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Mr. 273

Marburg- Dienstag, den 19. November.

1872.

Obrrdcssislhe Zeitung.

-fx.i-x «ufier den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal bet Oberhesfifche« Zeitung mit «reisblatt durch die «xpedition («och'sche

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Bud,6r 9 Jniertwnsgebüdr fitt die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreau- nehmen Inserate an.

Deutsches Reich.

## Berlin, 16. Novbr. Der Minister des Innern überreichte heute persönlich im Abgeordneten- hause die neue KreisordnungSvorlage, nachdem dieselbe schon gestern auf vertraulichem Wege zur Kenntniß deS Präsidenten gekommen war. Au« den Worten, mit welchen Graf Eulenburg die Depositton auf den Tisch deS Hauses begleitete, geht wiederum klar her vor, daß dir Regierung ihre Entschlüsse gefaßt und daran durchaus festhält. So oft dies schon gesagt ist, so muß e« doch immer von Neuem wiederholt werden, da einige Leute absolut nicdt von ihren Zweifeln lassen wollen. Sogar die Börsenzeitung gönnt heute einem derartigen Pessimisten ihre Spalten. Sollten wirklich noch irgendwie Hoffnungen genährt werden, der Pairsschub sei noch abzuwenden, so sind sie jeden falls irrig. ES kann der Regierung nicht einfallen, sich noch einmal zu einem Experimente mit dem Herrenhause auf der früheren Basis herzugeben. Außer dem ist es doch wohl genügend deutlich und nachdrück lich an wohl unterrichteter Stelle betont worden, daß es sich bei dem in Aussicht genommenen Pairsschubr ja nicht mehr um die KreiSordnunz allein, sondern um ganz andere, weiter gehende Zwecke handelt. AuS dem Umstand, daß der Minister persönlich die Vorlage überreicht, wird die Presse nun wohl sehen, was es mit der neuen geschäftlichen Maßregel der Regierung auf sich hat. Die Tadler derselben scheinen das Ministerialschreiben gar nicht durchgelesen zu haben. Einmal war darin bemerkt, daß in wichtigen Fällen der bisherige Usus beibehalte» werden solle. Dann aber ist der neue Brauch eingeführt, um den Geschäftsgang zu beschleunigen und die Vorlagen auch weiter fördern zu können, wenn gerade keine Sitzungen ftnb. Die Conserenzen über die sociale Frage sind im besten Gange. Ueber die Themata der Besprechungen verlautet nur so viel, daß es sich keineswegs um Maßregeln gegen die Internationale, sondern um auSzusüllende Lücken der Gesetzgebung handelt.

ES wird beabsichtigt, auf, der Wiener Welt­ausstellung auch die in preußischen Volksschulen im Gebrauch befindlichen Lesebücher zur Anschauung zu bringen. Der CultuSminister hat zu diesem Behuse die betreffenden Verlagsbuchhandlungen auffordern lassen, je ein gebundenes Exemplar der bei ihnen er­schienenen Lesebücher kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Außerdem wäre es von hohem Interesse, eine Sammlung herzustellen, durch welche die Entwickelung, welche das Lesebuch von der Fibel bis jetzt durchge macht hat, durch einzelne Exemplare in historischer

Folge zur Anschauung gebracht werden könnte. Die Ermittelungen, welche Fibeln und Lesebücher in frü­herer Zeit in allgemeinem Gebrauch gewesen ftnb, werden weniger Schwierigkeiten machen, als die Her-' beischaffung der älteren Exemplare. Die Provinzial Regierungen sind jedoch angewiesen worden, auch in Dieser Hinsicht den Versuch zu machen.

Stralsuud, 16. Nov. DieBaltische Zeitung" meldet Über die durch die Ueberschwemmung verur­sachten Verheerungen ans guter Quelle folgende De­tails: Die Ortschaften Prerow, Ahrenshopp, Born und Wieck auf der Halbinsel Dars haben furchtbar gelitten. Die Bevölkerung von Prerow scheint ent- Ichlossen zu sein, ganz auszuwandern. Der Küste entlang sind ganze Morgen Landes abgeschwemmt, anderwärts sind neue angetrieben. In Neuendorff auf Hiddensoe sind von 57 Häusern nur 5 unversehrt. Die Einwohnerschaft ist mulhlo«. Die ganze Düne von Göhren bis Thissow ist fortgeriffen. Ein unge­heuerer Viehverlust wird von allen Seiten gemeldet. Der Gesammtverlust deS Regierungsbezirks Stralsund zählt nach Millionen. Gestern hat sich ein Verein gebildet, um einen Hülferuf für die Verarmten durch ganz Deutschland zu erlaffen.

Cobleuz, 13. November. Die hiesige königliche Regierung hat am 25. v. M. an sämmtliche Landräihe eine Verfügung in Betreff der Aufbesserung der Ge­hälter der Elementarlehrer erlaffen. Es heißt darin noch derRh. Z." u. A.:Gestützt auf genaue Er Mittelungen, haben wir uns davon überzeugt, daß ein großer Theil der Lehrer unseres Bezirkes keineswegs ein Einkommen bezieht, wie es zum auskömmlichen Unterhalt für sie und ihre Familien erforderlich ist. In Folge dessen findet schon seit längerer Zeit ein bedauerlicher Mangel an Lehrkräften statt. Eine große Zahl von Schulstellen muß Aspiranten anvertraut werden, die kaum bas Nothvürftigste leisten: alljährlich verlassen viele unserer tüchtigsten Lehrer ben hiesigen Bezirk, weil sie anderswo besser gestellt ftnb, unb nicht selten kommen wir in die Lage, entweder mit unge nügenben Leistungen sürlieb zu nehmen, oder die^Schnle zu schließen. Unter solchen Umständen können wir nicht umhin eine Erhöhung der Lehrergehälter, selbst in solchen Gemeinden zu verlangen, wo die Aufbringung ves Mehrbedarfs nicht ohne empfindliche Opfer möglich sein wird. Die Bürgermeister haben die Lehrer von der angeordneten Gehalts-Verbesserung sofort in Kennt- niß zu setzen."

Darmstadt, 14. Nov. Der Kaiser hat mit Zu­stimmung unb aus Wunsch des Großherzog ben be­

stimmungsmäßig dazu berechtigten Fahnen und Stan­darten der großhzgl. hessischen Truppen das eiserne Kreuz verliehen. Prinz Alexander von Heffen, der bekannte österreichische General und Führer der Bun- destruppen in 1866, war nie ein Freund von Preußen, aber mit dem deutschen Reich söhnt er sich au8 zu Wasser und zu Land. Einen seiner Söhne läßt er in die preußische Armee, den andern in die deutsche Marine eintreten.

Karlsruhe, 15. Nov. Die Abreise de« seit zwei Tagen hier weilenden unb im großh. Residenzschloffe abgestiegenen deutschen Kronprinzen war ursprünglich auf gestern Nacht festgestellt. Der hohe Gast befindet sich aber zur Stunde noch hier, zurückgehalten, wie man sagt, durch leichtes Unwohlsein. Gestern Abend wurde ihm ein musikalischer Zapfenstreich durch dir Musik und Spielleute de« 1. bad. (Leib-) Grenadier- Regiments Nr. 109 gebracht.

München, 14. Novbr. Neben dem wirthschast- lichen und socialen Interesse, das die Spitzeber'sche Krise bietet, hat auch die juristische Seite beS Falles ihre unbestrittene Wichtigkeit. Jedenfalls ist sie in diesem Augenblick die nächste unmittelbarste Waffe, womit die Regierung die massenhaften Angriffe ab- weist, welche ihr nun die Verantwortung alles Ge­schehenen zuwälzen. Aber auch im Allgemeinen ist eS merkwürdig genug, wie man jenes Treiben nach langen vergeblichen Versuchen endlich zu faffen vermochte. Die Mehrzahl der Leute meint, eS handle sich dabei um eine avministrative Maßregel, und es sei eine eigene Verordnung von Seiten deS Ministerium« erlassen worden, um auf Grund derselben die Verhaftung vor­zunehmen. Allein dies war in keiner Weise der Fall. Die Verwaltungsbehörden hatten mit der Sache selbst absolut nichts zu thun, sondern eS waren lediglich gerichtliche Functionen, welche vorgenommen wurden, unb wenn auch ber Polizeibirector auf dem Schau­platze erschien, so galt fein Dazwischen treten doch lediglich der Gefahr eine« Aufruhrs, nicht der Unter­suchung dieser Bank. Da« Einschreiten gegen letztere ging ausschließlich von ber Justiz au« und zwar von dem Hanbelsgerichte München links ber Isar, nicht von dem Strafgerichte, wie dies die öffentliche Mei­nung erwartet hatte. Der Hergang war einfach der, daß mehrere Wechselgläubiger, darunter ein HauS, daS 90,000 fl zu fordern hatte, sich wegen Nichtbefriedi­gung an das genannte Gericht gewendet und den An­trag auf Ganteröffnung gestellt haben. Um zu unter­suchen, ob diesen Anträgen Folge zu leisten sei, d. h. ob wirklich eine Ueberschuldung vorliege, begab sich die

Der Vertieftfturm am 12. und 13. Nodbr. d. Z.

Ueber die furchtbaren Verwüstungen, welche dieser Orkan angerichtet, sind folgende Nachrichten einge- gangen:

Swinemünde, 13. Novbr. Am geslngen Tage in den Vormittagsstunden wehte eine lebhafte Brise au« Nordost, die See fing an, hoch zu gehen, und der Wind steigerte sich von Stunde zu Stunde, bis et zuletzt in Sturm übeiging. Am Nachmittag sah man mehrere Segelschiffe aus der See, welche sich unter großer Geschwindigkeit dem Hasen von Swine­münde näherten. Ein mecklenburgischer Schooner mit Brettern beladen, geriet!) bei den Moolen auf ben Straub, ber Untergang deS Schiffes war bei bem jetzt wehenben heftigen Sturme unvermeidlich, und eS mußte dasselbe den Wellen Preis gegeben werben; bie Mann schäft würbe aber mittelst eines Rettungsbootes ge rettet. Bald darauf gewann eine deutsche Bark glück lich bie Einfahrt zwischen ben Moolen, unb wurde von einem Bugsirdampfir bi« in ben inneren Hafen geschleppt, hier wurde sie aber von dem Sturme nach der Südseite des Hafen« gebrängt, unb kam auf Grunb, ohne weiter beschädigt zu werben. Wiederum näherten sich 2 Schiffe den Moolen, eine deutsche Schooner- bark mit Heringen, und eine deutsche Bark mit Stein kohlen beladen; erstere wurde durch deck Sturm in die Nähe des mecklenburgischen SchoonetS nach dem söge nannten Brückenlops getrieben und kam auf Grund. Die Mannschaft deffelben wurde durch ein Lvotsenboot ausgenommen und ebenfalls glücklich an daS Land ge

bracht. In nicht großer Entfernung von den beiden bei den Moolen festgerathenen Schiffen kam die mit Steinkohlen beladene Bark gleichfalls auf den Grund. Der Sturm war inzwischen noch heftiger geworden, ter Seegang war furchtbar, und haushoch gingen die Spritzwellen über die Moole hinweg. Die Mann fchaft des Schiffes, auö dem Capitän und circa 1012 Mann bestehend, schwebte in höchster Lebensgefahr, und eS wurden daher die umfassendsten Maßregeln getroffen, um dieselben in Sicherheit zu bringen.

Ein Dampfer fuhr auS dem Hafen nach der Stelle, wo das Schiff lag, über welches die Wellen mit furchtbarer Gewalt hinwcgtobten, und auf welchem die Mannschaft sich inzwischen in die Wanten gebor­gen hatte. Derselbe war aber außer Staude, bei dem entsetzlichen Sturme unb ber heftigen Brandung Hilfe zu leisten, er lief Gefahr, gegen daS Schiff geschleu bert zu werben und mußte deshalb unverrichteter Sache umkehren. Mehrere Male wurden mit aller Energie Versuche gemacht, an das Schiff zu gelangen, um die unglückliche Mannschaft, die bei bem furchtbaren Sturm, bem Regen unb Hagel, der sich über sie ergoß, gewiß schon fast erstarrt war, zu retten; menschliche Hülfe war aber leibet vergeblich. Jetzt brach die Nacht an. Mit welchen Gefühlen mögen die armen Menschen, welche so mancher Gefahr muthig ins Auge geschaut, Die Vorbereitungen zu ihrer Rettung und deren Schei­tern mit angesehen haben, mit welchen Gedanken sahen sie wohl die Nacht anbrechen, die ihre letzte sein sollte, in unmittelbarer Nähe des Hafens, einige hundert

Schritte nur von der Stabt entfernt, welche die Hei- math de« Capitän« und einiger Matrosen war.

Der Sturm wurde immer heftiger und heftiger, er verwandelte sich zuletzt in einen Orkan; der Strom schwoll furchtbar an und setzte den südlichen Theil der Stabt mehrere Fuß tief unter Baffer, so baß man am nächsten Morgen nur vermittelst kleiner Kähne die Communicatiou unterhalten konnte.

Die stärksten Bäume wurden durch den Orkan entwurzelt. Jeder Rettungsversuch war bei dem furcht­baren Aufruhr der Elemente, zumal da bie Nacht an­gebrochen war, unmöglich; e« war klar, baß bie Un­glücklichen, selbst wenn baö Schiff bi« zum Morgen noch nicht zertrümmert war, bei ber Kälte und der furchtbaren Anstrengung sich nicht mehr in den Wanten würden halten können. Wie Mancher schickte für die armen Schiffbrüchigen ein stilles Gebet zum Himmel, von ihm Rettung für dieselbe» erflehend.

Der Taz fing an zu grauen, ein ängstlicher Blick nach ber See unb man sah nur die 3 Mastspitzen des Schiffe« ein wenig aus bem Wasser ragen, von ben unglücklichen Menschen aber feine Spur. Ein armer alter Mann au« Swinemünbe hatte 3 Söhne auf bem Schiffe. Händeringenb ging er die ganze Nacht am Strande umher, seine Blicke unverwandt nach bem Schiffe gerichtet, auf welchem er jeden seiner Söhne deutlich zu erkennen glaubte, vor Schmerz fast wahnsinnig, denselben so nahe und doch ohnmächtig zur Hilfe.

Heute Vormittag wurden 3 Leichen von der Mann-