Marburg, Sonntag, den 27. October.
1872
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Politische Wochen-Urberficht
Beide Häuser deö p r e u ß i s ch e n Landtages sind nach ihrer längeren Vertagung zur Fortsetzung der Arbeiten der Session wieder zusammengetrelen. Die ersten Sitzungen boten ein erfreuliches Bild. Die Vertreter der Staatsregierung, der Minister des Innern, Graf Eulenburg, im Herrenhause und der Finanzminister, Herr Camphausen, sprachen beide mit Entschiedenheit auS, daß der Regierung die Durchführung der neuen Kreisordnung warm am Herzen liege. Gras Eulenburg hob die Grundgedanken deS Entwurfs hervor, deren Durchführung die Regierung als unter den heutigen Umständen unaufschieblich betrachte, und verhieß zur Erleichterung der Durchführung finanzielle Dotationen der Provinzen und Kreise. Von diesen Dotationen sprach im Abgeordnetenhause auch Herr Camphausen in seiner Darlegung deS augenblicklichen glänzenden Standes der preußischen Finanzen. Bei der Präsidentenwahl im Hcrrenhause siegte die freiconservative Strömung durch die Wahl des Grafen Stolberg, ob es derselben gelingen wird, auch die Kreisordnung durchzubringen, ist nach den ersten Abstimmungen in der SpecialbiScussion zweifelhaft.
In Pest ist die Session der österreichisch- ungarischen Delegationen geschlosien worden. Der ihnen speciell obliegenden Aufgabe, das Finanzbudget für 1873 zu regeln, waren dieselben in der Schlußsitzung nachgekommen; das Geschäft wurde durch die im Gesetz begründeten Berathungen der beiderseitigen „Nuntien" abgemacht, unb nur ein verhältnißmäßig kleiner Posten, über dessen Feststellung die beiden Vertretungskörper sich nicht einigen konnten, der Rach- tragscredit für die Militärgrenze nämlich, wurde bis zur Ordnung der Schlußrechnungen vertagt.
Die französische Permanenzcommission stellte am Schlüße der Woche auf einen Antrag Pagos Duport's ohne großen Eclat ihre Sitzungen ein. Ein
mit Familie und Hoflager auf Korfu weilt, hat dem Fürsten Milan von Serbien zu dessen Thronbesteigung mit einem sehr freundschaftlichen Handschreiben gratulirt. Die Laurionfrage ist noch immer in der Schwebe. Das Ministerium hat in einer Denkschrift seine Auffassung der streitigen Punkte dargelegt, und die Vertreter Frankreichs und Italiens haben ihrerseits eine gleichlautende Gegenerklärung abgegeben.
Der türkische Großvezir Midhat Pascha wurde in Ungnade seines Amtes entsetzt; sein Nachfolger ist aber nicht der Seraskicr Esiad, sondern Mehmed Ruschdi Pascha, doch wird dieser wohl nur den Ueber- gang zu einem Anderen bilden. Was diesen abermaligen Umschwung herbeigeführt hat, ist noch nicht bekannt: wahrscheinlich aber hat der russische Botschafter dabei die Hand im Spiel.
In der serbischen Skuplschina wurde über die Selbstständigkeit der Gemeinden verhandelt und dabei vom Minister Ristic nachgewiesen, daß die- communale Selbstverwaltung in Serbien einen viel breiteren Boden finoe, als in Frankreich, Holland oder Belgien Ein Antrag, die Juden vom Landwehrdicnste auszu schließen, wurde von der Regierung durchaus bekämpft und demgemäß auch von der Volksvertretung verworfen.
Der Schiedsspruch des deutschen Kaisers in der San Juan-Frage ist nunmehr erfolgt und zwar zu Gunsten der nordamerikanischen Auslegung des Vertrages von 1846. Die nordamerikanischen Zeitungen erklären sich selbstverständlich sehr befriedigt von diesem Resultat.
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»»n allen Postanstalten und auf dem Lande auch von den Landpostboten, sowie in Marburg angenommen von der Expedition der Oberli. Zeitung.
Das heutige Rom.
Die politische Windstille, welche gegenwärtig in Nom herrscht, gibt dem Correspondentcn der „Jndep." Muße, ein Charakterbild der ewigen Stadt selbst zu geben. Er schreibt: Der Gemeinderath von Rom, welcher jetzt eine Session voll Arbeit hinter sich hat, er- iffnet seine Herbstsitzungen den 21. Oct. Man muß nämlich bedenken, daß man sich in Italien in allen Stücken nach den Jahreszeiten richtet. Die Parlaments-, Prvvinzialraihs-, Gemcinderathssitzungen, daS Theater, sogar der Verkauf von Dingen, welche zur Leibes- Nahrung und Nothdurfl gehören, nehmen ihren Anfang und ihr E„de mit dem Anfang und dem Ende von bestimmten Zeilabschnilten. Was das äußere Ansehen der Stadt betrifft, Wohnungen und Straßen, so läßt i,8 viel zu wünschen übrig. Man hat in dieser Richtung allerdings viel gethan, und doch hat es den An- ichein, als wäre alles noch zu thun übrig. ES wird "vch Jahrzehnte währen, bis die Altstadt in wirklich fvohnlichem Zustand sein wird. Jeden Tag lese ich >n den Zeitungen Anzeigen: die Gemeinde hat eben einen Vertrag zur Erbauung des und deS Viertels »bgeschlvffen, sie theilt die Ausführung der Arbeiten in einem andern zu rc. Einige Tage später lese ich: die Bauarbeiten deS und deS Quartiers machen riesige Fortschritte, die Straßen sind hergestellt, dieHäuser schießen wie die Pilze QUg fctr Erde, und unsere Einwohnerschaft kommt endlich zu paffenden Wohnungen. Ich »in so naiv, und gehe an Ort und Stelle, um mir die Sache anzusehen; da erblicke ich ein paar Arbeiter, Eriche in der Erde wühlen, aber ich kann nicht die . Fber von einem Haus entdecken Der Gemeinderath k^ubt alles gethan zu haben, wenn er eine Maßregel beschlossen und einen Befehl gegeben hat. DaS Uebrige überläßt er ruhig der Vorsehung. Vor einigen Jahren erließ er die Verordnung, Stroh- und Heumagazine Hüffen außerhalb der Stadt sein; er bietet den Besitzern ! 'Hsirrloser Häuser, welche sie in Wohnungen umwandeln
Deutsches «eich.
•• Berlin25. Oct Während die Generaldebatte im Herrenhause über die Kreisordnungs-Vor- lage zu der Hoffnung berechtigte, daß das Herrenhaus der Regierung entgegenkommen oder doch nicht zu starke Opposition machen würde, hat im Gcgentheil Die gestern stattgefundene Spccialdebatte auch die be- scheibensten Erwartungen getäuscht. Mit großer Majorität wurden verschiedene Bestimmungen, aus welche die Regierung den Erklärungen des Ministers des Innern nach das größte^Gewicht legte, nach höchst gegeben wurde Der Herausgeber, ein Kunstfreund, wollte lieber Schaden leiden, als seine Partitur zum Opfer bringen.
Besagter Unternehmer gilt für einen der gewandtesten in Italien, und er ist als eine Ausnahme von der Regel verfchrieen, da er erst einmal Bankerott gemacht hat. Rom besitzt nur einen öffentlichen Spaziergang, zwar von geringer Ausdehnung, aber reizend gelegen. Früher war er ganz barbarisch vernachlässigt. Der Zufall übertrug die Sorge um ihn einem geschickten Pariser Gärtner. Dieser pflanzte Alleen, grub Bassins, legte Rabatten und Steinkörbe an, die er mit Blumen und Gesträuchen füllte, säte dichte Rasen, schuf geschloffene Räume, welche er mit Gestein und Brombeergesträuch auöfüllte. Dabei fiel kein einziger Baum zum Opfer, und bald hatte man zwei-, ja dreifache Wege für Fußgänger und Wagen, ohne den Anlagen nur einen Zoll zu rauben. Der Nachfolger dieses Gärtners ist ein ge schmuckloser Mensch, welcher die Bäume ohne Noth herausreißen läßt rc., überhaupt der reizenden Schöpfung seines Vorgängers als Vandale gegenüber» tritt. Wenn ich ihn so Hausen sehe, wundert michS immer, daß sich noch kein Anlagenschutzverein gebildet hat, der ihm sein Handwerk legte. Unter dem Scepler, oder vielmehr Messer dieses Gärtners wird der Garten deö Pinicio bald den Reiz seiner Blumen verlieren, indeß die Gemeindebehörde wendet dem Spazierweg große Sorgfalt zu. Sie hat Springbrunnen anlegen, überall bequeme Bänke aufstellen, ein schönes Gewächshaus errichten lasten, bann ließ sie viele marmorne Büsten von berühmten Italienern aufstellen rc. So hat man vor Kurzem die Büsten dreier Opfer deS Papstthums aufgeftellt, die von Arnold von Brescia, Savonarola, Jordano Bruno, ohne daß dieser Schritt einen diplomatischen Protest deS Cardinals Antonelli nach sich gezogen hätte. Seltsam! Die Büste Galt- läi's wurde noch unter päpstlicher Herrschaft aufgestellt.
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störender Zwischenfall drohte allerdings noch im letzten Augenblicke die Ruhe der Versammlung zu trüben; der Sensationsfall des gemaßregelten Prinzen Napoleon wurde von besten Freunden Rouher und Maurice Richard in der Permanenzcommission vorgebracht, ans die Erklärung des Präsidenten Gtsvy aber, daß nur die Nationalversammlung in dieser Angelegenheit com- peient fei, bis zur Einberufung derselben verschoben. Bei ihrem Wiederzusammentrilt wird sie sich vorerst mit der Armeeorganisation und dem Budget beschäftigen; ob auch die staatsrechtlichen Resormprojecte, von denen in letzter Zeit so viel die Rede war, in der Versammlung zur Sprache kommen werden, hängt wohl zunächst von der Sessionsdauer ob, welche der durch Neuwahlen gestärkten Kammer beschieden ist.
Der Aufstand in Ferrol hat das Ende gefunden, das ihm vorausgesagt wurde. In keinem Winkel der ganzen pyrenäischen Halbinsel regle sich ein Finger ober öffnete sich ein Mund, um der unter der rothen Flagge erhobenen Meuterei Muth einzuflößen. Durch die umzingelnden Truppen des General-Capitäns von Galizien versuchten die Aufrührer sich fliehend durchzuschlagen; doch gelang cs nur einem kleinen Theile, zu entkommen; gegen tausend der tollen Pronunciado's fielen in Gefangenschaft und erwarten jetzt die kriegs gerichtliche Untersuchung.
Der neue Handelsvertrag zwischen England und Frankreich ist der Vollendung noch nicht so nahe, wie man sich in Paris geschmeichelt hatte. Die eng« tische Regierung hat sich genöthigt gesehen, den Handelskammern des Landes noch eilte Frist bis zum Anfänge ber nächsten Woche zu geben, damit sie ihre Bedenken gegen den Entwurf geltend machen können; dabei verspricht sie, ihr Mögliches zu thun, um die gewünschten Veränbernngen des Tarifs durchzusetzen.
Die zweite Kammer der niederländischen Generalstaaten hat den Eingangszoll für die ostindischen Colonieen auf 6 Procent herabgesetzt und den Differentialzoll auf holländische Fabrikate abgeschafft; ber Antrag auf Abschaffung der Ausfuhrzölle wurde hingegen verworfen.
Der König von G r i echen l a nd, der gegenwärtig wollen, ein Zehntel Entschädigung auf den Quadratmeter an; er ist höchlich erstaunt, daß auf das Angebot Niemand reagirt; er lieft in den Blättern, daß die Scheunen gefüllt sind, wie ehedem; man berichtet ihm sogar, daß keine Woche vergeht, ohne daß die Feuerwehr einen Brand in diesen Gebäuden zu löschen hat; er gibt zur Antwort: das ist unmöglich, da ja verordnet ist, daß sie im Innern der Stadt nicht mehr geduldet werden sollen. So viel ist sicher, daß in Rom mit Eifer in der Erde gewühlt wird, man ist hier rein Maulwurf. Die Archäologen mit und ohne Patent sind davon sehr erbaut, aber nicht so sehr die Leute, welche ein Obdach brauchen. In Erwartung derselben treiben sich viele frisch Angekommene herum, man weiß nicht wo, und eine Masse Individuen schläft auf den Straßen oder in den Säulengängen von Kirchen und Palästen.
Sonderbar, aber wahr! in dieser Stadt, wo man aus dem KunstenthusiasmuS ein Handwerk macht, gibt cs nicht ein halbwegs gut eingerichtetes Theater, unb man bekommt da Schauspieler zu sehen und Sänger zu hören, welche Städte zweiten und Dritten Ranges sich nicht gefallen lassen würden. Das Apollotheater, dessen Thüren die größere Hälfte des Jahres geschloffen sind, erhält von der Stadt eine jährliche Unterstützung von 150,000 Frcs., und der Unternehmer, der seine Logen sehr thcuer vermiethet, steckt bedeutende Summen in seine Taschen, um Opern und Balletvorstellungen zu geben. Die Ballete sind aber stets unter aller Kritik. Das Repertoir der Oper ist bester, aber die Jnscenesetzung ist miserabel und die Aufführung sehr flümperhaft. Man hört manchmal einen.guten Sänger oder eine gute Sängerin, aber das Zusammenspiel, das A und O ter Bühne, läßt immer zu wünschen übrig. In ganz Italien weiß man z. B., daß der Herausgeber der Partitur der Aida von Verdi sich hartnäckig geweigert hat, sie in Rom aufführen zu lasten, während diese Oper in vielen Städten Italiens
«scheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- unb Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberh effischeu Leitung mit Kreisblatt durch die Expedition (.ttvch'sch« Buchdruckerei) bezogen 88i Gar., durch die Postämter 27 Ggr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und inet- ®tempel|teuer), rar daS AuSlano -xcl. Stempel 88 ®gr. - Imerrionogebüh- jflr die gespaltene Zsitc 1 Sgr. Siimmktrche Annoncen-Büreaus nehmen Inserate an.
Oberhessische Zeitung