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Mr, 3, Marburg, Sonnabend, den 4. Januar. / "S 1873.

Dberhessische ^eitnngN

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Postämter 27 Sgr. (excl. Bestellgebühr und incl.

Miuifter-Präfident Graf vo» Roon.

Die Regelung der Verhältnisse des preußischen Staats-Ministeriums, welche zunächst durch die Aller­höchste Ordre vom 21 j December erfolgt war, hat inzwischen noch eine Veränderung erfahren.

Während durch-jene Ordre nur bestimmt war, daß der Vorsitz im Staats-Ministerium an den ältesten Staats-Minister übergehe, ist jetzt durch eine'weitere Allerhöchste Bestimmung der älteste Minister, der Kriegs - Minister Graf von Roon , ausdrücklich und persönlich zum Präsidenten des Staats-Ministeriums efhannt worden.

Dieser Anordnung liegt vor Allem die Absicht zu Grunde, die Leitung der umfangreichen Aufgaben des Minister-Präsidiums aus eine bestimmtere und festere Grundlage zu stellen, als es bei einem blos einst­weiligen Vorsitze der Fall sein würde Der jetzt als Minister-Präsident berufene Graf von Roon foll in den Stand gesetzt werden, die Stellung des Präsidiums nach allen Seilen wirksam wahrzunehmen: indem ihm zu diesem Zwecke einerseits die volle Autorität des wirklichen Minister-Präsidenten übertragen wird, soll er andererseits gleichzeitig in Bezug auf die specielle Leitung der laufenden Arbeiten des Kriegs-Ministeriums durch Begebung eines Beistands und Stellvertreters (Adlatus) eine wesentliche Erleichterung erhalten.

Durch diese weiteren Anordnungen ist die Deutung, welche der Allerhöchsten Ordre vom 21. December jüngst gegeben wurde, in einem Punkte allerdings ent kraftct worden. < Der Umstand, daß bei dem Aus scheiden des Fürsten Bismarck aus dem Präsidium zunächst nicht ein Anderer persönlich zum Minister- Präsidenten ernannt wyrde, war dahin ausgelegt wor­den, daß eben an die Stelle des Ministeriums Bis marck nicht ein Ministerium unter anderem Haupt und Namen treten solle, weil dem alten Ministerium für seine höchsten Aufgaben, zumal in Allem, was mit der Politik des Deutschen Reiches im Zusammenhänge stehe, der leitende Einfluß dcö Reichskanzlers erhalten bleibe.

Wenn diese Auflösung Angesichts der jetzigen Ent­scheidung hinfällig geworden ist, so bleibt doch die Deutung der politischen Stellung de.S preußischen Ministeriums zu dem Fürsten Bismarck, wie sie jüngst gegeben worden, der Sache nach in voller Kraft bestehen.

Das Ministerium Roon, in welchem Fürst Bis­marck alsU.itglieo verbleibt, kann und soll nichts Anderes jein, als eine Fortführung des Ministeriums Bismarck in demselben Geiste und in derselben Rich

Feiertagen. Preis für das Quartal durch die Expedition ( Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Sgr.

Eämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

tung. Dasselbe wird, wie jüngst gesagt wurde,seine höchste und ehrenvollste Aufgabe nach wie vor darin erkennen, dem Reichskanzler die Durchführung seiner Aufgaben für das Gesammtvaterland in jeder Be­ziehung erleichtern zu helfet»."

Der Name des bisherigen KriegsministerS, der große und ruhmvolle Antheik, welchen derselbe an den Thaten und Erfolgen der letzten zehn Jahre gehabt hat , bürgen für di« tiefe innere Gemeinschaft des -Strebens zwischen ihm und dem Träger der seitherigen veutschen Gesammtpolitik. Wenn Se. Majestät der Kaiser und König den Grafen von Roon jetzt aus­drücklich zum Leiter-deS preußischen Ministeriums an Stelle des Fürsten Bismarck beruftn hat, so ist eS eben auf Grund jener Gemeinschaft und Uebereinstimmnng .zwischen den beiden Staatsmännern geschehen. (Pr.-Corr.)

i j Deutsches Reich.

' » Berlin, 2. Jan. Der Empfang bei Sr. Majestät am Neujahrstage hat eine erhöhte Wich­tigkeit erhalten, da an diesem ersten Tage des Jahres eine Änderung in der Gestaltung des preußischen Staatsministeriums erfolgt ist, welche Aenderung von Seiten des Kaisers zur Kenntnißnahme gebracht wurde. DieProv.-Correjp " enthält in ihrer heutigen Nun» niet mehrere Mitlheilungen über den Empfang am Neujahrstage, sowie auch die Notiz, daß General v. Roon zum Feldmarfchall ernannt worden ist. Der Moment, in welchem der Kaiser seinem bewährten Rachgeber diese Auszeichnung überreichte, soll wahr­haft ergreifend für die Anwesenden gewesen sein und namentlich haben tie Worte des Monarchen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Der General, so ungefähr sprach der König, sei derjenige gewesen, der das Werkzeug bereitet habe, welchem die militärischen Erfolge der letzten Jahre zu danken seien. Auch dem Fürsten Bismarck, der sowohl der Audienz der Ge­neräle, als der dcö Staatsministeriums angewvhnt, hat Se. Majestät Worte der Anerkennung ausge­sprochen. Der heutigeStaatsanzeiger" veröffenl licht die königl. Ordre, durch welche Gcnerallieutcnant v. Kamecke zum Staalsminister ernannt und zum Vertreter des KriegSministees in allen Ressort-Ange­legenheiten berufen worden ist. Wie man hört, ist dem Genannten Sitz und Stimme im Ministerium verliehen worden. In einzelnen Blättern find un­genaue Angaben über die Vorlagen derjenigen Gesetze, welche sich auf die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche beziehen; dem gegenüber muß betont werden, daß über diesen Gegenstand in nächster Zu-

och'sche Buchdruckerei) bezogen 221 Sgr., durch bie Jnsertionsgebilhr für die gespaltene Zeile 1 Egr. .j.. . ..

kunft Berathungen im Schooße des Staatsministeriums stattfinden werden, und daß auch die Nachricht falsch ist,, welche derProv.-Corresp." die Aeußerung zu­schreibt, daß die Civilehe als Vorlage bereits ange- kündigt worden ist. Die Staatsregierung legt in erster Reihe Gewicht auf diejenigen Gesetze, welche den Uebergriffeu der katholischen Geistlichkeit einen Damm setzen und ist es bei der nunmehr vorgeschrittenen Landtagssession immerhin möglich, daß nur jene Gesetze zur Vorlage kommen. Einige hiesige Blätter erheben solch großes Geschrei über die CoustScatioit der Nummern, in welchen die päpstliche Allocution abgedruckt war, weil sie meinen, sie hätten den Abdruck durchaus tu nicht feindlicher Absicht veranlaßt. Abgesehen von der Frage, ob die Confiscalion geboten wär oder nicht, wird doch zugegeben werde» müssen, daß eine Con- fiscation wegen eines und desselben Artikels nicht nur die Blätter treffen konnte, bei denen eine feindliche Absicht vorauszusetzen, sondern daß die Maßregel der Confiscation eine allgemeine sein mußte Wie man hört, steht eine Veröffentlichung eines ausführlichen Berichts über die geführte, auf die Vorgänge am 7. September bezügliche Untersuchung bevor.

Unser Kaiser meldet dieProv.-Corr." hat, nachdem er am Sylvcsterabend mit der Kaiserin der liturgischen Andacht im Dom beigewohnt, am Neujahrslage in gewohnter Weise die Glückwünsche der königl. Familie und des Hofes, der Generalität, des Reichskanzlers, der Minister und hohen Staats­beamten, der Botschafter und des diplomatischen Corp- cntgegengenommen. Unser erhabener Monarch tritt das neue Jahr in erfreulicher Frische und Rüstigkeit an uiib äußerte ia der Erwiderung bet Glückwünsche nach allen Seiten die volle Zuversicht auf eine weiter« friedliche und segensreiche Entwickelung Preußens und des deutschen Reiches. Bei dem Empfange des Staats- Ministeriums wandte fich Se. Majestät an den Fürsten Bismarck etwa mit den Worten:Ich habe in Ihrer Stellung Aenderungen vornehmen müssen, die mir schwer geworden sind; es mußte aber geschehen, um Sie zu erhalten.".Und dasselbe gilt von Ihnen," fügte der Kaiser, zum Grafen von Roon gewandt, hinzu. Se. Majestät reichte darauf jedem Minister die Hand und forbrrte sie auf, Ihm ferner ihren Bei­stand zu leihen.

Der KriegSminister Graf v. Roon ist durch folgendes Allerhöchstes Handschreiben zum General- Feldmarfchall ernannt worden: Ich habe bereits manche- neue Jahr mit dem Gefühle dankender Erinnerung und lebhafter Anerkennung für die Dienste begonnen,

Dir Bauerufängrr. - Novelle von Ewald August König.

(Fortsetzung.) -»

Liebrecht erhob sich und folgte dem Manne, der ihn die Treppe hinauf mehrere Gänge führte und bann vor bemjclben Schranke stehen blieb, welcher kurz vorher die Aufmerksamkeit de- Commissars ge­weckt hatte.

Ich sagte Ihnen schon gestern, daß, Kenn Sie in unsere Geheimnisse eingeweiht feien, ber Rücktritt Ihnen nicht mehr frei stehe," nahm A baS Wort, jetzt können Sie noch zurücktreten*

Stänbe mein Entschluß nicht fest, würbe ich Ihrer Einladung nicht Folge geleistet haben."

Sie sind also fest entschlossen?"

Dann ist eS gut."

Neuhofs öffnete den Schrank »uid schob das Ge­rippe zur Seite, er leuchtete mit der Blendlaterne, die er trug, hinein und ersuchte den Handlungsreifenden, ihm schweigend zu folgen.

Die Rückwand des Schrankes ließ sich zurück- schieben, die Beiden traten durch sie hindurch in ein n «ngen finsteren Raum.

Im näcksten Augenblicke wurde eine Thür geöffnet, «in Heller Lichtschein fiel in den Raum, in welchem Liebrecht stand.

Treten Sie ein!" befahl eine Helle scharfe Stimme.

Es war ein hohes und ziemlich breite- Gemach, ohne Fenster, in welches der junge Mann trat.

Dunkle Sammettapeten deckten die Wände, weiche kostbare Teppiche den Fußboden, mit ihnen stimmte die Einrichtung de- Gemachs in allen Stücke» überein. Enc hohe Astrallampe ergoß ihr gedämpftes Licht über die kostbaren Möbel, diverse Vasen, Uhren und Spiegel, welche letztere vom Fußboden bis zur Decke reichten.

In der Mitte dieses Zimmers stand ein runder Tisch, sechs mit gestickter Seide überzogene Sessel luden zum Sitzen ein.

Drei derselben waren besetzt; der hohe schlanke Mann mit den ernsten finnigen Zügen, welcher der Thür gegenüber saß, schien de» Vorsitz zu führen.

Ter Sessel zu seiner rechten Seite wax leer, Neu­hof nahm ihn bald nach seinem Eintritt ein.

Auf der andere» Seite saß ein ältlicher, chuckeliger Herr, neben diesem eine kleine, auffallend unruhige Gestalt, deren orientalisches Profil einen Sohn Israels verrieth.

Der Herr Baron v. Menkstern!" sagte Neuhof, aus den Vorsitzenben zeigend.

Liebrecht verbeugte sich. ; -n-

Sie wünschen in unfern Bund ausgenommen zu werben," jagte der Baron,nehmen sie Platz, ich werde Sie mit den Bedingungen bekannt machen und einige Frage» an Sie richten. Loui- biete dem Herrn ein GlaS Wein an."

Es war eine vorzügliche Sorte, welche die Herren tranken. Der Handlungsreisende ließ sich nicht

thigen, er leerte das Glas auf einen Zug und bat um die Erlaubnis, eine Cigarre anzünden zu dürfen.

Der Baron bot ihm sein EtuiS an.

Du kennst ben Herrn schon lange, Louis," fragte er.

Seit drei Wochen," erwiderte Neuhof,unsere erste Bekanntschaft bahrt sich indeß von dem Augen, blick an, in welchem er beim Kartenspiel so geschickt bie Volte schlug, baß er mich beinahe übertölpelt hätte. Das geschah vor vierzehn Tagen, ich forschte ihn aus unb erfuhr, daß er das Geschäft aus eigene Rechnung betrieb."

Uno dabei kommt wenig heran-," sagte Liebrecht.

Sie waren früher Handlung-reisender?" fragte der Baron.

Ja." . -V' . s!o

Weshalb verließen Sie Ihre Stellung?" ;. , Weil mir das Srlavenjoch nicht behagte."

Fanden Sie teilten andern, ehrlichen Weg zur Selbständigkeit?"

Nein, wer nichts hat, bleibt ein armer Schlucker, wenn er auf ber ehrlichen Bahn wandern will."

Ihre Eltern leben noch?"

Stein."

Sie haben aber Geschwister ober Verwandte V*

Nur einen Oheim, der noch ärmer ist, al- ich eS bin." 7; ,:

Eine Brckdt?"

Nein, bisher hat noch kein Mädchen mir ge­fallen, bann auch sehe ich aus eine reiche Mitgift."