1872
Marburg, Freitag, den 22. November
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Wenn nicht außerordentliche Hindernisse in den Weg treten, bin ich längstens i» sechs Tagen in Deinen Armen.
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Der Freiherr hatte eitlen so eben einpsaNgenen Bries in der Hand, der die Grundlage dcS Zwiegesprächs auSmachte, was er mit jenem begann.
„Er kommt, Bertram! Adolph kommt! längsten» in sechs Tagen will er hier sein. Er schreibt ganz kurz — willst Du hören, was er schreibt?"
Bertram verneigte sich bejahend.
Der Oberst laS: „Geliebter Batet! Ich sehne mich nach Ihnen, nach meinen Bergen, nach unseren Wäldern, nach meinem Bertram, den ich seiner Treue und Liebe wegen zu Dir doppelt lieb habe; hinaus aus dem tollen Gewühlc der großen und kleinen Welt in die stillen Räume des väterlichen Hauses, die meine Erinnerung schmückt mit lieblichen Bildern der Kind heit, unter welchen meine selige Mutter wie ein Engel des Himmels schwebt mit der Friedenspalme, — um mir meinen geliebten Bater und der Natur yi leben.
Freiherr v. Halden, Oberst außer Diensten, die er verlassen hakte, weil er als Majoraiserbe die bedeutende» Familiengüter übernehmen mußte) welche er keinem Micthlinge anvertrauen wollte, saß in seinem Schlosse Grünstein im gewohnten Lehnsessel an dem Fenster, welches die schönste Aussicht über das weite Thal gewährte, in welchem der Hauplfluß des Landes durch üppige Felder und Wiesen sich wand, bis hinüber an die am andern Ufer sanft sich hebenden Reben- hügel, die an höhere Waldberge sich lehnten, welche sich verloren in nebelhasteni Blau.
Bor ihm stand Bertram, sein Vertrauter, früher sein militärischer Diener, jetzt Oekonomie Bei Walter,
ratheS führte der Staatsminister Delbrück den Vorsitz. Der Vorsitzende machte Mitlheilungen über a. Die Ernennung von Bevollmächtigten zum Bundes- rathe, b eingegangene, den Ausschüssen zugethcille Vorlagen, c. Abänderungen der Siegel, Stempel rc. deS Hauptzollamts in Lübeck, d. die Besetzung einer neue» Rathsstelle beim Rechnungshöfe, e. die Besetzung der Stelle eines Mitgliedes des Bundesamtes für das Heimalhswesen, f die für Baiern erlassenen Ueber gangöbestimmungen bezüglich der Prüfung der Äerzte, Zahnärzte u. s. w. g Beamtcn-Dienstwohnungen in den Gebäude» des kaiserlichen Hauptzollamtes in Hamburg, h. die Vereinigung Spitzbergens mit Schweden- Norwegen. Ausschußberichte wurden erstattet über a. die Ausführungs-Bestimmungen zum Gesetze wegen Erhebung der Brausteuer, b. Ausbesserung von Zollbeamtengehälter, c. die Errichtung von Zollabfern gungSstellen zu Hamburg auf dem Bahnhofe der Hamburg Venloer Eisenbahn, d. die Vermehrung des Personals bei dem Hauptrollamte in Bremen, e. den Antrag Oldenburgs betreffend den Zollanschluß eines Theils des Freihafeugebietes Brake, f. die Vorlage des Präsidiums betreffend den Entwurf eines Ges-tzes über cie Disciplinarbcfugniß des Rcichsoberhandels- gerichts gegen Rechtsanwälte und Advokaten. Endlich wurden zwei Eingaben vorgelegt.
— Der Ausschuß deS BundeSrathes für Justiz wesen versammelte sich gestern zu einer Sitzung.
— Die „Provinzial Correspondenz" sagt gelegent lich der Besprechung der ThierS'jchcn Botschaft: Tiners' Befriedigung über die Ergiebigkeit der wirthschaftlichen Hilfsquellen Frankreichs ist gerechtfertigt. Die nächste Entwickelung in Frankreich wird gewiß eine große und allseitige Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, wenn auch nicht im Sinne einer Huldigung für den Einfluß Frankreichs auf die Völker, eine Auffassung, die glücklicherweise einem thatsächlich überwundenen Standpunkte angehörl
— Bei der Berathung im ständischen Ausschüsse deS LaudeS-Oeeonomie-Eollegiums über den eingebrach ten Antrag, betreffend den Erlaß eines Reichsgesetzes, behufs Abwehr und Unterdrückung der Lungenseuche beim Rindvieh, gab der zufällig anwesende Decernent für daS Veterinärwesen im Ministerium der' laudwirlh- schafllichen Angelegenheiten die Eeklärung ab, man sei im Ministerium der Ansicht, daß es nicht rathsam cr-
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wir die Tobten ruhen und wenden uns zu den Lebendigen, um im Sinne der geliebten Seligen für sie zu sorgen; vor allen für meinen lieben Adolph, deffen Wohl ich gründen will »ach bestem Wisse» und Ge- wiffen auf dieser Welt. Das höchste Glück deS Lebens ist ein schönes, tugendhaftes Weib; aus meinen Händen soll er eine Braut empfangen; in seinem Glücke will ich wieder aufleben , und denken, es sei die Wiederholung meines eigenen Glückes in geliebten dritten Personen. — Du kennst die ganze Nachbarschafl, das halbe Land, Benraitr! hilf mir eine heraussuchen auS den Vielen; die schönste, sanfteste, liebevollste untir ihiim, wo Herz, Geist und Körper vereint sind, einem edle» Mann« da» Leben zum Paradiese zu machen."
s „Wird schwer halten", warf Bertram ein;' „die jetzige junge weibliche Welt hat ganz andere Begriffe von LebcnSzlück. Heidi und hopphopp! lustig tii der Welt herumgefahren und sich um nichts kümmern, al» um den eigenen Spaß; zu Hause mag es auSsehen, wie es will."
„Du urtheilst zu streng", versetzte her Baron; noch gibt es liebe, gute, wohlerzogene und recht schöllt Frauenzimmer auf der Welt, daS kann ich Dich versichern "
„Bertram schüttelte den Kopf ein wenig. „Ich will es glauben, weil der Herr Oberst eS sagen; von Außen allenfalls. Aber die Herzen, zumal die Fräu- lcinherzen, haben keine Fenster." .
„Die unseren auch nicht I" rrwiederte jener. „An ihren Werken sollt ihr sie erkennen; das gilt von beiden Geschlechtern. Man steht, man hört, man fragt die nächste Umgebung; man horcht aus den allgemeinen
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Dein Adolph",
Der Freiherr legte den Brief zusammen und sagte in weichem Tone: „Er gedenkt Deiner, Bertram, er gedenkt meiner und Allem, was er lieb hatte, auch seiner.seligen Mutter, meines lieben seligen Weibes, die nicht allein für mich und ihn, sondern für die ganze Welt zu früh gestorben ist."
„Das weiß Gott, der Gerechte," entgegnete Bertram mit zurückgedrängter Wehmuih; „er hätte sie uns wohl lasten und eine Entbehrlichere dafür nehmen könne», deren eS in der Nachbarschaft und überall gibt." .
„Gott har eS gethan!" sagte der Oberst, eine Thräne zerdrückend; „daS war damals der erste Trost, 'nach dem ich haschte, mich aus dem vernichtenden Strome deS Schmerzes zu retten, in dem ich für •meint Person gern untergcgangen wäre, hätte ich nicht ifür ihren Sohn, für meinen geliebten Adolph leben müssen."
„Ich gestehe," bekannte Bertram, „ich habe geknurrt, schwer gemurrt, und ich murre tat Stille» noch, weil ich das Warum nicht einsehen konnte und noch Nicht einsehen kann. Ihr Tod hat nichts genützt, nur geschadet oder verletzt; also warum? Der Erde stand sie wohl an mit ihren Tugenden, mit ihrem lieblichen Wesen, mit ihrem wohllhätigen Herzen; der Himmel wäre ihr im spätesten Alter noch gewiß gewesen, warum sie in der Blüthe der Jahre wegraffen?"
„Bertram!" versetzte der Freiherr nach einigen Minuten Stillschweigen», „diese» Warum verstehen wir Alle, auch die Schristgelehrten nicht, darum lasten
scheine, noch ferner die einzelnen Viehkraiikheiten zur Basis der Gesetzgebung zu machen, daß vielmehr eine allgrmeine Viehseuchenordnung für Preußen oder für das Deutsche Reich als ein dringendes Bedürfniß erscheine, um so mehr, als viele Einzelgesetze die Handhabung außerordentlich erschwerten. In einer Commission, welche über den Erlaß eines Gesetzes, betreffend die Rotzkrankheit, zu berathen hatte, hätten die daran theilnchmende» Veterinäre die Ansicht vertreten, Rinderpest, Rotz und Lungenseuche seien in der Gesetzgebung weseutlich analog zu behandeln. — Der ständige Ausschuß nahm schließlich den Antrag des Ge- neral-Secretärs Geheimen Ober-Regierungsraths von Salviati an: „Der Ausschuß erklärt sich 1) gegen bejt Standpunkt des Antragstellers, von dem aus die Lungenseuche im Wesentlichen in eine Linie mit der Rinderpest gestellt wird; 2) ergreift aber zugleich di« Gelegenheit, sich für den Erlaß eines allgemeinen Seucheilgesehes auszusprechen Ferner wurde der Antrag des Mitgliedes, des Herrn Richter, genehmigt, welcher im Anschluß an Nr. 2 des vorstehenden Antrags beantragt: „den Herrn Minister, zu Sitten, schleunigst Material für die gesetzgeberische Äehayd« lung der Lungenseuche und des Rotzes sammeln und entsprechende Gesetzvorschläge vorbereiten zu lasten, dieselben aber zunächst dem Landes-Oeconomie-Colle- gium zur gutachtlichen Aeußeruug vorzulegen.
Wiesbaden» 19. Novbr Die k. Regierung hat dem katholischen Pfarrer Bigot tu Soden die nachzesuchte Genehmigung zur Errichtung eines Asyl» für verwahrloste Mädchen und hülfsbedürfiige Frauen unter der ausdrücklichen-und von der Ortspolizeibehörde zu überwach »den Bedingung ertheilt, daß die Kinder die öffentliche Gemeindeschnlc besuchen und daß von den armen Dienstmägdeu Christi (es sind deren vier in der bereits bestehenden Anstalt) keinerlei Lehrthätig- keit ausgeübt wird. — In der heutigen StadtbezirkS- raths-Sitzung wurden die Anträge des hiesigen Ge- meinderaths auf Erhöhung sämmtlicher Elementarlehrer« Gehalte einstimmig genehmigt. Der Mehrbedarf von ca. 5000 Thlrn. jährlich soll durch entsprechende Erhöhung des Schulgeldes gedeckt werden. Dfe Erhöhung der übrigen Lehrer Gehalte wird durch die k. Regierung genehmigt werden.
Dresden, 20. Novbr. Die Regierung Hal.in Folge des stärkere» Auftretens der Rinderpest in Böh-
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** Berlin» 20. Novbr. Zur besseren Regelung btt Verhätlniste der Commisstonen bei den Aus emandersetzungs Behörden und mit Rücksicht auf eine Beschleunigung der Gemeinheitstheilungen hat der LandwirthschastSminister einen Gesetzentwurf ansar beiten lassen, der de» CoiNmistarie» feste Gehälter gewährt und bett Jnteresfestlen Pauschkosten-Quolen bestinimt. Dem Gesetzentwurf sind Motive beigefügt; man hofft dadurch eine verbesserte und gesicherte Lage der Oekonomie-Commission herbeizuführen, so daß sich besonders geeignete Leute bewogen fühlen werden, die Laufbahn eines Oekvnomie-Commissars zu ergreifen Man hegt die Ueberzeugung, daß mit der Pauschalzahlung auch das Mißtrauen der Parteien gegen die Commlssare schwinden werde. — ES ist die amtliche llebersicht über die Ausfuhr deS deutschen Zollvereins während deS Jahre» 1871 erschienen Sic gibt ein reiches Bild von den günstigen Verkehrsverhältniffen des deutschen Reiches. Hauptausfuhrartikel bilden die Landesprodukle. Von diesen wurden anszeführt an Weizen 12,941,000 Scheffel, an Roggen 4,733,000, an Gerste 3,097.000, an allen Übrige» Gelreidearteu 4,636,000 Scheffel; an Hülsenfrüchte» 1,934 000 Scheffel, an Oelsämereien 1,808,000 Ctr.; an Garte» nnc Futtergewächsen rc. 2,503,000 Ctr, an Flachs, Hanf 814,000 Ctr., an Hopfe» 225,000 Ctr., an Mühlenfabrikaten 2,575,000 Ctr., außerdem auch an Zucker, Bier, Branntwein, Stärke rc., welche unmittelbar ans Landesprodukteii hergejtellt werden, noch sehr belangreiche Mengen — Die „Augsb Allg. Ztg " hat neuerdings das schon mehrfach aufgetauchte Gerücht verbreitet, Graf Arnim werde feine» Botschafter posten in Paris verlassen und als Nachfolger des Grafen Brassier de St. Simon nach Italien gehen. Als Nachfolger in Paris bezeichnet der Correspondent des Blattes den Grafen Eulenburg. Es würde ihm damit ein Wunsch erfüllt und zugleich dem Leiter der Po lltik Gelegenheit gegeben, das Ministerium homogener zu gestalten. Es bedarf keiner Versicherung, daß alle diese Gerüchte aus der Luft gegriffen sind. Die Harmonie zwischen dem Fürsten Bismarck und dem 'Minister de» Innern ist nie gestört gewesen, und in Be zug auf die jetzige Krisis herrscht zwischen ihnen vollkommenes Einverständniß.
— In der vorgestrigen Plenarsitzung des Bunbes- "r -----~~>l-----' ‘
Des Vaters Wunsch, des S-hneS Neigung. Eine Erzählung ans dem Lebe».
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Haushofmeister und geheimer Familienrath in einer Person.