Einzelbild herunterladen
 

Ur. 27S Marburg, Donnerstag, den 21. November. s v>'V 1872.

? Ödrrhkssische Zcitmiz. -

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für daS Quartal der Oberheffischeu Aettuug mit Kreisblatt durch die Expedition (jko ch'sche 1'' Buchdrucker«,) bezogen 8*4 Lar., durch d,e Postämter 87 Lgr. 0 Pfg. (excl. Bestellgebühr und tnc(. Stempelsteuer), für da» Ausland exel. Stempel M <fgt. Jnserkionsgebübr für dir gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

- E---------~-T-T

DeutscheS «eich.

- Berit», 19. Novbr. DerDaily Tele­graph" läßt sich au« Brüssel schreiben, daß der Kron­prinz bei der gegenwärtigen Krisis eine besondere und einflußreiche Rolle eingenommen habe, indem er mit dem Fürsten Bismarck einverstanden sei und die Ab­sichten de« Staatsministeriums nicht billige, welches dir Landtage ganz verschwinden lassen wolle und da für im Reichstage eine zweite Kammer anstrebe. Dem­gegenüber ist zu bemerken, daß der Kronprinz in jeder Beziehung die Vorschläge des Staatsministeriums ge­billigt und lebhaft unterstützt hat, mithin auch eine Einwirkung des Kronprinzen auf die Beschlüsse des Königs gar nicht statlfinden konnte. Wie sehr sich Se. Majestät auch für die Details der KreiSordnungs- Vorlage interesstrt, geht daraus hervor, daß der eigent lichc Schöpfer des Reformwerkes, Geh. RegierungS- rakh ParistuS, dem Könige auf Vorschlag des Mi­nisters des Innern über die einzelnen Verhältnisse der neuen Kreisordnuug Vortrag halten mußte. Wenn einige Blätter fortwährend Graf Jtzenplitz aus dem Staatsministerium ausscheiden lassen, so muß wiederholt werden, daß in unterrichteten Kreisen -fein Umstand bekannt ist, der für eine solche Eventualität thatsächlich Anhalt bietet. Ein« Sitzung deS Staats­ministenum« hat nur Sonntag, nicht Sonnabend und Montag, wie Berliner Blätter berichten, stattgehabt. 6« ist ziemlich charakteristisch für die Haltung fcr ullraconservativen Partei im Herrenhaus«, daß da« Organ dieser Partei, dieKrcuzztg", in jüngster Zeit in Haltung und Ton mehrfach gewechselt hat uud besonders darf daran erinnert werden, daß in einem ArtikelConservative Politik" da« conservative Blatt in seinem Schluß der Ausführung dahinaus ging, baß die Partei ihren Standpunkt gegen die Kreisordnung festhalten muffe, daß sie keinen Gesin- nungSwechsel begehen dürfe, daß aber andererseits bald darauf dasselbe Blatt mit Ausführungen hervor­

trat, die darauf hinausgingen, daß die conservative Partei durchaus keine negirende sei, daß sie auch zu Verständigungen bereit fei. Es scheint nun wirklich, daß diese letztere Losung die Oberhand gewonnen hat, indem man von dem Biegen oder Brechen lieber daS Biegen wählen wolle; denn, wie man Hirt, ist das Biegen nicht nur ins Auge gefaßt, sondern e# ist auch in dieser Form ein bindender Beschluß für die Partei gefaßt worden, und man sagt, daß sogar hervorra­gende Führer der Partei Schritte gethan haben, den PairSschub abzuwenden, indem sie erklärten und indem sie sich anheischig machten, eine Majorität für die Kreisordnungsvorlage herbeizuführen. In den Kreisen, welche die Intentionen der Regierung Wohl kennen, glaubt man aber bestimmt versichern zu könzien, daß diese Eröffnung der HerrenhauS-Confervativen zu spät gekommen ist und daß sie keinen Einfluß auf die Entscheidung der Regierung üben könne, da diese durchaus feststehen und sich nicht auf die KreiS- ordnung allein, sondern auf die Gefammtheit der Krisis beziehen und auch in diesem Sinne ihre Re­gelung erhalten werden.

- Am Sonnabend soll flch der Leibarzt des Kronprinzen, Wegner, nach Karlsruhe begeben haben.

DerSpenerschen Zeitung" zufolge wird Mitt­woch ein Gesetzentwurf betreffs der Grenzen deS Rechts zur Anwendung kirchlicher Straf- und Zuchtmittel dem Abgeordnetenhaufc vorgelegt werden. Das Civilehe- gesetz soll jetzt zwischen den Ministerien des Cultus, der Justiz und de« Innern redactionell festgestcllt fein und wird nunmehr dem Staatsministerium vorgelegt werden.

Die schwierigen und umfangreichen Vorarbeiten für das definitive Münzgesetz werden einer Mitthei­lung derM. 3. zufolge, im Reichskanzleramte mit großem Eifer betrieben, so daß die Vorlegung des Gesetzentwürfe« in der nächsten ®effUc de« Reichs­tages erwartet werden kann.

Königsberg l. Pr., 18. Rovbr. Der am

11. d. M. von Kopenhagen ausgelaufene Dampfer Anglodane", dessen Untergang befürchtet wurde, ist in Pillau und von dort aus hier eintroffen. Au- Cranz wird gemeldet, daß bei dem jüngsten Sturme 7 Fischerboote mit ihrer Bemannung untergegangen sind.

Bre-la«, 19. Rod. Der Magistrat hat heult den Beschluß gefaßt, Hrn. v. Fonkenbech als Herreu- hauSmitglied für Breslau zu präfentiren.

Dresden, 18. Rov. In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer wurde die Vorlage betreffs Er­richtung eines Land es Conststorium« mit dem Amende- ment, daß dieser Gesetzentwurf zugleich mit dem neuen Schulgesetz und dem Gesetz über Organisation de< Behörden in Kraft trete, angenommen.

Darmstadt, 15. Novbr. Gestern ist der zu 2t/2jähriger FestungSstrafe verurtheilte StudicsllS Fayette von Gießen hier eingetrvffen, um seine Haft anzutreten. Di« Festung Babenhausen ist bereit« fett Abschluß der jüngsten Militär-Convention aufgehoben, und bei einer Inaugenscheinnahme der vorhandenen Hastlokalitäten stellte eS sich heraus, daß kein Ge- fängnißlokal vorhanden ist, welche« behufs Abbüßung von Festungöarrest benutzt werden kann. Da nun mit Preußen keine Conveittion abgeschlcffen ist, welche die Ms^jchkkjt gibt, eine derartige einem Civilisten zuerkannte Strafe auf einer preußischen Festung ab zusitzen, wird man wohl auf die Auskunft verfallen, den feiner Zeit auf eine frivole Weise zum Duell provocirten Studirenden freizulaffen ober alsbald zu begnadigen, und demnächst den Ständen behufs Her­richtung eines Arrestlokals, welches als Festungshaft- lokal benutzt »erben - finnte (hierzu würde z. B. sich der dem berühmten Weiler Zipfen nahegelegene Otzberg- sehr empfehlen), Vorlage zu machen.

München, 18. Nov. Der heutige Polizeibericht über die gegen die Spitzeder eingelettete Untersuchung besagt: Die Forderungen, welche bis letzten Samstag, somit innerhalb 3 Tagen an Adele Spitzeder im Gant-

Die Tulpe.

;; -i Humoreske von B- L.

Die Tulpe schmückt als Tulipan ober Turban die Stirne jener Türken, welche die Tulpe anbeten und ste zu dem Sinnbild der Liebe machen. Sie bewun­dern ihren schlanken Stiel und den schönen Kelch, welcher ihn krönt, und werden nicht müde, die Sträh­len von gold, stlber, purpur, veilchenblau, lila, dunkel .roch, rosenroth, gelb,, braun und weiß und so vieler anderer Schattirungen, die auf ihren reichen Blumen­beeten spielen, sich verschlingen, trennen, wieder 6er- üntgen, ohne je ineinander zu verschmelzen, mit immer neuer Freude anzustaunen.

Zur Zeit, wenn der Frühling sein Auferstehungs- fest feiert, wirb im Serail de« Groß Herrn auch bas Tulpenfest festlich begangen. ES werden großartige Gerüste errichtet, und lange Galerien aufgeführt; die ringsum amphitheatralisch angebrachten Stufen belegt »an mit den reichsten Teppichen und setzt auf diese eine Anzahl von Krystallgefäßen, in denen die schön sten Tulpen der Welt prangen. Gegen Abend wird alles beleuchtet, die Kerze,« verbreiten die angenehmsten Wohlgerüche, bunte Lampen funkeln überall gleich Guirlanden von Opal, Smaragd, Saphir, Diaman- ten und Rubinen, eine große Menge von Vögeln in goldenen Käfigen mischen, gereizt durch dies Schau spiel, ihren Lärm in die harmonischen Töne der In­strumente, die von unsichtbaren Musikern gespielt wer­den , ein Regen von Rosenwaffer erfrischt die Lüste, die Thüren öffnen sich und es erscheinen junge Mäd chen, die durch die Reize ihrer Schönheit und ihres Anzug« den Glanz dies«« Zauberfeste« erhöhen. Es gilt die« Fest den Tulpen und durch sie symbolisch dem Aufblühen erster Liebe. Im übrigen Europa war die Tulpomanie aber besonder« in Holland in den Jahren 16441747 herrschend. Ausgesuchte Tulpen wurden zu jener Zeit zehnfach mit Gold überwogen. Die kostbarste war jene, welche man Semper augustus nannte; man schätzte baß Stück auf 2000 Gulden. Um eine davon zu erhalten, bot ein Privatmann 4600 Gulden nebst einem schönen mit zwei Pferden bespannten Wagen; ein anderer trat für eine Tulpen­

zwiebel zwölf Acker Feld ab. ES fällt mir hierbei eben eine schöne Geschichte ein, die ich nacherzählen will.

ES war im Zähre so und soviA.

Um diese Zeit machte in Holland eine Blume au« Capabocien, bie Tulpe, großes Aufsehen Im ganzen Lande herrschte die Tulpomanie, eine Sucht nach Tulpenzwiebeln, die manchen Armen reich und manchan Reichen arm machte. Denn, wie man jetzt mit Staats - papieren, so speclklirte man damals mit Tulpenzwie­beln .. . eine gefährliche Speculation, die diesen zum Bettler, jenen zum Millionär machte.

' In Hartem (wer kennt nicht Harlem, diese Wiege der Tulpenzwiebeln?!) lebte damals Herr van der Lübben, ein steinreicher Mann, der aber so geizig war, baß er sich unb feiner einzigen Tochter kaum einen Bissen Brod gönnte.

Auch van der Lübben speculirte mit Blumenzwiebeln und hatte sich dadurch ein großes Vermögen erworben. Er versandte Tulpenzwiebeln nach England und Frank­reich unb ließ sie sich theuer bezahlen.

Die Sucht nach schönen Tulpen »ar damals so groß, baß man manche Zwiebel mit vier-, manche mit fünf-, einen Semper augustus sogar mit sechstausend Gulden bezahlte.

Das hatte sich USbek, der österreichische Gesandte in Konstantinopel, der im Jahre 1557 die ersten Tulpen nach Wien sandte, gewiß nicht träumen lassen, baß, etwas später, bie capadocischen Blumen bie phlegmatischen Holländer so emhusiaSrniren würden.

Ban der Lübben wußte au« dem Tulpenrausche seiner Landsleute den größten Nutzen zu ziehe» er gab einer und derselben Zwibel oft zehn verschiedene Namen, von denen der eine glänzender unb lockender als der andere war. Eine dieser Zwiebeln nannte er Regina mirabilis ein Name, der gar nicht zu be­zahlen war.

Eines TageS ließ sich ein Engländer bei ihm an- melben.

Bermuthlich ein Tulpenliebhaber! Man lasse ihn ein, sagte van der Lübben.

Der Fremde übereichte dem Tulpenfabrikanten einen Empfehlungsbrief von van der Lübben'S Bruder,

welcher sich feit einer Reihe von Jahren in London niedergelassen hatte.

$an der Lübben quetschte eine Brille ans deck Sockel seiner Nase und la« folgenden Brief:

Mein sehr werther Bruder! v

~Borzeiger diese« ist Herr Littleboom, der einzige - Sohn eine« der reichsten Kaufleute London«, der eine Reise nach dem Kontinente unternimmt, um sich dort eine Frau zu suchen, weil er eine Abneigung gegen die Schönen sejnes Vaterlandes hat. Ich gab ihm einen Brief an Dich, weil ich weiß, daß Du eine schöne Tochter hast. WAm Deine Äeonore ihm ge­fällt, so bin ich überzeugt, daß er sie heirathen wird, unb baß Du gern einwilligen wirst, ba Master Littke- boom ein Vermögen von wenigstens 800,000 Pfund Sterling besitzt."

Van der Lübben konnte nicht weiter lesen 800,000 Pfund Sterling!! Diese Zahl weckte in seiner geldgierigen Seele eine Unzahl sanguinischer Hoffnungen, die ihn in bie heiterste Stimmung ver- sctzlen. 800,000 Pfund Sterling! sprach er zu sich selbst, fiel dem Engländer um den Hals, drückte ihn an feine Brust, hieß ihn breitaufeabmat willkommen und lud ihn sogleich zum Frühstück em.

Das Frühstück nehme ich an, denn ich habe einen pferbemäßigen Hunger," skkgte der Engländer.

Eble Offenherzigkeit, die mich biß zu Thränen rührt," sagte der Freundschaft heuchelnde Tulpenkauf­mann und klingelte, worauf ein Diener eintrat, dem er ein paar Worte in« Ohr raunte, der bald darauf wieder abging unb mit Frühstück zurückkam, da« au« Häring, Bier unb Käse bestand.

800,000 Pfund Sterling! Wenn der mein Schwie­gersohn würbe ich würbe ihn auffreffen vor Liebe so bachte er bei sich und lud den Engländer zum Platznehmen ein.

Sie sollen eine Tochter haben," sprach der Eng­länder.

Zn dienen, Herr Littleboom." *

-Ist ste schön?"

Wunderschön mir wie aus dem Geficht ge­schnitten*