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Hr. 228 t / * Marburg, Freitag, den 27. September. . ;; ff L872.

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Erscheint täglich außer de« Werktagen nach Sonn- Und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesfische« Zeitung mit Kreitblatt durch die Expedition (Koch'sch» Buchdruckerei) bezogen tt; ®gr., durch die Postämter 27 Lgr. 6 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl. Stempelsteuer), für »aS Austans exel. Stempel 81 »ar — Jnsertionsgebühr für dir gespaltene Zeile 1 Sgr. Sämmtliche Annoncen-BüreauS nehmen Inserate an.

Oberhessische Zeitung

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•• Berlin, 25. Sept. Die Einnahmen von Zillen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern im Zollge­biete des deutschen Reiches haben für die Zeit vom 1. Januar bis zum Schluß des Monats August d. I. 47,993,204 Thlr. betragen und zwar in Eingangs­und AusgangSsteuern 26,399,783 Thlr., an Rüben zuckersteuer 3,943,498 Thlr., an Salzsteuer 6,395,257 Thlr., an Tabakssteuer 232,056 Thlr., an Braniit- weinfteuer 7,999,799 Thlr., an Uebergangsabgaben von Branntwein 8,249 Thlr., an Brausteuer 3,024,180 Thlr. und von Uebergangsabgaben von Bier 140,382 Thlr. Bon der gesammten Steuersumme hatte Preußen 31,712,397 Thlr. eingenommen. — Die von zustän­diger Seite gegebene Berichtigung, daß Seitens des Minister» des Innern über die Unglücksfälle am 7. September eine Untersuchung nicht beantragt sei, ist lendenciös in einigen Blättern so gedeutet, als ob überhaupt eine Untersuchung eingeleitet nicht sei. Die Notizen der letzten Tage in der Presse strafen diese Angabe Lügen. — Die „Krenzztg." veröffentlicht mehrere Leitartikel, aus denen sich erkennen läßt, daß die eonservativen Kreise dieser Zeitung in einer sehr scharfen Opposition gegen die Kreisordnung stehen, manche andere Anzeichen sprechen jedoch dafür, dafe auch im Lager der „Kreuzztg." gegen die Regierungs- Politik mehr vorsichtige und annähernde Haltung hcr- vortritl. — Die „Prov.-Corresp." spricht in ihrem heutigen Leitartikel über die am 21. Oktober zu er­öffnende Landtags Session und fuhrt im Weiteren aus, daß die Verfassung weder, noch auch die Praxis da­gegen Bedenken erheben, daß diese fortgesetzte Session zugleich als Session für das nächste parlamentarische Jahr gelten kann. — Die „Prov.-Corresp." gibt einen Auszug über den Schriftwechsel zwischen dem Bischof von Ermland und der Staatöregierung mit der sehr beachtenswerthen Bemerkung, daß die Regie­rung dafür Sorge tragen werde, die Souveränität des Staates auf allen Gebieten des bürgerlichen Lebens

Fl auf dem Wege der Gesetzgebung sicher zu stellen. Wie r f.i man hört, stehen denn auch für die nächste Landtags- Session zwei wichtige Gesetzesvorlagen in Aussicht FE und zwar eine solche, welche dem Mißbrauch der

gl, geistlichen Gewalt steuern soll und eine zweite über die Einführung der obligatorischen Civilehe. Außer

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dem wird als zuverlässig gemeldet, dgß die Beschlüsie des Staatsministeriums, welche in der Sitzung, in welcher Fürst Biömarck präsidirte, gefaßt worden sind, heute die Genehmigung des Königs erhalten haben, wodurch für den Bischof Krementz vom 1. Oktober d. I. ab die Temporaliensperre in Wirksamkeit tritt.

Berlin, 25. Sept. Ueber die Neubesetzung der diplomatischen Posten steht nunmehr fest meldet „W l. C.-B.": Hr. v. Keudell wird Gesandter in Kon­stantinopel , Geheimer Legationörath v. Bülow II. übernimmt y. Keudell's Deceriiat im auswärtigen Amte, Hr. v. Radowitz, zur Zeil General-Consul in Bukarest, wird vertagender Rath im auswärtigen Amt«, Herr von Pfuel wird General - Eonsul in Bukarest, Graf Alvensleben, bisher in Brüssel, tritt an v. Pfuel's Posten in Petersburg, Gras Arnim-Boitzen bürg, an dessen Stelle in Washington Graf Andreas Bernstorff tritt, und Frhr. v. Brincken, bisher in Münchesi, sind nach Berlin versetzt; Graf Arco Talley, bisher in Atlachö in Washington, ersetzt den Grafen Andreas Bernstorff in Wien. Die über den Bot­schafter Grafen Arnim in Paris verbreiteten Gerüchte sind grundlos.

Tilsit, 22. Sept. Der „Tils. Ztg." wird von der russffchen Grenze geschrieben: „In Kurland ist das Gerücht verbreitet, welches seinen Ursprung aus den höchsten Beamtenkreisen in Petersburg herleiten will, daß die Concession zu der Weitersührung des russischen Eisenbahnnetzes von Russeiken nach der preußischen Grenze, um einen Anschluß an die Memel Tilsiter Bahn zu gewinnen, nicht eriheilt werden soll. Als Gründ wird hinzugefügt, die Bahn könne bei einem ausbrechenden Kriege zwischen Rußland und Preußen zu leicht zu der Eroberung der baltischen Provinzen benutzt werden."

Osnabrück, 23. Sept. Wie dem „Hann. Cour." geschrieben wird, hat der CultuSminister auf die Beschwerden des Kirchenvorstandes zu St. Calharinen und des geistlichen Ministeriums der Stadt Osnabrück entschieden. Das Resultat ist, daß die Kirchen für den Gottesdienst nach wie vor geschloffen bleiben, da­gegen für die Verhandlungen dem Protestantentage offen bleiben. „Der Verfügung des königlichen Landes consistoriums auf Grund des §. 7 der Verordnung

über die Errichtung eines LandesconststoriumS vom 17. April 1866 meinerseits Einhalt zu thun und eine anderweite Entscheidung herbeizuführen, fehlt eS an einem gesetzmäßigen Grunde", so lautet die Entschei­dung. Der „Courier" bemerkt dazu, daß der Cultus- minister nach §. 7 der oben citirten Verordnung in Angelegenheiten des CultuS keine eigenen Anordnungen ohne Einverständniß mit dem Laudesconfistoritun zu treffen hat, sondern höchstens den Verfügungen dessel- ben — behufs Einholung der Entscheidung des „obersten Bischofs" — „Einhalt thun" kann. Zu Letzterem hat er in dem vorliegenden Falle allerdings insofern [einen Anlaß gehabt, als ja Zeit genug vorhanden ist, sich an den Kaiser zu wenden und der Erlaß bet Consistoriums in der Zwischenzeit keine Wirkung übt, der „Einhalt zu thun" wäre. u:. .

Crefeld, 23. Sept. Nachdem auf Anweisung des kaiserlich deutschen ReichSkanzler-Amtes vom 13. Juni c. dem Musikdirektor Karl Wilhelm von bet ReichShauptkaffe die Dotation pro 1872 von 1000 Thlr. wiederum ausbezahlt worden ist, hat der Haupt- ausschuß für eine „Karl Wilhelm-Dotation einstimmig den Beschluß gefaßt, daß — da nach dieser wieder­holten Zuweisung der Dotation mit Bestimmtheit auf deren .Gewährung von Reichs wegen bis an daS Lebensende des Componisten zu rechnen fein dürfe- — derselbe nunmehr seine Thätigkeit als beendet betrachten könne und müsse. Unter den obwaltenden Verhält­nisse^ war man der Ansicht, daß die kleine Summe von 760 Thlr. 12 Sgr. 4 Pfg., welche in Folge des Aufrufs zur Bildung einer. Karl Wilhelm Stiftung bis zur Verleihung obiger Dotation bereits, emgegan- gen, dem Capital von 2321 Thlr. 7 Sgr. 7 Pfg. beigefügt werde, das für Karl Wilhelm persönlich zu Anfang des Krieges hier bei einem provisorischen Eomite zusammengekommen. Diese Gesammlsumme, worüber dem verehrten Componisten der „Wacht am Rhein" ein Besitztitel ausgestellt wurde, ist einstweilen unter der Controls des Vorstandes der hiesigen Lieder­tafel zinstragend angelegt. Die Zinsen zu 5 pCt. so wie kleinere Beträge des Kapitals werben ausgezahlt, so weit über die Dotation hinaus der kostspielige Unterhalt eines Wärters es erforderlich macht, um vem durchs die Lähmung dcr linken Seite schwerge- prüften Künstler den Lebensabend möglichst, sorgen-

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„Kellner, eine Portion Eis!" Humoreske aus dem Leden eines Junggesellen von Fritz Brentano*)

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, Sie sehen, daß ich mich bis dato eines sehr ge- btüthlichen Daseins erfreute. Mein körperlicher und geistiger Zustand ließ durchaus nichts zu wünschen wrig und stillvergnügt lenkte ich meine Schritte zu Jungk, um im Genüsse einer Taffe Mocca abermals Stündchen meines Rentnerleben-Daseins zu Der«

*) Mit Erlaubniß des Herrn Verfassers aus „Etwas Uli" (Zweite vermehrte Auflage, Leipzig, Luckhardt'sche Ver­lagshandlung)

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|ttabe in der Aue gemacht, um 10 Uhr bei Feodor Schröder ein delicateS Frühstück eingenommen, hieraus ;|*ine halbe Stunde lang dem Drillen der Rekruten auf FriedrichSplatz zugeschen, wobei ich eine kindliche " empfand, daß ich nicht selbst die Ehre hatte, die Geheimniffe des ZündnadelgewehrS eingeweiht werden. So hatte ich mich nach und noch an die Nittagszeit herangeschlängelt, welche ich im Genüsse eine- vortrefflichen Diners bei Freund Scharnbeck ver­brachte , der seit sechs Jahren die Ehre hat, der cu- linarische Pflegevater meine« wohlgenährten Jch'S zu sein, welches sich unter seiner Obhut äußerst wohl

n\ [ Können Sie begreiflich finden, meine Herrschaften, »ie nn gemächlicher Mensch, der nicht im Stande ist, ein Wässerchen zu trüben, durch den obigen harm- . q losen Ausruf in eine Art Wuih versetzt und ihm ein rr—’ wunderschöner Sommertag vollständig verdorben wer-

■i den kann?

Rein, »erben Sie mir antworten. Und doch ist ■5 Ä es so, wie ich Jhnen'gleich begreiflich Machen werde.

Ich hatte einen recht vergnügten Junggesellen- -Umorgen verlebt. Um 9 Uhr hatte ich meine Prorne-

bringen und die schöne Welt Kassels unter den Linden des FriedrichsplatzeS vor wir befilhen zu lassen.

Ich halte gerade Platz genommen und winkte dem unter der gegenüberliegenden Thür postirten Kellner, als hinter mir eine näselnde Stimme demselben über die Straße zuherrschte:

„Kellner, eine Portion EiS!"

Sehen Sie, das gab mir einen Stich in das Herz. Nun war es mit meiner Gemächlichkeit für den übri­gen Tag zu Ende, und wenn ich Ihnen die Geschichte erzähle, warum ich — obwohl ich stets für eine solide Häuslichkeit schwärmte, — heule noch Junggeselle bin, so werden Sie dies begreiflich finden, und mir ihr werthes Bedauern nicht versagen.

Oder sollten Sie mich auslachen? Nous jerrons!

Es sind jetzt gerade 10 Jahre her, da bildete ich mir ein, leidend zu fein und wußte meinen Arzt da hin zu bestimmen, mir ein Bad zu verordnen. Du lieber Gott, die Herren Doctoren sind darin sehr ge­fällig, und wenn der Patient ihnen nur begreiflich zu machen versteht, daß er absolut ein Bad gebrauchen und wohin er gerne will, so findet sich daS dazu gehörige Uebel schon von selbst.

Junge Wittwen namentlich sollen in dieser Bezie­hung ganz erstaunliche Geschichten zu erzählen wiffen.

Mein Arzt hatte mir Baden-Baden oeroibnet Ich bin — ich schäme mich nicht, die« nebenbei zu bemerken — reich, und reiche Kranke gehen immer nach Baden-Baden.

Ein himmlischer Aufenthalt! Die höchste land­schaftliche Poesie, vereinigt mit allen Reizen deS com- fortablen Leben« — wunderbare Spaziergänge — gott­volle Ausflüge — himmlische Toiletten — großartige

Schönheiten — Sport — Spiel — kurz, der DoU«, echte Parfüm des noblen Leben«. -

Doch dies Alles können Sie ausführlicher in Bädeckers Reisehandbuch Nachlesen, und ich gehe zu meiner Geschichte über.

Noch war ich keine vierzehn Tage am Orteals ich auf einem Ausfluge die Bekanntschaft eine« reizen­den Mädchens machte, welche nach den ersten Stunden unseres ungezwungenen Zusammenseins mein Zuttg- gesellenherz in Feuer und Flammen gesetzt und mich zu dem triumphirenden Ausrufe veranlaßt hatte: „Die oder Keine!" Seraphine nannte sich der blondgelockte Engel, in dessen seelenvollen Augen ich mich verfangen hatte, während ihr Familienname allerdings etwas prosaischer Natur und zwar — fast nehme ich Anstand es zu sagen — Strippe war.

Seraphine Strippe, merkwürdiger Gegensatz —5 wie? Himmel und Erde in eines Namens Klang ver- emigt!

Doch was kümmerte daS mich, der ich in die lie­benswürdige Wienerin, denn eine solche war sie, bi« über beide Ohren verliebt war. Ich sah nur den Seraph, der mich, entschuldigen Sie den faulen Kalauer, d-rart an der Strippe halte, daß ich nach acht Tagen bereits ihm Herz, Hand, Vermöge», kurz meine ganzen Herrlichkeiien zu Füßen legte und auch nach einigen verschämten Wendungen und Drehungen die beseligend«^ Antwort auf meinen Antrag in den hingeflöteten Worte«' erhielt:

„Schreiben Sie an meinen Vater!"

Dieser Vater lebte al« yensionirter Hauptmann n Wien. Die Familie, bei welcher Seraphine wohnte und die seit Jahren mit ihm bekannt und befreundet war, hatte mir viel von ihm erzählt und mir so be- taiüirte Beschreibung seines Wesen«, seiner Art und