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Ur. 301. Marburg, Sonnabend, den 21. Dezember. 1872.

OberhesMe Zeitung.

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Deutsches Reich.

Berlin, 19 Dec. In der heutigen Sitzung d.s Abgeordnetenhauses sprach sich Bankpräsident von 'Le«end über die von der Bank beliebten Wechsel- zurückweisungen anS. Er widersprach den pessimistischen Auffassungen, welche eine demnächstige Gclokrise pro­phezeien. Die Bank- sei vollkommen in der Lage, Handel und Industrie unterstützen zu können, nur ein-r überspannten Spekulation trete sie entgegen, in­dem sie die sogenannten Bankwecdsel nicht annehmen wolle, die eben keine genügende Sicherheit böten und auch von ausländischen Banken deshalb zurückgewiesen würden. Bei Besprechung der gegenwärtigen po­litischen Krisis versucht man von verschiedenen Seilen immer wieder den Grasen Eulenburg mit ins Spiel zu bringen, ja weist ihm eine den Absichten des Fürsten Bismarck entgegenstehende Stellung an. Graf Eulen­burg hat indessen, wie aus authentischer Quelle ver­sichert werden kann, vom ersten Augenblick an sich mit voller Offenheit nach allen Seiten dahin ausgesprochen, baßer keir-en ankern Wunsch habe, als daß dem Fürsten Bismarck die Herstellung eines Verhältnisses gelingen möge, welches ihn in den Stand setze, seine großen Aufga den sowohl in Preußen als in Deutschland ohne eine übermäßige Belastung seiner Kräfte möglichst unbe hindert durchzuführen. Alle anderweitigen Miithci hingen entsprechen nicht dem selbst von seinen Gegnern als loyal anerkannten Charakter des Grafen Eulen­burg, am allerwenigsten aber seiner unbedingten Ver­ehrung für den leitenden Staatsmann. Ein Blatt be­merkt sehr richtig zu der ebenfalls vielfach colportirtcn Nachricht, Graf Eulenburg sei für das Präsidium in Aussicht genommen, diefelbe könne nur von den Freun­den des Ministers des Innern auSgcgangen sein. Es steht jedenfalls fest, daß Freunde deS Grafen Eulen­burg ni-mals derartige Gerüchte in die Presse bringen l werden, da eS diesem stets widerstrebt hat, das Publi Ium mit seinen persönlichen Zwecken zu behelligen. Was nun übrigens die bevorstehende Reorganisation der höchstenVerwaltung anbelangt, so scheinen bis jetzt nach keiner Seite hin irgend welche definitive Entscheidungen getroffen zu sein. Heute Abend findet eine vertrauliche Miinsterberathung statt und gilt eS für wahrscheinlich, daß diese wichtigste Angelegenheit ebenfalls auf der Tagesordnung ist. Auch dieGermania" spricht jetzt von einem Widerspruch in der officiösen Presse, je nachdem derselbe aus der Umgebung des Fürsten Bismarck oder des Grafen Eulenburg stamme, freilich |

mit dem Zusatze, daß derselbe durch die gestrigen Er klärungen derProvinzial-Correspondcnz" gehoben sei. Ein solcher Widerspruch hat indessen niemals bestan­den, sondern ist nur von denjenigen angenommen worden, welche jenen Vermuthungen ununterrichtetcr Correspondenten einen osficiöscn Ursprung fälschlicher Weise zuschrieben. Der Geh. Rath im Ministerium des Innern von Bötticher ist zum Landdrost von Hannover ernannt.

19. Dec. DerSpener'schen !Ztg." zufolge ist das Demissionsgesuch des Kriegsministers aller höchsten Orts nicht angenommen worden. Die Kreuzzeitung", welche die gleiche Nachricht bringt, vernimmt außerdem, daß der Minister der Lanbwirthschast, v. Selchow, auf. sein Demissionsgesuch vom Könige noch nicht befchieden sei.

Wie dieSchief. Ztg." constatirt, ist seit etwa eiucm Jahre, und namentlich in dem laufenden Sc mester, eine bemerkenswerlhe Zunahme der Studi- renden in den juristischen Facultäten der preußischen Universitäten eirgetreten. In Breslau beträgt bei­spielsweise die Zahl derselben 278 gegen 212 im vorigen Semester, während sie in früheren Jahren zwischen 140 und 160 schwankte. Es ist dies den besseren Aussichten zuzuschreiben, welche dadurch ent standen sind, daß in Folge der früheren Ueberfül- lung des Justizbienstes das juristische Studium in den letzten zehn Jahren erheblich abgenommen hatte.

München, 19. Decbr. Das Ministerium hat die Kreisregierungen und Medicinal - Ausschüsse zu Gutachten aufgesordert, ob für das Apothekerwesen die Coiicessionspstichtigkeit oder die Gewerbefreiheit zweck mäßiger sei. Die seit einiger Zeit schon erwartete Verordnung, bezüglich der Verehelichung der Osfiziere rc. hat nun die Genehmigung des Königs erhalten and wird dieselbe in diesen Tagen publicirt werden. Durch einen besonderen Erlaß des Kriegsministeriums wird ausgesprochen, daß die Dienstleistung der Civilbeamten der Militär-Verwaltung als eine Ableistung der Wehr- pflicht im Sinne des KriegSoieiistgejetzes nicht zu er achten ist. Der König hat für alle Beamten und Be­diensteten der königl. Hofstäbe und Hos-Jntendanzen, so wie für den gejammte» Hofstaat, Gehaltserhöhungen nach Analogie des Gehaltsstatuts für die Staats­beamten vom 18. Mai di ses Jahres bewilligt. Diese Gehaltserhöhungen, die einen Mehrbedarf der Cabinetskasse von nahezu 40,000 fl. pro Jahr ent­ziffern, haben von Neujahr an in Kraft zu treten.

Die Vorschläge deS Capitels deS Maximilians Ordens für Kunst und Wissenschaft zur diesmaligen Ordens­verleihung wurden, wie wir vernehmen, von der Regie­rung beanstandet, so daß denn auch die Ordensver­leihung am Stiftungstage, 18. November, nicht er­folgen konnte. Durch königlichen Erlaß sind die Landwehroifiziere in die Kategorie der zur Theilnahme an den Hoffesten befähigten StaatSdienerklassen aus­genommen. Eine ernsthafter? Reform in der Sage öer Landwehrosfiziere ist, daß dieselben demnächst einen Cursus über Eisenbahnbau- und Telegraphxnwesen durchmachen sollen, um im Felde bei den betreffenden Abteilungen Verwendung zu finden Durch könig­liche Verordnung werden die Militärdisciplinarverord nung, sowie die Kriegsartikel, beide in Uebereinftimmung mit der kaiserlichen Verordnung vom 10. November, vom 1. Januar 1873 an für das bairische Heer in Kraft treten.

Straßburg, 16. Decbr. Dahier wurden, wie derD. A. Z." geschrieben wird, bis jetzt an die durch das Bombardement Beschädigten nahe an 400,000 Frcs. in Beträgen von 100 bis 6000 FrcS. ausbezahlt. Die ganze Summe, welche zur Verthei- lung kommen wird, beträgt eine halbe Million. Im Allgemeinen erhielten gering Verletzte 1001000 FrcS. Familien, die ihren Eriiährer eingebüßt, 35004000 Frcs., Mittellose und Alleinstehende oder Kinder mittel­loser Eltern, die verstümmelt sind, 40006000 Frcs.

Weißenburg, 16. Dec. Die Commission zur Festsetzung der Befchießungsschäden im Kreise Wei­ßenburg hat nach 14monatlicher Thätigkeit ihre Auf­gabe vollendet In 36 Gemeinden wurden die Be­schädigungen und Verluste, welche in den Schlachten von Weißenburg und Wörth verursacht worden wa­ren, aus der Reichskaffe vergütet. Die ausgezahlte Entschädigungssumme beträgt 2,051,571 Franken. Konnten auch nicht alle Wunden geheilt werden, so hat doch das Gesetz vom 14. Juni 1871 einer- von den jüngsten Kriegsereignissen sehr schwer betroffenen Vevölkerung eine große Wohlthal erwiesen.

Ausland.

Wie», 18. Seit lange ist wohl die Bevölkerung Wiens dem Christfeste nicht in so heiterer Stimmung entgegen gegangen, als Heuer, und das hat Freiherr v. PreiiS mit seinem vorgestern erstatteten Finanzbe­richte bewirkt. Nachdem durch mündliche Mittheilungen und die zahlreich hier erscheiiienden Blätter die fröh­liche Kunde:Kein Deficit, nein, Ueberschnß!" in alle

Gesucht und Gefunden.

Novellette vou P. S- (Fortsetzung )

Er grübelte fort. Jahre rauschten hin aus dem schwärmenden Jünglinge sicht er einen Mann »erden, der streng an feinem Berufe hängt, in dem ° selben auszugehen scheint. Er meidet die Welt; wie sie ibn meidet; weil er ihr zu ernst erscheint, weil er ; zu Vieles verurlhetlt, was den Meisten als Krone ' gilt, weil er sein Mitleid sprechen läßl, wo Andere : lachen. Dazu eine Will-NSkrasi, die überall frei ihre Meinung behauplel, überall zu Wahrheit und Reckt stehl das entfremdet den Kreisen der Menge.

AlS rin Ehrenmann, dem das eigene Gewissen Richter ist, forschte er nie nach Alicens Schicksal; nur der Zufall wehte im zuweilen ein Wort über ihr Leben zu, das aber, in Chisfern geschrieben, für ihn nicht zu enträlhseln war.

Da kommt seine Uebereilung, seine Sühne in S. Als man ihm diese Festung nennt, weiß er, daß der Kampf des Lebens, den er längst überwunden wähnte, »jeder an ihn herantreten wird, um ihn in die Arena jener Römersklaven zu rufen, die nur der Sieger oder der zum Tode Verwundete verläßt.

Und es war ihm, al» müßte er siegen als müßte er am Ende erreichen, was er am Anfänge ver­gebens gefordert auf welche Weife? das bestimmte eine mächtigere Gewalt!

Mit solchen Visionen betrat er die einsame Zelle, ein Gefangener an Körper und Geist; denn feine Feftig feit, die sich darin gefallen hatte, jedes Gefühlsleben Weit von sich fortjHbannen, jede aufdämmernde Nei­

gung gleich einer duftlosen Herbstblüthe im Keime zu ersticken diese Kraft verließ ihn, als er ihrer am höchsten bedurfte. Ein Traumzustand war über ihn gekommen, der ihn mit Schreck erfüllte, und kein Gegengift in sich selbst mehr finden ließ. Vier Mo nate hindurch schied ihn das Verhängniß von jedem Thun, cas ihn feiner Leidenschaft entziehen konnte, noch mehr, dasselbe Verhängniß hatte ihn höhnend an jenen Platz der Erde geschlenkert, den er sich nickt einmal zum Grade ausgesucht hätte, weil er fürchten mußte, dort keine Ruhe zu finden.

Die ersten Tage waren in einer Aufregung ver­gangen, die seinen Körper zu zerstören drohte; es hatten sich Linien in sein Gesicht gegraben, wie sie allein der quälendste Seelenschmerz zeichnet. In seinen Augen glühte endlich nur die Sehnsucht nach der Geliebten. Was bedeutete ihm sein Gewissen? was Alicens Glück? Er war ein Mensch, dem sich der Wahnsinn als Begleiter anbot, wenn die Erlösung zögerte. Und die Erlösung, wie einfach war sie! Er wollte sie nur sehen er wollte eS selbst ertragen, sie glücklich zu sehen!

So fieberte er seine Tage hin, hoffend vom Mor­gen auf den Abend, vom Abend auf den Morgen. Wie oft überraschte ihn der Mond am Fenster; er verließ eS nur, wenn die Nacht tief hereingebrochen und wieder jede Aussicht verschwunden war, sie vorüber kommen zu sehen. Endlich end! ch sah er Alice, am Arm ihres Gemahls. Sie stützte sich so fest auf ihn, ihr Kops lehnte an feiner Schulter sie war glücklich, sie halt ihn vergessen.

Sein Herz stand still, kein Glied bewegte sich,

er athmete mit den Augen. Sie bogen in einen Ne bengang, seine Blicke hingen an dm nachwehenden weißen Gewändern, die er so gut kannte, er hatte Alice fast immer in Weiß gesehen, auch sie ver­schwanden. Die Spannung löste sich, er brach halb ohnmächtig zusammen.

Der Aufregung dieses Augenblicks folgte Schlaf, ein tiefer Schlaf, wie er ihn seit Wochen vergebens ersehnt. Wunderbar erfrischt wat er daraus erwacht; all seine Qual wich einer lindernden Wehmulh, und er gehörte sich wieder.

Bis hierher hatten Phantasie und Erinnerung Ernstthal geleitet. Es war spät, er erhob sich frö­stelnd , um auch jetzt Schlummer und Vergessen zu suchen.

5.

Fröhlich eilte der Morgen herauf, einem wander­lustigen Burschen gleich, da« Bergsteigen war ihm schwer geworden, ein warmes Roth glühte auf feinen Wangen, doch athmete er frisch in die Welt hinein und warf jubelnd feine Rosen in die Luft.

Im Park der Festung wurde eS nach und nach lebendig; all die Käfer, Eidechsm und Schmetterlinge raschelten und huschten aus ihrem Nachtversteck hervor und sahen sich mit klugen Aeuglein in der schönen Gotteswelt nm, ungewiß, was zuerst beginnen ? Die breiten Kastanienblätter voll Thantropfen luden zum Bade; die aufbrechenden Knospen zum wollüstigen Hinträumen, den noch verschlafenen Ameisen zur lecker­sten Bente bald schwelgten die Einen hier, die Anderen dort.

(Fortsetzung folgt.)