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Marburg, Sonntag, den 17. November.

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OkrhesWe Scitung.

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Politische Wschr»-Netrrpcht.

Am Dienstag der abgclausenen Woche fand die Wiedereröffnung deS preußischen Landtags statt. Die Eröffnungs-Thronrede hat auf daS Entschiedenste betont, daß die Regierung entschlossen ist, die Kreis, orbnungsvoriage mit allen verfassungsmäßigen Mitteln ,ur Durchführung zu bringen; mit Bestimmtheit wird darum aus eine Mitgliedervermehrung deS Herren-- Hause« zu rechnen sein. — An der in Dresden statl- aehablrn Feier der goldenen Hochzeil deS sächsischen KönigspaareS nahmen der Kaiser, bie Kaiserin und der Kronprinz de« deutschen Reiche«, sowie viele deutsche Fürsten Theil. — An den Küsten der Ostsee hat bei Sturm de« 12 und I3.d. M. große Beschädigungen anze- richtet — In Baiern sind die von der extrem Ultra» montanen Presse warm empfohlenen Dachauer Banken in EoncurS gcrathen, und werden namentlich weniger bemittelte Leute der Landbevölkerung harten Berlnsten entgegengehen, da eine bedeutende Ueberschuldung vor­handen sein soll. _

Unter den kaum eröffneten Landtagen Oester reich« ist bereit« der Tyroler wieder geschlossen. Im Landtag von Riede»österreich ist ein Antrag eiugcbracht für die direkten Wahlen, da da« Cabinel zu dieser Angelegenheit wieder eine schwankende Stellung ein­zunehmen sckrint. Die Session de« Landtage« von Böhmen wird formell als eine Fortsetzung der am 4 Mai nach den vollzogenen ReichSrathSwahlen ge­schloffenen Berathungen angesehen, und im galizischen Landtag wird eine Adresse berathen.

Der schweizerische BundeSrath hat em Kreis schreiben an die Cantone erlassen, welches Borschristen über die Bewaffnung der eidgenössischen Armee mit RepetiEwehr enthält. Im Canto» Solothurn dauert hie Aufregung wegen einer vom Bischof von Basel »erhängten Acommunication fort. .....

Nachdem am 11. November bie französische Nationalversammlung wieder zusammengetreten ist, hat am Mittwoch Thiers seine Botschaft derselben borge lesen. Der leitende Gedanke, mit fortwährender Be rusung auf das Friedensbedürfniß Frankreich«, ist die sofortige Proclamirung und sodann die Befestigung der Republik auf konservativer Grundlage. Hiermit for­dert Thier« die Feindschaft der Rechten, deren letztes Wort noch immer der Pakt von Bordeaux ist, direkt heraus und eben darin, daß Thier« ter Rechten schroff

gegenübertritt, daß er die Regierung einer Partei n>- rückweist und, mit besonderem Appell an die Linke, die Ausrechthaltung der bestehenden Ordnung in ge­meinsamen Inter« sie anempsiehlt, liegt das charak­teristische Meikmal der Botschaft. Der Telegraph meldete bereits einige Journalstimmen aus dem Lag>r Der Rechten; Der größte Stein des Anstoßes ist ihnen die definitive Errichtung der Republik. In diesem Sinne ist auch da« „eisige Stilllchweigen" der Rechten bei Verlesung der Botschaft, und der Aeußerung des Abg. Herrs de Saisy aufzufassen, daß ein Appell an da« Volk erforderlich sei, weil e« der Regierung nickt gestattet werden dürfe, über eine „Dienstbotentreppe" (mit höhnischer Hinweisung aus die Linke!) einzutrelen. Der Antrag Kerdrel's, die Botschaft deS Präsidenten einer Eommission znr Berichterstattung zu überweisen, ist schließlich vorn Hause als dringlich anerkannt.

Die italienischen Minister haben den Gesetz entwurf bezüglich der Aitwendung der in allen italie nischen Provinzen außer der römischen geltenden Kloster gesetze auf die Provinz Rom fix und fertig und er warten nunmehr die Entscheidung des Parlaments, welches in einigen Tagen zufaminentrelen wird.

Die Session der belgischen Kammern wurde am 12. Rov-mber ohne Thronrede eröffnet. Der Senat hat zum Präsidenten den Fürsten de Ligne wievergeivählt; die R-präsentantenkammec wählte zum Präsidenten Herrn Thibaut mit 54 von 90 Stimmen.

Während bie in mindestens fünf Hauptlager zer­splitterte Opposition darin einig ist oder zu sein vor gibt, daß bie Tage des gegenwärtigen Ministeriums oder auch die der savoyischen Dynastie in Spanien gezählt seien, steht die Regierung Ruiz Zorrilla's noch io fest wie btt ihrem Amtsantritte und hat-4» den neuesten Nachwahlen wieder einen Beweis deö Ver­trauen« oder wenigsten« seiner Macht erhalten. Von Den sieben Wahlbezirken fiel nur einer den Gegnern, unD zwar einem Republikaner zu, in den übrigen sechs siezten die der ministeriellen Partei angehörigen Can- DiDaten. Bemerkenswerth war dabei, daß auch Zorrilla's ehemaliger Freund uno jetzt unerbittlichster F.ind Sagasta, über dem jetzt die Anklage wegen Miß- brauckes der öffent-ichen Gelder schwebt, noch einmal sein Glück bei den Wählern von Quiutanar de la Orden versuchte; er wurde von einem Bruder be« Bauten Ministers Echegaray mit großer Mehrheit aus

Dem Felde geschlagen. Die Berathung über die Finanz- gesetze geht langsam ihren Weg; längere Arbeit verur­sacht der Entwurf über die Hypothekenbank, zu welchem erhebliche Amendements vorliegen.

Der LordmayorStag, das größte und an ferne Vergangenheit erinnernde Fest der Ctly von London, ist am Sonnabend der vorigen Woche in herkömm­licher Weife mit öffentlichem Aufzuge und abendlichem Banket gefeiert worden. Von den Reden war nur diejenige de« Ministers des Auswärtigen von weiterem Interesse. Lord Granville vertheikigte die Politik der Regie»ung und warf einen Blick auf die Erledigung Der Streitpunkte mit Amerika, wobei er Dem Schieds- sprucke des Deutschen Kaisers in der San Juan Frage volle Anerkennung widerfahren ließ. Daß die englische Regierung sich durch die für sie ungünstigen Urtheile, welche ihr aus dem schiedsrichterlichen Verfahren er­wachsen sind, nicht von ihrem Grundsätze fiiedlicher Entscheidung abbringen läßt, beweist die Thaisicke, daß sie auch mit Portugal einen Vertrag abgeschlossen hat, durch welchen der SchieoS pruch in einem Grenzstreite an der ostasrikanischen Küste dem Präsidenten der iranzösischet» Republik übertragen wirb. Nach ihrem festlichen Tage »st die City von einem bedeutende» Brande heimgesucht worben, der die großartigen Ge» treidemühlen in der Upper ThameS Street in Asche gelegt hat — ein Unglück allerdings, welches zu der FeuerSbrunst, bie um bieselbe Zeit das Geschäftsviertel der amerikanischen Handels- und Hafenstadt Boston zerstörte, in keinem Verhältnisse steht.

Der Kaiser von Rußland ist am 9 Novbr. von der Krim nach Petersburg zurückgekehrt und hat dort am 11. d. M. große Truppenschau gehalten. Vom 1& b. an erscheint an der N«iva ein nach diesem Flusse benanntes neues Blatt in französischer Sprache, wel­ches bie Nothwenbigkeit eines engen Bünbnisses zwi­schen Rußland und Frankreich nachweisen soll, aber gewiß eben so wenig ausrichten wird, rote der seit dem Krimkriege in Brüffel erscheinende „Nord", der den- Iklben Zweck verfolgt.

Der König von Griechenland ist mit seiner Familie von Korfu nach Athen zurückgekehrt und wird sich nunmehr über bie Laurionfrage Vortrag halten lasten.

Die Pforte will auf der von Midhat Pascha an die rumänische Regierung gestellte Forderung, ihre Bestätigung der fremden Consuln einzuholen, durchauS

Dir LaPitulatisnS - Unterhandlungen Wit Sedan.

(Schluß.)

Bismarck: General! Ihre Argumentation scheint »»fang« im Ernste gemeint gewesen zu sein; sie ist e« jedoch im Grunde nur scheinbar und kann keine Diskussion ertragen. Man kann überhaupt sehr wenig auf die Erkenntlickkeit im Allgemeinen, auf die eine« Volke« im Besonderen bauen; man kann wohl auf bie Dankbarkeit eine« Fürsten, auf bie Härte seiner Familie rechnen; man kann auch unter Umständen »ollen Glauben baretn setzen; aber ich wiederhole es, daß man von der Erkenntlichkeit einer Nation nichts erwarten darf. SBenit das französische Volk »in solches wäre, wie die anderen Völker, wenn es seste und dauerhafte Jnstituttonen, den Cultu« und bie Achtung für biefelben, dann einet» auf dem Throne in dauer­hafter Weise etablirten Souverän hätte, so könnten wir, bet Dankbarkeit be« Kaisers unb feine« Sohnes Vertrauen schenkend, unseren Preis banach bemessen; doch sinb in Frankreich seit achtzig Jahren die Regie­rungen so wenig stabil unb so mannigfaltig gewesen, sie haben mit einer so ungewöhnlichen, außerhalb aller Voraussicht unb Berechnung stehenden Raschheit gewechselt, daß man sich in gar keiner Beziehung auf ihr Land verlassen kann Wollte ein Nachbarvolk Hoffnungen auf die Freundschaft eines sranzösiscken Svuveräiis bauen, so wäre die« ein Akt des Wahn- finnS; eS hieße einen Bau in der Luft aufführen.

UeberdieS wäre e« eine Thorheit, der Einbildung sich hinzugeben, daß Frankreich uns unsere Erfolge verzeihen würde; ihr seid ein reizbare«, neibiickes, eifersüchtige« und bis zum Exceß übermülhigeS Volk. Seit zwei Jahrhunderten hat Frankreich dreißigmal «t Preuße,» — will sagen an Deutschland — den

Krieg erklärt, unb biesmal hat es ihn wie immer nur au« Eisrrfucht erklärt, weil ihr uit« ben Sieg von Sadowa nicht verzeihen konntet, und doch kostete euch Sadowa nichts und konnte euren Ruhm nicht ver­dunkeln. Aber ihr hieltet an dem Gedanken fest, daß der Sieg eine euch einzig und allein vorbehalteue Appa nage wäre, daß der Waffenruhm für euch ein Mo nopol sei; ihr konntet nicht neben euch eine ebenso starke Nation vertragen; ihr konntet Sadowa uns nicht verzeihen, wo weder eure Interessen noch eure Gloire im Spiele waren. Unb ihr solltet uns das Mißgeschick von Seban verzeihen? Niemals! Wenn wir jetzt ben Frieden schließen möchten, so würdet ihr in fünf bi« zehn Jahren, überhaupt sobald e« euch nur möglich sein würde, de» Krieg wieder be­ginnen ; darin bestünde eben die ganze Dankbarkeit, welche wir von Frankreich zu e»warten hätten. Im Gegensätze zu euch sind wir eine recktliche uno fried­liebende Nation, welche niemals ter Wunsch nach Eroberung bewegt hat, und die auch jetzt kein andere« Verlangen hat, als im Frieden zu leben, sobald sie nicht beständig burch euren streit- uno eroberungs­süchtige» Humor gereizt wird. Dem muß nun ein Ende gemacht und Frankreich in seinem Stolze wie in seinem herausforbernbeii unb ehrsüchtigen Cha­rakter gezüchtigt werben. Wir wollen endUch die Si­cherheit unserer Kinder verbürgt haben, und deshalb brauchen wir zwischen Frankreich und uii« ein Glacis; wir haben ein Territorium mit Festungen und Grenzen nolhweneig, die un« für immer außerhalb jeder Ag­gression von seiner Seite stellen.

Wimpfsen: Euer Excellenz täuscht sich in dem Urtheile über die französische Station; sie ist nicht dasselbe geblieben, »a« sie in Jahre 1815 gewesen

war, unb sie beurtheilen dieselbe »ach ben Versen einiger Poeten, ben Schritte» einiger Schriftsteller und de» Artikeln etroelcher Publicisten. Die heutigen Franzosen sind ganz ander« geworbt». Dank der Pro­sperität des Kaiserreiche« haben sich alle Geister der Speculation, den Gesckästen, den Künsten rc. zuge­wendet; Jedermann sucht bie Summe seine« Wohl­standes und seiner Genüffe z»i vermehren unb denkt weil mehr an seine eigenen Interessen al» an ben Ruhm. Man ist in Frankreich ganz bereit, die Ver­brüderung der Völker zu proclamiren. Werfen Sie einen Blick nach England hinüber. Die hundertjährige Gehässigkeit, welche Frankreich und England getrennt, — was ist denn jetzt aus derselben geworden? Sind die Engländer nicht heute unsere besten Freunde? Dieselbe Bewandtniß würde e« mit Deutschland haben, nenn Sie sich großrnüthig zeigen, wenn überhaupt unzeitige Strenge die längst verloschenen Leidenschaften nicht wieder anfacht.

Bismarck: General, ich muß sie hier unter­brechen. Nein, Frankreich hat sich nicht geänden; es hat den Krieg haben wollen, und um dieser volkS- thümlichen Wuth nach Gloire zu schmeicheln, forderte uns Kaiser Napoleon heran«. Wir wiffen wohl, daß Der vernünftige und gesunde Theil Frankreich« nicht zum Kriege drängte, aber deswegen nahm er doch diesen Gedanken gerne auf; auch ist e« uns bekannt, vaß die französische Armee e« nicht mehr ist, bie Deutschlanb am meiste» anfeindet; der Frankreich in ven Krieg treibende Theil ist stets beijenige gewesen, welcher die Regierungen ein- und abgesetzt hat. Bei euch sind es der Pöbel und die Journalisten — Bis­marck betonte diese Worte— bie wir bestrafen wollen; wir müssen also nach Pari« marschire». Wer weiß,