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Marburg, Freitag, den 29. November.

1872

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Oberhesjlsche Zertung.

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Zähre im Kreise bewegende» die nur im Sommcrhalbjahr

Landtagöverhandlungen eine Unterbrechung er-

fuhren. Kein Wunder, weiui offen die Beseitigung unserer ersten Kammer verlangt wird. — Die sächsischen Dissiventen sind in Aufregung, wegen des unter Zu­stimmung de« CultuSministers Gerber in der 1. Kammer angenommenen Zusatzes zum Volksschulgesetze, nach welchem Dissidentcnkinder- gezwungen werden sollen, den in der von ihnen besuchte» Schule gehaltenen Religionsunterricht zu besuche». Sie beabsichtigen dagegen öffentlich zu protestiren. — Nach dem „Nürnb. Corr." stellt Cultusminister Gerber seinen Rücktrittt in Aussicht, falls seine Schulreform endgiltig scheitern würde. Auch das Portefeuille des Ministers des Innern v. Nostitz Wallwitz sei unsicher geworden, da das Mißglücken seiner Verwallungsreform zu befürchten

aus die Lberhessische Jet, )OC|tCUllllHtll hing für heu Momtt De, fernher nehmen alle Postanstalten und auf hem Lande tu Landpostboten an, sowie in Marburg

die Expedition der Oberh. Zeitung«

nach keiner Richtung hin Andeutung zu solcher Maß­nahme gegeben — Die vor längerer Zeit gemeldete Versetzung des Landdrosten v Leipziger aus Hannover an die Regierung zu Aachen als deren Präsident wird nunmehr in Vollzug treten; an Stelle des Herrn v. Leipziger soll ein Rath aus dem Ministerium dcS Innern treten. — Das an der Börse verbreitete Ge­rücht, daß Deutschland in Bezug auf die inneren Wirren in Frankreich eine Kundgebung an die fran^ zösische Negierung gerichtet haben soll, welche in ge-s wisser Beziehung drohend abgefaßt sei, ist vollständig unwahr; eine solche Kundgebung ist überhaupt nicht ergangen.

Hamburg, 26. Nov. Nach einer der „Börsen- halle" aus Lissabon vom gestrigen Tage zugegangenen' Nachricht ist das Schiff „Tacora" auf seiner ersten Reise von Liverpool nach Brasilien, in der Nähe von Cap St. Mary, am 29. v. M. gescheitert. Zwei Personen sind in den Wellen umgekommen, die übrigen Passagiere und die Schiffsmannschaft wurden gerettet. Das Schiff und deffen ganze Ladung sind muthmaß- lich vollständig verloren.

Dresden, 24. Nov. Man schreibt dem „Schwab. Merkur" aus Dresden: Die 1. Kammer hat das Volksschulgesetz für die 2. Kammer unannehmbar um- zestaltet und die letztere hat daS Steucrgesetz ergeb- nißlos berathen. Zn diesem kurzen Satze liegt d.r ganze Jammer unserer, sich nun schon seit einem

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Nov. Wenn man das Ergcbniß der gestrigen Abstimmung im Abgeordnetenhause (288 gegen 91) mit dem Votum im März d. I. vergleicht, jo ist, da damals 256 gegen 61 standen, ersichtlich, daß au der gegenwärtigen Abstimmung eine größere Zahl von Abgeordneten thcilgenommen haben, daß aber daS relative Stimmenverhältniß zur Gunsten der

sei. Schon rede man von eincm Ministerium unter dem Vorsitze des Herrn v. Zehmen, des Präsidenten der 1. Kammer und ehemaligen RcichStagsabgeordneten. Eine Mittelsperson, der Minister v. Friesen, liegt krank darnieder.

Darmstadt, 27. Nov. Die „Darmst. Ztg." hört, daß die Einberufung des Landtage- noch vor Weihnachten beabsichtigt ist. Das Gesammlministerium beräth über die vorzulegende Städteordnung. — Der Landtagsabschied ist nunmehr im Druck erschienen. Derselbe enthält folgende landesherrliche Entschlie­ßungen von allgemeinerem Interesse. Bezüglich der Eisen­bahnen heißt es: „Wir werden, wie seither, so auch fernerhin auf möglichst baldiges Zustandekommen von Fortführungen der unter Zinsgarantie stehenden Eisen­bahnen zur angemessenen Verbindung mit anderen deutsche» Haupt-Eisenbahnlinien Bedacht nehmen m»d habe» bereits bei vorliegenden Bewerbungen der Hessischen Ludwigsbahn-Gesellschaft um weitere Eon- cessionen zum Eisenbahnbau, dem Wunsche unserer getreuen Stände entsprechend, in den deßfalls eiuge- leiteten Verhandlungen auf möglichste Beseitigung der übernommenen Zinögaranlie und auf Milderung der von den betreffenden Gemeinden nach dem Gesetz vom 14. August 1867 oder sonst übernommenen Lasten hinwirken kaffen." Ueber die Ausgleichung der KriegS- leistungen wird gesagt: „Wegen angemessener Ver­gütung von Kriegsleistungen in den Zähren 1870 und 1871 werden wir, sobald das Resultat der nach den bestehenden Gesetzen zu leistenden und noch in der Liquidirung begriffenen Vergütungen vorliegen wird, prüfen lassen, für welche der hiernach unvergütet blei­benden Kriegsleistungen auS Landesmitteln eine Ver­gütung zu leisten fein möchte, und je nach Befund unseren getreuen Ständen Vorlage machen taffen." In Hinsicht auf das Budget sagt der Landtagsabschied: „Was daS Don unseren getreuen Ständen zuletzt gestellte Ersuchen betrifft, die Frage zu prüfen, ob durch eine Trennung des Budgets in ein ordentliches unt> außerordentliches künftig nicht eine nützliche Beförderung der Berathung und Feststellung desselben erzielt werden könne, so würde eine solche Einrichtung wohl unter der Voraussetzung zu einer wesentlichen Vereinfachung der Budgetbera-

Srscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal bet Oberhrffkscheu Zeitung mit KreiSblatt durch die EkPedition lKochffche Buchdruckerei) bezötzen egt., durch die Postämter 27 ®gt. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für daS Ausland excl Stempel 22 fegt.— Jn!«rtionsgebüb für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BürealiS nehmen Inserate an.

Vorlage sich nicht wesentlich geändert hat, denn im März betrug dieses 195 und jetzt 197. DaS An­wachsen der Minorität bei der gestrigen Abstimmung ist aber dem Umstande zuzuschrciben, daß die Polen und die CentrumSpartei, welche im März sich der Abstimmung enthielten, ihre Votums abgegeben hatten. ES wird sich aber aus diesen Zusammenstellungen ein numerischer Fortschritt zu Gunsten der Regierungs­vorlage immerhin erkennen lassen. — Die „Kreuzzlg." hat den vielfache» Gerüchten über Verhandlungen der Führer der Fraction Stahl mit der Regierung üi Betreff der Zurückhaltung eines PairSschubS nicht hänget Widerstand entgegensetzen können, sie gibt 'seinem Hauptinhalt dieser Gerüchte die Bestätigung, wenngleich in etwas verblümter Form, die jedoch die Erkenntniß gibt, daß die Regierungsvorlage im Herren­hause auch jetzt noch einer Opposition begegnen würde, die den Fall derselben in Aussicht nimmt. Es kann diese Erklärung der „Kreuzzig." dankend anerkannt werden, 1>a es die stets ausgestellte Behauptung be­stätigt, daß ein Durchbringen der KreiSorbnung im Herreuhause nur durch PairSschub zu erreichen ist. Dieser PairSschub wird nun auch in diesen Tagen .»sficielle Kraft erhalten, man glaubt übrigens in po­litischen Kreisen, daß die Zahl der Herrenhausberu- suugen 18 — 25 sei» werde. — Wenn in mehreren Blätter» gesagt wird, daß der Minister des Innern sich lebhaft für die Scheidung der conservativen Partei in ultra- und national conservative Fraction interessire und für diese Trennung eintrete, so ist diese Mitchel- •lung eine durchaus irrthümliche; der Minister hat

£ DeS Vaters Wunsch, deS Sohnes Neigung.

Eine Erzählung aus dem Leben-

*’? (Fortsetzung.)

Man ging in daS Schloß, das die Barönin seit Ringer als einem Jahre nicht mehr betreten hatte

„Du hast immer noch Alles in dem Zustande er­hallen , wie eS meine selige Schwägerin hinterlassen Hot", sagte sie zu ihrem Bruder, einen musternden Bllck umherwerfend; „ich tadle dieses Gefühl nicht, hmn ihr Andenken ist werth, überall bewahrt zu wer­den. Aber ich denke, eine junge Hausfrau wird hier twl aufzuräumen und abjuänbern finden, meinst Du nicht, Adolph?"

Dieser verbeugte sich und erwiederte lächelnd; „in her nächsten Zeit ist das wohl nicht zu erwarten."

„Aber es'kommt, hoffe ich, mit Deinem Vater", «tgegnete sie; „ich biete in solchem Falle zum neuen Arrangement meine hüifreichen Hände."

Man führte sie in ihre Zimmer, wo in neuerer Zeit sichtbar eine neue Anordnung stattgesungen hatte.

„DaS hast Du dem Adolph zu danken", sagte der Oberst, „der seit mehreren Tagen bemüht war, die Bohnung Deinem Geschmacke so viel als möglich mehr anzupassen."

Sie öffnete daS Schlafzimmer, warf einen Blick hinein und schüttelte den Kops. „Ein Bett nur?" begann sie; „ich hin in neuerer Zeit gewohnt, nicht allein im Zimmer zu schlafen. Albertine wird, wenn nicht in demselben Gemache, doch ganz in meiner Nähe fein."

„DaS wird sich einrichten laffen", erwiederte der Oberst.

„Ich will Euch bei dieser Gelegenheit vorläufig Auskunft geben über txrä Verhältniß zwischen mir und dem Mädchen", fuhr fie fort, „das au« guter bürger­licher , aber herabgekommener Familie stammt, und

besser erzogen ist, als zu ihrem jetzigen Stande paßt. Ich suche ihr daher auch ihre Lage so wenig demü- thigend als möglich zu machen, und behandle sie deß- wegen mehr wie meine Gesellschafterin, als meine Dienerin, was sie durch ihre Bescheidenheit und ihr zartes, gesittetes Benehmen vollkommen verdient, und sich mir schon recht werth gemacht hat. Ich bitte, auch von Eurer Seite dieselbe Schonung gegen Albertine eintreten zu lassen."

Diese erschien, eine leichte Cassete tragend, wäh­rend daS eigentliche Gepäck durch weibliche und männliche Diener, des Hauses in das Vorzimmer ge schafft wurde. Adolph's Augen ruhten mit Theilnahme auf der einfach, aber mit Geschmack gekleideten lieb lichen Gestalt, auf dem einnehmenden Gesichte, auf den Wimpern der schüchtern niedergeschlagenen Augen lieber, die nur von Zeit zu Zeit einen sanften Strahl der klaren blauen Augen hinburchließen, wenn sie ge­hoben würben, um in der Umgebung sich zu orientiren.

Auch der Oberst halte mit Theilnahme das Mäd­chen betrachtet, und verließ jetzt in Adolph's Beglei­tung die Baronin, um ihr Zeit zu lassen, sich von ter Reise zu erholen und sich einzurichten, auch »ächst- bem die geäußerten Wünsche derselben, in Absicht auf die Schlafeinrichtung, in Ausführung bringen zu lassen, was keiner Mühe unterlag.

Ein späterer Umstand machte indeffen den Oberst bedenklich. Als er nämlich mit Adolph die Schwester zur Abendtafel abholen wollte, erklärte diese, daß sie bisher in Gesellschaft Albertinens gespeist habe, daß sie hier für dieselbe um gleiche Gunst bitten müsse; baß, im Falle solches gegen die Grundsätze des Hauses verstoße, sic gern auf das gemeinschaftliche Mahl ver zichle und solches mit Erlaudniß des Oberst min­destens heute auf ihren Zimmern einnehme» wolle, bis sie ihrer Gesellschafterin das Nöthige schonend bei­

gebracht habe. „Cs versteht sich übrigens," fügte sie bei, „daß, wenn Du, lieber Bruder, fremde Gäste am T sche hast, ich der Etikette ein Opfer bringe, fie davon unter irgend einem Vorwande wegzulaffen; denn ich begreife, daß es doch noch schwache vornehme peelen gibt, denen kein Bissen schmecken würde, müßtest sie in Gesellschaft einer nach ihren. Begriffes niedriger Geborenen die Mahlzeit einnchmen, obwohl ich im Allgemeinen bie Stanbes formen nicht verwerfe, aber hier in.Deinem Hause, in Deiner und Adolphs Ge­sellschaft, mir schon erlauben bars, meinen Gewohn­heiten unb Bequemlichkeiten nachzuhängen."

_ »-Ich für meine Person - " entgegnete der Oberst, »füge mich gerne in Alles, was Dir den Aufenthalt bei mir angenehm machen kann, obwohl ich gestehe, mit einer Kammerjungfer an einem Tische noch nicht gespeist zu haben; aber hier findet in jedem Betracht eine Ausnahme statt, und auch Adolph wird —

„Sich eben so gern fügen, wie sein Papa," fiel dieser ihm rasch ins Wort. „Ich achte Alles, was die Tante achtet, und zum Beweise dessen will ich Ihrer Schützlingin einladend den Arm reichen, um sie zu Tische zu führen."

Er machte eine Bewegung gegen die Thüre deS Nebenzimmers.

„Neffe!" sagte Frau v. Rothann mit komisch ge­hobenem Haupte: „ich, die Tante rechne auf Deinen Arm; ich hoffe, Du wirst mich nicht vernachlässigen. — Du hast vielleicht die Güte, lieber Bruder, Al­bertine rufen zu lassen."

Sie legte die Hand auf Adolphs Arm und ver­ließ mit ihm das Zimmer, während der Oberst die Nebenthür öffnete und mit soldatischer Galanterie Al­bertine zürn Nachtessen einlud unb in ihrer Gesellschaft dem voranschreitenden Paare folgte.

Auf dem Lande ist man gewohnt, bald zur Ruhe