3VA * Marburg, Sonnabend, den 28. Dezember. 1872.
Oberhcssischt Zeitung.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal der Oberhesflschr« Zeitung mit Kreitblatt durch die Expedition (Koch'sche Buch druck er ei) bezogen 2g; ®gr., durch die Postämter 27 ®gt. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für da- Ausland excl- Stempel 11 ®§r.- Inierrionsgebühe für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
— Der „Kreuzzeitung" zufolge hat der Reichskanzler dm Präsidenten der beiden Landtagshäuser am 22 b. seine Entbindung von dem Ministerpräsidium sowie dessen Uebernahme durch den Kriegsminister ü. Roon, als ältesten Staatsminister, angezeigt. Letzterer hat heute mehrere höhere Ministerialbeamte empfangen.
— Der „Neichsanzciger" Enthält eine Bekanntmachung des Reichskanzleramtes, wonach vom 1.Januar 1873 ab vom Reichskanzleramte eine Wochenschrift unter dem Titel „Centralblatt für das deutsche Reich" herausgegeben wird, für Veröffentlichungen der Reichs organe bestimmt, welche der Verkündigung durch das Reichögesetzblatt nicht bedürfen. Die Zeitschrift, welche in Berlin im Verlage von Karl Heymann erscheint, kostet jährlich 2 Thaler.
— Der „Spen. Ztg." wird bestätigt, daß bei den vertraulichen Consercnzen der deutschen Justizminister die Errichtung eines obersten Reichsgerichtshofes statt der jetzigen Oberlandesgerichte von den Ministern Bayerns, Württembergs und Sachsens entschieden ab- gclchnt wurde. Der bayerische Justizminister stchlug vor, einem gemeinsamen Reichsgerichte die Entscheidung der streitigen Fragen, welche durch die Uithcile der letztinstanzlichen Landesgerichte materiell entstehe», zu übertragen. Württemberg und Sachsen stimmten diesmr Vorschlag bei. Die Conferenz blieb daher resultatlos bezüglich der Entscheidung der Frage der Gerichts-Or ganisaiien. Baden stimmte überall mit Preußen für die mit dem Civilprozeß-Entwurfe übereinstimmenden Vorschläge.
Darmstadt, 24. Dccbr. Unweit der hiesigen Station entgleiste heute gegen Mittag ein von Aschaffenburg kommender Zug. Ein Bremser und ein Pas sagicr wurden schwer verwundet, die von anderen Perlenen davongetragenen Beschädigungen sind nur leicht Acht Waggons sind unbrauchbar geworden.
Karlsruhe, 24. Dec. Die Masernkrankheit der Großherzogin ist in das normale Rückbildungsstadium eingetrelen, weshalb regelmäßige Bulletins nicht mehr ausgegeben werden.
Stuttgart, 24. Dec. Bei der gestern been digten Wahl des Bürgerausschusscs siegte der Wahl- zettel der deutschen Partei vollständig mit bedeutender Mehrheit über den Wahlzettel des demokratischen freien Wahlvereins.
Nürnberg, 24. Dec. Ueber die Meinungsver-
schied enheit in der Berliner Minister-Conferenz wegen Errichtung eines Reichsgerichtshofes, wird dem „Cor- resp. v. u. f. D." von verlässiger Seite Folgende» gemeldet: Preußen will eine uneingeschränkte, Bayern, Sachsen und Württemberg wollen ein« auf Reichsgesetzen gefällte Urtheile beschränkte Zuständigkeit de- ReichSgerichtShofeS. Für Urtheile durch die LandeS- gesetze wollen die letzter» Staaten Beibehaltung der Landesgerichtshöfe.
Ausland.
Wien, 23. Dec. In Verfassungsstaaten ist daS Regieven eine mehr oder minder schwierige Sache, wenn widerstrebende Parteien vorhanden sind, welche für Sonderinleressen kämpfen. In CiSleithanien ist dieser Uebelstand dnickend empfunden worden, doch" gehen die oppositionellen Wogen jetzt minder hoch: Roch sind zwar Polen und Czechen nicht bereit, ihre nationalen Gelüste dem allgemeinen Wohle zu opfern,' allein sie verzweifeln an der Erreichung ihrer Ziele. Den Polenführern GraholSki, Zyblikiewicz und Wod- zicki ist von ministerieller Seite bas Angebot gemacht worden, jene Zugeständnisse, welche in den Verhandlungen des Verfassungsausschusses über die galizische Resolution bewilligt wurden, der verfassungsmäßigen Behandlung mit Aussicht auf Erfolg zu unterziehen, wenn die Vertreter Galiziens dagegen ihre Stimmen für die Wahlreform abgeben, in welchem Falle der Kaiser auch geneigt sein dürfte, die Ernennung eins Ministers für Galizien zu vollziehen* Die Polen waren oder stellten sich über diesen Vorschlag erschreckt und ließen sich nur zu dem Erbieten herbei, daß die Delegirten deS galizischen Landtages zwar nicht für die Wahlreform stimmen, sich aber der Abstimmung darüber enthalten würden. Das genügte aber dem Ministerpräsidenten nicht und die Verhandlungen sind daher vorläufig ohne bestimmtes Ergebniß geblieben. In Böhmen haben Alt- und Jungczechen eingesehen, daß dicWiederkehr eineSSystems, wie eS Graf Hohenwart durchzusühren versuchte, unmöglich geworden sei, und die altczechischen Organe gestehen, daß sich die Opposition mit eitel» Hoffnungen hingehalten habe und dadurch auf Holzwege gerochen sei. An der Durchführung der Wahlreform lasie sich nicht länger zweifeln, und damit sei jede Möglichkeit eines Ausgleichs abgeschnitten. Die Altczechen wollen jedoch der weiteren Entwicklung des StaatS- lebenS apathisch zuschen und sich an den parlarnen-
91 uf das mit dem 1. Januar beginnende yV neue Quartals - Abonnement bitten wir die Bestellungen baldigst bei den betreffenden Poststellen machen zu wollen.
In Nr. I des künftigen Jahres beginnt die Original-Erzählung:
Die Bauernfänger
von 'Ewald August König.
Nur wer rechtzeitig bestellt, kann auf vollständige Exemplare rechnen.
Dir Erpcd. d. Oberh. Zeitung^ DrutschrS Keich.
Berlin, 25. Doc. Ihre Majestäten «der Kaiser und die Kaiserin wohnten heute Vormittag dem Gottesdienste bei. Gestern Abend sand im Kaiserpalaste, nach dem Gebrauche früherer Jahre, die Wcihnachls- beschcrung statt, wobei die üblichen Geschenke verthcilt wurden. — Der Handelsmüiisier hat den rheinischen Handelskammern eine Sammlung japanischer Seiden damaste, wclet e kürzlich auf einer Gewerbe Ausstellung in Aeodo ausgclegen halten, übe» senden lassen, damit das sich dafür inleressirende Publikum davon Kennlniß nehme. Es ist Veranstaltung getroffen, daß die Sammlung von einem Bezirke zum andern gesandt trerbr. — Jniierhalb des Bereiches der Postverwal- 'tung sind schon zum Weihnachlssestc die vom nächsten Jahre eintretcnden Gehaltserhöhungen kund gemacht worden, welche zum Theil ansehnlich ausgefallen sind. Durch Generalverjügung vom 19. b. Mts. finb die Postairftalten benachrichtigt worden, daß einer Mittheilung der französijchen Ostbahng, sellschaft zufolge, Fahrpoftsenbungcn nach Spanien zur Beförderung im Transit durch Frankreich wieder zulässig sind. — In der Provinz Schleswig-Holstein macht die rechtzeitige Fertigstellung der anderweiteu Regelung der Grund steuer noch unausgesetzt die Vermehrung des dort vorhandenen VermessungspersonalS dringend nolhwendig. Deßhalb sollen Feldmesser und Dermcssungsgehilfen in den andern Laudestheilen aufgefordert werden, sich, falls sie zur Uebernahme einer Beschäftigung in Schleswig Holstein bereit sind, unter Vorlegung von Zeugnisse» über ihre bisherige Leistung und Führung bei dem nächsten Landrathe u. s. w. zu melden.
Die So Bitten, Sternschnuppen und Metesrstcine.
Von PH. Spiller
Die überaus glänzende Erscheinung von Stern schnuppen am 27. November 1872 hat gewiß in vielen unserer Leser den Wunsch rege gemacht, eine klare Einsicht über alle dabei zu berücksichtigenden Vorgänge zu erlangen. Die Wissenschaft ist bereits so weit gelangt , daß sie über die meisten Punkte eine sichere Auskunft geben kann.
Weil aber die Sternschnuppen und Meteorfterne mit den Kometen in der innigsten, und die Meteor steine nach der Ansicht einzelner Gelehrten in näherer Beziehung stehen, so fassen wir hier alle drei Erschei nungen zusammen.
Die Moleorsterne, diese freundlicheu, unerwartet bald da, bald dort aufleuchlenden, nach allen Himmels richtungen hinfiiegenden, aber bald wieder verschwi» dende» sternartigen Lichter erscheinen zwar in unserer Atmosphäre, gehören ihr aber nicht an, sendet n ge langen aus dem fernen Welträume in sie. B« findet man sich in einem Waldesdickicht z. B. Mittelamerikas, wo viele Leuchtkäfer sind, so meint man im ersten Augenblicke, daß solche Thierch?» durch bas Laubwerk fliegen; so wie man aber ins Freie tritt, wird man zwar eine- Besseren belehrt, ist aber in Betreff ihres Wesens immer noch rathlos.
Der neueren Astronomie ist es gelungen, ihre Abstammung mit aller Entschiedenheit sestzust.lleii. Wir wollen eS ohne alle Umschweife bald herauSfagen: sie sind die letzten Lebensfunken der zarten Bestanotheile von Kometen, welche durch Reibung bei ihrer schnellen Bewegung in unserer Atmoipdäre glühend werden und so vollkommen verbrennen, daß wir bis jetzt mit Sicher heit auch nicht eine Spur als Rest von ihnen auf der
Erdoberfläche gefunden haben; denn der sogenannte Rostock kann doch als Verbrennuugspunkt nicht angesehen werden. Diese schleimigen, in feuchten Gegenden vorgefundenen Klümpchen, welche man früher für Sternschnuppenreste ansah, sind mit einer zarten Haut umhüllte Algen, welche durch Sporenküzelchen sich fortpflanzen.
Ebenso wenig können wir die Meteorsteine mit den Sternschnuppen auf eine Linie stellen, obwohl dieses leider noch von manchem Universitäls Katheder herab gelehrt wird. Wir werde» die Rolle, welche sie spiele», später genau kennen lernen.
Wir gehen sofort an die Beantwortung der uns zunächst vorliegenden Hauptfragen^ Was sind die Kometen und in welchem natürlichen Zusammenhänge stehen sie mit den Sternschnuppen?
Die Furcht, welche aus dem meist unerwarteten Erscheinen eine? Kometen, eines Zigeuners des Welt raumes, früher des Volkes sich bemächt'gte, kann nun »ach näherer Bekanntschaft mit ihnen völlig verschwi» de», trenn auch ihre Anzahl so ungemein groß ist, daß schon Kepler sagte, der Weltraum sei davon so voll, wie das Meer von Fischen.
Tie Beschaffenheit der Kometen ist nicht durchgängig dieselbe. Die meisten bestehen aus einer Ansammlung von vereinzelten und so zarten Bestaiidtheilen, daß das Licht von Fixsternen hinter ihnen weder geschwächt, noch von seiner Richtung abgelenkt wird.
Daraus folgt nun gegen eine neue Ansicht von Föhn Tynkall, daß solche Kometen weder als Ganzes aus Gasen bestehen, »och auch ihre Bestandtheile mit GaShüllen versehen sind. Sie leuchten wie unser Mond, nicht mit eigenem Lichte, sondern dadurch, daß das Sonnenlicht von ihnen zurückgeworfen wird.
Die meisten Kometen zeigen einen Heller leuchtenden verdichteten Kern, nicht bloS weil uns bei der perfpectivischen Ansicht der in einem Kugelraume sogar gleichmäßig vertheilten Körperchen nach dem Mittelpunkte hin mehr und mehr dergleichen in der Richtungslinie nach unserem Auge liegen, sonder» weil ihre Abstände nach der Mitte hin wirklich immer kleiner werden. Die Ansammlung in diesem Raume kann zu Folge ihrer gegenseitigen Anziehung (Gravitation) so groß werden, daß der Kometenkops ähnliche, wenn auch sehr schwache Lichiphasen zeigt, wie der Mond, und sogar einen schwachen Schatten wirft.
Der Komet Nr. 1 von 1843 war (nach Schia- parelli) wenigstens V17 so dicht als das Wasser. Die meisten Kometen sind viel zarter. Die Dichtigkeit deS Lexellschen z. B. beträgt nur 1/5000 von der der Erdmasse , und sein Stoff hat nach der Größe seine- Rauminhaltes zu schließen nur 1/20000 von der Dichtigkeit unserer atmosphärischen Lust.
Erst bei einem noch weiter vorgeschrittene» Ent- wickelungsgrade eines Kometen zeigt sich, wie bei Nr. 1 von 1866 und dem schönen halleyschen Kometen ein selbstständig leuchtender, aber gasiger Kern, welchen eine Nebelhülle mit zurückgeworfenem Lichte umgibt.
Die Bewegung der Kometen geschieht genau nach denselben Gesetze» mit absoluter Nothwendigkeit, wie wir sie bei den übrigen Weltkörpern kennen. Die Lahnen der meisten sind so außerordentlich langgestreckt (parabolisch), daß wenig Aussicht für ihre bereinftige Wiederkehr zu unserer Sonne ist. Bei 241 Kometen ist eS bis jetzt bewiesen, baß sie in einer geschloffenen Bahn um unseren Centralkörper gehen, aber nur von 10 Kometen wissen wir, daß ihre Bahnen nicht über