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Ur. 277. Marburg, Sonnabend, den 23. November. ' i 1872.
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Oderhessische Zeitung
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal der Oberhessischen Leitung mit KreiSblatt durch die Expedition («och'fche Buchdruckerei) bezogen 22; »gr., durch die Postämter 27 Ggr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für daS Ausland excl. Stempel 2» ®gt. - sn Jr,!ertio»sgebühr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. vämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an. •
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Deutsches Reich.
•* Berlin, 21. Novbr. Die heutige Sitzung I de- Abgeordnetenhauses gehörte säst ausschließlich dein Herrn Eugen Richter an, welcher bei Gelegenheit der Etats vo«t 1868 und 1869 seinem Grolle gegen die osficiöse Presse Lust machte. Der Zorn des Herrn Abgeordneten ist begreiflich, wenn man bedenkt, daß er in seiner publicistffchen ThLtigkeil öfters eine allerdings ziemlich scharfe, aber freilich sehr Derdienle Kritik erfahren habe. Weniger möchte es zu rechtfertigen jein, daß Herr Richter dieser persönlichen Rencune in der Volksvertretung Luft macht. Was den Ton seiner Expectoratiouel« anbelangt, so ward demselben bereit« von einem seiner College» die gerechte Zurückweisung zu Theil. Herr Richter unterließ es natürlich nicht, bei» Moment zu benutzen, um das schon früher von ihm in den Journalen vertriebene Mährchen, die Regierung habe für 100,000 Thlr eine Zeitung gekauft, noch einmal an den Mann zu bringen. Es muß wiederholt versichert werden, daß die „Post" — denn offenbar hat Herr Richter dies Journal auch heute gemeint — weder jetzt noch früher im Besitze des Staates, sondern im Privatbesitz gewesen ist und es durchaus niemals in der Absicht der Regierung gelegen hat, das Blatt anzukaufen. — Die gestrige Debatte über die Kreisordnung hat die politische Situation wesentlich geklärt. Es zeigt sich, daß das Resormwerk immer mehr Anhänger gewinnt und selbst Über seine Gegner wenigstens einen moralischeir Sieg davonträgt. Der erbittertste derselben, Herr v. Mallinckrodt, konnte kaum in seiner Kritik etwa« Thalsächliches vorbringen, sondern gab nur seinen polnischen Sympathien Ausdruck. Um so günstiger wirkte das schlagfertige unb geschickte Eingreifen des Ministers des Innen«, welcher die Politik des Ministeriums in kurzen, präcisen Sätzen greifbar zu sormuliren verstand. — Auch die „Kreuzztg." scheint jetzt zur Ueberzeugung gekommeir zu sein, daß die Beschlüsse des Ministeriums definitiv seststehen; es erhärt sich wohl daher ihr in den letztm Tagen wie dernm sehr gereizter Ton. — Man erwartet für die nächste Woche schon die Veröffentlichung der Namen der neuen Pairs, also ziemlich zur Zeit, wo die Kreisordnungsvorlage ins Herrenhaus kommen wird. Es
DrS Baiers Wunsch, des Sohnes Reignng.
Eine Erzählung aus dem Leben-
:v - tFortsetzung.) ; -
Mit den angenehmsteit Empfindungen lauschte der entzückte Freiherr den Erzählungen des geliebten Sohnes über alle«, wa» dieser in der Ferne gesehen und er fahren halte; auS jeder Schilderung leuchtete ein sehr gebildeter, aber eben so einfacher Sinn und eine Gut- mürhigkeit hervor, die auch dem TadelnSwerthen eine entschuldigende Seite abzugewinnen wußte.
Adolph hatte die sogenannte Welt mit ihren Merk Würdigkeiten und Schönheiten, mit allen ihren bunten Thorheiten und Flecken gesehen, und sein gernüthliches Ich aus dem der Jugend oft so gefährlichen Gewühle rein hinburchgetragen.
„Nun, Bertram?" fragte der Freiherr den Diener nach einigen Tagen, der ihm kopfschüttelnd: „nun, Herr Oberst?" zurückgab. Beide verstanden diese Frage ohne Antwort, und der glückliche Oberst drückte dem theilnehmenden Diener im Begegnen ihrer Empfindungen herzlich die Hand.
„Nur Eins —" sagte der Oberst —, „nur Eins, Bertram, habe ich — nicht zu tadeln, gewiß nicht! nur zu bemerken, weil es meinem freundlichen Plane nicht nur nicht entgegen kommt, sondern ihn abzieht; Adolph ist mir zu einsam. Die Geselligkeit ist die schönste Eigenschaft deS Menschen, zumal in den Jahren der Jugend, wo man Alles mit Wärme umsaßt. Er ist mir zu still; er hängt, scheint mir, gewissen Grillen Nach, die ihn der menschlichen Gesellschaft entfremden."
„Er hat keine Grillen", antwortete entschuldigend Bertram; „seine Stirn ist heiter wie ein Frühlings Morgen. Er ist auf dem großen Ball der Welt ge wesen, und ruht jetzt von der Ermüdung auS; das ist uns zu Zeiten wohl ebenso gegangen."
„Bertram!" fuhr der Oberst fort, „wenn er in
find damit die Befürchtungen widerlegt, als werde die «Negierung mit dem Pairsschub so lange warten, bis das Herrenhaus die Vorlage einer Commission überwiesen und damit eine neue Verzögerung herbeigeführt habe. Die Pairs werden, wie man hört, außer auS oer Kategorie des großen Grundbesitzes, hauptsächlich dem höheren Staatsbeamtenstande entnommen werden. — Ueber die Verheerungen an den deutschen Küsten sind bis jetzt erst aus Schleswig-Holstein die amtlichen Berichte eingtlaufen, wo der Lage des Landes entsprechend der Schaden natürlich mit am bedeutendsten ist. Der Minister des Innern hat dem Oberprä sidentei« sofort eine Summe zur Abhülfe gegen die dringendsten Bedürfnisse zur Verfügung gestellt, auch die schleunige Veröffentlichung aller eingehenden Berichte angeordnet, wohl um die Theilnahme des Publikums zu erwecken. Es stehen außerdem noch^ußer- ordentliche Maßregeln bevor, zu welchen die Mitwirkung des Landtages nöthig sein wird.
— 21. Nov. Der Bruch innerhalb der confer, vativen Partei im Abgeordnetenhause ist in der gestrigen Fractionssitzung erfolgt. Die Gouvernernentalen nennen sich von nun an „National-Etnservative" und haben ein RedactionS-Comite ernannt zur Entwerfung eines förmlichen Programmes. — Der Ministerrath destgnirte bisher dreißig neue PairS. — Die Herrenhaus-Majorität ist geneigt zur Annahme der Kreisordnung.
— 19. Novbr. Der Kostenanschlag für den Bau der Eisenbahn Hermgen-Escbwege, Oberhohne-Tr-ysa Fronhausen unb Fronhausen-Wetzlar der Berlin-Cob- lenzer Bahn, incl. der Beschaffung der nölhigen Betriebsmaterialien, ist; laut osficiöser Mitlheilung, im Handelsministerium definitiv auf 25,500,000 Thaler festgestellt worden. Dabei ist der Bau des zweiten Geleises auf der Strecke Oberhohne-Wetzlar nicht mit einbegriffen.
Hannover, 19. Novbr. In der heutigen Sitzung des Obergerichts wurde Pastor a. D. Grote wegen Majestälsbeleidigung, begangen in seinem „Allhannover- schen Volkskalender", zu 1 Jahr 6 Monat Gefängniß, Verlust aller öffentlichen Ehrenämter und der aus öffentlichen Wahlen für ihn hervorgegai'g-nen Rechte, und zur Tragung der Kosten, gemäß des auf ihn entfallenden Theils, verurtheilt. Der Kaufmann Kerl,
feinem Herzen ein Bild trüge, was ihn allein beschäftigte, was ihn Alles um sich her vergessen machte?"
„Sie meinen, Herr Oberst, ein Weibsbild?"
„O drücke Dich doch nicht so alltäglich aus", sagte der Freiherr: „ein Frauenbild. —" ?
„DaS kommt ja auf eins heraus."
„Wenn er mit dem Gefühle der erwachten ersten Liebe ränge meinen Wünschen gegenüber, die er ahnen mag."
„Nun, so wird die erwachte Liebe schon Laute von sich geben", meinte Bertram. '
„Forsche nach!" sagte der Freiher; „Du kannst es in Deiner Stellung zu ihm bester als ich."
„Trägt er eine im ober unter bem Herzen, so kommt sie schon auf die Weit", versicherte der praktische Mann, versprach aber zugleich, bei schicklicher Gelegenheit Baron Adolph'« Herz zu fonbiren.
„Doch —" setzte er hinzu, meiner unmaßgeblichen Meinung nach wäre es gut, wenn bet Herr Oberst ihn ein bischen in der Nachbarschaft herumtrieben Die Höflichkeit erfordert ohnedies, meines Erachtens, daß der Heimgehhrte der Verwandtschaft und den Nachbarsamilien einen Besuch ab stattet. Mindestens zerstreut er sich, wenn er auch nicht findet oder finden will, was wir wünfcheu. Aber wer weiß? Gott Amor, so weit ich ihn zu kennen die Ehre gehabt habe, ist ein Schelm; ein schöne« Augenpaar ist die Avantgarde, mit der er oft die ganze Liebes Arme» in daS Herz eines jungen Mannes siegend einführt. Das ist im Grunde der beste Probirstein, zu erforschen, ob er schon weibliche Besatzung in seiner Herzensfeste hat."
Der Oberst mußte lächelt« über den Einfall des vormaligen Militär«, der sehr richtig den Liebesgott zum Feldherrn erhob; er fand indessen den Plan zweckmäßig unb der Sitte angemessen. Adolph wurde zu den kleinen Rundreisen dngelaben, und folgte be-
der Verbreitung deS Kalender« angeklagt, würde frei- gesprochen.
Braunschweig, 16. Novbr. In der gestrigen Sitzung der Landessynode begann die Besprechung der Mittheilungen de« herzvgl. Consistoriums über die Zustände der evangelifch-lutherifchen Landeskirche. Bezüglich der Beziehungen der Landeskirche zü der deutschen evangelischen Landeskirche heißt e« in der „Mittheilung": „J«n Interesse anzubahnender Verbindung mit derselben (der deutschen evangelischen Gesammk- kirche) ist für rathsam erachtet, die seit 1852 Jahr um Jahr in Eisenach zusammengetretenen Conserenzen von Abgeordneten deutscher evangelischer Kirchenregierungen durch ehr Mitglied deS Herzogi. Consistoriums zu beschicken, und eS sind dort Verhandlungen gepflogen, deren Ergebnisse für die Kirche de« Lande« von Werth waren. Es wird abzuwarten fein, ob durch weitere Verfolgung deS von der dießjährigm Eonferenz berathenen Antrages, daß dieselbe künftig auch von Abgeordneten der Landessynoden beschickt werden möge, ein noch wirksameres Band zwischen den deutschen evangelischen Landeskirchen wird geknüpft werden." Hieran anknüpfend und mit der Bemerkung, daß eine deutsche evangelische Gesellschaft nicht epftire, stellte der Abgeordnete Bode (Braunschweig) den Antrag : „Das Kirchenregiment zu ersuchen, die auf eine Einigung aller deutschen evangelischen Glaubensgenosten unter ein auf evangelischen Grundsätzen beruhende« kirchliches Regiment gerichteten Bestrebungen nach Kräften zu unterstützen." Dieser Antrag wurde mit 23 gegen 9 Stimmen angenommen.
Dresden, 20. Nov. Die zweite Kammer Hal nach zweitägiger Debatte die Regierungsvorlage über die Steuerreform abgelehnt. Die Verhandlungen über die Gegenvorschläge des Ausschüsse« werden morgen beginnen. — Die erste Kammer hat alle principiellen Äenberungsanträge der zweiten Kammer zum BolkS- schulgesetz verworfen.
Darmstadt, 21. Nov. Die „Darmst. Ztg." meldet: Der Vertrag zwischen der Stadt Mainz und dem Festungs-Gouvernement hat die Genehmigung der Regierung erhalten. — Nachdem zu Anfang diese« Monats der Verein der hiesigen öffentlichen Anwälte, und neuerdings der Verein der öffentlichen Anwälte reit willig am folgenden Tage dem Vater, der einige Hoffnung auf gewünschten Erfolg hegte, wenn er an einige Häuser unb ihre weiblichen Bewohner dachte, die ein junger Mann unmöglich ohne angenehmen Eindruck zu sehen vermögend war.
Uebrigen« behielt der Oberst seine Wünsche und Absichten zurück, um den Sohn nicht schüchtern zu machen, somit seinen Beobachtungsplan im voran« selbst zu stören.
Adolph benahm sich so abgerundet, mit so angenehmer Leichtigkeit, daß er überall, wo sie einsprachen, eine äußerst gü ltige Meinung für sich gewann. Väter, Mütter unb Töchter fanben ben jungen Mann recht interessant, recht hübsch, hochgebildet und dabei doch so bescheiden, so jüngserlich — hätte Bertram gesagt —, baß er allgemein für eine sehr anständige Parti« gehalten wurde, und hie und da recht warme Einladungett zu Wiederholung des angenehmen nachbarlichen Besuchs erfolgten.
So war die Runde endlich gemacht werben; aber trotz der schärfsten Beobachtung de« väterlichen Auge« hatte der Oberst nicht da« mindeste Zeichm eines besonderen Eindruckes bemerkt; Adolph war so unbefangen heimgekehrt, al« er gegangen war. Sollte diese Unbefangenheit aus ein völlig freies Herz des Sohne« deuten, oder bestätigte sich, wa« gefürchtet wurde, daß Adolf bereits im Stillen eine frühere Wahl getroffen hatte?
. (Fortsetzung folgt.) V
Die StMMflüih be* 12. xx> 13. Rsdemter.
Ueber das nummhr in feinem ganzen Umfange bekannt gewordene Unglück an der vorpommerschen Küste bringt die „Strals Ztg." noch eine Reihe ergänzender Nachrichten, denen wir die nachstehenden Einzelheiten entnehmen. Das genannte Blatt berichtet