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Nr. 30».

Marburg, Sonnabend, den 30. December.

1871.

Oterhessische Zeitung.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberheffische« Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 224 Lar., durch die Postämter 27 Lgr. 8 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Lgr. — Jnsertionsgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

ÄWit dem 1. Januar beginnt ein neues Quartal- xwr I- Abonnement auf die „Oberheffische Zeitung".

Dieselbe wird wie bisher die neuesten Nachrichten durch direkte Telegramme und Correspondenzen voll- ständig, zuverlässig und schnell bringen.

Den lokalen Interessen der Provinz wird eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Vollständige Nachrichten über die Frankfurter und Berliner Börsen und Märkte erscheinen täglich und zwar mittelst des Telegraphen aus sicherer Quelle be­zogen. Das Feuilleton wird stets neue und interes­sante Novellen bringen. Die Ausbreitung der Zeitung über die ganze Provinz macht dieselbe für Inserate besonders geeignet. Die „Obrrhesfische Zeitung" wird mit den Abendpostcn versendet und enthält daher alle biS zum Postschluß eingehenden Tele­gramme^___________________________

Am Schluß deS JahreS 1871.

Das zweite Jahr des Sieges, das große Jahr der Siegesernte geht nun zu Ende. Mit Gefühlen innigsten Dankes blicken wir bei dem Jahreswechsel auf die reichen Früchte des errungenen Friedens, mit Zuversicht stehen wir inmitten einer Entwickelung, wie sie durch Sieg und Frieden hoffnungsreicher als je für unser Vaterland angebahnt worden ist.

Es wäre ein vergeblityeS Beginnen, in der hier gebotenen Kürze einen Ueberblick über alle die gewal­tigen Ereignisse geben zu wollen, welche im Laufe dieses denkwürdigen JahreS an uns vorübcrgegangen sind: der Größe und Bedeutung der kriegerischen Thaten, welche in das Jahr 1871 hineinreichten, ent­sprechen die in rascher Folge eingetretenen großen Er­gebnisse auf dem politischen Gebiete.

Am vorigen Ncujahrstage sprach unser König im Kreise der Fürsten und Generale zu Versailles: „Ich erhebe Mein Glas, um das neue Jahr zu begrüßen. Auf das vergangene blicken wir mit Dank, auf das beginnende mit Hoffnungen. Der Dank gebührt dem Heere, das von Sieg zu Sieg geflogen,die Hoff­nungen richten sich auf die Krönung des Werkes, einen ehrenvollen Frieden."

Als der königliche Oberfeldherr so sprach, durfte der schließliche volle Sieg als gesichert gelten, wiewohl es gerade damals zweifelhaft schien, ob nicht zunächst noch neue und vielleicht langwierige Kämpfe zu be­stehen sein würden. Die Machthaber in Frankreich hatten die verzweifeltsten Anstreng; .igen gemacht, um den hartnäckigen Kampf auf allen Kriegsschauplätzen

zu erneuern, und durch den Zug Bourbakis nach dem Osten hofften sie dem Kriegsglücke eine vollständige, für das deutsche Heer verderbliche Wendung zu geben.

Und wiederum flog unser Heer von Sieg zu Sieg. Den täglich erneuerten Kämpfen und Siegen des Prinzen Friedrich Karl an der Sarthe und des Ge­neral Soeben im Norden Frankreichs folgten die un­vergeßlichen Ruhmestage Werders vor Belfort, das kühne Vordringen Manteuffels uach dem Jura, bis zum endlichen Untergänge Bourbakis und seiner Armee, der letzten Hoffnung Frankreichs. Bereits war auch die übermüthigc Hauptstadt ihrem unvermeidlichen Ge­schick erlegen, und es hing einzig und allein von den Erwägungen des Siegers ab, welche unmittelbaren Folgen er der nothgedrungenen Unterwerfung geben wollte.

Aber von dem Augenblicke, wo Frankreich gebro­chen und ohnmächtig zu unseren Füßen lag, war Deutschlands Politik nur auf das Eine gerichtet: die Krönung des Werkes durch einen ehrenvollen und dauernden Frieden.

Und „ehrenvoll" war in jeder Beziehung der Friede, den wir schließlich errungen. Wir haben erreicht, was seit der Zeit unserer Väter für Deutschland erstrebt wurde: dir Einheit und deren organische Gestaltung, die Sicherung unserer Grenzen, die Unabhängigkeit unserer nationalen Rechtsentwickelung; — aber ehren­voll war der Friede auch darin, daß unsere Politik hochherzig Alles-vermied, was die Ehre Frankreichs über das Maß der politischen Gerechtigkeit und Noth- wendigkeit hinaus zu verletzen geeignet war. Von den ersten Verhandlungen über die Kapitulation und die Besetzung von Paris bis zu der letzten zusätzlichen Uebereinkunft ging die Auffassung unserer Regierung unverkennbar dahin, daß es unsere Aufgabe nicht sein sollte, unseren Nachbar mehr zu schädigen, als zur Sicherstellung des Friedens für uns unbedingt noth- wendig war, im Gegcntheil ihm zu nützen und ihn in den Stand zu setzen, sich von dem Unglücke, wel­ches über das Land gekommen ist, zu erholen, so viel wir ohne Gefährdung eigener Interessen dazu beitra­gen können.

Wenn der ernste Geist der deutschen Politik in dem französischen Volksgeiste zunächst nicht die gebüh­rende Würdigung und Erwiderung fand, so haben doch alle übrigen Staaten Europa's die große Be­deutung der Thatsachc erkannt, daß daö neue Deutsch­land, so starkes ist, doch inmitten seiner Erfolge von jeder Versuchung zum Mißbrauche seiner Kraft fern blieb und nur den Beruf als zuverlässiger Hort und Bürge deS europäischen Friedens für sich in Anspruch nahm.

Dieser Mäßigung ebenso wie der allseitigen Er- kenntniß unserer gewonnenen Macht ist es zuzuschrei­ben, daß die auswärtigen Mächte der deutschen Politik durchweg Vertraue» und Wohlwollen entgegenbrachten. Während in früheren Zeiten der siegreiche Aufschwung einer Macht fast immer der Anlaß zu einem engeren Zusammenschließen der übrigen Staaten war, ist das neue Deutsche Reich unmittelbar nach der glorreichen Erprobung seiner Macht der Gegenstand des Ver­trauens der übrigen Großmächte und der freudig an­erkannte Mittelpunkt gemeinsamer Bestrebungen für einen dauernden Frieden geworden. Mit glücklichstem Erfolge konnte sich der Kaiser deS neu erstandenen Deutschen Reiches der wichtigen und seinem Herzen besonders willkommenen Aufgabe widmen, mit den nächsten Nachbarn Deutschlands, den Herrschern der mächtigen Reiche, welche dasselbe von der Ostsee bi« zum Bodensee unmittelbar begrenzen, freundschaftliche Beziehungen von solcher Art zu pflegen, daß ihre Zuverlässigkeit auch in der öffentlichen Meinung aller Länder außer Zweifel steht.

Die Völker Europas haben sich in der That immer rückhaltloser der erhebenden Zuversicht hingeben können, daß der Austausch übereinstimmender Ge- . sinnungcn, wie er in jüngster Zeit zwischen den Re» gierungen Deutschlands und der großen Nachbarreiche ' stattgefunden hat, auf dem festen Grunde einer wirk­lichen Gemeinschaft des politischen Strebens ruht und deshalb von wahrhaft ernster Bedeutung für den dauernden Frieden Europas ist.

Und diese Friedenszuversicht entspricht im vollsten Maaße dem Sinn und Geist, welcher die. Völker selbst erfüllt.

Wenn Frankreich jetzt noch eine Ausnahme in dieser Beziehung zu machen scheint, wenn der natio- ' natc Schmerz seinen Trost fürs Erst; noch chi chuMlut. Hoffnungen auf Bergeltungsucht, so wird sich gewiß auch dort den unklaren errregten Gefühlen gegenüber mehr und mehr die kalte Macht der Wirklichkeit und damit rin ernstes FriedmSbedürfniß geltend machen. Schon jetzt ist das aufrichtige Bestreben der gegen­wärtigen französischen Regierung darauf gerichtet, die Nothwendigkeit einer gewissenhaften Ausführung der Friedensbedingungen im Interesse von Frankreich selbst im öffentlichen Bewußffein immer mehr zur Anerken­nung zu bringen. Je mehr dies gelingt, desto mehr wird der mildernde und heilende Einfluß der Zeit allmälig auch die Bitterkeit der jetzigen Stimmungen zurücktreten lasten.

Unter allen Umständen aber bietet die FriedenS- stimmung in ganz Europa, sowie der thatsächliche

Der Erbfeind.

Erzählung, mitgetheilt von Theodor Herzog.

(Fortsetzung.)

Der Kleine hatte es richtig geschildert, wa« zu schauen war. Die beiden Verbrecher, welche in der vergangenen Nacht aus die Anzeige deS Kantors hin bei Verübung des beabsichtigten Einbruchs von den Gendarmen ergriffen worden waren, wurden jetzt nach der Stadt transportirt, um ihren gerechte» Loh» zu finden. Der Aeltere — mit Namen Märker — trotzig und frech, Fabian bleich, verstört und in sich zusammengebrochen: so saßen sie auf dem offenen Wäglein, für Jung und Alt ein traurig willkomme­nes Schauspiel.

„Siehst du, Johannes," sagte der Kantor zu dem Knaben, „so sehen Verbrecher aus. Nimm es dir zu Herzen und bleibe fein fromm und brav, damit es dir immer wohl ergehe auf Erden!"

„Und noch etwas weiß ich," plauderte jetzt der muntere Knabe weiter, nachdem der Wagen vorüber gerollt war, „waS Ihr noch nicht wißt. Seht Euch einmal diese Muschel an! Ist sie nicht schön? Die ist in dem indischen Meere von Perlenfischern gefischt worden. Wißt Ihr auch, von wem ich sie habe? Von Bräuner'S Frieder hab' ich sie. Der ist seit gestern Abend wieder im Dorfe und erst seit wenigen Wochen aus Amerika zurück. Dort hat er auch den großen Johannes gesehen, wie er mir erzählte, deinen alten Schatz, Eva, und hat ihn gefragt, ob er Dich grüßen sollte und wann er heimkehren würde? Da hat der große Johannes aber gelacht und geantwortet: wenn er Lust habe, komme er heim, nicht eher, und seine Grüße wolle er selber bringen, wenn eS sich just

schicke. Der Frieder hat mir's aufgetragen, daß ich eS Euch einstweilen sagen sollte. Später will er selbst kommen und Euch besuchen. Er meinte aber, der große Johannes habe ihm gar nicht gefallen, das fei gar nicht mehr der alte Mensch!"

Diese kindische Rede schnitt tief in die Herzen von Mutter und Tochter. Also auch die Hoffnung auf Johannes vereitelt, eine Hoffnung, an welcher wenig­stens die Mutter bisher mit unerschütterlicher Treue festgehalten hatte.

Auch dem Kantor drang die Kunde bis tief in« Innerste; fühlte er doch in seinem redlichen Sinn die ganze Trauer deS Mutterherzens nach. Vergeblich suchte et nach einem tröstenden Worte, er konnte fein« finden.

Der Knabe sprang nun wieder in« Freie hinaus, noch immer die unglückselige Muschel in der Hand, mit welcher er, ohne e« zu ahnen, eine tröstende Hoffnung zertrümmert ober doch tief erschüttert hatte. Kaum daß er das Zimmer verlassen, trat ein GerichlS- biener herein und forderte Eva im Name» des Ge­richts eine kleine goldene Kette mit einem bunten Steine ab, welche ihr der foeben in Haft gebrachte Fabian Lenz vor einigen Tagen geschenkt haben wollte, indem er zugleich das Mädchen auf einen der nächsten Tage zu seiner Vernehmung vor daS Gericht lud.

Schweigend händigte Eva die Kette aus, deren Besitz sie der Mutter bis heute verheimlicht hatte. Die Kranke blickte tief bekümmert darein. Als sich der GerichtSdiener entfernt hatte, sagte sie: „Ist da« Maß nun voll, Eva, ober kommt immer noch mehr? Den Bräutigam verloren, der Liebhaber ein Dieb, gestohlene« Gut in Deiner Hand, Du selbst vor den

Gerichten! <$6a, Eva, wenn sie Dich drinnen be­hielten, Dich einsperrten, — ich überlebte eS nicht, O mein Gott, mein Gott, hab' ich die« um meine Kinder verdient?"

Laut aufschreiend stürzte sich da» Mädchen der Mutter zu Füßen und — blieb stumm. Die Mutter fuhr fort:

„Die Menschen werde» Dich verachten, armes Kind, kein ehrlicher Man» wird Dich noch zum Weibe begehren, Du wirst mit Deinem Bruder arm und verlassen bleiben, wenn — ich nun von Euch gehe!"

Eva schluchzte immer heftiger. Der Kantor stand am Fenster, mit dem Rücken nach der Stube gekehrt. In seinem Herzen — wie sah eS da so wunderlich aus! Schon längst wollte er ein Wort dazwischen reden, ein tröstendes, beruhigendes Wort, aber welches denn in aller Welt?

Endlich entschloß er sich. Er trat an da« Bett der Kranken; eine flammende Röche bedeckte fein strenge«, doch nicht unschöne« Antlitz.

„Eure Kinder sollen nicht verlasse» sein, liebe Frau," sagte er mit fester Stimme, „ich versprech' e« Euch, ein ehrlicher, gewissenhafter Mann, denk' ich wenigsten«. E« soll auch Niemand Eure Eva ver­achten, wenn ich sie nicht verachte. Versteht Ihr wohl? Und wenn e« Euch ein Trost ist und eine Beruhigung, gute Frau, Eure Eva versorgt zu wiffen, so müßt' ich schon einen Rath. Aber es fragt sich nur, ob die Eva damit zufrieden wärt?"

„Alles, wa« Ihr wollt, ist gut und recht," sagte die Kranke mit verklärtem Gesicht, gleich al« ob sie ahne, was da kommen werde, „und Eva hat mich