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Hr 300 JHarßtirg, Freitag, den 20. Dezember. 1872

Oterhessische Zeitung.

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Oute Auverficht!

Bei den jüngsten erregten Verhandlungen im Herren- iause äußerlen einzelne Mitglieder eine durchaus trübe Md schwarzsehende Auffassung der gegenwärtigen Po Ütif und der vermeintlich drohenden Gefahren der wei- Irren Entwickelung. Ein Redner wies warnend aus & Zustände Frankreichs hin, wo soeben die Frage krSnert werde: ob König,hum, ob Republik? Wenn & uns alle alten und bewährten Einrichtungen zer- fiört werden, so könne eS, sagte er, wohl kommen, daß ,uch wir einmal die Wege Frankreichs gehen. Die ilnnahme der KreiSordnung werde ein weiterer Schritt jein, um die Wege für die sociale Revolution zu ebnen.

. Diese und ähnliche Aeußerungen waren selbst bei der augenblicklichen tiefen Verstimmung über die beabsichtigte Reform und über die Schritte zur Durch- sihrung derselben kaum erklärlich. Sie berührten jedenfalls aus einer zu geringen Würdigung der tief gewurzelten Kraft deS alten preußischen Königthums, sowie deS neuen Ansehens, welches dasselbe jüngst er- ningen hat; sie berührten nicht minder auf einer zu geringen Würdigung der Stetigkeit unserer politischen und socialen Entwickelung im Vergleiche zu den fran- zöschen Zuständen.

Was Preußen im Laufe des letzten Jahrhunderts vor nachhaltigen revolutionären Bewegungen bewahrt hat, das war ebyt die Weisheit und Vorsorge seiner Fürsten und Staatsmänner, welche unser Vaterland auf dem Wege ernster Reform die politischen und socialen Leibesserungen gewinnen ließen, die andere Völker auf dem Wege der Revolution blutig errangen, um sic bald wieder einzubüßen.

Jener überlieferten preußischen Reformpolitik ent­sprach auch das jetzt durchgesetzte Werk unserer Re gierung. Dieselbe war tief davon durchdrungen, daß sie grade durch die rechtzeitige Fortentwickelung der alten Einrichtungen und durch Anknüpfung neuer lebensvoller Gestaltungen an dieselben am sichersten künftigen revolutionären und zerstörenden Bewegungen verbeuge. Nicht als ein Zugesrändniß der Regierung an den RadicaliSmuS ist das neue Reformgesetz auf Masten; dasselbe ist vielmehr in seinem Wesen und in seinen wichtigsten Grundzügen lediglich die Erfül­lung dessen, was die Regierung selbst im Geiste einer besonnenen Resvrmpolitik seit Jahren angestrebt und offen angekündigt hatte.

Sesücht und Gesunden.

Äovellette von P. S- (Fortsetzung.)

= , Zusammcnschaudernd zog sie die leichte Hülle fester um ihre Schultern und blickte lächelnd nach dem bunften Thurme, dcr jo viel bergen sollte und doch nur von der Nacht bewohnt wurde! Nur von der blöken Nacht? Der Wind kam von Norden, er wehre, dem Thurme vorbei, nach Alicens Fenster. Dar ihr'S nicht, als brächte er Klänge mit, Klänge, bir sie geliebt, so lange sie sie gekannt, Klänge, die ein Mann gesungen, den sie seil zehn Jahren vergesten wollte, und nicht konnte ? ES tönten die süßen Laute um sie her; .es zitterte eine Melodie in den Lüften, die einst ihr Herz gefangen nahm, um eS nimmer wieder sreizugcben.

Athemlos lauschte sie; deutlicher, immer deutlicher tmg'S der Wind herüber, Töne Klänge Worte: Atzte Rose, wie magst Du So einsam hier blüh'n, Deine freundlichen Schwestern Sind längst schon dahin!"

Wie oft hatte Ernstihal gebeten:Sing mir ein Lied, so recht sür's Herz!" Sie hatte dann die letzte Stofe gesungen, und er hatte still dagesesten und mit- »esummt, bis auch er cs konnte; und zuletzt hatten ffe eS einmal zusammen gesungen und dann nie mehr - aber seine Slimmmc war unvergessen! Lange stand Alice regungslos da; endlich sang sie leise mit und wußte nichts davon.

Ein Lichtschein erschreckte sie; Elma trat ins Zimmer. Scherzend bat Alice um ihre Hülfe, und wenige Mi­nuten später empfing die schöne Frau von Banndors ihre Gäste mit gewohnter Anmuth. Niemand ahnte,

Die Besorgniste, welche die streng conservativk Partei an das neue Gesetz in Bezug auf die Gestal­tung der ländlichen Verhältnisse knüpft, werden sich hoffentlich in naher Zeit als unbegründet oder über­trieben erweisen.

Sicherlich aber würde die Kraft des preußischen Königthums und die Festigkeit unserer politischen Gc- sammtzustände unter allen Umständen sich auch darin bewähren, etwaige Gefahren der angebahnten Entwicke lung überwinden zu lassen. Hieran zu zweifeln, ist ein Kleinmuth, der in der Geschichte unseres Vater­landes keine Rechtfertigung findet.

Während aber die Redner im Herrenhause auf die Gefahren einer revolutionären Entwickelung ernst warnend Hinweisen zu müssen glaubten, hat das Blatt, welches die Grundsätze einer christlich - conservativen Politik vorzugsweise zu vertreten meint (dieNeue Preußische Zeitung"), sich nicht gescheut, seinen Partei genossen für die künftigen Wahlen eine Politik anzu- rathen, durch welche der communistischen Partei, d. h. derjenigen revolulionären Partei, deren Streben nicht nur auf völlige Vernichtung des heutigen Staats, sondern auf Vernichtung aller jetzigen socialen Zu­stände gerichtet ist, wenigstens mittelbar eine Stärkung zu Theil werden würde.

Die Zeimng spricht die Anficht aus, daß eine Stärkung der communistischen Partei, zumal im Reichs­tage, wohl möglich undBehufs Klärung der Dinge" so unbedenklich fei, daß den Conservativen dringend zu rathen sein würde, unter keinen Umständen mit dem Liberalismus gegen den CoaimuniSmuö in Verbindung zu treten.

ES kann nicht fehlen, daß schon durch die An­kündigung eines solchen Verhaltens, wenn dastelbe in der conservativen Partei Billigung finden könnte, die radicalste aller Parteien eine Ermuthigung nicht bloß für die Wahlen, sondern für ihre gejammten Bestrebuiqen finden würde.

Man darf jedoch zur conservativen Partei in ihrer Gesammtheit trotz augenblicklicher Verstimmungen daS feste Vertrauen hegen, daß sie jenem frivolen Rathe nicht folgen werke. Es steht dem Menschen nicht zu, das Böse zu thun, damit daS Gute komme"denn die Folgen zu sichern, liegt nicht in des Menschen Gewalt, welcher den Wegen GolteS nicht vorgreisen kann; wohl aber wird Jeder Rechenschaft ablegen wie sie litt; Niemand ahnte, wie oft ihre Gedanken in dem dunkeln Thurme weilten, wie viel tausend Mal sie den Mann begrüßten, den sie allein geliebt!

4.

Uebcrlassen wir Alice ihrem glänzenden Schein­glück und wenden wir uns nach dem Orte ihrer Sehnsucht. ES ist dort so schaurig still geworden, daß man den Wind ächzen hört, der sich in den Eisen stäben des Fensters fängt. Eine kleine Lampe, deren Schirm weit über die Flamme reicht, erleuchtet bas Zimmer kaum notdürftig; die Erker« und Pfcilcr- nischeu bleiben finster, nur hier und da fallen grelle Streiflichter hinein, die der Tapete auf Augenblicke ihren einstigen Blutschimmer wiedergeben. Wunderlich malt der Mond das Gitterfenster auf die Fliesen oder an den Spitzbogen, von dem dann die Spinnen, aus ihrer Ruhe aufgescheucht, in die sichere Finsterniß hinuntergleiten. Die Scheiben in ihrer runden Blei­fassung mögen wohl nicht fest schließen, ein brennen­der Wachsilock, der unbeachtet auf dem Fenstertische stehen blieb, züngelt mit seinem Flämmchen hin und her

Ernstthal blättert in einem Buche, das, von fester Manneshand geschrieben, nur einzelne Sätze zeigt, die halb verwischt, Niemand als der Schreiber enträthseln kann und vielleicht soll. Seine Erinnerung weilt noch bet dem Liede, das er eben gesungen. Ihm schwebt ein Abend vor ein glückseliger Abend; er hört mit Alice zum ersten Mal Flotow'SMarkt von Rich­mond"; der muntere erste Act ist vorüber, der zweite beginnt. Martha singt ihre wunderbare Weise er muß Alicen sein Entzücken theilen sehen; er blickt sie an sie ihn, und, als ob es nicht anders möglich wäre, spielen sie das alte, verhängnißvolle Spiel: wer wohl den Blick deS Andern am längsten ertrüge! Der

über das, was er nach eigenem Wissen und Gewissen gethan ober unterlassen hat.

Die conservative Partei wird sich ihr gutes Ge­wissen wahren «ollen. Deshalb wird sie gewiß nach kurzem Besinnen auch auf dem Boden der neu an­gebahnten Entwicklung redlich und treu mit der Re­gierung zusamrnenwiiken, damit unter Gottes Segen auch auS dm neuen Verhältnissen reichlich Gute» erwachse. (Pr.-Corresp.)__________________________

Deutsches

** Berlin, 18. Dec. DieProv. Corresp." be­stätigt heute, daß Fürst Bismarck um die Enthebung von der Stellung eines preußischen Ministerpräsidenten beim Könige eingekommen sei und fügt hinzu, daß die Erfüllung diefes Wunsches dem Reichskanzler nach Lage der Verhältnisse kaum versagt werden könne. Eine definitive Entscheidung ist indessen noch nicht erfolgt, ebenso wenig läßt sich bis jetzt etwas Si­cheres über die demnächstige Regelung der Geschäfte deS preußischen Staatsministeriums sagen. ES ver­lautet jedoch, daß Graf Roon auf den ausdrücklichen Wunsch Sr. Majestät sein EntlassungSgesuch zurück­gezogen und sich bereit erklärt hat, den Vorsitz dcS Ministeriums provisorisch zu übernehmen. Hieran- scheint hervorzugehen, daß alle Nachrichten, welche !on einer gänzlichen Umgestaltung des Ministerium» prechen, nur auf Vermuthnngen beruhten. Eine solche Maßregel stände auch mit dem Entschluß deS Fürsten Bismarck im Widerspruch, welcher ft» AUeS beim Alten gelassen haben und nur sich selbst von einer allmälich bis zur Unerträglichkeit angewachsenen GeschäftSlast be­freien will. Vor allen Dingen müssen diejenigen Con- jccturalpolitiker zurückgewiesen werden, welche mit aller Gewalt dem Grafen Eulenburg, sei eS actio oder passiv, eine Rolle in den gegenwärtigen Vorgängen anweisen wollm. Weder ist der Entschluß deS Fürnen Bismarck einSchachzug", um den Grafm Eulen­burg zu beseitigen, noch ist bis jetzt davon die Rede gewesen, daß Graf Eulenburg an Bismarcks Stelle das Präsidium Übernehmen werde. In Betreff be­wirkt. Geh. Rathcs Wehrmann tauchen noch immer die widersprechendsten Nachrichten in der Presse auf. Als Thatsache kann nochmals Folgende- gemeldet »erben. Herr Wehrmann soll versuchsweise einen Theil seiner früheren Functionen wieber übernommen; sein EntlassungSgesuch aber bi- jetzt aufrechterhalten.

Sieg war unentschieden; als die Melodie verwehte, als sie sich auf ihre Umgebung besannen, schauten Beide errölhend nieder, wußten nicht was geschehen und wußten es doch!

All' sein Empfinden hatte sich in die Sekunden gedrängt, um sie vollumfassend in sich aufzunehmen, eine Leuchte für da- ganze Leben. Deshalb hatte er das Lied so lieb gehabt, deshalb mußte Alice eS ihm singen, bis es auch sein Eigenthum ward. DaS Alles stieg jetzt vor ihm auf, treu bi« in- Geringste, und Alles trug die Farben de» Lichtes, und war doch schon so lange tobt!

(Fortsetzung folgt.)

DaS «ennzehnte Zahrhandert

tu »riefen eine» Römers ans der Zeit Julin» «Ssar». (Schluß.)

Da» heute lebende Geschlecht, heißt es an einer anderen Stelle, ist in der Thal sonderbar. Sein Geist bat eine außerordentliche Beweglichkeit und Unruhe. So schläfrig sein Körper erscheint, ebenso wach und wie von einem unaufhörlichen Strom getrieben ist seine Einbildungskraft. Kein Tag, ja kaum eine Stunde vergeht, ohne daß das Gehirn der jetzigen Menschen nicht irgend eine sinnreiche oder kindische Erfindung erdenkt. Und nicht blos auf bestimmte Gegenstände richtet sich diese Gedankenfruchlbarkeit, nein auf Alles und Jedes.

In den Künsten, in der Literatur, in der Wissen­schaft, in der Sprache, in den Gewohnheiten, in den Sitten, in der Kleidung, in der Gesetzgebung in der ßorm von Regierung und Verwaltung lieben sie zu ändern, zu neuern, zu erfinden. Sie zerstören heute, was sie gestern erschaffen haben, um morgen da-