Einzelbild herunterladen
 

Sr. 269.

Marburg, Donnerstag, den 14. November.

18t. .

' Oberhessische Zeitung.

örfÄäitt tLali» außer den Werktagen nach Sona- und Feiertagen. Preis für da« Quartal d« OberhtMche« Settung mit KretSblatt durch die Expedition («och'fche »ucbbtudTrei) bezogen 221 Lar., bür» die Postämter 27 Lgr. « Vfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das Ausland exrl. Stempel 22 «gt.- Inserlionr-gebült» für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreans nehmen Inserate an.

Deutsches «eich.

Berlin, 12. Nov. Durch das Gesetz über den Eigenthumserwerb vom 5. März 1872 und die Grundbuch-Ordnung von demselben Tage erleidet die nachgelassene erleichterte Legitimalionsführung der In­teressenten bei Ablösungen und Gemeinheitstheilungen eine Einschränkung. Der Landwirthschasts-Minister hat in Folge besten die nachstehende Circularversügung en die Auseinandcrsetzungsbehörden erlassen:Die in 6 109 des Ablösungsgesrtzes vom 2. März 1850 reb a. nachgelassene erleichterte Legitimalionsführung der bei Ablösungen und Gemeinheitstheilungen sich meldenden Interessenten, deren Besitztitel im Hypo- thekenbuche noch nicht berichtigt ist, erscheint nach der jetzt geltenden Gesetzgebung für den Fall nicht mehr zulässig, wenn der Betheiligte das Eigenthurn eines im Hypothekenbuche eingetragenen Grundstücks nach dem 1. October d. I. durch freiwillige Veräußerung erworben hat. Die erleichternden Vorschriften des Ablö­sungsgesetzes beruhen aus der Voraussetzung, daß nach dem bisher geltenden Rechte das Eigenihum an dem im Hypothekenbuche eingetragenen Grundstücke durch freiwillige Veräußerung erworben werden konnte, ohne daß der Uebergang deS EigenthumS auf den neuen Erwerber im Hypothekenbuche vermerkt wurde; diese Voraussetzung fällt künftig nach §. 1 und 2 des Ge­setzt über den Eigenthumserwerb vom 5. März 1872 und §. 49 und 143 der Grundduchordnung von dem selben Tage bei den im Hypothekenbuche eingetragenen, »ach dem 1. October 1872 freiwillig veräußerten Grundstücken weg. ES kann also der Eigenthums­erwerb solcher Grundstücke im Wege freiwilliger Ver­äußerung nur durch Auflassung erfolgen und es wird dadurch vie Legitimationsführung nach § 109 deS MösnngSgesetzes vom 2. März 1850 ausgeschlossen Die erleichternden Vorschriften diese« Gesetzes können dcmnach nur bei den im Hypothekenbuche eingetra­genen Grundstücken, welche vor d.m 1. October d. I. nach den bisherigen Vorschriften durch freiwillige Ver­äußerung eigenthümlich erworben sind, ferner bei den noch nicht im Hypothekenbuche eingetragenen Grund­stücken, sowie den nach §. 5 deS Gesetzes über den Erwerb des EigenthumS außer dem Falle der frei willigen Veräußerung erworbenen Grundstücken zur Anwendung kommen."

Der Justizmi'nistcr Dr. Leonhardt, wird der Epen. Ztg." geschrieben, ist von seiner Krankheit vollständig genesen und hat seine Arbeiten im ganzen Umfange wie früher wieder ausgenommen. Es bestä­tigt sich, daß auS seinem Ressort die wenigsten Vor­lagen an den Landtag gelangen werden. Wahrschein lich wird dazu gleichwohl, wie schon früher mitgetheilt,

ÄMrai von Marburg,

Deutschland'» erster und letzter Setzerrichter.

Historische Skizze von Ed. Bork.*)

L

Zwischen den Linien der Main-Weserbahn und btt Deutz - Gießener Bahn, zwischen Marburg und Dillenburg zieht sich in einer Breite von drei bis vier Stunden und einer Länge von zehn bi« zwölf Stun den das sogen, (ehemals großhcrzoglich hessische) Hin tttlanb hin. Die Bahnstationen Fronhausen und Mar bürg sind die Ausgangspunkte sür diejenigen Rei senden, welche eS unternehmen wollen, diesen unwirih lichen, größtenthrilS wenig fruchtbaren Gebirgsstrich zu besuchen. Für den Mangel an modernen Verkehrs Mitteln, comiortablea Hotel« rc. wird der Besucher aber manche schöne Landschaft dort antreffen und Leute sinden, die arm, aber fleißig, genügsam und treu sind. Das Eberhard der Rauschebart von seinen Würtem berget Lande sagen konnte, daS kann auch der Herr biejeS Ländchens von demselben rühmen:

Doch ein Kleinod hält's verborgen: Daß in Wäldern, noch so groß, Ich mein Haupt kann kühnlich legen Jedem Unterthan in Echooß.

In der Rhein- und Maingegend suchen die männ­lichen Bewohner desselben Erwerb al« Drescher. Bei

*) Aus dem .Museum", Belletristisches Beiblatt zur «frankfurter Presse".

der Entwurf einer Vormundschafsordnung gehören, welche augenblicklich den Gegenstand sorgfältiger Be- ralhung im Justizministerium bildet. Seitens der praktischen Juristen ist man emsig bemüht, die neue Hypotheken - Gesetzgebung praktisch auSzubauen und namentlich das Institut der Grundbuchämler, welches sich außerordentlich bewährt, einzubürgcrn. So halten Die 14 Grundbuchrichtet des Berliner Stadtgerichts in jeder Woche an einem bestimmten Tage eine Con ferenz ab, theils zu einem Meinungsaustausch über den Verkehr in den Aemtern, theils zur Vereinbarung gemeinsamer Grundsätze, um etwa vorhandene Zweifel über das Gesetz zu lösen und dem Publikum gegen­über zu constatiren, daß bei aller Verschiedenheit der Aemter doch ein rechtseinheitliches Verfahren feftgchal- len werde. Wie man hört, wird die Einbringung der Regierungsvorlagen im Abgeordnetenhause nach Annahme der neuen Geschäftsordnung jetzt ganz jo wie im Reichstage, also durch schriftliche Uebermitte lung an den Präsidenten erfolgen, der dann dem Hause Davon Kenntniß gibt.

Darmstadt, 11. Novbr. Unsere Ministerien werden zur Zeit von der Geschäflslast fast erdrückt. Zunächst hanvelt eS sich um die Ausführung des neuen Wahlgesetzes, sowie verschiedener anderer Gesetze, wo­von das über die Aufbesserung der Gehalte der VolkS- schullehrer ein Gegenstand sehr dringender Natur ist, Der aber bedeutende Vorarbeiten und Auseinander setzungen mit den Gemeiitden uothwendig macht. Hierzu kommt die Ausstellung deS dem neuen Landtage vor- zulegenden Budgets, welches im Ressolt des .Finanz­ministeriums nahezu vollendet sein soll, und schließlich noch die Ausarbeitung wichtiger Gesetzentwürfe, z B. deS Schulgesetzes, des Kirchengesetzes, welche von den betreffenden Referenten bereit« in Angriff genommen sind. Der Zusammentritt der außerordentlichen Landessynode der evangelichen Kirche soll in Bälde, man spricht zu Anfang De« nächsten Jahres, ermöglicht werden. In den Kreisen Neustadt, Büdingen, Lauterbach und Scholten gab eS seither keine Volks schullehrerstellen, welche einen Gehalt von 500 fl. und mehr besaßen.

Gieße», 11. Novbr. Gestern Abend fand hier eine zahlreich besuchte Volksversammlung statt, um be- hufS der bevorstehenden Neuwahlen in die zweite Kammer Berathung zu pflegen. ES waren Theilneh mer auS so ziemlich allen Theilen der Provinz er schienen und der Grundton war, außer auf die natür lich auch mit berührten allgemeinen Interessen der Zeit, allerdings auf Wahlen gerichtet, die das Interesse der Provinz zu vertreten geeignet wärm. Als solch' gewissermaßen greisbare Interessen bezeichnete man die

den Hochöfen und in den Bergwerken be« SiegerlanbeS sind die Hinterländer gern gesehene Arbeiter. Wer draußen keinen Verdienst sucht, bleibt zu Hause und strickt. Männer, Weiber und Kinder gehen dieser Arbeit namentlich des WintelS nach.

Eine originelle, aber wenig vortheilhaste Volks­tracht zeichnet die Weiber und Mädchen von denen der benachbarten, ehemals kurhejsischen und nassauischen Grenzdistricte auS. Die paar Aemter, in welche dieses Gebiet geiheilt ist, standen seit Jahrhunderten bis 1866 unter den hessischen Landgrafen und Fürsten. Geschichte hat sich wenig dort abgespielt. Gewaltige Umwälzungen, welterfchütternde Ercigniffe fanden auch wohl in den grünen Gcbirgslhälern ihren Widerhall und wirkten auf daS jeweilige Geschlecht ein, sie ver­mochten aber schwerlich dem Volksleben eine andere Physiognomie zu geben, als sie hatte und noch jetzt hat. Reformation und Revolution brachten die gut- müihigen Leute wohl nicht aus ihrem Gleichgewicht, die Feststellung be« staatlichen Gleichgewichts über­lasten sie Anderen. Was sie betrifft: sie haben gestrickt, stricken, und werden stricken (nicht zu verwechseln mit dem modernen Striken, daß hier keinen Boden findet).

In diesem hinter andern Gegenden Deutschlands im Culturleben vielfach zurückgebliebenen Kreis finden sich noch mancherlei historische Uebetbleibfcl; ich fand dort auch solche, die an den Versuch erinnern, der von

Benachtheiliguilg der Universität, aber auch wegen der unnöthigen Ausgaben be« Lande« durch da« Polyiechnicum, dann die Belastung der Gemeinden mit dem Erwerb des Geländes für die Eisenbahnen. Für die Feststellung der Namen der zu Wählenden sollen neue Versammlungen anberaumt werden.

München, 12. Novbr. Der Zusammenbruch der Dachauer Banken ist bevorstehend. Der Andrang der Inhaber fälliger oder demnächst fälliger Wechsel enorm. Bis gestern Mittag 2 Millionen Gulden reclamirt; doch nur mit theilweisem Erfolg, da An­fangs unbeachtete Clauseln in den Schuldurkunden für die Bankinhaberin ebenso vortheilhafte, als für die Gläubiger verhängnißvolle Wirkung üben. Am 21. ds. findet die Verloosuug des 5 proc. bayer. Militär- und Eisenbahn-Anlehens vom Jahre 1870 statt. Der G sammtbetrag de« zurückzuzahlende» Capitals beträgt 23 Millionen.

Metz, 9. Novbr. DieZtg. f. Lothringen" be­richtet:Nachdem gestern der Prinz Ludwig von Hessen mit seiner Gemahlin hier eingetroffen und im Europ. Hof abgestiegen war, fand heute Vormittag unter Anwesenheit vieler Offiziere und Militärperfonen die Einweihung des Denkmals für die gefallenen Hessen bei Vernsville statt. Heute Abend ist Diner in der Präsectur. Der Polizeidirector von StöphasiuS macht bekannt: In der Nacht vom 14. zum 15. Ok­tober d. I. ist das Denkmal der Königlich preußischen 18. Division bei Verneville in rohester W ise beschmutzt und beschädigt, das Gitter ist zerbrochen und einer Der Adler, welche daS Denkmal schmück.en, fortgenommen worden. Wer den oder die Thater so zur Anzeige bringt, daß deren gerichtliche Bestrafung erfolgt, erhält eine Belohnung von 300 Frcs.

Ausland.

Wien, 10. Nov. Die Minister v. Laster und v. Suemayr sind noch gestern von Ofen, wohin sie sich zur Berichterstattung in der lyeoler Landtagsan- gelegenheit begeben hatten, zurückgekehrt und haben die Sanction des Kaisers zu den vom Ministerium vorgeschlagenen Schritten mitgebracht. Darnach wird, nicht die Auflösung sondern die Schließung des Land­tages verfügt werden, falls die Majorität auf der Weigerung, das Handgelöbniß des Rectors Professor Ullmarn entgegenzunehmen, verharren, oder den ange- kündiglen Austritt wirklich vollziehen sollte. Die Re­gierung hat sich also zu einem energifchen und ihre Autorität uothwendig befestigenden Schritte endlich entschlossen. Die Schließung muß als eine um so empfindlichere Strafe für den Landtag betrachtet wer­den , als sie einmal bie^ Erneuerung antiguvernemen- taler Dcmonstratien durch die im Falle der Auflösung

Rom auS gemacht wurde, auch das deutsche Volk durch die Inquisition sich völlig dienstbar zu machen, welcher Versuch indesten zum Heile der Nation an deren gesundem Sinn und roher Kraft scheiterte.

Eine Meile von Gladenbach nordwestlich nach dem Nastauischen zu erhebt sichder Dernbach." Ein alter Lauer von dort, der uns unterwegs begegnete, führte mich und einen Freund auf schattigem Waldwege an grünen Wiesenthälern vorbei auf den nach der Süd- westseite steil abfallenden Gipfel des Berges, der mit wenigen zerfallenen Trümmern einer Burg gekrönt ist. Ein armes Dörfchen zieht sich unreg lmäßig um den Berg. Hier hausten vor langen Jahren die Herren von Dernbach, einstmals eilt angesehenes Geschlecht, das z B. dem Bischosstuhle zu Würzburg einen Bi­schof gab. Die Familie sei ausgestorben oder außer Landes gegangen, meinte unser Führer, aber da« adelige Gebläut" behauptete er, rege sich noch in Manchem der Einwohner Dernbachs, und er deutete an, als ob die Liebe zum Soldatenstand, die in seinen Jungen wohne, ihren, wenn auch illegitimen Ursprung, dem adeligen Geblüt verdanke, da« auch in ihren Adern ströme. Es ist dies das Geschlecht, warf mein Freund auS G. hin, von dem Einer den ersten und letzten deutschen Ketzerrichter, den Mönch Konrad von Mar­burg erschlagen hat!

Ketzerrichter! Ketzerglaube! Da stehen wir ja hoch auf dem Dernbach mitten in den Tagessragen. Die