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ssr. 296,

Marburg, Sonntag, den 15. Dezember.

1872.

Lderhessische Zcit«»g.

♦säTiÄ auftet den Werltäg-n nach Sonn- und Feiertagen. Preis für do« Quartal bet Oberhrsfischeu «ettuu, mit «reiüdlatt durch die «rpedition (K-ch'fch- * u 1 b e u d ?r e*) buoo "n U 6»t., durch die PostSmter 27 ^. 6 Pf,, (excl. Bestellgebühr und inel- Stempelsteuer), für da« Ausland excl. Stempel tt Buchdruaer ) Jn,^tu»nsgeb.ühr für die gespaltene Zeile t Sgr. Sammttiche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate au.

Politische Woche»-Uederstcht.

Nachdem Graf Eulenburg in der vergangenen Neche, am Vorabende der Vollendung s.iner zehn jährigen AmtSlührung, im Herrenhause die Abwersuu^ m ersten gegneriich.n Amendements zur Kreisorb- «ng mit einer Majorität von 27 Stimmen und t»rm»f die Zurückziehung der übrigen erlangt Halle, «isolgte am Montag (9. Dec ), wo noch einige Polen ii« Gegner ring-.troffen waren, die definitive An- ,chme der ganzen unveränderien^Vorlage mit 116 ge- äat 91 Stimmen, also gerade mit einer Stimme über fit neueioberufinen Vierundzmanzig. Inzwischen haben Hras v. Roon, der schon länger einen Rückzug zu «Sßerer Ruhe wünschte und der das dankbarste An denken ruhmvoller Fachleistungen hinterläßt, und Herr । Suchow Minister der Landwirlhschafk, beim König »re Entlassung ttachgesucht. Die Entscheidung über Annahme der Entlassung uuo über Die Nachfolge im amte wird, wie e» heißt, erst nach der Rückkehr des Minister-Präsidenten Fürste« Bismarck getroffen wer ben, die zum 15. oder 20. d. M. erwartet wird. Das K'lßische Abgeordnetenhaus ist einstweilen Haupt

sich mit der Porberalhung deS in neuer Form flufgeiieUten Bridgets für 1873 und der Eamphauscn schen Steuer Novelle beschäftigt. Die Erkrankung deS deutschen Kronprinzen, welche denselben bisher in Karlsruhe festhielt, war bedenklicher als anfänglich verlautet hatte; jetzt ist dieselbe so «eit gehobe^ dap der Kronprinz wahrscheinlich Anfang nächster Woche sich zur Nachrur nach Wiesbaden beg.ben wird. Die Zustizminister Baiern«, Würtembergs u. s. w. sind seit einigen Tagen in Berlin anwesend, wo über Fra­gen der Reichs Gerichtsorganisation neben oder im BundeSrathe Besprechungen gepflogen werden sollen Zn vielen deutschen Einzelstaaten sind die Landtage versammelt. ■ ,

In CiSleithanien haben noch kaum vterwö chentlicher Dauer die Landtage ihre diesjährige Session geschlossen, die Mehrzahl am 7. bereit«, die letzten am 9. und 10. Dtcember. In Pest feiert der Hast der Ma«yaromanie gegen doS Deutsch« einmal wieder Orgien; in der Stadtvertretung der überwiegend deutschen Doppelstadt Osen-Peft darf nicht mehr deutsch gesprochen werden. Der ungarisch« Chauvinismus hat e« im Unterhaus« durchges tzt. Nach dem Nationaliiät« gesetze kann jede Minorttät, wenn sie ein Fünftel im Municipalcorps bildet, in den Brrathungen ihre Mut-

terfprache gebrauchen. DiefeS Recht ist der deutschen Majorität in Pest Ofen nun entrissen.

Die beiden Raihe der schweizerischen Bun- desvermmmlung haben BundeSrath und BundeSgericht

neu bestellt, und der Sländerath^hat am 6. d. ein neues BundeSgeirtz über den Bau und Betrieb von Eisenbabnen geirehmigt, durch welche« die Competenz oe« Bunde« auf diesem Gebiete sehr erweitert wird. Die altkatholische B.wegung, z. B. in Aarau und Luzern, scheitrt neuerdings verstärkte Fortschritte zu mach«».

In Frankreich wurde in Folge deS am 29. No­vember dem Minister de« Innern ertheilten Tadels wegen lauer Handlung gegenüber den dem Präsidenten eer Republik ertheilten Zustimmungs Adi «sie» eine tbetlweije Veränderung im Cabinet nöthig. In strenger Beobachtung de« parlamentarischen Brauches wählte Lhiers seine neuen Minister aus der Majorität vom 29. November, aber von der äußersten Grenze der leiben, da wo sie an die Majorität grenzt, so daß sein neues Cabinet, in welchem Goulard das Innere, Leon Say die Finanzen und Fourtou die öfientlichen Arbeiten übernahm, „ein parlamentarisches und zu­gleich beschwichtigende«" sein soll. Von den Royalisten wurde diese Combination indeß m t Hohn begrüßt, von Organen deS. linken CentrumS sogar ein „Cabinet der Sackgasse" genannt. Während nun die National Versammlung in ihren öffentlichen Sitzungen die Budgets der einzelnen Ministerien mit geringer Alls, merksamkeit debatlirt, ist das Auge deS Landes auf den Dreißiger-Ausschuß gerichtet, welche Verfassungs­änderungen er wirklich und ernstlich Vorschlägen wird, werden die nächsten Tage zeigen.

Die italienische Kammer hat sich bereits in mehreren geheimen Sitzungen mit dem Gesetzentwürfe über die religiösen Körperschaften beschäftigt. Da die vevorstehcnde Plenarkiscuision über dieses Gesetz bei der schwachen und lauen Haltung der Majorität un­berechenbare Zwischenfälle und Gefahren für bas Ca- bittet herbeiführen könnte, so haben Lanza und Sella ihre Getreuen zu besonderen Berathungen zusammen» beruf.«, um einer Zersplitterung ihrer bisherigen par­lamentarischen Stütze voizubeugeu.

Der belgische Kriegs Minister, General Guillaume, h^t jeiite Entlassung genommen; der Minister deS Auswärtigen, Graf d'Aspremont-Lynden hat proviso­risch daS Kriegsministerlum übernommmen.

In Spanien dauern die Unruhen fort, wenn schon der Regierung es bisher stets noch gelang die- selben zu unterdrücken, nothwenkig ist eS aber auch, va sonst die große Crediloperation von 230 Millionen einen nicht günstigen Ausgang haben dürste. Der König ist vollständig wieder genelen.

Ueber die britischen Inseln ist, wie mit ge­ringerer Macht auch über einige contiuentale Länder,

ein gewaltiger Sturmwind gefahren, der Schiffe zer­stört, Bäume entwurzelt, Dächer abgehoben und noch mannigfachen anderen Schaden angerichtet hat. Eine absolute Windstille aber herrscht dafür in der Politik deS Reiches, so daß der Abschiedsbesuch der japane- ischen Gesandtschaft bei der Königin schon als That- ache ersten Range« gelten muß.

Im dänischen Reichstag« haben dir Derhand- ungen begonnen und werden allem Anscheine nach sehr lebhaft werden. Im Folkething griff Winther am 10. d. daS Ministerium und das jetzige Zwei­kammersystem heftig an und sagte, jetzt muffe es sich zeigen, ob da« Vertrauen deS Königs mehr wiege, alS das Mißtrauen einer geschloffenen Majorität von Volksvertretern.

Die Kaiserin von Rußland ist aus der Krim und der Bruder de« Kaisers, Großfürst Constantin, von feiner Orieirtreifc in Petersburg wieder cingetrrffm. Dort wurde am 7. d. da« GeorgSordenSfest begangen, wobei der Kaiser Alexander einen Toast auf den Kaiser von Deuts bland al« den ältesten Ordensritter auS- gebracht und den periöilich anwesenden Prinzen Carl von Preußen zum Chef der ersten Artillerie - Brigade ernannt hat.

Tie griechische Regierung wird vvn de« Ge­sandten Frankreichs und Italiens in der Laurionfrage immer stä> ker bestürmt; sie soll bereits mit dem Ab- b>uch ter diplomatischen Beziehungen und mit einer Llokade deS PiräeuS bedroht worden fein. Am 10. o. sind in der That drei französische Kriegsschiffe unter dem Befehl des AvmiralS Gniscon vor dem genann­ten Hafen erschienen.

In der Türkei taucht fast täglich ein neuer Minister auf; jetzt heißt eS wieder, daß Midhat Pascha Präsident de« StaatSratheS und Kiamil Pascha Justiz­minister werden soll. De« Sultan« Gemüthsstimmung wird al« eine ganz eigemhümliche geschildert.

Die rumänische Kammer hat mit 60 gegen 49 Stimmen zur Beantwortung der Thronrede ein« Adresse an den Fürsten Carl beschlossen, die durchaus conservativ Hingt und di« sorgfältigste Prüfung der Eisenbahnfrage verspricht.

Lentschrtz Reich.

»erlitt, 13. Decbr. Die „Nordd. Allg. Ztg." hat gestern jedenfalls nicht ohne Autorisation dem Ge­rüchte von einem Entlassungsgesuch des Grasen Eulen­burg ein Dementi entgegengesetzt. Dieses Gerücht hat wohl überhaupt nur als frommer Wunsch der frommen Coterie der „Krz.-Ztg." gelten können; denn in poli­tischen Kreisen haben derartige Nachrichten nie Glau-

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Gesucht «nft Gefunden.

Novelle«« von P. S.

1.

Ans dem Berge bei S. stand ein hoher Wart thurm; nach Art seiner Sippe hegte er die nachsich tigfte Vorliebe für Dohlen nnd Epheus; daS mochten die Dohlen, da« mochte der Epheu wiffen, beim Tag und Nacht flatterte e« um feine Zinnen, Jahr anS Jahr rin grünten an seinem Fuße die «toigen Ranken ber Heberen. Ring« um ihn standen Stuten, grau nnb müde, wie er; sie schienen recht geoächlnißschwach geworden, die alten Bäume! denn schon 'seit Jahren halten sie vergessen, sich im Sommer mit nettem Laube zu schmücken. '

Lange dachte Niemand an tcn Berg mit dem allen Thurme und den abgestorbenen Baumen; die Warn zeibiSckeltem.hr und mehr, die Li-den verdorrt n völlig Da bracht« der Zufall den LandeSsürflen dahin; er sand dm Ort zu eimr Citabelle geeignet, und ließ — vor etwa einem Jahrhundert - die regelrecht steifen Gebäude eines Fort« aufiühren. Die Stuben würben abgehauen, ber Thurm aber blieb stehen, und man richtete seine Räum« für Staatsgefangene ein.

In einen dieser Räume folgt mir. DaS hochge- Wö-bte Gemach, durch eine Bogenthüre von tief ge bunMtem Eichenholz- von der Auß »weit geschieden wird nur notdürftig von einem stark vergitterten Fenster erhellt; kühl, fast kalt ist die Luft, trotz des glühend heißen Julltage«. Eine ehemals purpurroth«,

jetzt verblichene Seidentapete verleiht dem Zimmer ein eigmthümltches Ansehen, halb reich, halb armselig; man w.iß nicht, soll man der Vergangenheit, soll man der Gegenwart glauben. Die Ausstattung des Ge­mache« steht bannt im Einklänge; auch die Seide des Divan« und der Fauteuils ist verblaßt, bas Holzwe.k daran zeigt aber wohlerhalten die eleganten Siebltnge« formen deS vierzehnten Ludwig. So athmet alles trübere Pracht, erloschenen Glanz; selbst ein Bild au oer Hauptwand, das dem jetzig.» Bewohner anzuge. hören icheint, vervollständigt durch seinen zierlich ge- schwungcnen, doch geborstenen Goldrahmen da« Zu­sammengehörige der Einrichtung In Gestalt eines groß.», unaussprechlich alltäglichen Schreibtisches, der hohnlächelnd mit seiner Nützlichkeit darein blickt, tritt nur unser Jahrhundert flötend dazwischen Vor dem Liiche steht ein S.ssil, auf dem bestaubte Bücher liegen; an tiefe ist eine Zither gelehnt, deren Sailen ge Iprungen sind, und die eben so ivehmüthig an schönere Tage mahnt, wie das bleiche Roth ter Tapete.

Leise öffnete sich die Nebenthür; langsam tritt ein Manu herein, tief tu Gedanken versunken! Er öffnet vaö Fenster und lehnt sich gegen die verrosteten Eisen- fläbe; seine Blicke irren planlos in bie Weite hinaus — Nichts suchrnb, Nichts findenb, al« Sonnengold und leicht geflockte Wolken. E« ist eine hohe, reine Stirn, bie sich geg.n da« Gitter drückt, ungeordnet umloden sie schwarze Haare Ebenso dunkel sind Bart und augenbraunen, welch« Augen überwölben, wie sie

die Natur in ihren Feierstunden schafft. Bald so see­lenvoll innig, bald in wildem unerti äglichem Fmer; sie besitzen jenen Glanz, der im Auge schwärmt, durchs Auge blitzt; man weiß nicht, woher er stammt, wohin er zieht, aber er ist da und entzückt mehr als das Sprühen des Demants — e« ist ja kein tobte« Funkeln tobten Gestein« — e« glüht Leben darin, da« Leben de« Alls, d-« ewigen Willen«.

Minute auf Minute verrann, eine Glocke schlug eie Stunde; nun erst erwachte der Mann aus feinem Sinn.it; er athutete schwer, fuhr mit ber Hand über die Augen, als ob er grübelnde Gedanken forttriebe, und trat in« Zimmer zurück. Nachdem er einige Mal darin auf und abgegangen, setzte er sich und warf einige Striche auf ein Blatt Papier; ein markige«, böje« Gesicht war«, baS fein Bleistift schuf, ein Ge­sicht, in welchem aus jeder Linie die Ironie de« Er- oenlebens hei vorgrinste. Er siebt die Fratze lachend an; da erscheint -S ihm, alS ob sie millache,; — hastig verwflcht er sie und schließt bie Augen. Andere Bilder will er herauibeschwöcen: — sie nahen auch, doch alle, wie sie kommen, wie sie schwinden, sind ernst und düster, gleich rin r unendlichen Herbstnacht. Und doch zeitigte daS Leben auch für ihn einst Rosen, deren Tun sein ganzes Dasein verklärte; — aber daS war lange, lange her! Die Rosen sind entblättert; ihr Dust ist mit ben Winden heimwärts gen Schira« gezogen.

I Oortsthmig folgt)