sucht bitt Grund dieses Schrittes nicht in inneren Zwistigkeiten, denen der Fürst sich enizichen wolle Sie behauptet im Gegeniheil, daß der Fürst, indem er den Posten des preußischen Ministerpräsidenten niedcrlegte, vor Allem die Zukunft des dcuischen Reiches im Auge habe. Der Schritt sei eine große nationale Thal; mit dem Aufgeben der preußischen Stellung befestigt er seine Stellung als deutscher Mi nister. Vielleicht könne man darin einen vorbereitenden Schritt zu einer bedeutsamen Veränderung erblicke»; es sei dieS der Vorbote einer entschlossenen Politik, welche die Bildung eines wahrhaft gleichartigen deutschen Ministeriums unter dem Vorsitz des berühmten Kanzlers vorbereitc.
— Dir Allerhöchste CabmrtSordre, mittelst welcher der Generallieulcnant v. Kameke zu seiner neuen Stellung ernannt ist, datirt vom 1. Januar 1873 und lautet nach der „D. R C " : „Der Generallieutenant v. Kameke, Chef des Ingenieur-Corps und der Pio liiere, G.nceal-Jnspekteur der Festungen, wird unter Entbindung von diesem Verhältniß und unter Stel lung a la suite deS Ingenieur Corps mit dem Titel und dem Range eines SlaatsministerS zum Mitgliede des StaalsininisteriumS mit der Bestimmung ernannt, den Geschäften des Kriegsministeriums in Ueberein- stimmung mit dem Kriegsminister General der Infanterie Grafen v. Roon verantwortlich vorzustehen und letzteren als KriegSminister überall, wo eS nöthig, ebenso zu vertreten." General v. Kameke^ der hierdurch zum wirklichen Slaaisminister mit Sitz und Stimme, zum Stellvertreter de»-Kriegsministers ernannt und permuthltch zu seinem Nachfolger auoer sehen ist, zählt gegenwärtig erst 55 Jahre und hat bereits eine glänzende militärische Carriere hinter sich. In dem ersten Leceunium seiner Dienstzeit gehörte er dem Ingenieur Corps an, diente später längere Zeit im Geueralstabe, bekleidete zwischendurch die Chargen eines Regiments-Commaudeurs der Infanterie und Ab theiiungs Chefs im Kriegsministerium und wurde im Anfang der 60er Jahre zum Chef des Geueralstabes des II. Armeecorps ernannt, als der'Kronprinz das General-Commanvo dieses Corps führte. — In dieser Stellung nahm der General im Jahre 1866 Theil an dem Feldzuge in Böhmen. Im Jahre 1868 k-hele. er wieder zum Ingenieur-Corps zurück, wurve mit Wahrnehmung der Geschäfte der Geueral-Jnspection beauftrag', und nach dem letzten Kriege zum Chef deö Ingenieur Corps ernannt. Im Jahre 1870 führte der General vom Juli bis zum December das Com mando der 14. Infanterie Division, deren Lhaten ,be kanullich zu den hervorragendsten Leistungen des Feldzuges gehören. In militärischen Kreisen erwartet mau von der Begabung und Energie des Generals, daß er die einzelnen Abiheilungen und Decernate des KriegSministtrium», die in letzter Zeil bei dem Ge sundheitszustand des Kriegsministers der einheitlichen Leitung entbehrt haben sollen, wieder lhatkräftig zusammenfassen und den complicirten Mechanismus zu seiner vollen Activität auspannen werde, i; rj,
— Der „Lpener'schen Zeitung" wird mitgecheilt, daß der Kaiser dem Fürsten Bismarck bei Gelegenhe« deS Rücktritts desselben vom Präsidium des Staats Ministeriums den schwarzen Ableroiden mit Brillanten verliehen hat. (S. auch unsere obige Berliner —-Korrespondenz.)
— Der bis jetzt leider noch nicht entdeckte Raub des Kindes Anna Böckler bat zu Anordnungen geführt, welche die Wiederholung ähnlicher Schaudthaten mög lichst zu verhüten wohl geeignet sind. So ist die Strafandrohung der Reichs-Gewerbe-Ordnung (§ 149, Pos 5) wider unbefugte Mitsüdrung von Begletteru bei dem Gewerbebetriebe im Umherziehen auch auf daß Milsühren von Kindern, welche am Gewerbebetriebe nicht Theil nehm en, ausgeb-hnt worden, und cö dürfen fortan noch nicht vierzehnjährige Kinder mit Ausschluß ganz kleiner auf die mütierlid e Pflege an- gewielener Kinder über Haupt die Hausircr u. s. w. nicht begleiten. Ebenso sollen in die Nachweisungen der Gewerbesch itig snche, in der Regel nur solche Personen 'ausgenommen werden, welche im Jnlande einen festen Wohnsitz haben (§ 57 der Reichs-G-werbe- Otdnung) Hinsichts derjenigen Antragssteller, welche teilten festen Wohnsitz haben, ist ausbrück.ick zu bemerken,, daß ihre Pertönlichkeit keinerlei Mißbrauch des Legitimatiouö- und G werbescheins besorgen läßt, und daß für den Unterhalt und die Erziehung der etwa vorhandenen Kinder durch zuverläßige Personen anderweit gesorgt ist.
Darmstadt, 30. Dec. Die nach der jüngsten Volkszählung in 852,894 Köpfen bestehende Bevölkerung des Großhcrzogihumö setzt sich aus 805,960 Inländern und 46,934 Ausländern zusammen, es bilden daher die Inländer 94,5, die Ausländer 5,5 Proceut ter Einwohnerzahl Der letztere Proceutsatz ist im Vergleich zu anderen Staaten ein hoher, und hat schon bei früheren Volkszählungen die amtliche Statistik darauf hingewiesen, daß die Zahl der im Großherzoglhum sich aufhaltenden Ausländer eine ver- häilnißmäjsig sehr große und stets steigende ist.
3 Jan. Der Äbgrord cto O>sterlen hat an den Justizminister folgende Interpellation gerichtet: „Wurden die Verhandlungen über die deutsche GeJchtsorgaiiisation nur vertagt? W-iche Differenzen bestehen, und wie verhütt sich Wüittemberg dazu? Ist die Regierung entschlossen, an dem Oberlandesgericht als an der höchsten Instanz, sowie an den Schwurgerichten festzuhalten?" •
Ludwigshafeu, 2. Januar. Heute Morgen sind zwei Oxuazügc mit Elsässer Rocruten, im Ganzen etwa 1500 Mann, hier duichgekommen.
~ Mühlhausen, 2. Jan. Der Krieg hat die Schnleeulait der Gemeinde Mühlhausen um l'/a Mill Frcs. vermehrt. Wie man der „Schweiz. Gr. P." schreibt, hat nun der neue .Gemeinoerath anläß lich der Äusstellüng des Budgets pro 1873 die T'l gung der aufgelaufenen Schulden ins Auge gefaßt und beschlossen, die. bisherigen Oetroigebühren zu erhöhen und auf jeden Franken der bestehenden directen Steuer 24 Cts. zuzuschlagcn. Dieser Beschluß bedarf natürlich der Bestätigung der Regierung. Unter den Kriegskosten ftgurirt eine Summe von 50,000 Fr., welche die Stadt als Strafe dafür bezahlen mußte, daß die deutschen Truppen bei ihrem erfteit Abzug von Mühlhausen, als die Bevölkerung wähnte, nun wären die französischen Waff n siegreich geworden, von alten und jungen Gassenbuben mit Steinen be worfen und sonst infultirt worden waren. Die deutschen Behörden waren nach erfolgter Annexion des Elsasses auf dem Punkte, diese Contribution zuiückzuerstatten, als die aus Mühlhausen in sehr demonstrativer Weise
reichlich geflossenen Beiträge an die französische Na- tionaliubscription für Befreiung des Territoriums jene generöse Regung wieder erstickten. — Wie man der „KarlSr. Zig " schreibt,., ist wieder eine der größten hiesigen Fabriken, und zwar die bet Firma Stein» bach-Köchli > (Spinnerei unb Druckerei) burch Kauf für die Summe von 7 Millionen Franken in bie Hände einer Gesellschaft übergegangen, welche dieselbe vorn 1. Januar 1873 unter noch 3jähriger Leitung des Herrn Steinbach übernehmen wild.
^.Ausland.
Bern, 3. Jan Laut einem offiziellen Bericht des italienischen Gesandten au dm BundeSrath ist bie Erledigung der UmftSube betreffs der Uebernahme des beim-^au des MontceniStunnels verwendet gewestnen Materials Seit, ns des Bauunternehmers deS Gott- harbtunnels Favre besten zuvcrkbmmeiiben Vörschiägen zu verbankeu. p.
PariS, 2. Jan. Thiers biuirle heute beim österreichischen Botschafter, ittesm gestrigen Empfange richtete der Präsident bekanntlich an alle Deputationen einige Worte. Wie das „Bien Public" uns erzählt, sagte er zur Geistlichkeit der resormirten Kirche, die ihm GotteS Beistand gewünscht hatte: „Ja, bie Last ist sehr schwer für meine alten Schultern, aber wenn Gott unö hilft" — hier konnte er vor Rührung nicht weiter sprechen und er machte eine Bewegung, als wolle er sagen, daß er volles Vertrauen in bie Zukunft Frankreichs habe. Die clericalen Deputieren wollen, ungeachtet der Concessionen, welche Thiers dem Papste neuerdings gemacht, eine Jnterpellaiion Betreffs der Einlastung Bvurgoiiig'S vor die Kammer bringen; eS sind die 46, welche letztes Jahr eine 'Adresse an den Papst richteten; ihr Wortführer wird Kerorel sein. Morgen beginnen Die neuntägigen Gebete an die hiilige Gmov fa. Zahlreiche Händler mit religiösen Gegenständen haben tnreiis vor den Kirchen St. Etienne du Mont und Pantheon ihre VerkausS- ti che aufgeschlagen; man erwartet eine Masse Pilger aus der Umgegcnb von Paris.
Rom, 2. Jan. Das „ Giornale bi Roma" glaubt zu wissen, baß CorcelleS in Folge seiner Unter» lebuug mit Antonelli den Botschafterposten beim päpstlichen Stuhle nicht mehr annehmen wolle.
Madrid, 2. Jan. Zwe) Stände-Ansschüsse in Navarra haben die Errichtung von Freicorps zu 500 Maui, behufs Bekämpfung der Carlisten beschlossen.
Loudo», 3. Jan. Der Steile der Kohlengruben und Eisenwerk-Arbeiter in Wales dauert fort, w-tl bie Arbeitgeberit sich w.igetn, die Differenz durch ein Schiedsgericht zur Erledigung kommen zu lassen. — Die „Times" enthält ein Telegramm aus Philadelphia vom 2. d., wonach sämintliche Schiffe des parisischen Geschwaoers nach Honolulu beorbeit sind, um eine dem englischen Geschwader entsprechende Flotieustärke zu ccncentriren. .
Newyork, 2. Januar. Die Schuld der Ver- ‘inigteu Staaten hat sich im Monat Decembee um l3/4 Millionen vermehrt. In der Staaiskasse befan» een sich 74375,000 Doll. Gold fo.iie 9,875,000 Doll. Papiergeld. Die Zunahme der Schuld ist veranlaßt durch den halbjährlichen Rechnungs-Abschluß oer RegieruiigS Abiheilungen, welcher eine ungewöhnlich kleine Dec.mber Einnahme aufweist, die indetz durch Die Jauuar-Einnahme ausgeglichen wirb.
Liebrecht warf dem Sohne Israels einen gering; schätzenden Blick zu.
Er wollte ihm eine Antwort geben, die Hand und Fuß hatte, das konnte man in seinen Zügen lesen, aber er kam nicht dazu, ein dreimaliges Pochen lenkte die Ausmeiksamkeit Aller auf die Thür
„Sich' zu, wer es ist, Louis", sagte der Baron., und Neuhvff, der der 93« traute deö Oberhaupts zu sein schien, ging hinaus.
Er kehrte gleich darauf in Begleitung eines Mannes zurück, der den langen Rock eines behäbigen Pächters trug.
„Ah, Schröder, Ihr seid es", sagte der Baron, ohne E»staunen ober Ueberraschung zu verrathen, „was führt Euch noch so spät hierher?"
„Die Polizei hat mich den ganzen Nachmittag geh.tzi", entgegnete der Angeredete, der ohne Umstände sich in einen Sessel niederließ und rine gefüllte Börse vor sich auf den Tisch legte, „ich muß sorgen, daß das Geld in andere Hände kommt."
„Habt Ihr einen guten Fang gemacht?" fragt der Jiraelit.
„Ra ja, eö lohnte der Mühe, weiin's auch nicht Viel ist. Ich strich heute Morgen auf dcm Viehmarkie umher"
„Erzählt das etwas ausführlich, damit dieser Herr in die Kunstgriffe eiugeweiht wird", unterbrach der Baron ihn.
Schröder warf flüchtig einen forschenden Blick auf das neue Mitglied der Bande, dann fuhr er fort:
„Also wie ich am Eingänge stehe 'und mir die Leute betrachte, kommt ein Bäuerlein des Weges da her, welches drei fette Schweine auf den Markt führt. Der Kerl gab sich ein so pfiifiges Ansehen, daß ich nicht umhtit konnte, mein besonderes Augenmerk auf1 ihn zu richten; ich kenne di.sen Menschenschlag, die Pfi'figen, welche das Gras wachsen sihen, sind für uns bie Besten. Ich ging ihm nach, er verkaufte die Schweine unb nahm vielleicht achtzig Thaler chasin ein. Ein solcher Pfiffikus muß natürlich, wenn er sein Geschäst abgeschlossen hat, sich hinter einem Glase Bier seiner Klugheit freuen; ba gibt's ja vielleicht auch Gelegenheit, im Gespräch mit ben Gästen zu zeigen, daß man der Mann ist, der etwas mehr Grütze im Kopfe hat, als andere Menschen Nachdem ich mit einem Genossen die nötdige Verabredung getroffen hatte, folgte ich dem Pfi fikuS, der eben die Nafe wieder in's Bierglas steckte, als ich eintrat. Ich fetz:e mich zu ihm und sprach mit ihm über ben Ausfall der Kartoffelernte und die Mästung der Gänse, von der er keine Kenntniß hatte. Gleich darauf kam mein Verbündeter, der mich anffoederie, ein Spiel mit ihm zu machen. Ich verlor sechs Glas Bier hintereinander, der Pfiffikus sah mir in die Karten unb wurde immer ungeduldiger. Endlich konnte er sich bet Bemerkung nicht länger mehr enthalten, ich spielte schlechter, al6 Die Polizei es erlaube, es sei eine Schande, baß u. mein Gelo so leichtfertig verliere und was vergleichen Redensarten sind, die ich natürlich nicht erwartet hatte. Ich stellte mich beleidigt und äußerte, mit ihm nehme
ich es im Spiel trotzdem noch auf, beim ich sei über« zeugt, daß er noch schlechter spiele."
„Bemerken Sic wohl", sagte der Baron, „da sind also zwei Factoren gewonnen, beleidigte Ehre und Habsucht, Der Bauer mußte in die Falle gehen."
„Er that es sofort", fuhr Schröder fort; „die ersten Spiele gewann er, ich schlug ihm vor, den Einsatz zu verdoppeln; er ging auch Darauf ein und freute sich im Stillen schon auf den unerwarteten Nebenge- winn. Und jetzt brach Schlag auf Schlag das Unglück Über ihn ein; als der Pfi fikns einige Thaler verloren hatte, schwitzte er wie ein Bär; der Einsatz wurde abermals verdoppelt, bann verdreifacht, der Bauer mußte fein Geld zurückgewinnen, ich las in leinen Augen, daß zu Haufe ein zänkisches Weib ihn erwartete. Natürlich gewann er Dann und wann einmal, aber das waren nur die Lockvögel, die ihn wiederum bewogen, den Einsatz zu ei höhest, unb schließlich waren bie fetten Schweine bis auf ben letzten Pfennig m unsere.: Taschen. Ob dem Bauer ein Licht auf gegangen ist ober ob Andere ihn aufmerksam gemacht haben, ich weiß das nicht, er erhob ein Geschrei, als ob er am Spieße stäke, und wir sahen uns genötigt, bas gelb so rasch wie möglich zu räumen. Nacther kam bie Polizei,' ich sah sie in bas WirthShauS hin- eingehen und bürste nun nicht mehr wagen, mich vor Abend i» diesem Rocke zu zeigen. Hier ist das Gelb, ich wünsche einen anderen Anzug."
(Fortsetzung folgt.)