Wr. 293. Marburg, Sonnabend, den 26. October. 1872.
■ Oderhesfifche Zeit«««,.
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Deutsches «eich.
** Berlin, 24. Oct. Im Hinblick auf die Wie- dereröffnung des Landtages dürste auf einen Punkt, der in der Presse nicht berührt worden ist, hinzuweisen sein, nämlich darauf, daß das Abgeordnetenhaus gleich am eisten Tage seiner Thätigkeit den Beweis geliefert hat, daß die so lebhaft erörterte Dauerfrage über das constitutionelle Recht seine Erledigung ohne jedwedes Bedenken gefunden hat. Man sagte ja, eine Conti- nuität der Session könne nicht noch stattfinden, sondern der Schluß der fortgesetzten Session müsse erst erfolgen, bevor eine neue Session beginne. In der eisten Sitzung deS Abgeordnetenhauses beschäftigte man sich aber gleichzeitig mit Gegenständen der alten und mit Gegenständen der neuen Session, so daß also ein Bedenken von Seiten der parlamentarischen Körperschaft gegen rin solches Verfahren mit keiner Silbe Erwähnung fand. — Die Debatte im Herrenhause über die Kreisordnung wird, ohne allzu optimistisch zu erscheinen, dennoch die Hoffnung bestätigt haben, daß das Reformwerk dem Gelingen «Sher gerückt ist und daß dieser Hoffnung durch daS Verhalten des Ministers neue Nahrung gegeben ist. Es wird in der gejammten Presse anerkannt, daß der I Minister deS Innern seine Ausgabe, Seitens der Regierung das Gelingen des Reformwerkes zu fördern, in der geschicktesten und energischsten Weise Rechnung getragen hat; liberale Blätter, wie die „Magdb. Ztg.," die „Elbf. Ztg.", die sonst keine große Verehrung für Graf Eulenburg an den Tag gelegt, sprechen diese Ansicht in der schmeichelhafteste» Weise auS. Man muß auch wohl zugeben, daß die Rede des Grafen Eulenburg die Gesichtspunkte der Kreisordnung so llar legt, daß selbst die widerstrebenden Elemente sich der Anschauung der Regierung ansügen dürften. Auch des Ministers Urthcil über die Preßverhältnisse aus der ConflictSzeil war jedenfalls ein nicht nur wichtiges, sondern höchst beherzigenswertheS für alle Par
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teien Wie sehr große Beachtung die Rede des Mi- nisters gefunden, davon zeugt auch u. A. ein Artikel der „Spen. Ztg ", welcher kurz vorher nicht mit be sondcrem Wohlwollen von Graf Eulenburg sprach, indem sie diesem Minister gewisiermaßen den Vorwurf macht, daß er während der Vertagung deS Land tages nicht genug für sein Werk gewirkt habe. Dieser Auffassung gegenüber möchte doch zu bemerken sein, daß es unter den gegenwärtigen Verhältniffen überhaupt nicht angepaßt ist, einen einzelnen Minister für die Vorlage verantwortlich zu machen, daß auch dieses z. ,B. die „Spen. Ztg." nicht für anwendbar finden würde, wenn das Abgeordnetenhaus eine vom Finanzminister eingebrachte Vorlage verwürfe; der Vorwurf gegen den konservativen Minister des Innern, wie die „Spen. Ztg." Graf Eulenburg nennt, ist also nicht gerechtfertigt, so lange man nicht auch gleichen Borwurf gegen den Finanzminister, den die „Spen. Ztg." liberal bezeichnete, erhebt, sobald eö dieser glaubt, seine Vorlage durchzubringen. Der Minister des Innern hat sich denn auch nicht auf einen einseitigen Stand punkt gestellt, er hat sich auch nicht zum Träger ver liberalen Gegner, der Gegner der Vorlage gemacht, sondern er hat den Inhalt der Vorlage so sachlich wiedergegeben, daß auch die Gegner der KrciSordnung versöhnlichere Anschauungen empfangen mußten. — In Betreff der erfolgten Berufungen für daS Herrenhaus wird in mannen Preßorganen die Frage aufgeworfen, ob denn diese Berufungen auch die Garantie für das weitere Gelingen der Kreisreform böten. Es ist doch alS selbstverständlich zu betrachten, daß die Regierung, bevor sie die Person dem König präsentirt, sich über deren Stellung zu der Vorlage orientirt hat. — Die commissarischen Berathungen über das Gesetz wegen der bürgerlichen Eheschließung sind nun zu Ende geführt und haben zur Ausstellung eines Gesetzentwurfes Seitens des Eultusministers gelangen lassen. — Die von dem „Nürnberger Correspondenten" verbreitete
Nachricht, als wolle die Regierung eine Collectiv-Er« klärung der Denkschrift der deutschen Bischöfe gegen- überstellen, wird auf daS Bestimmteste hi Abrede gestellt. — Der Minister deS Innern hat auS Anlaß der Debatte im Herreichause über Vie KreiSordnung auch des Böcklerschen Kindesraubes gedacht und auf die Gestaltung der Polizeiverwaltungen hingewiescn. Es ist, wie auS der Rede des Ministers zu ersehen, festgestellt, daß 47 Personen, zu 7 Banden gehörend, gefänglich eingezogen waren, weil sie im Verdachte deS Raubes standen. Von diesen 47 waren 44 ohne Gewerbe-Legitimation, welche diese auch nicht erhalten hätten, da unter denselben 13 Bestrafte und 14 Individuen ohne festen Wohnsitz waren; ebenso befanden sich schulpflichtige Kinder bei diesen Banden, die der Schule entbehrten. ES scheint also, daß die Polirei- verwaltungen etwas sehr lax in Handhabung der Gesetze gewesen sind, da alle diese Leute umherzogen, ohne im Besitz von Gewerbescheinen zu sein; auch ist die Wahrnehmung gemacht, daß die Polizeibehörde eine gehörige Prüfung der Jdentilät der Personen nicht hat eintreten lassen. Diese Mißstände i» Bezug der Verwaltung der Polizei soll die neue Kreisordnung redressiren.
— 24 Oct. Des Kaisers Schiedsspruch in der San-Juan Frage erklärt, daß die Ansprüche der Vereinigten Staaten völlig übereinftimmten mit der wahren Interpretation des Vertrages vom 15. Juni 1846, und daß also die Grenze durch den Harocanal zu laufen habe. — Dem BundeSrathe ging ein Gesetzentwurf zu betreffs der Veräußerung der Straßburger Tabaksfabrik im Wege des schriftlichen Submissionsverfahrens. Dem Reichskanzler wird der definitiv« Zuschlag Vorbehalten.
Dresden, 22 Oct. Wie die „Dresd. Nacht." . melden, hat die Confcrenz höherer Schulbeamten sämmt- sicher deutschen Staaten om Sonnabend ihre Endschaft erreicht, nachdem sie in angestrengter Thätigkeit ihr
Gerächt.
Historisch-romantische Erzählung von H. Z.
(Schluß.)
Jetzt schlug die verhängiiißvolle sechste Stunde; schon hörte man las Toben des Volkes, das »ach dem blutigen Schauspiel verlangte; aber sonderbar, der Scharfrichter »ar nirgends zu finden; er halte der Königin Wort gehalten. Doch es dauerte nicht lange, s« ließ der Lord Kanzler in den Straßen von Loudon bekannt mack en, daß, dader Scharfrichter verschwunden fei, der König aber die Hinrichtung nicht verschoben kiffen wolle, so werde demjenigen, der daS Amt des Henkers versehen wolle, eine Belohnung von zwanzig Pfund Sterling zugesichert, und solle ihm überdies erlaubt sein, sein Gesicht bei der Hinrichtung mit einer Larve zu bedecken. UeberdieS wurde noch erklärt, daß Derjenige, der diese That ausführen wolle, das Werk eines guten, getreuen Bürgers verrichte.
Buch die Königin hatte in ihrem Kerker diese Be- E>nntmachung gehört, aber die Möglichkeit lag ferne e»n ihr, daß sich wirklich Jemand finden könnte, um dieses blutige Amt zu verrichten; und so begann sie dann mit hoffnungsvollem Herzen ein Bittgesuch an dm König zu entwerfen, als plötzlich ein verlarvter Mann in daS Gemach eintrat, und sie fragte, ob sie bereit wäre.
Mit einem dumpfen Schrei sprang Katharina von ihrem Sitze auf und flüchtete sich auf die andere Seite
Erzbischofs, denn sie hatte in dem Verlarvten mit schaudern ihren unerbittlichen Todfeind erkannt, und 6<fete jetzt, daß sie verloren war.
Der Erzbischof rieth ihr, die Macht ihrer Bitten ü« diesem Mann zu versuchen; allein wohl wiffend, ^ vergeblich dieser Versuch sein würde, verwarf sie diesen Rath.
„Wenn dem also ist, meine Tochter," sagte der ^würdige Thomas Cramer, „so legt daS Bekenntniß irurer Sünden in meinen Busen nieder, auf daß ich wenigstens Eure Seele rette, da Euer Körper nicht zu leiten ist. Ich bin bereit, Euch anzuhören."
Aber der Todesfurcht zur Beute, war Katharina ^sihjg, das verlangte reumüthige Bekenntniß abzu
legen — — sie hatte das Gedächtniß gleichsam verloren.
„So will ich denn für sie beichten, ehrwürdiger Herr," rief Ethelword, „denn in meinem Gedächtniß ist Alles tief eingeprägt.*
Der Erzbischof warf einen zweifelnden Blick auf ihn; aber Katharina rief mit gerungenen Händen: „Laßt ihn gewähren, frommer Vater, denn er kennt meine Vergehen eben so gut wie Gott."
Und so beichtete denn der Herzog, ohne jedoch sich al« Betheiligter zu erkennen zu geben, Alles, von dem Tage an, wo er das arme verwaiste Mädchen unter dem Volke herausgefunden hatte; er erzählte die Liebe eines edlen ManneS zu ihr, dem eS angeboten war, Schwager eines Königs, der Viceregent eines großen Reiches zu werden, der aber Alles ausgeschlagen hatte, um sich mit ihr zu vermählen. Die Folge dieses Ausschlagens war, daß er Rang und Vermögen, Würden und Titel verlor; es war ihm Nichts geblieben, als das Leben, welches ihr der Wahnsinnige anvertraute; er verschloß sich in ein Grab und überlieferte ihr den Schlüffe! dazu. Aber dieser Schlüffel, den er dem Engel des Lebens zu übergeben geglaubt hatte, ward beim Anblick einer Krone und eines ScepterS von dem gewiffenlosen Weibe in einen Abgrund geschleudert. und der Mann, der ihr Alles aufgeopfert hatte, sollte nach ihrem Willen in der Gruft den langsamen Tod der Verzweiflung sterben. — — Sie hatte sich zur Wiitwe gemacht, um Königin zu werden, und sie ward eS.
„Ihr habt sie auf dem Throne gesehen", richtete der Herzog das Wort an den Erzbischof; „Ihr habt gehört, wie sie einen Andern mit dem Gattennamen nannte, ihm aber nicht gestand, daß sie ihn betrogen hatte. Aber der betrogene König rächte sich. Er zog sie vor die Pairskammer, in welcher auch Ihr Euern Sitz hattet, hochwürdiger Herr. Ihr habt Theil ge nommen an dem Urtheil, und diese Theilnahme kann nun zu keinem GewiffenSvorwurf für Euch werden, da Ihr jetzt wißt, wie schuldvoll dieses Weib ist. Sie wußte, daß sie dieses Urtheil verdient hatte; doch statt sich reumüthig auf die Brust zu schlagen, die Barm
herzigkeit Gottes anzuflchen, und ihr Haupt unter da» Schwert der Gerechtigkeit zu beugen, nahm sie die unftunige Aufopferung des Grafen von Suffex an; sie erwürgte den guten, edeln, redlichen Suffex, denn nicht sein Gegner, sondern sie tödtete ihn, da sie ihn als Kämpfer für eine Sache auftreten ließ, von welcher sie wie Gott wußte, daß sie ungerecht war."
Und bei jedem einzelnen Anklagepunkt hatte et sich an Katharina gewandt und sie gefragt, ob das vou ihm Gesagte auch wahr sei, und mit tief gesenkte« Haupte hatte sie jedes Mal die Richtigkeit eingestehen muffen, und war endlich ganz vernichtet auf die Kni« gesunken.
„Und jetzt, ehrwürdiger Herr", fuhr Ethelword fort, „jetzt, da Ihr alle ihre Verbrechen eben so gut kennt, wie sie und ich, jetzt sprecht sie los, mein Vater, und eilt Euch, denn die Schuldige liegt auf den Jtnieen, vaS Volk wartet, und der Scharfrichter ist bereit."
Bei diesen Worten schritt er durch das Fenster, welches durch eine hölzerne Brücke mit dem Blutgerüste verbunden worden war. Das Volk begrüßte ihn mit einem freudigen Zurufe; der Erzbischof absol- virte indessen Katharina und segnete sie zum Tode ein. Dann wurden ihre Frauen noch einmal vor sie gelassen , von welchen sie einen kurzen, rührenden Abschied nahm; aber sie konnte ihnen kein Andenken zu- rücklaffen, denn arm, wie sie den Thron bestiegen hatte, so arm stieg sie auch wieder von demselben herab. Auf den Arm des Erzbischofs gestützt, trat sie sodann den bittern Todesweg an, und schritt, da es indeffen dunkel geworden war, durch zwei Reihen Soldaten, welche brennende Fackeln hielten. Auf dem Blutgerüste angelangt, ward ihr daS Todesurtheil noch einmal vorgelesen; der Erzbischof verband ihr darauf selbst die Augen, sank auf die Kniee, um ein laute« Gebet für sie zu sprechen, und mit einem einzigen kraftvollen Hiebe war das schöne Haupt vom Körper getrennt.
Jetzt, da der Herzog da« Ziel fein« Rache erreicht hatte, riß « die Larve von seinem Angesicht und übergab sich selbst den Gerichten als Mitschuldiger ber Gerichteten.