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Mr. 307.

Marburg) Dienstag, den 31. Dezember.

1872.

Lberhessischc Zeitung.'

tNali» «»Ker den Werktagen nach Sonn- uni» Feiertagen. Preis für da« Quartal de, Obrrhesfischr» Stlhmg «» Kretüdlatt durch die Expedition («och'sche f*TUtud?re " bwgen 22, «8t, d7rch Oie Postämter 27 Lgr. ft Pf,, (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), ftr daS Ausland excl. Stempel li »II- «uqvruaere,- m Iniernonogebübr für ,ie gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BureauS nehmen Inserate an.

fluf das mit dem 1. Januar beginnende neue Quartals - Abonnement bitten wir die Bestellungen baldigst bei den betreffenden Poststellen machen zu wollen.

In Nr' 1 des künftigen Jahres beginnt die Original-Erzählung:

Die Bauernfänger

von Ewald August König.

Dir «x»r». d. Oberh. Zeitung.

Deutsches Keich.

„ Berlin, 28. Dec. Tie Aüocution des Papstes vhm 23. Dccember ist ein so entschiedene- und lei: denschasltiches Kriegsmanifest gegen das deutiche Reich, dessen Oberhaupt und die leitenden Behörden, rote faches in dieser Form noch nie vom römischen Stuhle auSgegangeu ist. Ditz Sprache dieses Manifeste», scheint selbst den rücksichtslosesten Ulixamontanen zu schroff zu sein, da man von dieser Seite die Worte des Papstes durch mildernde Worte abzuschwächen sucht so sucht z. B. die Germania" in ihrer heutigen Nummer durch sehr sr«ie Ueberjetzung des Textes die Alloeutivn zu mildern. Gegenüber diesem Perfahren des uttramontanen Blattes ist <4 bezeicbnend, wenn die „Kreuzzig." in ihren Betrachtungen über das Ma- nisest des Papstes mit der Bemerkung schließt, daß dem Manifeste eine besondere Bedeutung nicht beizu- legen sei, weil in den Auslassungen desselben offen har Uebertreibungen enthalten sind. Man glaubt nlcht, daß ein Fürst, der der Papst doch sein will, von {einem hohen Standpunkte die Sprache eines Dcrna gogen führen kann, denn in diesem Sinne ist das Manifest abgefaßt. Daß gegenüber solchem Gedahren alle Rücksichten, welche man gegen den Papst und die Curie genommen hat, schweigen müssen, ist selbstver­

ständlich , eurem unversöhnlichen Feinde Deutschlands gegenüber muß die Aciive der deutschen Politik auch streng und energisch sein. Dahin gehört auch, daß in nächster Zukunft die Maßregeln der Regierung gegen die Uebergriffe der katholischen Geistlichkeit, d. h. die Vorlagen in Bezug auf die Kirchenpolitik, zur Aus- sührung gelangen werden; eS ist hierbei besonders darauf ausmerkjam zu mache», daß ein Stillstand in diesen Sachen nicht eingetreten ist, wie verschiedene Blätter angegeben, es ist vielmehr mit Bestimmtheit zu erwarten, daß Fürst Bismarck beweisen wird, daß

er die Führung in allen den das deutsche Volksleben so tief einschneidenden Fragen nicht aus der Hand gelegt uiid daß er sein Vorgehe» gegen die lieber 'griffe der katholischen Kirche in seinen Consequenzen durchführen wird. — Graf Eulenburgs Stellung zu den Landräthen, welche gegen die KreiSordnuiig ge stimmt haben, wird in der Presse lebhaft erörtert mit dem Hinzufügen, daß eS mit dem Geiste der Ver­fassung im Widerspruch stehe, wenn der Minister gegen diese Landräthe »erginge. Dem gegenüber ist zu be­merken, daß Graf Eulmburg keine Verfügung mit Bezug auf diese Sache erlassen, auch sonst keine Schritte gegen die dissentirenden Lanträthe gethan hat, Graf Eulenburg hat nur vertraulich seine An­sicht über diese Landräthe ausgesprochen und ist diese vertrauliche Aeußerung in entstellter Weise in weitere Kreise getragen. — In der französische» und öster­reichischen Presse wird eine lebhafte Polemik geführt über die vom Herzog v. Gramont geschehenen Kundge- bungen in Bezug auf Beust's Versicherungen im Jahre 1870. Die deutsche Presse zeigt wenig Theil nähme, ebenso wenig ist diese Tbeitnahme in poli tischen Kreisen Deutschlands, weil man hier der Sache keine große Wichtigkeit beilegt. Das Verhältniß zwi schen Deutschland und Oesterreich ist durch die Po­litik Andrassy's so befestigt, daß man keinen Anlaß hat, auf retrospective Anschauungen einzugehen. Graf Beust's Verhalten gehört der Vergangenheit an.

— Die „Nordd. $1 tigern. Ztg." führt in einem Ar tifel. über die päpstliche Allocution aus: Der darin kuiidgegebeiie Cynismus gegenüber dem deutschen Reiche und dem Kaiser dürfe nicht ungerügt bleiben. Indem wir uns sagen, daß die Ehrenkränkung des Kaisers eine um so unverzeihlichere Beleidigung der deutschen Ration enthält, je höher die Autorität dessen ist, der seinen religiösen Beruf in so unerhörter Weise zur Herabsetzung der Obrigkeit, welche die Gewalt von Gott hat, zu mißbrauchen sich nicht entblÖDet, be­schwichtigt unsere moralische Entrüstung über eine so kolossale Unverschämtheit nur das Bewußtsein von der unabweislichen Nothwendigkeit, daß im Wege der Ge fetzgebung unverzüglich die Grenzen gesteckt werden zwischen Staat und Kirche. — Dasselbe Blatt erklärt in einem Communiquö zur Berichtigung der Londoner Nachricht über ein gemeinschaftliches Vorgehen der Vertreter Deutschlands, Oesterreichs und Rußlands zu Athen in der Laurionsrage: Hier liegen keine Nach­richten vor, ob Seitens Rußlands und Oesterreichs

Schritte geschehen find. Sicher ist, daß Deutschland keinen bei artigen Schritt gethan hat.

— Die Sammlungen deö vaterländischen Frauen- vereinö für die Nothleidenden der Ostsee-Küsten haben, wie da« „Deutsche Wochenblatt" meldet, bereit« die Höhe von 70,000 Thalern erreicht, und befinden sich hierunter namhafte Beiträge der verbündeten Vereine oeS nichipreußischen Deutschland. Wenn man erwägt, daß die großen Gaben, wie sie in den Mittelpunkten des Handels zum gedachten Zwecke zufließen, hierbei außer Betracht bleiben, und daß jene Sammlungen wesentlich aus den Provinzen und au« den minberbe« mittelten Kreisen stammen, so wirb obige« Resultat um so höher zu schätzen fein und als ein Beweis da­für angesehen werben können , wie segensreich biefe Vereinigung wirkt.

Pofe« 26. Dec. Polnischerseits wirb eine groß­artige Eopernicusfeier vorbereitet, die am 18. Februar k. I. als am 400. Geburtstage des weltberühmten Astronomen in Thorn begangen werden und haupt­sächlich den demoiistrativen Zweck haben soll, seine polnische Herkunft vor der Welt zu becumentiren. Zur Erreichung biefe« Zwecke« ist außer einem sehr reichhaltigen Copernicus -Album in polnischer und deutscher Sprache eine Broschüre herausgegeben worben, in ber in der bekannten Weise der historische Beweis für die polnische Rationalität deS Copernicus zu führen versucht wird und die Zwecke ber größer» Verbrei­tung auch ins Französische übersetzt werden soll. Der hiesige polnische Verein ber Freunbe der Wissen­schaften, ber die Arrangirung ber Copernicnsfeier in Die Hand genommen hat, beabsichtigt, ber Feier nicht bloS einen polnischen, fonbern einen allgemeinen sla­wischen Charakter zu geben, und hat deshalb an wissenschaftliche und literarische CelebritSten in allen slawischen Ländern Einladungeii ergehen taffen. Dies« Einladungen scheinen russischerseits nicht das erwartete Entgegenkommen gefunden zu haben, was man au« den Auslassungen des ultranationalen „GoloS" schließen darf, der die deutsche Abkunft de« berühmten Entdeckers des Weltsystems nicht bezweifelt. Der pol- niiche Verein ber Freunde der Wissenschaften hat außerdem die Universitäten Pavua und Bologna, an denen Copernicus seine Studien machte, zur Bethei- ligung an ber Thorner Copernicnsfeier eingeladen, und Wie der „Dziennik pozn." wissen will, haben b.ioe Univeisitäteii die Absendung von Delegirten be­reits zugesagt.

Marschall Lebsruf über den Krieg vaa 1870.

Die erste von der September.Commlsion Der öffemlichte Sammlung von Zeugenaussagen und Acten- stücken, aus welcher bereits die bedeutungsvolle Er­klärung des bermaligen Präsidenten Der französischen Republik nntgetheitt wurde, ist nunmehr auch einem größeren Publikum zugängig geworden und wird Überall, wohin sie kommt, da« regste Interesse er uxcken. Zn bunter Reihenfolge enthält sie die Aus sagen von 32 Zcugcn (darunter ThierS, Mac Mahon, Leboeuf, Benedetti, Gramout, Palikao, Rouhcr, Trochii, Favre und Gambetta) nicht nur über Den 4. September, sondern auch über Die vorangehenden und nachfolgenden Ereignisse vom Leginit bis zur Beendigung des Krieges. Wohl wird man im Allge- meinen gut thun, den Werth dieser Zeugnisse nicht zu überschätzen; denn in Der Aufwallung des Mo­ments sagt und vergißt man manches, was bei der ruhigen, ungestörten Abfassung eine« literarischen Werkes reiflicher überlegt wird; wo aber Bücher sehleii oder nicht ausreichen, gewinne» Kundgebungen, wie die hier vorliegenden, allerdings eine hohe Bedeutung Da Benedetti, Gramont, Palikao, Trochu und Favre sich bereits in ausführliche» Schriften vertheirngt hatten und die Aussage von Thiers in Aller Hä >de war, schlugen wir gleich die Namen Mac Mahon, Leboeuf und Rouher auf und fanden unsere ^Erwar­tungen nicht übertroffen, aber auch nicht enttäuscht.

„Ich will nicht — so hebt Marschall Leboeuf an — lange von dem reden, waS der "ersten Nachricht von der Candidatur Hohenzollern voranging. Das Cabinet, dem ich angehörte, hatte einen wesentlich

friedlichen Charakter, Die Politik De« Kaisers war ebenfalls friedlich; ich erwartete nicht, daß ber Krieg während meines Ministeriums ausbrechen könnte. Da brachte am ö. Juli Der Deputirte Cochsry eine In­terpellation ein, um daS Cabinet zu einer Erklärung zu iiöchigen." Also lauter lammfromme Minister und ein böser Tcputirter! Aber ber Dämonischen Macht des Bösen gelingt efi auch hier, all der Guten Herr zu werten. Denn TagS darauf, am 6., können sie Der Versuchung nicht widerstehen, sich einmal — natürlich au« purer.Neugieroe — bei Dem Kriegsmiiiister zu erkundigm, wie es mit Frankreichs Streikrätsten stehe Sie erhalten zur Antwort, daß die Mobilmachung ber Armee 350,000 Mann ergeben könne, bei vor­sichtiger Rechnung fei jedoch nur auf 300,000 zu zählen. Don diesen könnte man hoffen, in 14 Tagen 250,000 Mann beifmnmen zu haben: zur Concentri- rung der ganzen Macht feien aber wenigstens drei Wochen njihig. Der einfältige Deutsche begreift nicht, was diese Erörteruiig mit der Interpellation wegen Der Candidatur Hohenzollern zu thun hat; aber das Eabinet sckvohl wie 6er Souverän waren ja „essen- tillement pacifiques“, der Kriegsminister sagte es fetber.

Um jedoch im Ernste fortzufahren: ber Minister- raih, welcher am 6. früh die Antwort auf die Inter pcllatio» Cochs.y berieth, war getheilter Meinung. Mehrere Miiglieder — Leboeuf gibt nicht an, welche — fanoen die ihnen vorgelegte Redaction dieser Antwort zwar durch das Vorgehen Preußens gerechtfertigt, aber in der Form zu scharf; da der Kaiser derselben An sicht war, wurden die Ausdrücke gemildert Als aber

Die Minister in die Sitzung des gesetzgebenden Körper« tarnen, trafen sie auf eine fo erregte Stimmung, auf fc lebhafte Kundgebungcn des „Patriotismus", daß ste nicht wagten, die abgefchwächie Fassung zu verlesen, sie ließen sich fortreißen und verkündeten die ursprüng­liche scharfe Redaetion (ober boch eine ihr sehr ähn­liche) als den Beschluß bes Ministerraihes.

Aus der weiteren Erzählung des Marschall« geht hervor, welche unheilvolle Rolle er in den folgenden Tagen gespielt hat. Während der Unterhandlungen in EmS — sagt er — war eS eine Frage, welche mich als KriegS-Minister sehr beunruhigte: das war der Uebergang vorn Friedens- aus den Kriegsfuß und die dazu erforderliche Zeit. Ich verlangte alle gleich beim Beginne des Confl cteS, daß man mir g>statte, Mann­schaften und Pferde einzuziehen und die Armee auf Den Kriegsfuß zu bringen, und dabei fortfahre, zu Uiiterhandeln, gewissermaßen Gewehr bei Fuß. Der Minifterrath aber, welcher den Krieg zu vermeiden suchte, fürchtete durch eine Mobilmachung den Gang der Ereignisse zu beschleunigen, und ließ sich durch eine Depesche Benedetti'S leiten, in ber e« hieß: „Vor allem keine eftenfibeln Maßregeln ober ber Krieg wäre unvermeidlich!" Ich konnte also nut auf dem Papier Vorbereitungen treffen. Da berichtete am 11. Bene- oetti, daß ber König von Preußen ihm gesagt: „Ich weiß, baß man in Frankreich Vorbereitungen trifft, ich-nehme meine Maßregeln, damit ich nicht überrascht werde." Außerdem wurde ich durch meinen College» den Minister de« Innern benachrichtigt, daß die preu­ßischen Landwehrmänner auS dem AuSlanve in ihre Bezirke zurückderufen würben; ich erfuhr auch, daß in