Ur. 28L. illarßurg, Sonntag, den 1. Dezember. 1872.
Oberhessische fjeitiing.
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Politische Wochen-Neberficht.
Im Abgevrdnetenhause wurde in dieser Woche die skreisordnung nach der Vorlage des Ministers des Znnern, Grafen zu Eulenburg, unverändert ange nommen. Der zu erwartende Pairsschub für das Herrenhaus ist zwar fest beschlossene Thalsache, doch soll die Zahl desselben kleiner sein, als man früher «wartete. Erregte Debatten riefen im Abgeordnetenhaus noch die Verhandlungen über die Anträge KeichenspergerS und Malltnckrodt's hervor. Gelegentlich des letzteren culminirte die höchst treffende Rebe des Cultusminister» Dr. Falk, dem durch die Abstimmung ein Vertrauensvotum von 243 gegen 89 Stim- «n ausgesprochen wurde. — Der deutsche Kronprinz ist von seiner Eekältungskrankheit wieder genesen und wird von Karlsruhe mit seiner Gemahlin nach Berlin zurückkehren, um sich dort mit der Organisation der freiwilligen Unterstützung der durch die Sturmfluth Beschädigten zu beschäftigen. — In Sachsen, Würtcm berg und Mecklenburg sind die Landtage noch beschäftigt, in Hessen und Braunschweig treten sie demnächst zusammen. In Baiern haben Gemeindewahlen statt- gesunden, wobei die nationale Partei vorzugsweise Siegerin geblieben ist.
In Oesterreich hat die längst versprochene und immer wieder verschleppte Wahlresorm die definitive Zustimmung deö Kaisers in dem Ministerrathe vom 21. November erlangt. Der Verfassungsausschuß des niederösterreichischen Landtages nahm am 25. die An träge an, die Regierung um Beschleunigung der Wahl ^esormvorlage, sowie um ein Gesetz zur Verbannung der Jesuiten aus Oesterreich zu ersuchen, 3n Ungarn kam es im Unterhause zu heftigen Angriffen gegen Lvnhah, dem Cscrnatony sein schnelles Reichwerden in dm schlimmsten Ausdrücken vorwarf. Am 25. thai Csernatony zwar Abbitte, und Deak nahm Lonyay in Schutz. Aber dennoch hält man die Tage des ungarischen Ministeriums für gezählt und erwartet ein CoalitiouSministerium mit ausgesprochen conservativem Charakter.
In der Schweiz stehen die am 19. d. M. zu Solothurn gefaßten Beschlüsse der Diöcesan - Stände des Bislhums Basel zur Entscheidung, welche den Bischof wegen Annahme und Anwendung der vatica-
DeS Katers Wunsch, des SohneS Neigung.
Eine Erzählung aus dem Leben.
(Fortsetzung.)
Adolph blickte den Abgehenden nach und setzte fich dann ruhig der Tante gegenüber.
„Nun, lieber Adolph," begann diese, „sage mir, hakt Du noch nickt daran gedacht, Dich zu vermählen? Der innige Antheil an Deinem Geschicke wird diese Krage entschuldigen, und Du wirst ihr mit Aufrich- tigkeit entgegenkommen. Dein Vater wünscht es, und Du bist in den Jahren und in solchen Verhältnissen, die einen solchen Wunsch auch von Deiner Seite rechtfertigen."
„Aufrichtig, liebe Tantel Ja, ich habe im Stillen daran gedacht, aber bisher nicht gefunden, was mich ermuntert hätte, dem Gedanken Folge zu geben."
„Weil Du nicht suchtest, Adolph! weil es nicht Dein rechter Ernst damit ist Ich könnte Dir ein halbes Dutzend schöner Mädchen Deines Standes nennen, die alle mehr oder minder werth wären, vielleicht sogar wünschten, Baronin von Halden zu heißen."
„Der letztere Grund würde in den Augen der BtandeSwclt einleuchten, denn Namen und Vermögen jelten dort gewöhnlich mehr, ai« persönliche Eigenschaften."
„Männlicher Hochmuth in stolze Bescheidenheit SchÜlll I Oder meinst Du nicht, eine Dame werde einen jungen artigen Baron nicht liebenswürdiger ftnben, alS einen jungen artigen Handwerker oder dauern?"
„Der Stand gibt also hier den Ausschlag?"
„Der Stand, mein lieber Neffe, ja! — Ein «ständiges Mädchen darf sich mit ihren Gefühlen nicht unter ihren Stand verirren. Ein andere« ist es bei dem Manne, der das Weib seines Herzens zu sich
nischen Deercte vom 18. Juli 1870 zur Verantwortung ziehen. Luzern und Zug hat sich an denselben nicht betheiligt; Bern, Baselland, Aargau nnd Solothurn haben dieselben bereits angenommen, von Thurgau wird die Annahme erwartet.
Frankreich hat die Genugthuung erlangt, daß die Augen Europa's wieder einmal auf es gerichtet sind. Aber was sich in diesen Blicken ausspricht, ist weniger Bewunderung als Verwunderung. Kaum tagte die National-Vcrsammlung wieder in Versailles, als sich die Macht der Zwietracht über das ganze Land verbreitete, die Parteien wie rasend auf einander stürzten und vor den Augen des deutschen Besatzungscorps fast der Bürgerkrieg ansbrechen zu wollen schien. Es steht zu hoffen, daß es nicht zum Aeußersten kommen werde; aber noch ist die Krisis nicht vorüber. Die Monar chisten kehrten mit der Jnstiucticn von „ihrem König" zurück, Thiers nicht zur definitiven Befestigung der letzigen Ordnung der Dinge gelangen zu lassen; Thiers erblickt darin einen entscheidenden Grund, sich eine breitere Basis durch Proelamirung der Republik und durch Empfehlung der nothwendigen Verfassungsreformen zu schaffen, um nicht in jedem parlamenta rischen Sturme Gefahr zu laufen, auf den Sand geschleudert zu werden. Hinter den Coulissen dieses politischen Theaters steht auf der einen Seite der Versuch der royalistischen Majorität, als Inhaberin der Nationalsouverainctät Thiers zu stürzen oder durch ein parlamentarisches Cabinet, besonders durch einen Kriegs-Minister aus ihrer Mitt« lahm zu legen, auf der anderen das Ringen um eine breiter« consti tuttoneHe Basis zur Befestigung des Präsidenten der Republik, vielleicht Berufung ans Land zur Auslösung der National Versammlung und Aehnliches, das jedoch nur im Momente dringendster Gefahr zur That reifen dürfte. Während dieser Streitigkeiten nahm die National-Versammluug am 21. das Gesetz wegen der Jury und das wegen Zurückgabe der durch das Con- fiscationsdecret vom 17. Januar 1852 der Familie Orleans entrissenen Güter am 23. November einstimmig mit 626 Stimmen an.
Der in Rom tagenden italienischen Kammer ist in der ersten Sitzung der Gesetz - Entwurf über die römischen Klöster vorgelegt worden; derselbe geht von hinausheben darf — wenn sie nicht zu tief unter ihm stehl; aber immer liegt eine Verblendung zu Grunde, die Beide büßen müssen; denn die Welt richtet eine Uebertretung der Schicklichkeit streng."
„Was kümmert den Glücklichen das Urtheil der Welt?"
„Wer ist so glücklich, daß er das Urtheil der Welt gleichgültig ertragen kann? Und wenn man ein solche« Glück im wahren Lichte sieht, was es ist: ein Rausch oder ein Räuschchen, aus dem Becher der Leidenschaft geholt; der Zauberduft verdunstet, die Zeil streift die Blüthe ab; die Nüchternheit führt zu Entdeckungen, die für beide Theile nicht angenehm sind. Eine besonnene Ehe, lieber Adolph, auf gleiche Gesinnungen , auf gleiche Bildung, auf gleiche Bedürfnisse und Gewohnheiten gegründet, von vernünftigen, unparteiischen Menschen als solche erkannt, eine solche Ehe muß glücklich ausfallen; denn daS wahre Glück der Erde ist Zufriedenheit."
„Richtig und wahr! Und diese Zufriedenheit gewinnt man nur, wenn Inneres und AeußereS in- Gleichgewicht gebracht werden. Was ich von einem Weibe geistig und körperlich wünsche, das muß sie besitzen, Gleiches muß sie an ihrem Gatten finden; gegenseitige herzliche Neigung muß daS Band schließen, um dieses Gleichgewicht, wenn es schwanken will, mit einem sanften Drucke auf diese oder jene Seite wieder herzustellen. — Finde ich ein solches Weib, Tante, so sage ich mit Freuden: sie soll meine Gattin sein!"
„Wir armen Frauen!" — fuhr Frau v. Rothann fort, — sind Euch Männern gegenüber doch recht übel daran. Wir dürfen nicht sagen: mein künftiger Gatte muß diese und jene Eigenschaften besitzen; wir müffen, wenn ein Mann sich nähert, uns begnügen mit dem, waS et besitzt, also mindestens Namen und Stand; müssen sorgfältig zu erhalten suchen, was Er
dem Prineip aus, daß die Klostergesetze von 1866 und 1867 auf die Stadt und die Provinz Rom ausgedehnt werden sollen mit der Einschränkung, daß daS Vermögen der „römischen Kirche" nicht geschmälert werden soll. Dadurch werden in der Stadt Rom einige klösterliche Institutionen und in der Provinz Rom auch einige weltliche Beneficien erhalten. Der aus dem Verkaufe des Immobiliarvermögens der Klöster gewonnene Ertrag wird zu einem besonderen Fond zu- sammengethan und unter eine separate Verwaltung gestellt, welche vom Justizminister ernannt wird und die Gcloer ihrer ursprünglichen Bestimmung nach verwendet, entweder für Schulzwccke oder für WohlthätigkeitSan- stalten oder für Zwecke der Seelsorge. Nur die Güter der beschaulichen Orden sollen der kirchlichen Behörde übergeben werden.
In Spanien ist die ReerutenauShebnng daS Signal zu mehrfachen Ausbrüchen der unruhigen Stimmung gewesen, welcher durch die mit der savoyi- Ichen Dynastie oder der monarchischen Bersassung überhaupt unzufriedenen Parteien stete Nahrung zu- gesührt wird.
Ein wüthender Südwest Sturm hat gegen Ende der vorigen und im Anfänge dieser Woche die englischen Küsten heimgesucht, von welchen eine große Zahl von Schiffbrüchen und leider auch von verlorenen Menschenleben gemeldet wird. Zugleich haben sich aber auch die Rettungsanstalten wieder in ihrem Glanze gezeigt; ohne sie würden Hunderte von Todesfällen zu beklagen fein. Von politischen Unwettern ist die Insel dafür ganz verschont geblieben, wenn man nicht etwa eines der zum regelmäßigen Sonntags-Vergnügen werdenden Entrüstungs-Meetings im Hyoepark in diese Kategorie rechnen will.
Die schwedisch-norwegische Regierung hat beschlossen, eine nordische Münzconvention anzubahnen, und zu diesem Zwecke sachverständige Vertreter der Drei nordischen Reiche nach Stockholm einzuladen.
Der russische Reichskanzler Fürst Gortschakow, der mehrere Monate in Deutschland und in der Schweiz zugebracht hat, ist nach Petersburg zurückgekehrt und wieder in die Leitung der Geschäfte eingetreten. Dem griechischen Gesandten soll er bereits seine Vermittlung in der leidigen Laurionstreiiigkeit zugesagt Haden.
ziehung und Welt ihm gelassen haben, und dürfen froh fein, wenn er erkennt, was wir zu seinem Besten thun, — während Ihr Ansprüche macht, die kaum zu befriedigen sind. Du hast ein Vorurtheil gegen die Weiber, mein guter Adolph, wie ich schon aus mehreren Aeußerungen bemerkt habe, was einem jungen Manne von Gefühl nicht gut ansteht, aber ich sage Dir, wir Weiber sind besser, als Ihr Männer; Ihr gebt Euch nur die Mühe nicht, uns kennen zu lernen. Wenn es einen Ehehimmel gäbe, manches gute, edl« Weib würde dort nach ihrem Hintritte als Stern erster Größe glänzen, während sie im Leben in einer Dunkelheit schmachtete, die keinen Strahl ihres Geiste« aufkommen ließ. Nimm'« nicht zu genau, lieber Neffe, und bedenke, daß Deine Tante auch einem guten Geschlechte angehört, das Ihr auf den Händen tragen solltet, wenn noch der Geist der alten Chevalerie in Euch wohnte."
„Ei, Tantchen!" versetzte lachend Adolph, „da« will ich; ich will meine Gattin nicht nur auf den Händen, ich will sie im Herzen tragen, und je angenehmer sie mir dieses Tragen macht, desto glücklicher wird unsere Ehe sein. Ich habe kein Vorurtheil gegen ein Geschlecht, dem Sie angehören, beste Tante; aber ich möchte eine Frau, die mich nähme, nicht bloS, weil ich Baron, sondern weil ich lieb bin und mein Leben- lang eS bleiben will."
„Ein braver Vorsatz, Adolph! der Dir reichliche Zinsen tragen wird", sagte Frau von Rothann; „mache also, daß das Kapital in einem guten Hause bald angelegt wird."
„Ich will mich umsehen, Tante!" versicherte der Neffe; „aber ich rechne auf Ihren Beistand."
„Bei jeder schicklichen Partie!" versprach die Baronin. —
(Fortsetzung folgt.)