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Marburg, Sonntag, den 22. Dezember.
Oterhessische Zeitung
1872.
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Politische Woche»-Ueterpcht
Anwendung starker Mittel ist: daß er aber nicht bloß
Herz ist nicht bei den Zahlen des Budgets, sondern
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fest entschlossen, sondern auch um Auskunftsmittel nicht verlegen ist, um „das in seine Hände gelegte »Pfand", die conservauve Republik, unverkürzt zu bewahren und dem Lande, wenn die Zeit gekommen, so zuruckzugeben, daß es ihm dasselbe von Neuem mit Vertrauen überantworten kann. Ob es bei diesem Ring- kampfe mit de» Monarchisten ohne Erschütterungen abgchen wird, muß die Zukunft lehren. Seit den stürmischen zwei Sonnabend-Sitzungen der vorigen Woche geht eö in der Nationalversammlung gar still her, man ist mit der »Budgeiberathung beschäftigt, man
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geworden; aber im Großen und Ganzen wird das Eabinet Auersperg auf eine bedeutende Befestigung hoffen dürfen.
Thier» hat in der Taktik der letzten Wochen
recht bei Pfarreibejctznngen rrtheilt worden. — In Würtemberg ist der Ehef des König!. Geh. Cabinels, Herr v. Egloffstein, seit lange ein Mittelpunkt der Wiedersacher einer reichSfreunrlichen Politik und der dieselbe vertretenden Minister, von seiner Stellung zu« rückgetrelen. Die würumbergische Kammer der Abge- neten hat inzwischen nah« an 12 Millionen Gulden für Eiienbahnen bewilligt. Die hessischen 'Nationalen und Liberalen sind mit dem Ausfälle ihrer Landtags- Wahlen im Ganzen sehr zufrieden. Zn Mecklenburg hat die „Landschast", d. h. der Stand der Städte iu> Landtage zu Malchin, unter itio in partes, die 93er- sasfungS-Voriage der Regierung abgclehnt.
Oesterreich hat ernt gute Woche gehabt, der Fi- nanzminifter konnte dem Abgeordnetenhause die erfreu tiche Mittheilung machen, daß das Finanzjahr 1873 nicht nur mit einem Deficit nicht adschließi, sondern mit einem Ueberschuß von 3Va Millionen. Nicht minder erfreulich ist der endlich erfüllte Wunsch nach einer Wahlreform. Der Handels-»Minister legte am 17. unter Anderem einen Gejetzentwuif zur Bewilligung eine« neuen Kredits für die Weltausstellung vor, deren Loibereimngen mit Nachdruck und unter den glänzendsten Hoffuungeu betrieben werden. ES wird bei diesen Vorlagen, die noch die Probe der Abgeord- Mtenkritik zu bestehen haben, nicht an Ausstellungen fehlen, denn die Kritik ist an der Donau Modeartikel
Der rothrepublikanische Aufstand, welcher in einigen Theilen Spaniens auSgebrochcn, aber bald niedergeschlagen war, hat am vorigen Donnerstag noch ein blutiges Nachspiel in den Straßen Madrids gehabt, ohne daß man jedoch der republikanischen äußersten Linken die Schuld mit voller Gewißheit zuschreiben kann. Abends gegen neu» Uhr rotteten sich in der südlichen und in der nördlichen Hälfte der Stadt mehrere Gruppen schlecht bewaffneter Kerle zusammen, welche ihre Heldenthaten mit rinem Angriffe auf einig« Polizisten begannen. Doch erschien bald der General Pavia mit mehreren Truppcnabtheilungen, welcher den Schauplatz deS Unfuges mit ei» paar guten Salven säuberte und einige Dutzend der Fliehenden zu Gefangenen machte, während 20 Aufrührer todt oder
Malaga und anderen Orten, ein End« gemacht. Ter Minister »Marios deutete im Congresse an, daß der Tumult von einer Partei ausgehe, die der Regierung am Vorabende der großen Anleihe Schwierigkeiten i» den Weg legen möchte.
Sturm und Regen, Schiffbrüche an den Küsten, Ueberschwemmungen im Binnenlande — sind noch fortwährend die schlimmen Gaben, welche der Christ
monat mit seltener Beharrlichkeit den britischen Inseln darbringt. Auch sonst gibt es aus der jüngsten Vergangenheit nicht viel Erfreuliches von Englaitd zu berichten.
Im dänischen Folkething scheint die Linke denn doch nicht allzu stark übcrzuwiegen; für den Budget- auSschuß, der 15 Mitglieder zählt, hat sie gerade nur 8 von ihrer Seite durchsetzen können.
In Schweden ist an Stelle deS Grafen Plate», der früher 'Marine-Minister war, aber als Graf Wachtmeister plötzlich gestorben, dessen Amt einstweilen hatte übernehmen müssen und jetzt um seinen Abschied eingekommen ist, weil der König die vor acht Jahren eingeführte Sonderung der Flotte und der Scheren- Artillerie wieder aufgehoben hat, General Björnstjerna, bis jetzt Gesandter in Petersburg, zum Minister der auSwärttgen Angelegenheiten ausersehen und bereit- nach Stockholm berufen worden.
In Rußland hat Walujew, der Minister der
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bei den Versammlungen über die politische Zukunst deS Landes.
Die italienische Regierung hat die beste Aus sicht, ihren Entwurf des KlvstergesetzeS durchzubringen. TaS Piivatcomile der Kammer hat die meisten Paragraphen des Gefctzes mit einigen unwesentlichen Aen veruugSvorschlägen angenommen, vom zweiten abgesehen, der sich auf die Erhaltung der Ordensgeneralate bezieht und auf entschiedenen Widerstand stößt. Als eine Ergänzung zu diesem Gesetze ist der Vorschlag gemacht worden, den Jesuiten Rom und Italien ganz zu verbieten, was wahrscheinlich durchgehen wird.
Unter den Osfizieren der b e l g i s ch r n Armee herrscht eine gewisse Verftimmung gegen die Regierung und die Kammer, weil beide nicht auf die Rcorganisations plane des nunmehr abgetretenen Kriegsminister« General Guillaume eingehen wollten; besonders aber haben einige in der Repräsentantenkammer vorgikommene Aeußerungen über die Anwendung des Milizgesetzes Seilens der Militärbehörden Unmuth erweckt. Die General Lieutenants Cdazal, Goethals und Soudain de Niederwerth sind d.ßhalb um ihren Abschied ringe kommen. Große Ueberfchwemmungen richten in Flair bmi vielen Schaden an. Die Schelde und ihre Ne- bei flüffe sind auSgetieten und die niedrig gelegenen Slävte uiib Dörfer stehen unter Wasser.
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verwundet auf dem Platze blieben. In zwei oder drei Stunden war die Ruhe überall vollständig herge- bewilligt, ohne viel Aufhebens zu machen, denn das ^stellt und auch diesem Putsch, wie dem in Ferrol, ar 1 tii ntilrt Hat Kot« ü.tklsit f a tmh Atth «vaw «im /ChK«
Erscheint täglich außer den Werktagen »ach Sonn» und Feiertagen. Preis für da« Quartal der Oberhesfische» Settnug mit Kreisblatt durch die Expedition (Koch'sche Buchdrucker«i) bezogen 811 Egr., durch die »Postämter 17 ®gt. ft Pfg. (excl. Bestellgebühr und inct- Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 11 ®gt. — Jnfertronkgebühr für die gespaltene Zeile i Sgr. Sammtliche Annoncen-BureauS nehmen Inserat« an.
Fürst Bismarck ist am vorigen Sonnabend von Parzin in Berlin wieder eingetre ffen, statt der Beendigung der partiellen MinisterkrisiS aber durch Entscheidung über die EntlassungSgesuche bes Grafen Roon und Frorrkreich br»«fen, daß er kein Freund unzeitiger °de« Hr«. v. Selchow hat er vielmehr eine neue und' r‘ ""
umfaffentere Krisis mitgebracht, indem er selbst von dem Präsidium de« preußischen Ministeriums zurück jUtreten beabsichtigt und nur noch die Stellung eines Iteffort-MinisteriumS für die auswärtige» Angelegenheit-n zu behalten geneigt ist. Graf Roon ist in Folge dessen mit dem Vorsitz des GesammtstaatSmi- steriums beauftragt worden. — Der Deutsche Kron Prinz ist von Karlsruhe in Wiesbaden zur Nachkur nngetroffen. — DaS Abgeordnetenhaus hat seine Sitzungen bis zum 7. Januar, vertagt. — Im Elsaß ist mit Genehmigung des Kaisers den evangelischen kirchlichen Gemeinden bas Vorschlags- und Ablehnungs-
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Die zwei College«.
Sin Wanderer zog in Sommerzeit Die Straße von Neukirchen nicht weit. Und, indem er langsam fürbaß ging. Der Rock ihm auf der Schulter hing, Kommt ein anderer auf die Straße quer, Wie's f chien, von Schwarzenborn daher. Cr beschauet jenen von Kopf bis zu Fuß, Bieiet daun ihm einen kurzen Gruß. „Ein Schullehrer", denkt er, „gleich wie ich", Und freut von ganzer Seele sich.
Der Wanderer und fein neuer College Zieb'n nun dabin auf gleichem Wege. Und da sie gleichen Schritts jetzt wandern, So reiht ein »Wort sit- schnell zum andern. Der Schulmeister — wem ist das nicht eigen? Bebt an, seine Kunst und Weisheit zu zeigen;
pricht von allen pädagogischen Größen, Die müßten vor ihm doch's Haupt entblößen; Er rühmt, wie geschickt er katechesire. Daß leicht es ein kleines Kind capire, Dem Dümmste» mache schnell er Hat, Was richtig sei und gut und wahr.
Und wie er docirt in gar lautem Ton Mit der kräftiziten Gesticulation, Ist der Stilb’re stumm, leiht ihm fein Lhr; So geh'» sie ein in Neukirchens Thor Und langen vor’« Haus des »Metropolitan, Die Zeit kaum merkend, glücklich an Da standen stille jetzt die B iden Der Wanderer sprach: „Hier muß ich scherden". Dem Schi.llehrer hat es leid gethan, Er blickt den Collegen freundlich an Und fragt: .»Wo sind Sie als Lehrer bestellt?" .In Marburg", er zur Antwort erhält. Sie mußten jetzt auseinandergeh'n, Und wünschten Beide: .Auf Wiederseh'n!'
Sines Tags Professor Münscher im Zimmer laß, Sr schrieb, und in dickem Buche er la«. Da klopft es an, er ruft: .Herein!" Wer wat’«? Das Auge Schulmeistertem;
Es kam nach Marburg von Schwarzenborn 3m schwarzen Frack und glatt geswor'n, Wie's ziemt, wenn man ein Anliegen hat Bei vornehmen Herren in der Stadt Der Schulmeister, — erschrocken stand et da, - Den Dermeuiten Kollegen er vor sich sah, Mit dem des Wegs et jüngst spazierte, Lor dem er prahlte und viel bocirtc. Bleich im Gesichte, wie die Wand, Betbeugte et sich, den Hut in der Hand: .Entschulv’gen der Herr Consistorialrath": Doch der ist freundlich zu ihm genabt: .Liebet Mann, nur nicht so verlegen! »Wir bleiben Freunde And sind Collegen, Nur lehr' ich die Großen, Sie die Kleinen: Im nämlichen Ziele rotr uns einen; Wir wirken und lehren für Gottes Reich, Und sind vot'm Herren Beide gleich." Als bet Arme sah, daß er sprach so gut, Ta faßte er »lebet Herz und Muth, Er brachte sein Anliegen ruhig vor Und sand auch jetzt ein williges Ohr. Den guten Collegen, den er nie vergeben. Behielt Herr Münscher zum Mittagseffen. —«•
Gesucht und Gefunkt«.
Novellette von P. S- i Forti etzung.)
Die Sonne stieg höher. Bereit» hatten die Bewohner de« SchloffeS das Frühstück im Pavillon eingenommen, die Plaukerstunde, zu der man eS gewöhnlich auSbihnte, war vorüber. Der Oberst hatte sich in sein ALbeilSzimmer zurückgezogen; Elma und Me laute waren, Arm in Arm, in die schattigen Gänge des Parke» verschwunden; nur Alice war sitzen ge- glieben und arbeitete an einer jener Spielereien, die den Frauen al» Schild und Schirm für ihre Gedanken dienen. Die Luft in d>m kleinen Raum wurde schwül; sie rollir ihre Stickerei zusammen und trat
unter die Linden, deren dichte» Laub den Pavillon umschattete. Ruhig schritt sie auf und nieder, und doch wogten ihre Gedanken tief schmerzlich durcheinander. Bald klagten sie den Himmel an, der Alexander wieder in ihre Nähe gebracht, bald veruriheilten sie den Gemahl, der sie unvorbereitet einem möglichen Wiedcr- sehen de» »Manne» aussetzt, von dem er wußte, daß sie ihn einst geliebt. Wie? Fühlte sich Banndotf ihrer Liebe so sicher? bedurfte e» keiner schützenden Fürsorge mehr, um sie an dieser Erinnerung vorüberzu- sühren? War er selbst gleichgültig geworden oder so wenig eifersüchtig, daß ihn der Besitz ihrer Neigung kalt ließ? Sollte sie ihn nicht auf die Probe stellen?
O Frauen! wer kann alle die Capricen, die Jrr- gänge, die wirklichen Gefühle eurer Herzen ergründen!
Alice f«tritt noch immer weiter, doch nicht mehr unter den Linden; sie ging leicht und elastisch, mit der Lebendigkeit ihrer Jugend, die Allee entlang, welche der alle Thurm begrenzt.
Warum sollte sie auch diese Alle nicht auffuchen? War sie ja immer ihr LieblingSweg gewesen, den sie erst seit einer kürzlich überstandenen Krankheit gemieden, weil er selbst im Sommer kühl blieb. Wa» konnte sie jetzt davon abhaiten? Etwa der arme gefangene Freund, deffen Anwesenheit ihr mitzutheilen der Gälte nicht einmal für nölhig erachtet hatte? Ihn bargen Eisenstäbe, vielleicht schlief er noch, oder la«, und bemerkte sie nicht! Oder — bestürmte auch sie da» Gefühl. daS uneiklärbare, das un» zur Wohnung der Geliebten zieht, obwohl wir wissen, daß sich Nichts ereignen wird, daß Alle» seinen müden Gang fortgeht? Mußte auch sie diesem Zuge folgen, der uns beunruhigt, und unsere Sehnsucht stillt? — wodurch? ist eben so räthselhast wie die Liebe selbst.