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Tr. 231 Marburg, Donnerstag, den 24. October.. ' > 1872

Oberhcssischt Zeitung. -

rfAeint tkalich außer den Werktagen nach Son«, und Feiertagen. Preis für da- Quartal der ObetßeMchen Leitung mit KretSblatt durch die Expedition (Roch'sche Buchdrucker ei) bezogen 22; Lgr., durch die Postämter 27 «gr. « Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für das ÄuSland excl. Stempel 22 ^nlertwnSgebübr für die gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-Büreaus nehmen Inserat« an.

Gerächt.

Historisch.romantische Erzählung von H. Z.

-T (Fortsetzung.)

Bei diesen Worten zog er seinen Mantel aus, legte ihn auf seinen Sitz nieder, und stieg hinter das Geländer, hinter welchem da« Volk seine Plätze ein­genommen hatte. Der König nahm die Abdankung de«. Grafen ohne Weiteres, vielleicht sogar mit gr heimem Wohlgefallen an, und entfernte sich dann, um die freie Berathung de« Parlaments nicht durch seine Gegenwart zu stören. Auch die Königin ward aigesühü.

Mylords," sagte sie, bevor std ging,bedenkt, daß Ihr ein Urthril über Leben und Tod gegen eine Königin aussprccht; bedenkt, daß ihr weder Rath noch Beistand zugestanden ward; bedenkt endlich, daß «in König anklagt, daß ein armes Weib sich verthei- d>gt, und daß, während Ihr über ihr Schicksal be- kathel, sie nicht« thun kann, nichts, als Gott bitten, daß er das Herz ihrer Richter rühren möge."

Indessen sich die Richter an da« äußerste Ende des Saales zurückzogen, wurden manche Stimmen »nter dem Volke laut.Ist da« nicht eine schön, Zahl, fünf Königinnen für einen König?" rief Meister William«, der dicke Fleischer.Sist freilich wahr, die zwei letzten haben nickt lange regiert."

Glaubt Ihr, daß sie vcrurlheilt wird, Meister William«?- fragte eine Osthöckerin mitleidig.

Darauf wollte ich meinen Kopf verwetten," be- cheuerte der Schlächter.Anna Boleyn hatte nicht so diel gcthan, und ihr Prozeß ist meiner Seel bald ab- gvnackl gewesen."

»Ich h"de die Königin Anna hinrichten sehen," dies der Goldschmied Jackson, wichtig thuend.

Ist es wahr, daß sie nichts bekannt hat, Meister Jackson?" fragte die Obsthändlerin

S'ist wahr," erwiderte dieser.Ich stand nicht weit vom Blutgerüste und habe Alles gehört, was sie lagt«, ohne eine einzige Sylbe zu verlieren."

Was sagte sie denn?" fragte die Frau neugierig.

Volk von London, sagte sie, ich sterbe nach dem

Deutsches Reich.

« Berlin, 22. Oct. Im Hcrrenhause hat heute die Präsidentenwahl stattgefunden. Von 167 Stimmen hielt Gras Otto Stolberg 84, Fürst Putbus 81, Herr v. Kleist Retzow 1 und Herr v. Krächer 1. Gras Stolberg hat genau die absolute Majorität er­halten, relativ nur 3 Stimmern mehr al« sein Gegner. Das Ergcbniß der Wahl hat in Regierung»- und pnlameNtarischen Kreisen sehr befriedigt. Die Can- didatur des Grafen Stolberg war bereits seit län- zerer Zeit in maßgebenden Kreisen ein Gegenstand der Erörterung. Die Regierung stellte dem Grafen hinsichtlich seines Bleibens in Hannover durchaus keine Schwierigkeiten entgegen, betrachtet vielmehr seine Wahl als ein günstiges Zeichen für die künftige Haltung de« Herrenhauses. Des Grafen Otto Stol­bergs Wahl war gewissermaßen ein Vermächtniß des verstorbenen Präsidenten, welcher schon im vorigen Jahre feinen Poften niederlegen wollte, nm die Wahl aus den Grafen Otto zu lenken. Inwiefern Graf Stollberg die Wahrnehmung seiner Stellung in Han­nover mit seinem jetzigen Amte wird vereinigen können, steht noch dahin; einstweilen wird der Landdrost v. Leipziger, der für die Aachener Regierungs-Präsi­dentschaft designirt war, in Hannover bleiben, um den Grafen zu vertreten. Das Abgeordnetenhaus wurde unter sehr glücklichen Auspicien eröffnet. Der Finanzminister legte eine Ueberstcht des Budgets vor, welche die kühnsten Erwartungen übertraf. Der Ueber- schuß aus dem Jahre 1871 beträgt 9,273,000 Thlr., für 1872 sind die Aussichten gleich günstig. Für den Etat von 1873 ist eine Verringerung der Matricular beiteäge vyn über 6,000,000 Thlr. in Aussicht ge­nommen, 1,000,000 Thlr. für die Organisationskosten der neuen Kreisordnung, auf deren Zustandekommen hie Regierung vaS höchste Gewicht legt, ausgefetzt. Ebenso sind 4^2 Mill, für die Provinzialfonds in Anschlag gebracht, doch erst dann, wie der Minister uni er dem Beifall des Hauses bemerkte, wenn die

neuen Organe geschaffen sind. Eine erfreulichere Mit­theilung konnte dem hohen Hause wohl nicht gemacht werden. Die Finanzlage Preußen« ist eine so glän­zende, daß selbst der Abg. Eugen Richter nichts daran zu moniren haben dürfte. Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Presse lebhaft mit dem Seminar- Director Schneider und dessen Antheil an den neuen Regulativen für den Volksschulunterricht; man meint, daß er zum Nachfolger des Geh. Rath« Stiehl be­stimmt fei. Es ist diese Nachricht nicht ganz correct; Thatsache ist nur, daß die Bearbeitung der Volks schul-Angelegenheiten zum Reffort der Geh. Räihe Stiehl und Wätzold gehörte und Herr Schneider als Hülfsarbeiter dabei beschäftigt war. Da nun Herr Stiehl am 1. Januar aus dem Staatsdienst auS- scheidet, so tritt einem Bermuthen nach Herr Wätzolv an die Stelle des Herrn Geh. -Rath« Stiehl und Herr Seminardirector Schneider würde des Herrn Wätzold's Posten einzunehmen haben.

Darmstadt, 21. Oktober. Wie dieMainz. Ztg." erfährt, sind die Handelskammern zu Darmstadt, Mainz und Offenbach von Gr. Ministerium zum Bericht über die Errichtung einer höheren, im Rang einer Universität gleichkommenden, Handelsschule zu Mainz aufgefordert worden. Die zweite Kammer hat die Vorlage der vorigen Regierung bezüglich einer dauernden Erhöhung der gering dvtirten evangelischen und katholischen Psarrstellen abgelehnt, dagegen im Einvernehmen mit dem Ministerium zur Abhilfe dringen­den Nothftandes für das Jahr 1872 eine Unterstützung im Betrage von 20,000 Gulden beschlossen.

München, 20. Oct. Die Reorganisation der baierftchen Armee ist mit der Umformung resp. Ver­mehrung der Artillerie als abgeschlossen zu betrachten. Die UniformirungSfrage schei.it dahin entschieden, daß die Gradabzeichen des übrigen Reichsheeres eingeführt werden, hellblauer Waffenrock und Raupenhelm aber bleiben. Für die Beinkleider wird ein etwas helleres Grau als das preußische eingeführt werden, ein Compro-

miß zwischen der Annäherung an das Reich und der zarten Schonung für die altkatholische Tradition, wie es der jetzigen Münchener politischen Situation tnirth- aus entspricht. Von einer Vermehrung der baierischen Cavallerie um zwei weitere Ulanen Regimenter ist Ab­stand genommen; dagegen scheint neuerdings wieder die Umwandlung der beiden baierischen Cürasster-Re- gimenter in leichte Reiterei angeregt worden zu sein.

Colmar, 18. Oct. Der Kaiser hat die lieber« lassung von 25 Gentnern Geschützbronce an die Ge­meinde Riedweier, Kreis Colmar, für die katholische Kirche daselbst, Und von 12 Gentnern an die Gemeind« Altweier, Kreis RappoltSwciler, für die evangelische Kirche daselbst zur Beschaffung von Glocken verfügt.

P-st, 21. Octbr. Der neuernannte Gesandte des deutschen Reichs in Konstantinopel, von Kendel!, hat den gestrigen Tag hier zugebracht und mit dem Minister des Auswärtigen, Grafen Andraffy, vielfach verkehrt. Bei dem Wettrennen, welche« er besuchte, ließen sich ihm mehrere ungarische Minister und De- putirte vorstellen Heute früh hat derselbe zu Schiffe die Reise nach Varna fortgesetzt.

Bern, 22. Oct. Der hiesige Gemeinderath casfirte mit 8 gegen 7 Stimmen den Beschluß de» Vorstanve- ber Münsterkirche, betreffend die Verweigerung der Münsterkirche für die Festfeier de« Reformvereins. Pfarrer Lang wird demnach heute Abend in derselben^ die Festpredigt halten.

Paris, 22 Oct.Bien Public" veröffentlicht eine Zuschrift drS Maires von Nancy an den ftan- zösifchen Bevollmächtigten im Hauptquartier der Occu» pationslruppen, Grafen Ballier, worin ausdrücklich gegen die Zeitungsnachricht prvtestirt wird, daß er (der Maire) in Paris gewesen fei, um über Belästi­gung Seitens der dnitfchen Truppen Klage zu führen. Der Maire erklärt, Belästigungen existirten nnt in der Einbildung der Pariser Journalisten; er beklage mit Ballier auf« Tiefste die Sprache gewisser Journale,

Gesetze, nachdem ich nach dem Gesetze verurtheilt

worden bin. Ich will Niemand verdammen, nichts zu meiner Rechtfertigung sagen sondern ich bitte Gott, den König zu retten, und die Tage feiner Herrschaft über Euch zu vermehren "

Arme Frau!" rief die Obsthändlerin mitleidig

Und bann?"

Dann," fuhr der Erzähler fort,bann legte sie ihr Haupt auf den Block und sprach: Ich empfehle meine Seele Zesnm Christum dem Herrn. Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, so war es auch um sie geschehen."<

Auf einen Schlag?" fragte der Fleischer. -

Im Handumdrehen", erteieberte ber Goldschmied Der König hatte aber auch einen geschickten Mann ausgesucht, denn er hatte den Scharsrichter von Ca­lais eigens dazu verschrieben."

Den wird man wohl wieder holen laffen", meinte die Obstverkäuferin.

O", meinte Jackson,ber unfrige hat seitdem

Uebung genug gehabt, um sich Fertigkeit zu erwerben."

Die Gerichtsdiener geboten jetzt Stille, denn der Hof war im Begriff, sein Unheil auszusprechen. Die Angeklagte ward von ihren Frauen wieder herein ge­führt, war aber so blaß, daß sie sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, um das Unheil anzuhören, welches sie, als des Ehebruchs für schuldig erklärt, sammt ihrem unbekannten Mitschuldigen verurtheilte, nach Verlauf von drei Tagen, am Eingänge des To­wers von London, durch bas Beil vom Leben zum

Tode gebracht zu werden.

Katharina brach halb ohnmächtig zusammen; der König aber, der da« Unheil, unter der Thüre stehend, mit angehört hatte, kam nun näher, und drückte dem Parlament seinen Dank aus. In dem Augenblick je­doch, in welchem ber Präsident die Sitzung als auf gehoben erklären wollte, schwang sich bet Graf von Sussex wieder über ba« Geländer, streckte die Hand au« und rief:

Noch nicht, wenn eS dem König und dem Lord Präsidenten beliebt."

WaS habt Ihr gegen daS Urtheit einzuwenden?" herrschte ihn Heinrich hochfahrend an.

^Nichts, Sire", erroieberte Suffex,denn e« ist so ausgefallen, wie ich e« von dem Parlamente er­wartet habe."

.Da Ihr nicht mehr zu der Versammlung gehört, welche das Unheil ausgesprochen hat, so theilt Ihr ja auch ihre Verantwortlichkeit nicht", sagte der König mit schlecht verhehltem Zorne.

War aber auch Suffex fein Mitglied des Ober­hauses mehr, so war er doch noch immer Graf von Sussex. Er hatte seinen PairSmantel, aber nicht sein Ritterschwert abgelegt, und so nahte er sich denn lang­sam der Königin, die sich unter dem Beistände ihrer Frauen wieder in etwa« erholt hatte, ließ Ach auf ein Knie vor Hr nieder, und büchwor stt, nach bhn ihr zustehenden Rechte von dem Urihtik der Menschen an ein Gottesgericht zu appelliren die alten Ge­setze Englands mußten ihr di.se Forderung gewähren. Mit feurigen Worten bet er sich zu ihrem Kämpfer an, und gelobte, sich nicht eher von den ftnieen zu erheben, bis sie ihm erlaube, ihre Unschuld nicht nur mit dem Worte, sondern auch mit dem Schwerte zu behaupten.

Das Volk jauchzte stürmischen Beifall und ver­langte laut nach einem Gottesnriheil. Die Goelbamen drängten die Königin, daS Anerbieten de« Grafen an­zunehmen. Sie reichte ihm die Hand.

Wa« schlagt Ihr mir vor, Mylord?" sagte sie endlich, indem eine warme Dankesthräne in ihrem schönen Auge glänzte.Wenn nun der Kampf einen unglücklichen Ausgang für mich hat?"

Mein Leben gehört meiner Herrscherin, meine Seele Gott", entgegnete Suffex, mit ber Hand auf dem Herzen, wenn ich sterbe, so hat jeder zurückge- nommen, wa« ihm gehört."

Und so erhob sich denn die Königin und appellirte von dem Urtheil bet Menschen an ein GotteSurtheil. Sie verlangte einen Kamps in geschloffenen Schranken, al« Beweis ihrer Unschuld, und erklärte, baß ste den Grafen von Suffex zu ihrem Kämpfer erwähle.