Hr. 2SL JUarßurg, Freitag, den 13. Dezember. L872.
Obcihessischk Jeiting.
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Deutsches Reich.
»» Berlin, 11. Dec. Seit gestern sind in den politischen und parlameittanschen Kreisen vielfach Gerüchte über durchgreifende Aeirdernngen im Staalg- miiiifterium verbreitet Tiefen Gerüchten gegenüber kSnnen Wir ronst ttiren, daß bisher nur von de» Ent lasiungsgefuchen der Minister deS Krieges und bei rgntwirihjchaft die Rede ist. Hinsichtlich des KriegS- minifters Grafen v. Roon kann als authentisch berichtet werden, daß der Minister fidr zunächst von Sr. Majestät einen Urlaub erbat und bewilligt erhielt, m der Absicht, daS eventuelle Demissionsgesuch bis noch der Rückkehr des Fürsten Bismarck zu vertagen. L'ic man HSrt, hat Se. Majestät dem Grafen v. Roon noch einen längeren Urlaub eventuell bis zum F>üh jrhr angrboten, worauf der Minister bei Sr. Ma- jtftil ein förmliche« EntlafsungSgejuch eingereicht hat Seitens deS Königs wurde der Flügelabjuiant Gras Albetyll nach Gulergotz gesandt; doch scheint der AriegSminister an seinem Entschlüsse, definitiv aus dem Staatsdienst auszuscheiden, festzuhallen. ES ist indessen anzunehmen, daß die endgültige Entscheidung bi« zum Eintreffen des leitenden Miuisters vertag! «erden wird.
— Die große Eisenbahnvorlage, rn der sich als hervorragendste Linie die directe Bahn von Berlin durch den Harz über Eichwege und Homberg nach Wetzlar und Coblenz befindet, liegt nunmehr Er. Majestät yjm Vollzüge vor. Da über die bei dieser wichtigen Bahn in Betracht kommenden militärischen Erwägungen Allerhöchsten Orts bereits früher Vortrag gefordert ist, so glaubt man, daß die Vorlage binnen Kurz m dem Landtag zugehen werde. Uebri gen« hat der Staat auf den Bau der Moselbahn, deren militärische Wichtigkeit ja rbensafls auf der Hand liegt, keineswegs verzichtet.
— Die „Bert. Mont.-Zlg." erfährt jetzt Einzelheiten von ter Krankheit des Kronprinzen. Darnach
Ein Duell.
Aus den Erinnerungen eines Arztes.
(Fort, etzung.)
Es war inzwischen spät geworden, ich wollte mich schon zur Ruhe begeben, als mir der Besuch eine« Herrn gemeldet wurde, der unverzüglich mit mir zu teten wünsche. Eine Ahnung sagte mir, daß dieser Herr kein Anderer sei, als der Baron Franz, und sie täuschte mich nicht.
Er trat ein und nahm auf dem Stuhle, den ich ihm anbei, Platz. Ich komme nicht zu Ihnen, Heri Doctor, um Sie zu fragen, welchen Preis Sie für Zhr Schweigen fordern, sagte er, ehe ich ein Wort a« ihn gerichtet hatte, ich vertraue aus Ihren ehren hasten Charakter und weiß, daß Ihr Herz Ihnen sagen wird, was Sie thun und lassen dürfen. Sie müssen jetzt daS ganze, entsetzliche Geheimuiß kennen, ich konnte eg länger nicht verheimlichen, und wenn ich's gekonnt haste, ich glaube, ich wäre freiwillig hierher geeilt, um die Blutschuld zu sühnen. Ich war erschüttert, der Ton, in welchem der Baron diese Worte sprach, bewies mir, wie sehr die Schuld ihn drückte, wie sehr die Reue seine Seele folterte. Vom Grauen zum Milleio gibt'S nur ein Schritt, die beiden Gefühle sind so eng mit einander verwandt, daß ich oft meine, das Eine müffe dem Aichern entspringen. Ich fühlte Mitleid mit diesem Manne und doch hinderte mich «in anderes Gesühl, ihm dieses Mitleid zu zeigen. Sie haben recht, sagte ick, eS ist eine schwere, entsetzliche 6<tulb, die auf ihrer Seele ruht. — Und doch würde ich sie noch einmal auf mich nehmen, wenn er noch lebte! erwiderte er dumpf. Sie können die Tiefe des Hasses nicht ermeffen, der mit dem. Kinde groß ge zogen, der in der Seele des Kindes geweckt und täglich genährt ward. Da muffen endlich die Gluten bernichteub zusammenschlagen und jedes bi fiere Gefühl ersticken Weßhalb wurde er stets bevorzugt? Wcß- halb durfte er mich ungestraft beleidigen, mit seinem beißende!, Spott mich auf Schritt und Tritt verfolgen? Meine Schuld war es nicht, so wenig eS seine Scku b war, daß mein leibenschastlicher Haß auch in feimr Seele die wilde verzehrende Leiveufchaft weckte! -
war dieselbe eine Entzündung deS Blinddarms, sehr g jährlich, ja einem Stadium nahe, wo das Aergste befürchtet wu'de Das Uebet hatte den hohen Herrn auf der Reise von Dresden nach Karlsruhe befallen; unterwegs schon hatte er hettige Schmerzen gefühlt, und als er in Karlsruhe ankam, waren schon fast alle Symptome in erhöhtem Grade vorhanden. Trotzdem bu.dete er nicht, daß die Kroupiinzessin davon benachrichtigt werde, und erst als die Krankheit eine Wendung genommen hatte, bei der man für nichts Heben konnte, wurde die hohe Frau herbeigerufen, und noch zwei bis drei Tage nach ihrer Anknuft war die Gefahr ungehoben. Bis zur Ankunft der Kronprinzessin hatten sich der Gcoßherzog und die Groß Herzogin von Baden am Krankenbette bei Tag und Nacht abgelöst. Neben dem Leibarzt des Kronprinzen war auch der Leibarzt der Kaiserin, Dr. Velten, behandelnder Arzt. Mit ihrer Ankunft trat die Kronprin zessin als Pflegerin ein; jetzt ist, nach Ausspruch bei Aerzte, nicht nur jede Gefahr beseitigt, sondern der Hohe Kranke befindet sich in voller Genesung, so daß nunmehr, wie bereits gemeldet, die U bersiedelung nach Wiesbaden erfolgen kann, was auch schon in Rücksicht I auf die jüngsten kronprinzlichen Kinder wünsckensweith i|t, da der jüngste Sohn des Großherzoglichen Paares von den Masern befallen ist.
— Die „Prcv-Corresp." schließt einen die Zustände Frankreichs betprechenden Artikel: Aus den neuesten Anzeichen geht hervor, daß beide Theile den Wunsch einer erneuten Verständigung hegen. Die öffentliche Meinung Frankreichs und Europas wirb es sicher mit aufrichtiger Befriedigung begrüß », wenn ein bauerndes Einvernehmen zwischen der National Versammlung unv Thiers und neue Bürgschaften für einen festen Bestand der Dinge in Frankreich ge- wonrren werden. — Die „Prov. Corr.", die Kreis ordnnng beiprechend, sagt ferner: Die Regierung deS Königs ist nach wie vor überzeugt, daß sie mit der
Aber daß der Haß zum Brudermorde ^führen konnte, begreife ich trotz allevem nicht, sagte ich. — Weil Sie nie gehaßt und wohl auch nie geliebt haben, suhr der Baron leise, den Blick stier vor sich hin gerichtet, fort Hätten Sie je der Siebe Allgewalt empfunden, so würden Sie wisse», welche Fülle des Hasse« die Seele bergen kann. Die Eide hatte für uns Beide nicht Raum genug, und doch würde ich vor dem Mittel, welches ich später wählte, zurück gebebt sein, wenn er das Mädchen, welches ich innig liebte, nicht zur Braut erkoren hätte. Ich w.ll meine That nicht entschul eigen, nicht rechtfertigen, ich habe sie begangen mit vollem Bewußlsein dessen, was ich that, und daS ent I tz.iche Eleno, welches ich dadurch über mich herauf beschwor, ist eine gerechte Strafe. Lange Jahre hin durch habe ich mein Gewissen mit der leeren Entschuldigung beruhigt, daß mein Bruder freiwillig meine Herausforderung angenommen habe, daß ja auch ick rn dem Duell hätte fallen können, aber die Stunde kam doch, in der das schlummernde Gewissen erwachte und mir zuries, ich sei em Brudermörder! Der Baron schwieg, ich fand keine Worte, auf diese Selbstanklage e.was zu erwidern. Jedes Verbrechen will geiühnt sein, nahm er nach einer geraumen Weile wieder das Wort, auch ich will die schwere Schuld sühnen. — Was wollen Sie thun? fragte ich bestürzt. — Ick weiß das noch nicht. Ich habe versucht, durch gute Handlungen, durch Kasteiung meines Fleisches und Willens, durch Entsagungen und Opfer, die ich mir aufeilegte, die Schuld zu tilgen, aber das ist der richtige Weg nicht. Ich finde nirgends Ruhe, bad Gespenst meines Bruders verfolgt mich, es reißt mich empor auS den Armen meines Weibes, es tritt zwischen mich und ben Vater und blickt aus seinen starren, gebrochenen Angen mich drohend an. — Entsetzlich! sagte ich unwilltührtich. — Wohl ist e« entsetzlich, fuhr er, sich erhebend, fort, ich ertrage eS nicht länger. Ich war entschlossen, nicht hierher zu kommen, um das Geheimuiß für mich zu behalten, Sie waren ja Der Einzige, Der einen Blick hineinwerfen konnte. — Uns Der Kamm.rdiener Ihres Vaters! — Auch er? was kann er wissen? — Er hat Sie gesehen, als
Durchsührung der angebahnten, echt freisinnigen Re form gerade im gegenwärtigen Moment eine unzweifelhafte Pflicht ihres conservativen Beruf« übte. Die Regierung rechnet mit vollster Zuversicht darauf, vaß bei der nunmehr beginnenden schwierigen Ausgabe der praktischen Ausführung deS Gesetze« die conservativen Kräfte de« Sandes ebenso willig wie die liberalen Kreise au« Patriotismus sowohl wie au- eigenem Interesse ihr zur Seite stehen und ihre ganze Kraft hineinwerfen werden, um in den neuen Zuständen sich oben an der Spitze der Bewegung und oes Einflusses zu halten. — Die „Prov -Esrresp." meldet ferner die zwischen dem 15 und 20. December erfolgende Rückkehr de« Reichskanzlers nach Berlin. — Wie die „Krenzztg." vernimmt, würden die Veränderungen im Ministerium erst nach der Rückkehr deS Fürsten Bismarck erledigt werden. - Die „Norod. 1111g. Ztg." meldet, daß die Berathungen deS SiaalS- ministermmS über die kirchenpvlitischen Gesetze bi« zur Ankunft des Fürsten BiSmarck ausgesetzt sind.
Flen-durg, 7. December. DaS Landrathsamt Flensburg macht nun da« Resultat der Schätzungen des durch die Sturmfluth vom 13. Nov. im Kreise Flensburg ungerichteten Schadens bekannt, welcher Bekanntmachung wir nach dem „Schwab. Merk." da« Nachstehenbe entnehmen. Hiernach sind im Sanbireife 26 Wohngebäude und 19 andere Gebäude total vernichtet, 1U8 Wohngebäude und 45 andere Gebäude schwer beschädigt. Taxation deS Schadens 32172 iblr., Mobiliarschaden 9881 Thlr., Verluste an Vor- r äthen 20,154 Thlr., Vieh 2,238 Thlr. Sechs Schiffe sind ganz vernicklet, 19 schwer beschädigt. Der Schade venheilte sich auf 250 Beschädigte mit 908 Familienmitgliedern. An Sänbereien fiiib 153 Tonnen zum Werth von 31,526 Thlr. total vernicklet, 2252 Tonnen in bet Höhe von 16,805 Thlr. beschädigt. Die Her- fteUungearbeiten für Deiche, Dämme, Wälle und Wege betragen, 36 410 Thlr. Totalschade im Lanbk>eise
Sie heimlich in der Nacht den Bruder besuchten, wohl, um ihn herauSzusordern. — Ah — er wird schweigen, er hängt mit tr.uer Liebe an meinem Vater. Und auch Sie werken schweigen, Herr Doctor, Sie »er» ben^btn Lebensabend de« alten Mannes... — Was wollen Sie thun? fragte ich noch einmal. Die Ahnung, caß er entschloffen sei, selbst sich das Leben zu nehmen, tonnte ich nicht mehr zurückbrängen. — Fragen Sie nicht, erwiberte er düster, das Geschick eines Jeden mnß sich erfüllen. —■ Wohl, aber mit welchem Rechte können Sie mich bitten, Ihren Vater zu schonen, wenn Sie selbst ibm den Todesstoß geben wollen? — Der Baron schüttelte den Kopf, er vermied es noch immer, meinem Blick zu begegnen. — Mein Tod wird ihn tief betrüben, sagte er, aber auch diesen Schmerz lindert die Zeit, wie sie so manche Wunde heilt — Er wird seinen Söhnen ein liebevolles Andenken bewahren und an ihrer Gruft seinen Schmerz auSweinen. Wüßte er, was sie so frühzeitig ins Grab gebracht hat, er würde ihnen fluchen! — Und halten Sie es für eine Sühne der Scknld, wenn Sie selbst sich das Leben nehmen? fragte ich ernst. —* Er sah mich mit seinen dunklen, glühenden Augen vorwurfsvoll an. Nein, erwiderte er rauh, an solche Sühne habe ich noch nicht gedacht. Dringen Sie nicht in mich, lassen Sie mich meinen Weg g-hen, ich hege die Uederzeugung, daß er mich zum Ziele führen und auch Sie befriedigen wird. Er entfernte sich nach diesen Worten rasch — ich sollte ihn zum letzten Male gesehen haben.
(Schluß folgt)
Herr Thier» »her he» Ursprung heö Krieges h» 1870.
(Fortsetzung.)
Spanien entschloß sich rasch, die Hohenzollern fallen zu lassen, da es weder die Ursache, noch da« Opser einer europäischen Conflagration fein wollte, und e« stellte alle Welt mit der Erklärung zufrieden, baß cS selbst auf die Ganbibatur Hodenzollern verzichte. Da« war eine von untern Gegnern geschickt herbeige- sührte Löiung; denn man benahm uns damit jeden begründeten Vorwand zum Kriege, ohne selbst viel Unannehmlichkeit zu haben, da Spanien durch seinen frei-