Zllarburg, Dienstag, den 26. November.
Ur. 279,
1872.
Oderhcssijlhe gcitnng.
"fcfSiüt täglich außer den Werktaaen nach Soun- und Feiertagen. Preis für d°S Quartal der Oberheffische« Skitung mit «retSblatt durch d.e «rpedition («ach'sche druck er ei) bezogen 22; »ar., durch die Postämter 27 »gr. « Pfg. (-rcl. Bestellgebühr und mcl. Stempelsteuer), für da» Aurlans -xcl. stempel 2t »gr. - ^meriiuu-'gebüdr für die gespaltene Zeile i Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.
auf die Oberheffische Zei- ö^ltCUUttuCll tuug für den Monat De- crmber nehme« alle Postanstalten und auf dem Lande »te Landpostboten an, sowie in Marburg
die Expedition der Oberli. Zeitung.
Deutsches Reich.
** Berlin, 23. Nov. Man erwartet mit Bestimmtheit, daß die zweite Lesung deS KreisordnungS- Gesetzes heute im Abgeordnetenhause zu Ende geführt «erden wird. Zm Laufe der nächsten Woche dürfte die Verlage nach beendigter dritter Lesung an das Herrenhaus gelangen; doch wird das Präsidium die Mitglieder wahrscheinlich nicht vor dem 2. oder 3. December zusammenrufen. Gestern fand in Bezug auf die Herrenhaus - Reform eine vertrauliche Berathung der Minister statt. ES sind daran von der „D. R- C" allerlei Gerüchte geknüpft worden, vor deren gläubiger Aufnahme man sich hüten muß. Man habe von 2 Candidaten Listen für den Pairsschub, deren eine vom Minister deS Innern herrühre, während die andere in Varzin ihren Ursprung habe. Natürlich sind diese Listen eine Erfindung, wenigstens kann nur von einer Liste deS Ministers deS Innern die Rede sein, da dieser bei einer inneren Reform doch der zunächst Betheiligte ist, zweitens, der Fürst v. Bismarck sich in neuester Zeit jeder Einmischung in die von ihm durchaus gebilligte Politik des Ministers deS Innern enthalten hat. — In der gestrigen Sitzung deS Abgeordnetenhauses gab der Minister des Innern auf eine Interpellation des Herrn von der Knesebeck eine Erklärung über die Maßregeln, welche die Regierung gegen den Nolhstand der von der Sturmfluth betroffenen Küstenstriche zu treffen gedenke. Ein umsaffender Bericht an Se. Majestät den König ist erstattet worden. Der Minister hat fich mit seinen Collegen in Verbindung gesetzt, um die Thätigkeit zu Gunsten der Verunglückte» in allen Ressorts zweckmäßig zu organi- fircn. Ebenso hat er die Oberpräsidenten aufgefordcrt, die Sammlungen zu combiniren und die Beträge sofort an einzelne bestimmte Stellen einzuliefern, damit durch die Harmonie der Privatwohlthätigkeit mit den Re- gierungsmaßregeln eine möglichst zweckmäßige Verwendung der Gelder erzielt werde. Einen merkwürdige» Standpunkt nimmt der beabsichtigten hülfreichen
Intervention des Staates gegenüber die „Kieler Zeitung" ein. Sie appellirt vornehmlich an die Selbst- hülfe der Provinz und scheint es hindern zu wolle», daß die bisher so oppositionelle Provinz durch Dankes gesühle an den Staat gefesselt werde. Es ist übrigens bekannt, daß bei ähnlichen Anlässen die Hülfsquellen deS Landes keinen sehr ergiebigen Fluß gezeigt haben. Thatsächlich haben auch bereits verschiedene Stimmen aus der Provinz gegen die Theorien der „Kieler Zeitung" Verwahrung eingelegt, ebenso sind an den König und den Kronprinzen zahlreiche Bittgesuch« gerichtet und zunächst dem Minister de« Innern überwiesen worden.
— Der Präsident deS Abgeordnetenhauses, Oberbürgermeister v. Forckenbeck, dürfte, wie die „D. R. C " glaubt, in der am Mittwoch statlfindenden Sitzung zum letzten Male das Präsidium im Abgeordnetenhause führen, weil, wie eS heißt, seine Berufung in da« Herrenhaus gleichzeitig mit der der neuen Pairs erfolgen wird. Ueber den Nachfolger deS Herrn v. Forckenbeck im Präsidium deS Abgeordnetenhauses läßt sich immer noch nichts Nähere« mittheilen, da man im Abgeordnetenhausc selbst diese Frage immer noch als eine offene, oder wohl richtiger gesagt, als eine schwer zu lösende betrachtet. .
— AuS denjenigen Töchterschulpädagogen, welche Ende September d. I. in Weimar eine erste Hauptversammlung abhielten, war eine Deputation gewählt worden, um durch persönliche Ueberreichung einer die Resultate der Weimarer Hauptversammlung erläuternden Denkschrift im Unterrichtsministerium, die Angelegenheit der Stellung und Organisation des höheren Mädchenschulwesens an maßgebender Stelle möglichst nachdrücklich zu fördern. Die Deputation wurde am Montag vom Unterrichtsminister Dir Falk und vom Unterstaatssecretär Dr. Achenbach empfangen und em- pfing die Zusicherung, daß die Nothwendigkeit einer anderweilen Regelung der das höhere Unterrichtswesen der weiblichen Jugend betreffenden Gesetzesbestimmungen vollständig anerkannt und eine solche beabsichtigt sei, und daß die vorgetragenen Wünsche um so mehr auf Berücksichtigung dabei zu rechnen hätten, als dieselben, auS der Mille der an den höheren Töchterschulen thä- ligen Lehrkräfte hervorgegangcn, mit den Ansichten und
Intentionen in den Kreisen der Regierung zusammenträfen.
Braunschweig. 20. Novbr. In der heutigen Sitzung der Landessynode ist die Berathung über den Bericht de« Consistorium«, die Landeskirche betreffend, zu Ende geführt. Es wurde auf einen dahingehenden Antrag beschloffen, das Kirchenregiment zu ersuchen, fortan Kirchenbauten nach dem Plane und unter Leitung eines dazu designirten Baubeamten ausführen zu laffen. Bei Besprechung dieser Angelegenheit wurde von mehrere« Rednern der Wunsch geäußert, eS möchlm in den Kirchen Heizvorrichlungen getroffen werden. Gelegentlich der Discussion über daS^Gemeindeschulwesen wurde vom Ministertische auS die Mittheilung gemacht, daß dem nächsten Landtage ein Entwurf in Betreff der Gehaltsverhältniße der Gemeindeschullehrer vorgelegt werden würde.
Weimar, 23. Nov. Bei der im Neustädtischen Kreise stattgehabten Neuwahl eines ReichStagSabge- ordneten wurde der seitherige Abgeordnete Genast mit 5323 von 8502 Stimmen wiedergewählt. 2309 Stimmen fielen auf Siefert, 816 aus Liebknecht.
München, 22. Novbr. Die „Dachauer Bankhalter" Herb, „Gutsbesitzer", und Lindner, ehemahliger Lokomotivführer von hier, welche ihr Geschäft unter der Firma „Herb u. Co." betrieben, sind heute, als des betrügerischen Bankerotts verdächtig, in gerichtliche Haft genommen worden. Die N. Nachr. schreiben: „Von kompetenter Seite wird uns mitgetheilt, daß die Erklärung des Franz Ignaz Brücklmeier (in welcher es hieß: er habe in keinen anderen Beziehungen zu der Spitzeder gestanden, als verschiedene andere von den N. Nachr. nicht genannte Münchener Advocate«) Anlaß zu energischen Schritten des Anwaltstandes geboten hat. Die hiesigen Anwälte wollen durch alle gesetzlich zulässigen Mittel darüber Gewißheit und dem Publicum öffentliche Aufklärung verschaffen, ob und welche Münchener Anwälte und Concipienten dem Brücklmeier die Behauptung ermöchlichten, daß er in die Fußtapfen einer ziemlich großen Anzahl bekannter Münchener Anwälte und Concipienten getreten sei.
Straßburg, 23. Nov. Die „Straßburger Ztg." veröffentlicht das Prüfungsreglement für die Candidaten des höheren Schulamts bei der wiffenschaftlichen
Des BllterS Wunsch, LeS SohneS Neigung.
Eine Erzählung aus dem Leben.
(Fortsetzung.)
Adolph spielte sinnend mit den Blumen, die um chn her sproßten.
Bertram betrachtete ihn eine Weile, überlegend, ob er in dieser günstigen Stimmung, die er, wie ihm dünkte, sehr klug herbeigkführt hatte, dem Herzen des jungen Mannes näher rücken sollte, um sich in Besitz seiner Geheimniffe zu setzen, wenn er welche hatte, und mit welchem Manöver er beginnen sollte, um seinen Zweck sicher zu erreichen.
„Wir haben recht hübsche Fräuleiu in der Nach- barschaft," begann Bertram mit einem schlauen Gesicht, „das werden Sie auf Ihrer JnspectionSreise gesunden hahen."
„Sehr artige Geschöpfe!" antwortete Adolph
„Schön, wohlerzogen, freundlich, geschickt, mit unter auch barbarisch reich."
„Freundlich waren sie alle."
„Und hat Ihnen —" fuhr Bertram examinirend fort, „keine den Wunfch entlockt, sie zur Frau Baronin v. Halden zu machen?"
„Ich habe wahrlich nicht daran gedacht,' versicherte der Jüngling.
„Wahrscheinlich, weil Sie den Wunsch Ihre« Va ter« nicht kannten."
„Auch wenn ich ihn gekannt hätte, Bertram'
„Unbegreiflich!" versetzte dieser. „ES sind doch Augen darunter, die nicht nur ein Herz, die eine Pulvermine entzünden könnten."
„Mein Herz ist nicht geladen," entgegnete lächelnd Adolph.
„Gottlob! da« heißt so viel, als frei," sagte leise der Herzensforscher; „da hätten wir also umsonst Be- svrgniffe gehegt. — Nun, kommt Zeit, kommt Rath !"
fuhr er fort. „Bei Höflichkeitsbesuchen läßt man ohne hin gewöhnlich das Herz zu Hause, weil e« nur geitirl. Bei näherer Bekanntschaft findet sich Manches, was man im erstcn Zusammentreffen nicht observirt hat. Ich sage Ihnen, Kernmädchen sind darunter, und der Papa würde eine Herzensfreude haben, wenn Sie unter ihnen eine Wahl träten und —"
„Wahl, Bertram?" fiel Adolph ihm ins Wort; „bei der Liebe, bei der wahren, unveränderlichen Neigung deS Herzens zu einem Gegenstände gibt es keine Wahl. Wer wählen muß, setzt sich dem Uebel aus, nicht gerade das Beste gewählt zu haben, wie es fast bei den meisten Wahlen der Fall ist."
„Man ist doch noch übler daran", versetzte Bertram, „wenn man gar keine Wahl hat."
„Vom Himmel muß daS glückliche Loos fallen; ein Blick, ein Wort, und daS Band der Herzen ist geschlossen, ohne Wahl und ohne Qual."
„Wenn eS de» Ander» nämlich recht ist, die auch ein Wort darein zu sprechen haben."
„Das glaub' ich nicht fürchten zu dürfen.
„Ich auch nicht, wenn nur erst daS glückliche Loos gefallen wäre."
„Kommt Zeil, kommt Rath, hast Du vorhin ge sagt", entgegnete Adolph, „darauf wollen wir eS ruhig ankommen lassen. — Uebrigens ist der Schritt zur Ehe ein gefährlicher Schritt."
„Welcher E — Profeffor wollt' ich sagen, hat Ihnen daS weiß gemacht?" unterbrach ihn dieser; „eS ist der angenehmste, den nur je ein menschlicher Fuß machen kann, deßwegen wird er auch fast täglich exercirt. Wenn ein Sechziger das sagte, der eine Zwanzigerin heirathe» will, so hätte er vollkommen Recht, denn ein Krummer scheut da« Tanzen, sagt man im Sprichwort bei mir zu Lande; aber ein junger Herr, wie Sie — ei, bei’m Donner! in Ihren Jahren
hätte ich — nun das gehört nicht hieher. Fragen Sie nur den Herrn Oberst Papa, was der Ehestand für ein Freudenstand ist."
„Es lebt ein solches Bild in meinem Herzen, Bertram!" sagte lächelnd Adolph. —
„Aha! ein Bild im Herzen!" wiederholte dieser leise.
„Und ich gestehe Dir recht aufrichtig", — fuhr der junge Baron fort, „daß ich nie eine Frau nehmen werde, die diesem Bilde nicht gleicht."
„Richtig!" sagte sich Bertram, „er hat bereit« Besatzung im Herzen."
„Auch muß ich Dir im Vertrauen sagen", plauderte Adolph fort, indem er aufstand und den Weg weiter verfolgte, „die jetzige Erziehung der Mädchen von meinem Stande gefällt mir nicht."
„Dasselbe habe ich dem Herrn Oberst vor mehreren Sagen auch gesagt", versicherte Bertram.
„Ihre Bildung ist nur nach außen gerichtet; dab Innere trägt wenig ober nichts davon; viele Ansprüche und nichts Ansprechendes."
„Fast meine Worte! Heidi und Hoppsafa! Viel Geschrei und wenig Wolle!"
„Deswegen sollen mich die Stande« Borurtheile nichts kümmern. Ein Mädchen von weniger glänzender Geburt, mit reinem Körper und reiner Serke, von einfachen tadellosen Sitten, bei gesundem Verstände, das den schönen Vorsatz im edlen Herzen trägt, de« geliebten Gatten zu beglücken, im Glücke deffelben ihr eigenes allein zu finden, ein solches Mädchen gleicht t>em Bilde, das ich wie einen Talisman im Innern bewahre, und mein Later, der mich wahrhaft liebt, wird diesem meinem Glücke nicht in den Weg treten; meinst Du nicht, Bertram?
„Ich glaube nicht", antwortete dieser; „aber daß er Sie über Alles liebt, das glaube ich, wie da» Evangelium. Daß St« diese Liebe vergelten und ihm keine