Versammlung vorgenommenen Neuwahl de- BuudeS- ralhs wurden die bisherigen Mitglieder Wclti, Gere sole, Schenk, Scherer, Knüsel und Näff bestätigt; neugewählt wurde Borel (Neuenburg) zum Bundespräsidenten für 1873 wurde Ceresole gewählt, zum Bundesvicepräsidenten Schenk. Kanzler Schieß wurde aufS neue bestätigt.
Pari-, 7. Dec. Herzog Audiffret-Pasquier und andere Mitglieder der Dufaure-Commission hatten gestern eine längere Unterredung mit dem Präsidenten der Republik. Sie hatten die Absicht, ihm zu ver- sichern, daß die Commission von den freundlichsten Gesinnungen für ihn beseelt sei, und daß sie, tun denselben Ausdruck zu geben, de Larry zu ihrem Präsidenten gewählt hätte. Ein Theil der Rechte» selbst ist offenbar versöhnlich gestimmt durch das triumphirende Auftreten der Bonapartisten, welche die nahe Rückkehr Louis Napoleon's in Aussicht stellten, und dann durch die immer größer werdenden Forderungen der Erz-Legitimisten, welche unter der Leitung der „Union" und des „Univers" marfchiren. Durch Calmon'S Versetzung und de Goulard's Ernennung zum Minister bcS Innern hat Thiers bedeutende Con- cessionen gemacht, und zwar solche, welche ihm ein großer Theil deS linken Centrums, die ganze Linke und die äußerste Linke verdenken müssen. Ter „Soir" daS Hauplorgan des linken CentrumS, spielte schon gestern aus die Eventualität an, daß Thiers sich mit der Rechten versöhnen werde, und bemerkt dabei, daß dann alle die, welche bis dahin für ihn gewesen seien, sich gegen ihn wenden würden und dadurch die Lage der Dinge eben so verwickelt sein werde, wie heute. Wie eS heißt, sind die Bedingungen, auf welche die Versöhnung erzielt werden soll, folgende: 1) Auf- geden der patrirllen Erneuerung; 2) ministerielle Verantwortlichkeit ; 3) Bildung einer zweiten Kammer; 4) Suspcnsiv-Volum für die Exerutiv-Gewalt. Diese Bedingungen waren von einem Theil der royalistischen Organe atS annehmbar bezeichnet worden. Ein Nach geben von Thiers wird im Lande selbst jedenfalls nicht mit günstigen Augen angesehen werden und seiner Popularität schaden, da man ihm vorwerfen wird, das Land ganz unnützer Weise in eine so surchtbare Aus- regung versetzt zu haben, denn wenn er sich gleich An- sangS mit den Maßregeln begnügt hätte, mit denen er sich heute für befriedigt erklären will, und sich dazu verstanden hätte, sein Ministerium im Sinne der Rechten zu ergänzen, so würde die Krisis, in welcher Frankreich sich seit dem 11. November befindet, nicht auSgebrochrn sein.
— 8. Decbr. Das „Journal officiel" veröffentlicht die Ernennung Goulards zum Minister des Innern, Leon Say's zum Finanzminister, Fourton'S
zum Minister der öffentlichen Arbeiten, Calmon'S zum Seinepräfecten.
Versailles, 7 Decbr. Thiers hatte gestern eine! längere Unterredung mit dem Herzog von Audiffret- Pasquier, Vicepräsidenten der Commission Dufaure. Die Unterhaltung soll einen sehr versöhnlichen Charakter getragen haben. Wie die „Agence HavaS" mittheilt, so erscheint die Situation erheblich weniger gespannt, als Anfangs. — Die Nationalversammlung berieth in ihrer heutigen Sitzung das Budget des Ministeriums des Aeußern. Die Berathung der Interpellation Larochette's, betr. die Unruhen in Nantes gelegentlich der Wallfahrten nach LourdeS ist auf den 22. d. M festgesetzt.
Rom, 6. Decbr. In der heutigen Sitzung der Deputirtenkammer erklärte der Finanzminister Sella auf eine an ihn gerichtete Interpellation, daß er in Gemäßheit des Garantiegesitzes die Auszahlung der an die päpstliche Curie zu gewährenden Rente ange ordnet und dem Cardinal Antonelli von dieser Anordnung Kenntniß gegeben habe. Letzterer habe aber dankend erklärt, daß er die Rente nicht annehmen könne.
PeterSbung, 6. Decmeber. sPrinz Karl von Preußen ist heule Mittag hier eingetroffen und von dem Kaiser und sämmtlichen hier anwesenden Groß fürsten am Bahnhofe empfangen worden. Das IS mailoff'sche Garderegiment hatte eine Ehrenwache daselbst aufgestellt. Der Prinz ist in dem kaiserlichen Winterpalais abgestiegen.
Brüssel, 8. Dec. Die gestern erfolgte Zahlungs- Einstellung der katholischen Bank „Union" macht ungeheures Aufsehen. Fürst Orloff verliert allein eine Million; der Peterspfennig 1,100,000 Frcs., welche vom päpstlichen NunliuS deponirt waren. Der ge- sammte katholische Adel Belgiens ist betroffen. — Die zur Berathung der Armeereform nildergesetzte Militärcommission beschloß nach kurzer Debatte, dem jetzt in seiner Stellung wieverdesestigten Kriegsminister, General Guillaume, den Bericht des Obersten Brialmoni jetzt osficiell einzusenden, wobei sich diG nicht militärischen Mitglieder der Commiision inveß ihre Meinung über alle streitigen Punkte vorbehielten. — In der gestrigen Sitzung der zweiten Kammer faßte endlich ein Mitglied der liberalen Opposition den Muth, die Regierung wegen gesetzwidriger Beisetzung des Bischofs von Turnay in der Kathedrale der genannten Stadt zu interpelliren. Die Debatte gestaltete sich inteß zu einem vollständige!! Siege für das klerikale Ministerium. Der Justizmiiiister erklärte trocken, die dabei vorge kommeiicn Gesetzwidrigkeiten ohne Ansehen der Person mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestrafen zu wollen, zur Exsumirung der Leiche aber sich nicht verpflichtet zu jühleu, da diese für solche Fälle nir«-
gends gesetzlich vorgesehen sei. Die Niederlage der Opposition war um so fühlbarer, als der frühere liberale Justizminister Sara sogar zugestehen mußte seinerzeit in solchen Fällen gegen den Clerus nicht einmal so viel Energie entwickelt zu haben, wie sein klerikaler Nachfolger.
Kopenhagen, 7. Decbr. Der Minister dez Jnnern hat im Reichstage einen Auszug der von den Amtmännern cingegebenen Berichte über die von der Sturm flut h angerichteten Verwüstungen vertheilen laßen. Es fehlen noch die Berichte der härtest heimgesuchten Landesthcile, der Inseln Falster und Lolland, da die befohlenen Abschätzungen dort noch nickt beendet sind; aber ehe diese vorliegen, kann kein Beschluß über den vom Staate zu leistenden Schadenersatz gefaßt werden. Vorläufig hat die Regierung sich darauf beichränkt, Hafen-Ingenieure nach Bornholm zu senden, damit sie sich an der Wiederherstellung der zerstörten Häfen betheiligen, Genietruppen und Arbeitsabthei- lungen der Infanterie nach Lolland und Falster, damit sie unter der Leitung höherer Ingenieur Offiziere der Bevölkerung bei der Wiederherstellung der durchbrochene!! Deiche Helsen. Zudem wird Auspfändung wegen rückständiger Steuern den meist Beschädigten gegenüber unterbleiben. Inzwischen wird eine Gesetzvorlage vorbereitet, wodurch das ganze Deichwesen systematisch organisirt und der »öthigen Controle untergeben wird. Die private Wohlthätigkeit nimmt sich der Beschädigten noch unausgesetzt nach einem großen Maßstabe an, und die an das Central-Comite in Kopenhagen von allen Gauen des Landes eingekommenen Gelder betragen schon über V2 Million RigSdaler (über 350,000 Thlr. pr. C.) In Paris, Amsterdam, Manchester, Liverpool und mehreren ausländischen Städten finden jetzt auch Einsammlungen statt. Daß man den vom Wasser beschädigten Dänen in Hamburg so bereitwillig zu Hülfe gekommen ist, obgleich man für Deutsche, die von demselben Element heimgesucht, zu sorgen hat, hat hier viel Anerkennung gefunden. So schreibt das „Dagblad" in einem leuenden Artikel: „Die Thatsache, daß man in Hamburg die Einsammlung mit einer unerwarteten Theilnahrne erfaßt, erfordert Anerkennung. Die Listen der Beitragenden zeigen eine Menge deutscher Namen, und wäre es uns nicht andrerseits mitgetheilt, daß auch dort viele minder Bemittelte Beiträge für die Dänen geleistet, hätte man aus den Sammlungs - Verzeichnissen der Hamburger Blätter erfahren können, daß die Einsanimlung einen Charakter hat, der dänischerseits Anerkennung verdient.
Rewyork, 4. Decbr. Das Leichenbegängniß Greeley's hat heute stattgefuiiden. Der Tag war cüster und fci.rlich. Alle Kirchenglocken läuteten und das Geschäft stockte gänzlich. Offiziere und Beamte
halte das schöne Mädchen immer gerne gesehen, er er gönnte ihren Besitz seinem Bruder nicht. — Fräulein v. D. soll, wie mir der alte Herr rniltheilte, den Baron Eduard sehr geliebt haben, warf ich ein, ich selbst habe mich gestern davon überzeugt. — Gewiß, gewiß, aber ... — Ein Achselzucken beendete diesen Satz. Ich verstand den Sinn dieser Geberde. Dem allen Herrn diese Vermuthungen mittheilen, hieße ihn ermorden, fuhr die alte treue Haut fort, ich wage es nicht und ich bitte auch Sie, zu schweigen. Der Mörder wird seiner Strafe nicht entgehen, wenn er auch dem Arm der weltlichen Gerechtigkeit entrinnt. — Es lag etwas Herbes, Bitteres in dem Tone, in welchem der alte Mann die letzten Worte sprach, es schien mit, als sehe er mit einer gewissen Genug thuung dem Augenblick der Vergeltung entgegen. Ich hätte mich gern noch ein Slündchen mit ihm unterhallen , aber der Zug fuhr bald darauf ab, und der Baron bedurfte vorher noch der Dienste seines Kammerdieners Sie nahmen Alle mit herzlichen Worten des Dankes und der Freuudschasl Abschied von mir; und ich glaubte, als ich den Zug in der Ferne verschwinden sah, nun dies- s erschütternde Ereigniß für immer abgeschlossen. DaS war nicht der Fall, ich sollte auch den Schluß dieses Dramas erleveu.
Etwa fünf Jahre später kündigte mir der Baron von B. schriftlich an, daß er sammt Familie einige Wochen in dem Badeorte zubringen und bei dieser Gelegenheit auch die alte Freundschaft zu erneuern gedenke.
(Fortsetzung folgt.)
Herr Thiers ita den Ursprung des Krieges Ma* 1870.
Der höchst interessanten Aussage, welche der der- malige Leiter der Geschicke Frankreichs vor der Commission zur Prüfung der Acte der Regierung vom 4. September gemacht hot, entnehmen wir folgenden Abschnitt.
Die Candidatur des Prinzen Hohenzollern wurde gestellt. Herr Ollivier war für den Frieden; der Kaiser selbst neigte nach dieser Seile. Er hatte — ich selbst war um jene Zeit nicht in der Lage, ihn zu
sehen — wie man sagte, viel von seiner Willenskraft verloren. Er war in seinen Ansichten im Allgemeinen unsicher und entschloß sich erst nach vielem Schnanken; diese seine Art war mit der Zeit nur noch schlimmer geworden. Allein den Vorzug gab er und das Ministerium dem Frieden. Leider gab es am Hofe (zahlreiche Augenzeugen haben eS versichert) leidcnfchaltliche Personen, welche durchaus die Scharte von Sadowa auswetzen wollten. Die Kaiserin, versichert man, wiederholte ost, wenn sie von ihrem Sohne sprach: „Dieses Kind wird nicht zur Regierung kommen, wenn man das Unglück von Sadowa nicht wieder gut macht." In ihrer Umgebung befanden sich Leute, die daS aus Liebedienerei oder Ueberzeugung mit einer gewiffen Ruhmredigkeit wiederholten. Im gesetzgebenden Körper verlangten die eigentlichen Bonapartisten, denen das Loos der Dynastie vor dem deS Landes ging, mit Heftigkeit, daß man diese Gelegenheit ergreife, um den Krieg zu unternehmen. Die echten Conservativen dagegen waren niedergeschlagen und erklärten sich in ihrer Trostlosigkeit noch immer für den Frieden. Ge w,ß ist, daß die Bonapartisten allein den Krieg wollten, da sie bem-rkten, daß die Dynastie feit Sadowa ungeheuer verloren hatte und sie felbft in den Wahlkreisen nicht mehr den alten Einfluß besaßen, daß — mit einem Wort — Frankreich ihnen aus der Hand zu gleiten drohte. Man hörte sie daher bei jeder Gelegenheit Genugihuung für Sadowa verlangen. Darauf hatte ich fchon im Jahre 1867 mit dem seit her viel berufenen und stets mißverstandenen Ausspruch geantwortet, daß „kein Fehler mehr begangen werden bür je." Damit wollte ich nicht sagen, daß alle nur möglichen Fehler schon begangen worden wären; denn der allerverderblichste blieb leider noch übrig. Sadowa wieder gut machen zu wollen, ohne die Mittel dazu vorvereitet zu haben. O, diesen Fehler halte ich schon in der Adreßdebalte von 1867 mit der größten Be- stimmthsit ang-kündigt!
In das Cabinet war Hr. v. Grammont eingelre- teii, in weichem ich einen Anhänger des Friedens ver- muthete, da eS mir unmöglich schien, daß ein Diplomat unter solchen Verhältnissen, ohne Bundesgenossen
und ohne Armee, zum Kriege ralhen könnte. Ich hatte ihn kurz vor der Bildung deS Ministeriums Ollivier gesehen, als er die einflußreicheren Deputieren aufsuchte und noch Niemand den unseligen Zwischenfall der Candidatur Hohenzollern vorhersehen konnte. „Sie kommen aus einem Lande" (er kam von Wien), sagte ich zu ihm, „wo man den Frieden wünscht, und Sie werden ihm, wenn er bedroht wäre, gewiß daS Wort reden?" — „Gewiß, gewiß", antwortete er mit einer Entschiedenheit, die ich nicht für Verstellung nehmen konnte, und ich weiß noch heute nicht, warum er fo plötzlich und so ganz und gar umgeschlagen hat; denn in Wien erklärten mir die Herren von Beust und Andrasiy auf das Bestimmteste, sie hätten Herrn von Grammont, ohne die Candidatur Hohenzollern voranszujehen, ganz allgemein gesagt, er solle der kaiserlichen Regierung keine Illusionen machen und im Gegentheil versichern, daß, wenn sie einen Krieg unternähme, Oesterreich ihr nicht in denselben folgen könne. Ich weiß also nicht, was Hm. v. Grammont so rasch zum Krieg bekehrt haben kann. Ebenso rasch hatte sich diese Bekehrung bei dem Marschall Leboeuf vollzogen. Ich kannte ihn nicht persönlich. Kurz vor der unglücklichen Affaire Hohenzollern kam er zu mir mit einem Briefe des Kaisers, in welchem es hieß, der Kaiser wisse wohl, daß „ich nicht zu seinen Freunden gehöre", aber er wisse auch, daß ich, wenn es sich um die Interessen der Armee handele, mit meinem Beistand nicht markte: er bitte mich daher, das in der Kammer hart angegriffene Effectiv zu vertheidigeu. Ich antwortete ihm, der Kaiser sei im Jrrthum. „Ich bin seiner Regierung fremd", sagte ich zum Marschall, „und w,ll es auch in Zukunft bi eiben; aber ich bin Niemandes Feind und trage keinen Haß in meinem Herzen. Der Kaiser hat Recht, zu glauben, daß ich mich eifrig für die Armee intereffire uub sie zu ver- theidigen bereit bin. Ich habe es stets gethan und werde eS auch stets thun." Wir kamen überein, daß ich das Effectiv bei der nächsten Gelegenheit verthei- digen würde. Diese Gelegenheit kam und ich hielt Wort, (Fortsetzung folgt.)