Nr. 2S6
1872
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberbesflschen Srttuua mit Krettblatt bm-* h>» x.rx—
«uchd-ckerei) bezogen tt. M.butd, Postämter -7 «gr. » Pfj. (excl. ®eMflÄ
Insertlonogebüht jür bte gespaltene Heile I Egr. Sümmtliche Annoncen-Büreauk nehmen Inserate an. ‘
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' Hörnern einige greuliche Töne ab, welche den Jagdschluß verkünden sollten und, nachdem dem Herrn Baron Schnabelpeter von allen Seiten geziemender Dank abgestattet und allerlei Complimcnte gemacht worden waren, trennte sich die Gesellschaft.
Herr Zipfelberger aber, welcher viel von seiner selbstbewußten Zuversicht verloren, die ihn am Morgen beseelt hatte, lehnte trotzig die schmierige Mütze ab, welche ihm einer der Treiber anbot, umwickelte sein gekränktes Haupt mit dem Shawl, dm ihm seine sorgliche Caroline mitgegeben und schritt ingrimmig und alle Gesellschaft verschmähend den düsternden Waldweg entlang.
Dem schönen Herbsttag war ein recht abscheulicher Abend gefolgt.
Der Sturm heulte ordentlich zwischen den Bäumm herum und zerrte- an den bereits halbdürren Aesten, daß sie krachten und knarrten, als ob sie ein Klagelied anstimmen wollten über die schnöde Behandlung, die ihnen von dem alten Gesellen zu Theil ward. Dieser aber kümmerte sich wenig darum, sondern rumorte tobend weiter, einem armen Menschenkinde, welches einsam daherschritt, frech in'« Gesicht blasend, daß ihm fast der Athem stockte und es den heimtückischen Kobold verwünschte, der eS auf diesen Irrweg geführt.
Es ist ein alter Bekannter, der hier mühsam durch den Wald schreitet mit schlotternden Knieen, denn es ist kalt geworden, die Hände in den Taschen vergraben und daS Haupt mit einem Tuche umwickelt.
Ist daS derselbe behagliche Nimrod, welcher hmte Morgen so stolz durch die Straßen deS Städtchens chrilt, so blank und geschniegelt, daß es eine Helle Freude war? Ist daS derselbe Herr Finanzrath a. D. Zipfelberger, welcher vor wenigen Stunden noch so verächtlich auf seinen Jagdcollegen den Herrn Hubserle »erabsah, weil dessen Joppe und Hut nicht so reinlich und zweifelsohne, dessen Flinte nicht so blank wie dir einige war?
Er ist «s und doch so ganz ander«,
Dieser stutzte. Wenn nun Hubserle doch träfe? E« könnte ja in der Dummheit geschehen und dann — „Ihren Hut, Finanzralh", wiederholte der Oberförster. „Machen Sie nicht lange Umstände — er trifft ihn nicht. Dafür habe ich gesorgt", fügte er flüsternd hinzu und winkle Herrn Zipfelberger bedeutungsvoll mit den Augen.
Zögernd nahm dieser den Stolz seines Hauptes herab, und im Nu halte ihn der alte Nimrod ergriffen, und pflanzte ihn auf einen niedrigen Stecken, mitten i" den Kreis der lachenden Schützen.
$uf einen Wink des Oberförsters theilte sich dieser und siegesgewiß machte sich Herr Hubserle, nachdem " bedächtig seine Brille abgewischt, schußgerecht. Da fiel ihm ein, daß seine Flinte nicht geladen war. Darauf aber hatte der Oberförster, der sich dessen längst vergewissert hatte, gerechnet und bereitwilligst reichte er dem Bicekanzleivorstehrr sein eigenes Jagd gewehr.
Dieser griff zu - die Rache gelang.
Doch nein, ein Keiner Zufall rettete HerrnHubserle vor der Schmach und dem Verlust von 25 Flaschen Rothspon.
Der Oberförster hatte in der Eile vergessen, die Zündkapseln aufzusetzen und bemerkte die« erst, als
unmittelbar nach Schluß der Berathung nicht auf sich warien lassen. — Was die Theilnahme an allerhöchster Stelle für das neue Gesetz betrifft, so hört man, daß Se. Majestät beim Empfang der Condolenz- Deputation aus beiden Häusern des Landtages sich an den Grafen Brühl mit den Worten wandte, er habe erfahren, daß er eifrig gegen die KreiSordnungs- reform wirke. Er, der König, habe noch Niemanden während seiner Regierung genöthigt, gegen seine Ueber- zeugung zu stimmen. Aber er wolle daran erinnern, daß er die Eulenburgische Vorlage, welche seine Un- lerschrift trage, für unbedingt nothwendig halte. Eine Abweisung derselben würde vielleicht den Grafen Eulenburg veranlassen, zurückzutreten; aber man solle sich nicht einbilden, daß er einen Nachfolger bekommen wird, der etwa der Majorität des Herrenhauses näher stehe. Auch dieser werde die erste Aufgabe darin finden müssen, die Kreisordnungsreform durchzuführen. — Hon einigen Seiten wird von Neuem die Nachricht verbreitet, die Regierung beabsichtige nur die faculta- tive Civilehe einzuführen. In unterrichteten Kreisen ist man über die Jrrihümlichkeit dieser Ansicht außer Zweifel und überhaupt, daß cs sich nur um die obligatorische Civilehe handeln kann.
3n beiden Häusern des Landtages, meldet die „C. S.", wa^en heut Gerüchte von einer entscheidenden Wendung verbreitet, welche gestern in Beziehung auf die Behandlung der Kreisordnungsfrage Seitens der Regierung eingetreten sei. Es hieß, der Minister de« Innern habe an Allerhöchster Stelle wiederholt vorgestellt, daß er eine Verantwortung für die Durchführung des Reformwerkes nicht weiter übernehmen könne, wenn nicht gegenüber der im Herren hause herrschenden Strömung eine allseitige energische Unterstützung seiner Bemühungen Seiten« der gejammten Staatsrcgicrung zur Geltung gelange. Der Kaiser soll sich, wie hinzugefügt wird, im Einver- ständniß mit dem Minister des Innern bereit erklärt haben, seinerseits alle Schritte zu unterstützm, bezw. zu genehmigen, welche erforderlich erscheinen würden,
„Bitte um Ihren Hut, Finanzrath", redete er Eigenthümer an.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Oclbr. Je rücksichtsloser die Opposition im Herrenhause auftritt und, wie man wohl sagen kann, ihr Zerstörungswerk an der Kreis ordnung fortsetzt, um so ernster tritt an die Staats regierung die Forderung heran, eine bestimmte und ensscheidende Stellung einzunehmen. Die bereits früher hier gegebenen Andeutungen werden in unterrichteten Kreisen durchaus bestätigt. Schon am Donnerstag nach der eisten Spezialdebatte hatte Graf Eulenburg Schritte gethan, um sich mit den übrigen maßgebenden Faktoren der Staatsregierung zu verständigen. Die weitere» Ergebnisse der HerrenhauS-Berathungen haben seinen Forderungen nur »och mehr Anschaulichkeit und Nachdruck gegeben. ES galt in Regierungskreisen für unerläßlich, daß man dem geschlossenen Auftreten der Gegner der Reform ebenso geschlossen und wirksam entgegentritt Es verlautet, daß der Minister des Innern daher nunmehr auch an allerhöchster Stelle und in Barzin Schritte gethan und sein eigenes weiteres Wirken für die Kreisordnungöreform von einer vollen Unterstützung an bezeichneter Stelle abhängig gemacht hat. Seine Vorstellungen haben durchaus zu befriedigenden Ergebnissen geführt, und ist eine Uebcr- einftimmung aller Faktoren dahin erzielt, daß die Durchführung der Kreisordnung eine unbedingte politische Nothwendigkeit ist und trotz alles Widerstandes des Herrenhauses unter allen Umständen noch im Laufe der diesjährigen Wintersession bewerkstelligt werden muß. Es ist wohl keine Aussicht vorhanden, daß die Majorität ihre Stellung der Reform gegen über ändert, und dürfte wohl selbst der sonst so schwer wiegende persönliche Einfluß des Fürsten Bismarck die« nicht zu Wege bringen. Es werden daher andere Maßregeln zu ergreifen fein und werden dieselben
um die Kreisordnung gegen alle bestehenden Hiuder- nisse zum Gesetz werden zu lassen, lieber die zu diesem Zweck zu ergreifenden Maßregeln solle zunächst eine Verständigung mit dem Fürsten Bismarck stattfinden. Von anderer Seite wird glaubwürdig versichert daß der Minister des Innern Graf zu Eulenburg mit dem Ministerpräsidenten schon gleich nach den ersten ablehnenden Beschlüssen deS Herrenhauses in schriftliches Vernehmen getreten fei, und man glaubt, bQ6 der neueste Schritt de« Ministers deS Innern schon im Einverständnisse mit dem abwesenden Ches des Ministeriums erfolgt ist. Aus dieser Corre'pon- denz zwischen den beiden Ministern mag das Gerücht entstanden sein, daß der Fürst selbst in den nächsten Tagen nach Berlin zu kommen gedenkt: — ein Gerücht, welches sich schwerlich bestätigen wird.
Ludwigslust, 27. Oct. Se. Majestät der Kaiser ist heute Abend 8 Uhr hier eingetroffen.
Darmstadt, 24. Oct. DaS Ministerium des Innern hat an die zweite Kammer der Stände eine Vorlage wegen Erbauung eines neuen UniversitätSgebäudes in Gießen gelangen laßen. In den Motiven wird hmgewiesen. auf das Ersuchen der beiden Kammern vom 19. October 1871 um Eindringen einer Propo- fition wegen gleichzeitiger Befriedigung der baulichen Bedürfnisse der LandeSuniversität und der Justizbehörden zu Gießen, sobald die neue Organisation bet Gerichte auf Grund der deutschen Reichsver- fassung feststehe. Da diese 'Organisation aber nicht fobalb ins Leden treten wird, auch mit der Errichtung eines Universitätsgebäudes keinen Zusammenhang hat, dieses zudem unter allen Umständen nölhig ist, so wird wegen desselben allein die Vorlage an die Stände gerichtet. Die Kosten deS Gebäudes sind auf 190,000 fl. veranschlagt. Da die Stadt Gießen zu den Baukosten einen Betrag von 20,000 fl. leisten will, so gehen diese hieran ab, eS bleiben daher 170,000 fl. Für einen Bauplatz stehen von der Stadt 2000 fl. zur Verfügung. Da ein solcher mit 2000 fl. nicht angekauft werden kann, hierzu vielmehr
Marburg, Mittwoch, bett"3a'Odo6et.
Bestellungen
der uns December werden von allen Postanstalten und auf dem Lande auch von den Landpostboten, sowie t« Marburg angenommen von der Expedition der Oberli. Zeitung.
Hubserle vergeblich losgedrückt, unwillig die Flinte weggestellt und diejenige des Herrn Referendar von PubtinSky ergriffen hatte, welche dieser ihm darreichte.
Vergebens machte der Oberförster rasch eine ab- wehrmde Bewegung — der Schuß krachte und unter dem jubelnden Hurrah der Gesellschaft, sah Herr Hubserle triumphirend im Kreise herum und bemerkte dann, die Flinte wegstellend, äußerst ruhig:
„Den Wein sind Sie los, Herr Oberförster; schade um den hübschen neuen Hut, Herr Finanzrath."
Die Beiden waren außer sich.
„Da schlage ein Donnerwetter drein", stieß der Oberförster heraus, während Zipfelberger jammernd auf seinen Hut ober vielmehr dessen Ueberrefte zustürzte , welche in Gestalt einiger unkenntlicher Filz lappen sich auf dem Rasen der Lichtung umhertrieben.
Schallendes Gelächter begleitete diese verzweiflungsvolle Bewegung, was bei dem Finanzrath einen wahren Wuthanfall hervorrief.
Der Triumph seine» Gegners, den er mit einem neuen Hut bezahlt hatte — der Spott der Gesellschaft — die stille Freude Hubserle'S, die sich auf dessen fettem Gesicht abspiegelte, dies Alles wirbelte bunt in seinem Gehirn umher — mit einem Wort, er hätte bersten mögen vor Gift und Galle.
Aber auch der alte Oberförster war wüthend über die mißlungene Rache Daß er, ein alter Praktikus, vergessen, die Kapseln aufzusetzen, ärgerte ihn fürchter lich; hatte ihn dieser Umstand doch um den ganzen Spaß gebracht, denn sein Gewehr war ja blind geladen gewesen und Herr Hubserle hätte, wenn er sich dessen bebiente, den Hut gar nicht treffen können.
Es war zum Todtärgern, aber eS war nun ein mal nicht zu ändern, und der Alte machte gute Miene zum bösen Spiel und lud die Herren mit süßsaurer Miene auf den nächsten Freitag in den rothen Ochsen i »ach Neuhausen, wo die 25 Flaschen Rothwein ge- I trunken werden sollten. — —-------,
Die Sonne war in einem leichten Nebel verschwunden, die beiden Jäger deS Barons quetschten ihren
Das Zagdßergnößnt deS Herrn Zipselberger.
Sine Seinstüdtische Geschichte vva Fritz Brentano.
(Schluß.)
Lachend hatte sich indessen die Jagdgesellschaft, die fich an dem ganzen Streit köstlich amüfirte, erhoben und harrte der Dinge, die da kommen würden.
Der Oberförster lud, wie zufällig, seine Doppelflinte, wobei ein hämisches Schmunzeln seinen grauen Schnauzer umspielte und sah sich suchend im Kreise um. Auf dem Hut bei Herrn Zipselberger blieb sein Blick hasten, derselbe war am Auffallendsten, war neu und erschien ihm deshalb zu dem Experiment am ge eignetften.
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Merhessische «jeitifi