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Marburg, Diestnag, den 3. Dezember.

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Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberheffischr» Zeitung mit AretSblatt durch die Expedition (Koch'sch, Buchdruckerri) bezogen 22; Sgr., durch die Postämter 27 Sgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 22 Ggr. JniertionSgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

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Deutsches Reich.

Berlin, 30. Novbr. Noch immer ist die t8er= Ochste Entscheidung nicht bekannt und auch, so viel man weiß, noch nicht getroffen, doch deuten alle A» »jchen darauf hin, dah das heute geschehen wird. Auf dm Bericht des Slaatsministeriums hat der König «och einige Rückfragen geäußert, auf Grund deren eine vertrauliche Besprechung der Grafen Eulenburg und Roon mit mehreren hervorragenden Mitgliedern deS Herrenhauses stattfand. Gestern Nachmittag hatte Graf Eulenburg darauf Vortrag bei Sr. Majestät, und heute morgen fand eine kurze Miniftcrberaihung statt. Wie man glaubt, wird der Minister des In­nern heute Nachmittag wiederum dem Monarchen Vor­trag halten, auf welchen dann unmittelbar die Ent- scheidung erfolgen dürfte. Man hofft noch immer mit Zuversicht, daß diese im Sinne von der Mehrheit des Staatsministeriums ausfallen wird. Es werden danach 25 neue Pairs ernannt werden, zum größten Theil höhere Be­amte, außer ihnen finden sich jedoch auch Namen von Großgrundbesitzern und höheren Militärs darunter. Von der Berufung von Mitgliedern des Abgeordneten­

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Hauses hat man Abstand genommen, weil sich gegen eine solche Maßregel mehrfache Bedenken erhoben haben und man sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, daß diese durch Enthaltung von der Abstimmung ihre eigentliche Aufgabe verfehlten. Die öffentliche Mei­nung ist natürlich auf den Abschluß der Krisis im allerhöchsten Grade gespannt und diese Spannung überträgt sich selbst auf die höchsten Regicrungssphären. Man sicht, daß es sich bei diesen wichtigen Regierungs­krisen nicht nur um das Schicksal der Kreisorduung, sondern um die Haltung und Richtung der gesammten Politik handelt. Die aus der alten conservativen Fraktion ausgetretenen Abgeordneten haben sich zu einer neuen konservativen (nicht etwa neuconservativen) Fraktion constituirt. Dieselbe zählt jetzt bereits 40 Mitglieder, zu denen auch einige Wilde, u. A. Prinz Handjery, getreten sind. Der Vorstand besteht aus den Herren Rauchhaupt, BiSmarck-Neugardt, Waldau- Rcichenstein, Heise und Lampugnani; Schriftführer sind die Herren v. Liebermann und Hahn. Es ist für die neue Fraktion sehr wichtig, daß fast alle po­litischen Capacitäten der Partei zu ihr gehören. Der Rest der früheren conservativen Partei wird sich wahr­

scheinlich noch mehr verringern, da wie man hört, die derselben noch angehörenden Landräthe gewillt sind, ihr Mandat niedcrzulegen. Es wäre gewiß korrekter gewesen, wenn sie diesen Entschluß schon früher gefaßt Härten, ehe sie sich durch ihr Votum mit der Regie- rungspolitik in die allerschärfste Opposition versetzten. DieKöln. Ztg." bringt gestern einen Artikel, welcher in den delikatesten Ausdrücken dagegen prote- stirt, daß Deutschland sich in das Treiben der Par leien eingemischt habe und irgendwie zu Gunsten des Herrn Thiers intervcniren wolle. Dieselben Ansichten sind gestern auch hier kundgegeben und bestätigen sich gegenseitig, da, wie es scheint, die Ausführungen derKöln. Ztg." aus wohlunterrichteter Feder stammen.

30. Nov. DieNordd. Allgem. Ztg." mcl bet, daß die Entscheidung des Kaisers in Betreff der Berufung neuer Herrenhausmitglieder im Laufe des heutigen Tages zu erwarten stehe. Die Conferenz für die sociale Frage, welche im Laufe der Woche mehrere Sitzungen abgehalten hat, ist gestern ge­schlossen worden.

Aus Mecklenburg, 27. Novbr. Die Aus­wanderung, obwohl sie das ganze Zahr über nicht in Stillstand gerathen ist, hat in diesem Herbste wiederum so bedeutende Dimensionen angenommen, daß Jeder, der offene Augen hat, sich fragen muß, wie soll das enden? Die Auswanderung ist epidemisch bei uns ge­worden, das läßt sich nicht mehr in Abrede stellen; ihr entgegenzuarbeiten ist vergebliche Mühe, und sind es namentlich die östlichen und südlichen Theile unseres Landes, welche in diesem Herbst von der Auswande­rung so hart betroffen werden. In diesen Gegenden liegen hauptsächlich die großen adeligen Grundbesitzungen, auf deren Gütern stellenweise 4 bis 8 Taglöhnerwoh- nungen leer stehen und auf neuen Zuzug vergeblich harren. Auch die Gehöftstagelöhner, von welchen bis­her nur selten einige ausgewandert sind, gehen massen haft jetzt übers Meer, weil die Erbpächter in Folge der Vererbpachtungen schlechter situirt sind und nun aus Noth große Ersparniß einzuführen sich genöthigt sehen, wobei ihre Untergebenen aber nicht bestehen können. Wie großartig die Auswanderung in diesem Herbste stattfindet, läßt sich nach dem Umstande leicht ermessen, daß von einer kleinen Stadt aus allein schon vie Uebersicdelung nach Amerika für circa 600 Per­

sonen vermittelt ist. Viele von diesen Ausgewanderten hatten von ihren Angehörigen in Amerika Freischeine in der Gesammtsnmme von circa 5600 Thalern er­halten. Andere hatten Wechsel im Werth von 2200 Thaler bekommen.

Dresden, 30. Novbr. Die Zeitungsnachrichten von einer wahrscheinlichen Ministerkrisis in Folge der Verhandlungen im Landtage werden in bestunterrichteten Kreisen als unbegründet bezeichnet.

Meiningen, 28. Nov. Die Kirchen unseres Landes besitzen ein Kapitalvermögen von 1,141,818 sl. und eine JahreSeinnahme von 116,014 sl., die Schulen 43,944 *fl. Kapital und 27,271 fl. Jahreseinnahmen; jene haben im Jahre 1869 ihr Vermögen um 16,850 fl., diese um 1693 fl. vermehrt. Die Passiva betreffend, so betragen dieselben für die Kirchen 50,620 fl., für die Schulen 5983 fl.

Karlsruhe, 30. Nov. DieKarlsruher Ztg.* berichtet über die Krankheit des Kronprinzen deS deutschen Reichs und von Preußen wie folgt: Der Verlauf der Krankheit bleibt, obwohl in den letzten Tagen durch dazwischengetretene Verdauungsstörungen etwas verzögert, ein günstiger. Eine langsame Rück­bildung des örtlichen Leidens entspringt der Natur der Erkrankung.

Stuttgart, 30. Nov. Der frühere langjährige Intendant des hiesigen HoftheaterS, Frhr. v. Gall, starb heute nach längeren Leiden. Justizminister v. Mittnacht ist zu den Bundesrathsverhandlungen nach Berlin abgereist.

Kaiserslautern, 30. Novbr. DaS pfälzische Kreiscomite beschloß, einen Rest von 34000 Gulden aus den Nothstandsgeldcrn, die im Jahre 1870 auS Norddeutschland zur Unterstützung nach der Pfalz ge­flossen sind, den Ostseebcschädigten zuzuweisen.

Bayreuth, 29. Nov. Eine Beschwerde gegen den Magistrat der Stadt Hof wegen Verbots der Abhaltung eines Congreffes derinternationalen Ge­werksgenossenschaften der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter" wurde von der Kreisregierung abge­wiesen.

AnSland.

Wie«, 28. Novbr. Die LandtagSsesston naht ihrem Schluffe, und das Jntereffe, welches sich bisher an die Vorfälle in Lemberg und Innsbruck, wie an

einer statt.

DeS BaterS Wunsch, deS Sohnes Neigung.

Eine Erzählung aus dem Leben.

(Fortsetzung.)

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Die Beschauer der Druideneiche kehrten zurück.

Der Oberst war sehr gut gelaunt und Albertine hatte in seiner Gesellschaft einen Theil ihrer Schüch­ternheit abgelegt, was sie sehr gut kleidete.

Ihr scheint Euch gut unterhalten zu haben", »anbte sich Adolph vertraulich zu Bertram

Nur zu gutl antwortete dieser;der Hrrr Oberst nun, es ist nicht schön von mir, daß ich mir eine solche Bemerkung erlaube, aber gegen den Sohn ees Herrn darf ich es wohl thun: Der Herr Oberst haben sehr angelegentlich sich mit dem vorneh «en Kammerkätzchen unterhalten, daS recht anmuthig plaudern kann über allerlei, was man bei ihr nicht lucht; der Herr Oberst find nach seiner Art sogar ein wenig galant geworden, wenn er sich von mir nicht bemerkt glaubte, was sie mit einer Manier ausgenom­men hat, als ob daS alles in der schönsten Ordnung märe. Herr Baron, da legt am Ende der Kuckuk ein

in das Nest, und es wird eine Stiefmutter aus gebrütet."

Du kennst meinen Vater nicht!" entgegnete Adolph.

Na, Sie kennen daS alte Sprichwort: Alter - sschützt vor Liebe nicht, will ich sagen."

Adolph brach das Gespräch ab und wendete sich Mr Gesellschaft. Allerdings bemerkte er, daß Alber- tine gegen den Papa zutraulicher geworden war, als bisher; er erklärte sich aber einfach solches durch die 1 gemächliche Persönlichkeit des freundlichen Mannes, Unb damit, daß dieser dem Mädchen Gelegenheit ge­geben hatte, ihr Licht leuchten zu lasten. Sie mußte eilte sehr gute Erziehung genossen haben, daS bewies

ihr Benehmen, mehr noch die Bildung ihres Geistes, vor allem mit einer schmucklosen Natürlichkeit, mit einer zarten Weiblichkeit verbunden, die ihre Züge mit der Anmuth beseelte, ohne welche das schönste Gesicht den Beschauer kalt läßt.

Wie kam es aber, daß sie gegen ihn eine Zurück­haltung zeigte, die manchmal in Aengstlichkeit üb er­ging, wenn er schnell eine Frage an sie richtete oder einen forschenden Blick auf sie warf? Hatte die Tante vielleicht geheime Instructionen ertheilt in Beziehung auf ihn? Oder lag die Ursache in seiner Persönlich­keit? Die angeborene Eitelkeit wollte daS Haupt ein wenig regen. Vielleicht trug er selbst die Schuld; denn er mußte sich bekennen, daß er bisher zu einer vertraulicheren Annäherung keinen Anlaß gegeben hatte, allerdings aus ehrenwerthen Gründen, die aber von jungen schönen Mädchen nicht anerkannt werden. Oder und bei diesem Gedanken riefelte eS warm und sanft durch seine Brust fürchtet sie für ihr Herz? Will sie einer Gefahr sich nicht aussetzen, die ihrer Ruhe droht? Er fand in Verfolgung dieses an­genehmen Gedankens, daß er bereits in derselben Ge­fahr schwebte. Er gestand sich, daß schon der erste Anblick des Mädchens wie ein stiller Zauber auf ihn gewirkt habe, der seitdem fortwährend ihn täglich mehr umspinne; daß ihre Stimme wie Musik in seinem Herzen wiedertöne; daß aus ihren Augen eine Seele strahle, die mit der {einigen verwandt sei, und weil er doch nun einmal im Gestehen war, so legte er sich noch endlich das letzte Bekenntniß ab, daß Albertine dem entworfenen Bilde seiner künftigen Gattin gleiche, und daß ihre Liebe ihn über alle« glücklich machen würde.

Ist die Quelle dem Schooße brr Erbe entsprungen an bas Licht bes Tage«, so rinnt sie unaufhaltsam

vorwärts, alle Hinbernisse nicht achtenb, und mit jebem Schritte nimmt sie zu an Kraft unb Lebendigkeit.

Was auch die Welt über Ungleichkeit des Stan­des sagen mochte, er war deßhalb mit sich im Reinen, unb bei ber Auszeichnung, bie Albertine von feinen nächsten Verwandten genoß, glaubte er an ber Ein­willigung derselben nicht zweifeln zu bürfen.

Wenn bie Augen bie Spiegel ber Seele find, so konnte Albertine von nun an aus benselben deutlich erkennen, was Adolph für sie fühlte, und sie las in ihnen die stille Sprache des Herzen«. Mit zartem Erröthen begegnete sie seinen Blicken, seit ihr der In­halt der Schrift klar geworden; aber bie Blicke btf jungen Mannes waren ber AuSbruck ehrerbietiger Zärtlichkeit, die von feinen Wortm und Handlungen bestätigt »urben.

Die Tante mochte, bei ihrem sonstigen Scharf­blicke, ein vertrauliche- Berhältniß zwischen bem Ba­ron von Halben und ihrer Gesellschafterin nicht für möglich ober nicht für so ernstlich halten, sonst würbe sie nicht so sorglos ihrem Neffen burch bie Finger gesehen haben, der jede schickliche Gelegenheit ergriff, in AlbertinenS Nähe zu verweilen, was freilich Frau von Rothann eben sowohl auf ihre Rechnung schrei­ben konnte, weil ber junge Mann sich täglich artiger gegen sie benahm, was sie mit Gleichem vergalt.

Eines schönen Morgens nach eingenommenem Frühstücke auf bem Belvedere, wie die Walbhütte nun in ber Familie hieß, schlug Adolph wieder einen Spaziergang zur Druideneiche vor, ber von ber Baronin auch dieses Mal mit der Entschuldigung ab­gelehnt wurde, daß ihr das Bergsteigen heute be­schwerlich fiele, sie aber die Partie nicht stören wolle, obgleich sie gewünscht hätte, über erhaltene Geschäfts­briefe mit dem Oberst Rath zu pflegen. Dieser er-