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Marburg, Mittwoch, den 23. ©ctobet. 1872.

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Oberhessische Zeitung

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Deutsches Reich.

#* Berlin, 21. Octbr. Die Verhandlungen zwischen der preußischen Regierung und dem Profestor Herrmann sind zum vollen Abschluß gelangt. Dagegen hat Pros Herrmann sein Verhältniß mit der badischen Regierung zu lösen und die begonnenen UniverfilSts coüegien zu Ende zu führen; eS dürfte deshalb ein un­mittelbare« Eintreten in sein neues Amt nicht zu er­warten sein, jedoch wird er sein Eintreffen in Berlin möglichst beschleunigen. Der Landtag wird morgen seine Arbeiten ausnehmen und findet aus diesem Grunde !nne förmliche Eröffnung der Session durch eine Thronrede statt; es wird also der Regierung benom men, bereits eine vorherige Ankündigung der Vorlagen machen zu können und hat man daher einen Ausweg darin gewonnen, daß das Staatsministerium dem Präsidium der beiden Häuser eine Uebersicht der Vor­lagen zugehen lassen wird. Wie man hört, steht die Vorlage überProvinzialfonds für ältere Provinzen" in unmittelbarer Aussicht, außerdem unter andern Vor­lagen ein Gefetzentwurf über die Geschäftssprache der öffentlichen Behörden und Beamten, welcher besondere Geltung für die polnischen Landeslheile haben wird. Was das Kreisordnungs-Schicksal im Herrenhause anbelangt, so scheint, als hätte der geharnischte Artikel derKreuz.-Ztg." der liberalen Preffe einen solchen Schrecken eingejagt, daß auf dieser Seite die Mög lichkeit des Gelingens der KreiSordnung in Aussicht genommen wird. Es scheint diese Verzagtheit doch zu weit zu gehen; denn es ist aus vielen anderen Ver­hältnissen ersichtlich, daß die Ansichten derKrz.-Ztg." keinen großen Anhang im Herrenhause haben. In gewissen Organen der Preffe wird die nordschleswigsche Frage fortwährend erörtert, nachdem bereits von com- petentcr Seite daraus hingewiesen ist, -daß alle Ge rüchte über Verhandlungen nach dieser Seile unbe gründet sind; so wird z. B. jetzt berichtet, der Regie rungspräsident Bitter und der deutsche Gesandte in Kopenhagen, Hr. v. Heydebrand-Lasa, seien hier in Berlin gewesen, um die bezüglichen Verhandlungen in Gang zu bringen. Auch diese Nachricht entbehrt jeder Begründung, da die beiden genannten Herren in Privat- Attgelegenheiten hui: waren. Vom 15. bis 20. Oc-

lober hat in Dresden die Reichs - Schul - Commission getagt, lieber sämmtliche Gegenstände," welche zur Berathung gestanden, ist eine erfreuliche llebereinftinv mutig erzielt worden und sollen die gestellten Anträge den einzelnen Regierungen zur Prüfung eventuel Aus­führung übermittelt werden Der Handelsminister hat die König!. Eisenbahn-Directionen darauf aufmerk­sam gemacht, daß bei Aenderungen von Eisenbahn- projeeten, sobald auch Aenderungen von Bewäfferungs- Vorfluth, Wege oder ähnlichen Anlagen in Frage kommen, diese Prüfung vor der Ausführung des Pro- jecteS erfolgen muß

Die neuen Verfügungen über das VolkSfchul- wesen, welche an Stelle der Regulative treten werden, befinden sich jetzt, wie dieSpen. Ztg." hört, in der That im Druck und werden in nicht allzu langer Frist an die betreffenden Behörden abgehen. Es sind fünf Reglements nebst den entsprechenden Anweisungen, und sie beziehen sich auf die Lehrpläne u. s. w. der Volks­schule, der Mittelschule, auf die Präparanden-An- stalten, die Seminare, endlich aus das noch sehr un­geordnete PrüfungSwesm bis zur Prüfung pro rec- torato. Ein Ministerialrescript wird die gejammten Verfügungen begleiten, die sich im Unterschied von den molivreichett Regulativen darauf beschränken, trocken und geschäftsmäßig die nöthigen Anordnungen zu treffen. Die neuen Erlasse hängen mit den Resul­taten der im Juni d. I. stattgefundenen VerhaM- lungeit der sogenannten Schulconferenz zusammen, sie sind nach einem, von dem Chef der Unterrichtsverwal tung vorgezeigten Plane entworfen, fodann in längeren Conferenzen ameiidirt und endlich einer Schlußrrvision unterzogen worden. Sie kennzeichnen sich also als das Resultat einer vom Unlerrichtsminister geleiteten gemeinst! östlichen Arbeit einer Anzahl von Beamten. Hiernach ist, die Ansicht zu berichtigen, als ob die neuen Erlasse ihre Entstehung dem Seminardirector Schneider verdankten. Herr Schneider, gegenwärtig im Unterrichtsministerium als Hilfsarbeiter thätig, hat an der gemeinsamen Arbeit nur mit Antheil genommen.

Dasselbe Blatt theilt ferner mit:Die Ar­beiten für den StaatsHdushaltsetat sind namentlich in den letzten Tagen so eifrig gefördert worden, daß die

Einbringung der wichtigsten Arbeit für das Abge- ordnetenhans schon in dessen erster Sitzung am 22. d. M. erfolgen wird. Gleichzeitig ist dafür Sorge getragen, die Abgeordneten sofort mit einer genügenden Anzahl von Exemplaren des Etats versehcit zu können, so daß die Herren gleich Gelegenheit erhalten, an eine ihrer hervorragendsten Aufgaben heranzutreten. Einer der nächsten Gegenstände, mit denen sich das Abge­ordnetenhaus beschäftigen wird, möchte der driitgliche Antrag des Abg. Virchow fein, welcher die Ablösung des Veterinärwesens von dem Cultusm'inisterium und dessen Unterstellung unter das landwirihfchaflliche Ministerium betrifft. Man wird sich erinnern, daß sowohl der Unterrichtsminister, wie der Minister für landwirthschaftliche Angelegenheiten für die Berech tigung der Vornahme dieser Maßregel auf dem Ver­waltungswege, also ohne Befragung der LandeSver- tretuug sich auf die Autorität des Staatsrechts des Herrn v. Rönne berief. Wohl im Zusammenhänge mit diesem Umstande hat der Präsident v. Forkenbeck den Abg. v. Rönne zum Referenten in dieser Ange­legenheit bestellt."

Dresden, 18. Oet. DieDresdener Nachrichten" schreiben: Sicheren! Vernehmen nach wird der Fürst- Reichskanzler Bismarck zu der goldenen Hol-zeit des sächsischen Königspaares nach Dresden kommen.

StuttHart, 21. Oet. Die Sländeversammlung ist auf den 30. October einberufen 5?er Hof kehrt am 26. d. von Friedrichshafen hierher zurück, Ein Thäter des großen Diebstahls im hiesigen Na- turaliencabinet ist in Osterburken (in Baden) ver­haftet worden. . .....'v;1 "

Ausland. ' T '

Bern, 21. Oct. Der englische Gesandte hat dem Nalionalrath Stempfle für seine unermüdliche Thä- tigklit als Schiedsrichter in der Alabama-Angelegen­heit den Dank der Königin ausgesprochen.

Paris, 21. Oct. lieber die Ersatzwahlen zur Nationalversammlung liegen folgende Nachrichten vor: Im Departement Gironde wurde der Cauoidat der republikanischen Partei, Caduc, mit 44,900 Stimmen gegen Corcade de la Roquette, welcher 28,700 Stim­men erhielt, gewählt. Im Departement Jndre-et-Loire

Gerächt.

Historisch-romantische Erzählung von H. Z.

J (Fortsetzung.)

VII.

Heinrich VIII. erschien persönlich als Kläger vor dem Parlamente, Nagte seine Gemahlin der Treulosig­keit und des Ehebruchs an, und verlangte, daß ein Todesuriheil über die Verbrecherin ausgesprochen wer­den sollte.

Als sich hierauf der Präsident mit der Frage an die Lords wandte, ob sich die Kammer für hinlänglich erleuchtet erachte, ertönte ein vielfaches Ja; nur der ®raf von Suffex sprach ein lautes, kraftvolles Nein aus.

Wie das, Mylord?" ries der König auffahrend.

Wir sind hinlänglich erleuchtet, was die Erge benheit, nicht aber was das Gewissen betrifft," erwi­derte der Graf würdevoll. »Das Parlament ist ein unabhängiger, gerechter Gerichtshof, welcher nur Golt allein Rechenschaft von feinen Urtheilen abzulegen hat. Seit zwei Stunden, welche diese Sitzung dauert, habt Ihr angeklagt, Sire, aber wo sind die Beweise Eurer Beschuldigungen."

Gut, Mylord, wir werden diese Beweise liefern," sagte der König gereizt;indeffeit geben wir unser Won"

Wir haben das Recht," fuhr Suffex fort,diese Beweise von Ew. Gnaden zu fordern, bevor wir das ÜNheil auSsprechen, welches den Kopf vom Rumpf, die Seele vom Körper, die Königin von dem Köiiig scheidet."

Der Ehebruch hat sie bereits von mir geschieden, Mylord, und zwar bester, als es das Beil des Hen­kers vermag."

Ich sage also, meine Lords," wandte sich der Graf mit hohem Ernste an die Parlamentsmitglieder, »ich sage also, daß, bevor wir mit ihrem Kopfe in Händen Diejenige zu Gott schicken, die er mit

einer Krone auf dem Haupte zu uns gesendet hat, es an uns ist, die gegen sie erhobene Anklage in der Wage der Gerechtigkeit gewissenhaft abzuwägen, und nur dann ein UNHeil auSzusprechen, wenn das Ge wicht ihres Vergehens wirklich schwer genug ist, um daß ihm nur die göttliche Gerechtigkeit als Gegengewicht dienen kann."

Das heißt, Mylord," rief der König wüthend, indem er den Fuß auf den vor ihm stehenden Tisch setzte,das heißt, daß Du vertheidigst, wo ich an- flage, daß Du zweifelst, wo ich behaupte, und leugnest, wo ich schwöre. Mylord, Mylord, Du vergißt, wer Du bist und wer ich bin; Du vergißt, daß (Sott mir eins der größten Reiche in die Hand gab, und daß, je nachdem ich die Hand öffne ober schließe, ich vier zehn Millionen Menschen Luft schöpfen laste oder sie ersticke."

Sire, Ew. Gnaden irrt sich, Gott gab Euch bje Königswürde, doch nicht daS Königreich, den Körper und nicht die Seele."

Darum, Mylord von Suffex, wenn dieser uns unterwürfige Körper eine rebellische Seele umschließ!, jo rufen wir den Henker, auf daß er uns helfe, die Seele aus dem Körper zu treiben.

Und wenn der Henker zögert, fo wissen wir einen König, der einen Dolch in seinem Gürtel trägt, weicher den Dienst des Henkerbeils trefflich zu ver­richten versteht."

Der König machte eine Bewegung, als wolle er auf den Grafen von Sussex zuspringen; die Pairs umringten diesen und suchten ihn zu begütigen; aber mit edler Giuth auf den Wangen rief der muihige Mann:

Zurück, meine Lords, auf daß der König wohl sehe, daß ich allein bitt, und auf mich zukomKyt kann, wenn ihm solches beliebt."

Sire", sprach der Erzbischof von Canterbury,

die Ueberzeuguitg bringt durch Worte, nicht aber durch den Dolch in die Herzen. Ew. Gnaden sprach von Beweisen" ' .

«Ihr habt Recht, Mylord von Canterbury", fiel ihm Heinrich in die Rede.Doch,.da kommt ja eben die Angeklagte, und liefert mir selbst zwei Beweise, die Ihr nicht verwerfen werdet, nämlich ihre Bläste und ihre Verwirrung."

In der That erschien so eben die Königin, in Be- gleitung der Herzoginnen von Oxford und von Rock.by. Sie setzte sich, und flehte fodann die Lords an, Mit­seid mit ihr zu haben; der Erzbischof von Canterbury forderte indesten den König auf, feine Anklage in Gegenwart der Angeschuldigten zu wiederholen, denn sie hatte das Recht, sie anzuhören und darauf zu ant­worten.

Der König erzählte hieraus, wie er, aus dem Staatsrathe gekommen, das Weib, das er zur Königin gemacht, mit einem Manne eingeschlosten gesunden, dessen Stimme er deutlich gehört habe; wie er hier­auf die Thüre eingetreten, das Barett des Entflohenen in dem Zimmer der Königin Lejundeis. Auf diese Indizien hin klagte er sie der Treulosigkeit und des Ehebruchs an, und beschwor seine Aussage auf seine Ehre und die Religion, auf seine Krone und das Evangelium; zugleich die Lords auffordernd, daß Der­jenige, der noch den kleinsten Zweifel habe, feinen König Lügen strafen solle.

Was habt Ihr darauf zu erwiedern, Mylady?" fragte der Präsident.

Mylords, was soll ich hieraus sagen?" erwiederte Katharina mit leise bebender Stimme.Wer vermag das mächtige Wort eines Königs zu beantworten? Man ringt nicht mit dem Gewiuerftrahl, man schließt die Augen und erwartet den Schlag. Ich fühle nicht die Kraft in mir, eine so schreckliche Anklage zurück- zustoßen. Urtheilt daher mehr noch nach Eurer Milde,