectoren zu retten.

Darmstadt, 10. Jan. Nachdem nunmehr der Druck sämmtlicher Budgetoor - resp. An lag n seinen Abschluß gefunden, stehl der sofortigen Aufnahme der 2hbeiten des Finanzausschusses zweiter Kammer kein ges^äflliches Hiuderniß mehr int Wege. Der Haupt- vörauschlag der Staatsausgaben enthält für Zuichuß

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Die vuulrnfltnger.

Novelle von Ewald August König. -

zFortfetzung.)

Der Herr Baron von Menkstern äußerte vor einigen Tagen die Ansicht, daß diese Verbrechen nicht alle von einer und derselben Person verübt worden seien," warf die Polizeidireetonu ein.Er sprach mit meinem Manne, dem Herr» Director, sehr ausführlich darüber."

Baron v. Menkstern?" fragte Frau v. Barnitz.

Em sehr liebenswürdiger Herr," bestätigte die Präsidentin,er besucht uns oft. Sie kennen ihn nicht?"

Nein."

Aber Ihr Gemahl wird ihn kennen."

ES ist möglich," sagte Frau von Barnitz, ver­stimmt darüber, daß sie durch die Exclustviiät ihres Gat en auch auf den Verkehr mit diesem Herrn verzichten mußte.

Wir halten sehr selten eine «Soiree, der Herr Major liebt sie nicht."

Die Damen schüttelten tast alle mißbilligend den Kopf, die Mienen einiger drückten Bedauern, die der anderen Giringschätzung auS.

Das ist sehr Unrecht von Ihrem Herrn Gemahl," jagte die Prästventm nach einer langen Pause,wenn man eine erwachsene Tochter und dazu eine so schöne, liebenswürdige Tochter hat, muß man sich den V.r- hällntssen so anbequemen und ein kleines Opfer bringen können. Du lieber Himmel', als der Präsident noch gesund war uno die Gicht ihn noch nicht an den Eissel fesselte, hatten wir jede Woche unsere «Schee ©16 meine Töchter haben dadurch ihr Glück gemacht."

Hermine hatte sich erhoben, daS Gespräch lang­weilte sie, vielmehr ahnte sie auch, daß im Laufe des-

f.lbeii ein Thema zur Sprache kommen könne, welche- sie in Verlegenheit setz n werde.

Sie verließ das Zimmer und kaum war die Thür hinter ihr zugefallen, als eine der Damen sich an Frau v. Barnitz mit der Frage wandte, ob eS beim wahr fei, was man in verichiedenen Kreisen über Hermine und den PremierlieMenant v. Warndorff be­haupte.

Diese Frage erregte den Unwillen der gnädigen Frau und dieser Unwille fteigeite sich znr Entrüstung, als alle anwesenden Damen bestätigten, daß man in der That über die nahe bevorftehinve Verlobung des Lieutenants v. Warndorff mit Hermine v. Barnitz in allen höheren Kreisen der Gesellschaft rede. Sie wie- diese Behauptung als eine ganz »»begrün bete Vermuthung energisch zurück und erklärte dabei, daß mit ihrer Zustimmung die Hoffnung de- Herr» Lteutenants sich nie verwirklichen werve. , ' ES konnte nicht ausbleiben, daß tiefe Erklärung das Gespräch sehr belebte, natürlich pflichteten alle Damen ihr bei, wie konnte eS auch der'mittellose Lieutenant wagen, seine Augen zu der schönen, reiche» Dame zu erheben.

Erft als Hermine zurückkehrte, verstummte die sehr lebhafte Unterhaltung, und dieses plötzliche Verstum­men im Verein mit den veistodlemn bedeutsame» Blicken, dem Achselzucken, Kopfnicken und anderen sprechenden G-berden verrieth dem Mäochen, welches interessante Thema verhandelt worden war.

Inzwischen wurde in der Küche ein nicht minder interessantes Thema verhandelt.

Wäre Frau von Barnitz, wie eS freilich ihre Weife nicht war, plötzlich in die Küche eingetreten, so würde sie die sehr unangenehme Entdeckung gemacht haben, daß dergute, treue" Johann und diebrave gewissenhafte" Christine nicht daS Lob oeroienten,

melde« sie ihnen so oft uib in so reichem Maaße spendete.

Kaum hatte Johann den Thee servirt, »iS Chri- )1 ine, die noch immer schmucke Köchin deS Herrn Ma­jors, in der Küche den Tisch deckte.

Da stand ein dampfender Braten, eine Schüssel voll Kartoffeln, eine Flasche Wein, Brod, Su ter und Käse, kurz eS fehlte nichts an dem, was Johann ein reelles und solides Abendbrod nannte.

Und daß er diese reelle Solioität liebte, bewies er durch die Bei heerung, die er auf dem Fleischt. Her und in der Kartoff.lschüffel anrichtete, er konnte in diesem Fach Erstaunliches leisten.

So lasse ich mir's gefallen", sagte er, während er den Mund säuberlich abwischte uno das Glas er­griff, uno mit Kennermiene die goldgelbe Farbe deS Weines zu prüfen,wenn man eS immer jo haben könnte, wollte ich herzlich gern zufrieden fein."

Man kann mit Geringerem sich begnügen, Jo­hann", erwiderte die Köchin achselzuckend,wenn man einen eigenen Hausstand hat"

Na, dazu werde» wir Beide eS nie bringen, denn wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht verloren", sagte Johann.

Hm, ein paar gesunde Hände"

Ich danke, hab' keine Lust, wieder hinter dem Pflug zu gehen."

Und wenn's Dein eigner Pflug wäre Johann?"

Was nützt mir der Pflug, wenn ich kein Land habe!"

Dummkopf."

Johann setzte entrüstet d«S Glas, welche» er langsam geleert hatte, hin.

Ich verbitte mir solche Ausdrücke", erwiderte er barschWenn ich meinen Nutzen darin gefunden