Einzelbild herunterladen
 
  

Ur. 270. ' Marburg, Freitag, den 15. November.

1872.

Oberhessische Zeitung.

(eint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal bet Oberhessische« Zeitung mit KreiSblatt durch die Expedition (Soch'fche luchdruckerei) bezogen 28; egt., durch die Postämter 27 Egr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für da- Ausland «xcl. Stempel 22 Ggr. — Juferlionogedüdc für di« gespalten« Zeile r Hgr. Eämmtliche Ännoncen-Büreaus nehmen Inserate an.

Deutsche» «eich.

»« Berlin, 13. Nov. In der Beunheilunz der Thronrede nehmen die meisten öffentlichen Organe den -richtigen Standpunkt ein. Man begreift, daß im ge- genwärligen Augenblicke diese Kürze und Gedrungen- heil durchaus am Platze ist, da es sich nicht um Worte, sondern um eine Action handelt. Es hat nicht fehlen können, daß die Schweigsamkeit der Thronrede in den extremen Lagern einerseits Zweifel, andererseits durchaus ungegründete Hoffnungen erweckt hat. Man kann indeffen mit fester Zuversicht darauf rechnen, daß die Regierung den einmal eingeschlagenen Weg mischieden verfolgen wird. WaS den Unglauben der Radikalen betrifft, so sind wir ihn längst gewohnt. Jener bekannte Eorrespondent verschiedener Blätter, der auch im Abgeordnetenhause eine, wenn auch nicht gerade einstußrciche Rolle spielt, geht sogar so weit, zu behaupten, eigentlich sei die Niederlage des Herren­hauses em Sieg, denn die neue Vorlage werde von den Abgeordneten die größten Zugeständnisse verlangen. Daß die» indeffen einfach nicht wahr, erhellt aus den Berichten fast aller gemäßigten Blätter über die Re­sultate der vom Grafen Eulenburg mit den Vertrauens­männern gepflogenen Verhandlungen. Selbst die Fort jchriltSpartci hat beschlossen, nur im Einzelnen die Vorlage — welche wahrscheinlich morgen oder über­morgen eingebracht werden wird — zu bekämpfen, derselben aber im Ganzen zuzustimmen. Was aber jene neuen Hoffnungen der ultraconservativen Herren Hausmitglieder anbelangt, so dürfte der heutige Leit- artiket der „Prov.-Corresp." dieselben bereits einiger­maßen enttäuschen Dieser sucht nämlich zu beweisen, daß ein PairSschub auf dem Standpunkte eines so extremen ConservatiSmuS, wie ihn der verstorbene Siahl vertrat, durchaus verfassungsmäßig ist. Seine iurctminirte Sprache läßt aber die Absichten der Re­gierung nicht im Unklaren. — Die Stadt wurde heute durch die Nachricht von einer angeblich ernsten Erkrankung des Fürsten Bismarck in große Aufre­gung versetzt. ES ist allerdings richtig, daß der Fürst von einer Erkältung befallen ist und deshalb seinen Leibarzt Dr. Strack nach Varzin berufen hat. Von einer Berufung mehrerer Aerzre ist nichts bekannt, ebensowenig davon, daß die Krankheit bedenklich sei.

— Ueber den Aufenthalt der kaiserlichen Familie iit Dresden schreibt die „Provinzialcorrefpondenz":

Konrad von Marburg,

Dentfchlanb'S erster uns letzter Ketzerrichter. Historische Skizze von Ed. Bork.

III.

Im Beginn des 13. Jahrhunderts hatte sich der Kirche und ihren Lehren gegenüber die Kritik bereits mächtig geltmv gemacht. Die Urschen hiervon sind verschiedener Natur.

Gnmal hatten die Kreuzzüge die Völker deS Abend landes aus ihrer Jsolirung herausgebracht und sie mit den Anschauungen des Orients bekannt gemacht, fit hatten dort eine Wett neben der ihren, die eben sowohl bestand trotz anderer Religion, kennen gelernt, forderte dieS zur Vergleichung heraus.

Sodann blieb der Streit, der zwischen dem ge "Mlftm deutschen Kaisergeschlechte, den Hohenstauffen, tob den mächtigsten Vertretern des Papstthums die damalige Zeit durchtvble, nicht ohne Einfluß auf die Laicnwelt, je nachdem sich dieselbe auf Seite deS Papste oder deS Kaisers stellte. Kaiser Friedrich II., fctr die berüchtigten Ketzcrgesetze, dem Druck der geist­lichen Macht nachgebend, erließ, wurde selbst der Ketzerei, des MuhammedanismuS, beschuldigt.

Es kommt ferner in Betracht, daß Wiffenschafl ”0b Künste, Poesie und Handel in Deutschland damals J® hoher Blüthe standen; die Städte waren reich, der ^ürgerstand frei und gebildet. Er kannte sehr wohl schreienden Widersprüche zwischen den Lehren der *>rchk und dem sittenlosen Wandel eines großen Theils *t8 Clerus. So keimte denn im Schooße der Kirche

Zweifel und leitete viele ihrer Angehörigen darauf toi, dem Worte Gottes in seiner ursprünglichen Rein hmt nachzusorschen. Viele Secten entstanden, Gazarer •btr Katharer, Patarener, Lenonisten, Spervnisten,

„Die kaiserlichen Gäste wurden in Dresden von der königlichen Familie, sowie von der Bevölkerung auf das Ehrendste und Herzlichste empfangen und konnten Zeugen eines Festes sein, welches durch seine Innigkeit und einfache Würde sowohl dem Fürstenhause, dem es galt, wie dem Volke, das es beging, zur höchsten Ehre gereicht." — „Unser Kaiser benutzte die Gelegenheit seines Aufenthaltes in Dresden, um nicht bloS dem sächsischen Fürstenhause, sondern auch den Männern, welche im Dienste des Königs Johann an der För­derung der gemeinsamen nationalen Sache in Krieg und Frieden hervorragenden Antheil gehabt haben, de sonders dem SiaatSminister v. Friesen und dem Kriegs Minister v. Fabrice chrenve Aufmerksamkeit und Aner kennung zu widmen."

— In rühm „Krone und Herrenhaus" über­schriebenen Artikel weist die „Prov. Corr." nach, daß zur Durchdringung der KreiSordnung eine Aenderung der Zusammensetzung des Herrenhauses durchaus noth wendig ist. „Der Krone steht nur nach dem Wort laut und dem Geiste des Gesetzes das uubegräuzte Recht zu, neue Mitglieder auS allerhöchstem Vertrauen in das Herrenhaus zu berufen, um zu Gunsten der Durchführung wichtiger Maßregeln einen Einfluß auf die Entschließungen des Hauses zu üben. Die Regie­rung des Königs hat zunächst ausgesprochen, daß sie entschlossen sei, die Durchführung ihrer jetzigen be­deutsamen Aufgabe durch alle Mittel, welche die Ver fassung der Monarchie an die Hand gibt, zu sichern. Sie wird ihr verfassungsmäßiges Recht und ihre ernsten Pflichten in dieser Beziehung in dem Bewußt­sein üben, daß es sich, auch über die zunächst vor­liegende Frage hinaus, um die Gewähr einer stetigen und harmonischen Entwickelung der preußischen Mo­narchie überhaupt handelt. Wenn die bisherige Mehr­heit des Herrenhauses aber durch die Maßnahmen der Regierung überwunden wird, so wird sie sich mit dem AuSrufe monarchischer Treue und Hingebung ihres Führers Stahl trösten dürfen: „Wenn wir heute erliegen, so erliegen wir der Regierung Sr. Majestät, und wir werden, da sich darin die Macht der Regierung Sr. Majestät bewährt, selbst unsere Niederlage als einen Triumpf feiern."

Königsberg, 10 Nov. General v. Manteuffel hat der Universität ein Geschenk von 1000 Thlr. über wiesen, welches zur Gründung eines Stipendiums für

Studirende der Medicin zum Andenken an den ver­ewigten Profeffor Dr. Wagner bestimmt ist.

Darmstadt, 12. Nov. Das heutige Regierungs­blatt publicirt das neue Wahlaesetz und die neuzcbil- deten Wahlbezirke. Die alten sind vielfach umgestaltet und gewähren, so viel sich bis jetzt beurtheilen läßt, ultramontanen Einflüffen mehr Chancen als bisher.

München, 13. Nov. Tie gestern in Folge eines Antrages vieler Gläubiger auf Grund des Artikels 1193 der Civilproceß - Ordnung vom Bezirksgerichte München verfügte Prüfung der Geschäflsverhättniffe ver Spitzeder'schcn Dachauer Bank ergab äußerst mangelhail geführte Bücher, die größte Unordnung in oer ganzen Geschäftsführung und eine zweifellose bedeutende Ueberschuloung. Frl. Spitzeder ist daher in CtvilstcherheitShaft genommen und Nachts 1 Uhr in das Gerichlsgefängniß überführt worden. Die Haft dürfte sich in eine Criminalhaft umwandeln, da alle Anhaltspunkte für einen betrügerischen Bankerott vorliegen. Die Aufregung im Publikum ist groß, die Ruhe indeß bisher nirgends gestört worden.

Ausland.

Bern, 13. Nov Die Nachricht der „Neuen Fr. Presse", Italien drohe, den Goilhardbahn-Vertrag zu kündigen, falls der dritte Theil der Arbeiten am Gotthardtunnel nicht einer italienischen Gesellschaft übertragen werde, ist durchaus unbegründet.

Paris, 12. Nov. In der National-Versammlung wurde die Inte, pellation Changarnier's wegen Gambetta'S R ise duich Savoyen auf den Montag festgesetzt. Grevy wurde mit 462 Stimmen von 505 zum Präsidenten wiedcrgewählt, desgleichen die bisherigen Vicepräsi­denten. In der Versammlung des linken CentrumS, Dessen Vorsitzender Chanzy bisher ge>vesen, erklärte dieser brieflich seinen Rücktritt von diesem Voisitz, weil sich diese Stellung nicht mit seinem Militärpoiten vertrage. Zwffchen der Linken und dem linken Cen. trum scheint sich eine Spaltung vorzubereiten. — Wie Der Soir versichert, wird die Botschaft des Herrn ThierS auch sagen, daß, wenn ein Theil der National­versammlung es für nützlich hält, constitutionelle Maß­nahmen im Einklang mit der öffentlichen Meinung zu beantragen, auch die Regierung dafür eintreten werde. — Im Marnedepartement stehl heute kein ein­ziger deutscher Soldat mehr. Thiers hat heute dem Ministerrath seine Botschaft vorgetragen. Das linke Cen

Arnoldisten, Montanisten, Waldenser: die meisten von ihnen waren wohl bewandert in der heiligen Schrift und hatten bereiiö deutsche Uebersetzungen einzelner Theile derselben im Gebrauch. Ihre Lehren waren eben so verschieden, als ihre Namen. Gregor IX. sagt deshalb: „Sie haben verschiedene Gesichter, aber mit den Schwänzen hängen sie alle zusammen."

Die Inquisition war das Heilmittel, welches die Kirche gegen die drohende Gefahr dieser weitverbrei­teten Ketzerei in Anwendung brachte. Außerordentliche Gerichtshöfe wurden geschaffen, die von der bischöf lichen Gewalt eximirt, direct unter dem Papst standen. Die Dominikaner (Predigermönche) wurden vom Papste speciell mit der Durchführung der Inquisition in Deutschland beauftragt (1210) und traten sie nun zu­erst in Straßburg auf, wo sie bereits 1212 achlzjg Waldenser verbrannten. Das Kagenecker Bruch, früher tie Ketzergrube genannt, war die Stätte, wo dieses Autobass abgehalten wurde. Der Bischof Heinrich ließ ihnen „Heitmanns Capel" einräumen, „im Finke- willer um ein wohnhus da zu bawen, damit sie do ihr Wohnung haben kunnten."

Konrad von Marburg, der dem Dominikanerorden wahrscheinlich angehörte, Hal vermuthlich bereits in Straßburg sich bei der Leitung der Ketzergerichte be- lheiligt. Bekannter ist seine Thätigkeit, die er gegen die Ketzer diesseits des Rheins entfaltete. Er war in Marburg geboren und gehörte wahrscheinlich einem schon frühzeitig erloschenen Adelsgeschlechte „von Mar» bürg" an. Er widmete sich dem geistlichen Stande, vornehmlich aber den Wissenschaften der Beredsamkeit und Theologie, in der er es bis zum Grade eines Magisters brachte. Von Natur begabt, eignete er sich eine Gewalt der Rede an, die ihn bei seinen Zeitge­

nossen weithin bekannt machte. Seinem Charakter nach war er finster, rauh und abstoßend, aber ent­schlossen und von seinem Beruf durchdrungen. Diesen Mann berief die fromme Landgräfin Elisabeth an ihren Hof nach Eisenach, indem sie ihn zu ihrem Beichtvawr ernannte. Der thüringische Hof war seit­her unter dem Landgrafen Hermann, dem Schwieger­vater Elisabeths, der Mittelpunkt für Dichtkunst und Gesang in Deutschland gewesen. Tie besten Dichter- nameu deS Mittelalters, Heinrich von Veldecke, Wolfram von Eschenbach, Walter von der Vogelwaide, Heinrich von Ofterdingen u. s. w., der Sängerstreit auf der Wartburg, geben ein glänzendes Zeugniß für die fiunftliebe und edle Sitte, die dort gepflegt wurden. Mit dem Einzug Konrads von Marburg wichen die Musen aus ihrem Sitz auf der Wartburg. DaS junge Fürstenpaar wurde Konrad bald völlig geistig unter« lhan. In Elisabeth, die als Kind verlobt und mit dem 14. Lebensjahre vermählt worden war, beförderte er die schon vorhandene krankhafte Schwärmerei, und Ludwigs Macht suchte er nach Kräften für die Kirche nutzbar zu machen. Er stellte ihm vor, wie es sünd­haftersei, einem „unverständigen (untüchtigen) Pfaffen" eine Pfarre zu übertragen, als 60 Menschen todtzu- schlagen, und brachte den die Schrecken der ewigen Verdammniß al« Strafe für einen Fehlgriff fürch­tenden Landgrafen dahin, daß derselbe für sich und seine Brüder (Heinrich Raspe und Conrad) den Auf­trag zu diesen Verleihungen ein für alle Mal an ihn, Konrad von Marburg, Übertrug. Er eiferte den Land­grafen zu Schenkungen an Kirchen und Klöster an und veranlaßte ihn auch wohl zu der Theilnahme an dem Kreuzzug Friedrichs II., den dieser 1227 unter­nahm, bekanntlich aber nicht zur Ausführung brachte.