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Marburg, Sonntag, den 22 September.

1872

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Ein Lebensbild von Ehr. H. >■■ (Fortsetzung.)

Er waren schon Wochen vergangen seit meinem Einzug ins Försterhaus und immer freundlicher wurde ber alte Förster gegen mich, weil er sah, wie gewissen- haft ich war im Dienst und wie anstellig in allem, »ae er vornehmen wollte. Oft auch redete er mir zu, doch mehr in der Försterei zu bleiben und mir nicht mehr Last aufzubüroen, als nöthig sei im Revier. Siir aber war daS feine Last, im Gegentheil. Ich hatte Tag und Nacht nicht Ruhe, immer zog's mich hinaus ins Freie, weil mir'S nur in der lieben GolteS- vatur so recht wohl im Herzen war. Kam ich von Meinen Streisereien nach Hau«, so brachte ich jetzt wohl auch der schönen Rösel einen hübschen Strauß mit von seltenen Blumen, die nur auf den Höhen wachsen. Bor allem aber war es das prächtige „Edel­weiß", was dem Mädchen besondere Freude machte. Hatte ich nun sonst nur an bcn Verfolg von Gemsen und anderem Wild gedacht, so kam eö jetzt wohl manch Mal vor, daß ich einen ganzen Tag und oft die Nacht dazu verwendete, die höchsten Gipfel der Zugspitze, «bet gar der fernen Alpspitze zu ersteigen, um für Nösel das so seltene Edelweiß zu pflücken, daS eben in der ßett zu blühen anfing. Manche Gemse ließ *4 dabei ruhig ans dem Grat stehen, manches Häs- leht schlüpfte ungefährdet an mir vorüber, mancher stattliche Baum kam in besten in der Waldschlucht ab­handen und die Wilderer trieben eS kühn, wie nie Manchmal war mir'S, als wäre ich gar nicht mehr fo Mcklich wie früher, und bann wat mir'S oft wieder, wäre ich nie so glücklich gewesen wie jetzt. ES

den neuesten Nachrichten die ganze Angelegenheit bald der Vergangenheit vollständig anzuzehören. Minister- Präsident Hoffmann von Darmstadt versicherte bei dem Bankette gelegentlich der landwirthschaftlichen Aus­stellung in Mainz, „diejenigen Verhältnisse, welche den Fürsten dem Lande entfrembeten, seien hoffentlich für immer beseitigt." Auch auS unserer Provinz Hesten finb zwei Acte aus der jüngsten Vergangenheit zu ver­zeichnen, welche zwar nicht zu ben großen politischen gehören, bennoch aber für bieselbe immerhin von Be­deutung finb. Nach Marburg kam die bestimmte Ent­schließung des Herrn Cultusministers, den Neu- resp. Umbau eines Collegiengebäudes betreffend, und in Kastel fand am Freitag die Eröffnung der hessischen Gewerbehalle statt.

In Ofen hat nach der Rückkehr Kaiser Franz Josephs die Eröffnung der österreichischen und unga­rischen Delegationen stattgefunben. Bei bem Empfange derselben hob der Kaiser den gesicherten Friebensstand und die guten Beziehungen zum Auslände hervor. Im ungarischen Unterhause entwickelte der Finanz­minister ein günstige- Finanzexposv, die Einnahmen haben sich um 13 Millionen vermehrt und das Defi eil im Ordinarium von 5 Millionen und in Extra- oroinarium von 28 Millionen soll durch Anlechen ge­deckt werden.

Dem schweizerischen BunbeSrathe ist aus Berlin der Entwurf zu einem schweizerisch - beutschen Niederlastungs Vertrage zugegangen Das Schieds­gericht in Gens hat am 14 September seinen Schieds­spruch und seinen Schluß verkündet. ES feierten 22 Kanonenschüsse den glücklichen und rühmlichen Erfolg.

In Frankreich war daS große Ereigniß der Besuch deS Präsidenten Thiers in Havre. Der Be­such, welcher wohl de» Hauptzweck hatte, die durchaus kausmännische Bevölkerung von Havre wegen der neuen Zollgesetzgebung zu beruhigen, welche bekannt­lich in ben Seehandelsplätzen nicht gefällt, würbe sehr günstig und sogar enthusiastisch ausgenommen. Auch mit ber Anwesenheit zweier englischen Fregatten auf ber Rhebe von Havre suchte ThierS bic Sympathie Englands für Frankreich klar zu machen, wie er denn nicht minder über die Drei-Kaiser-Zusammenkunft die beruhigendsten Versicherungen gab. — Thiers ist nach Paris zurückgekehrt und wird in den fürstlichen Palästen demnächst größere Festlichkeiten geben. — In Ermangelung von Kammer- und sonstigen war immer, daß ich nicht wußte, war ich auf einmal unglücklich geworden, oder wäre ich jetzt erst recht glücklich. Ich sann aber sonst nicht weiter darüber »ach und machte mir auch keine Gedanken darum. Nur wunderte ich mich manchmal selbst, daß mir's daS Edelweiß auf einmal so angethan, daß ich oft tagelang darnach suchte und alles andere darüber der gaß. War mir doch früher daS Edelweiß gleichgiltig gewesen und hatte es nicht höher geachtet als Alpen rosen und Enziane auch. Ich ließ eS aber gehen und meinte, eS müßte nun eben so sein. OefterS freilich, wenn ich bei tagelangem Herumschweifen nichts weiter erbeutet hatte, als ein Zweiglein Edelweiß, nach keiner Gemse gelugt, noch weniger eine geschaffen hatte und so nach Hause zuginz, ward mir'S ordentlich unmuthig und schien mir wieder, als wäre ich nicht mehr so glücklich wie früher. DaS stimmte mich mitunter ganz traurig Wenn ich aber bann AbenbS nach Haus kam und sah, wie Rösel sich darüber freute unb mich mit ihren freundlichen Auge» anlächelte, da meinte ich oann, ich wäre gerade nie so glücklich unb froh ge wesen, wie eben jetzt, unb bäuchte mir nun erst ein rechter Jäger. — Aber es kam noch anberS.

Sonst hatte mich bet Herr Förster oft ermahnt, "scht so gar eifrig auf ben Dienst zu fein, sondern mir etwaS mehr Ruhe zu gönnen und mehr in der Försterei zu bleiben, Wenn daS Streifen gerade nicht prejsirte. DaS hatte er nun nicht mehr nöthig Ich weiß nicht, wie es tarn, aber es mochte wohl die Schwüle — wir waren in den heißen Sommertagen — dazu beitragen, baß ich mich ordentlich matt fühlte und nicht mehr so gerne, wie bisher, in die Berge marschirte, sondern wenn ich ging, so war eS sicher

politischen Reben geben verschiebene in ben Blättern veröffentlichte Briefe hervorragender politischer Persön­lichkeiten zu lebhaften Erörterungen Anlaß. Ein Schreiben bes Herrn Barthelömy Saint-Hillaire an den Präsidenten des GeneralraiheS der Saone et Loire, welcher ben Wunsch ausgesprochen hat, baß die Na­tional-Versammlung aufgelöst. und eine allgemeine Amnestie ertheilt werde, lehnt diese Wünsche für jetzt ab, wird aber dahin ausgelegt, als habe der Vertraute des Herrn Thiers angedeutet, daß der Präsident der Auflösung der Versammlung im geeigneten Momente nicht abgeneigt sei. Die Republikaner haben dieses Schreibeil als ihrer Sache sehr günstig aufgefaßt; eben so ein Schreiben, des Herrn Casimir Perier, worin der­selbe sich für die konservative Republik des Herrn ThierS ausspricht. Dagegen erklärte de Marqui« b'Andelarre, obgleich auch Orleanist, in einem Schreiben die Republik für unmöglich, und ber Legitimist Mar­quis be Carayon Latour behauptet sogar, bie Fusion fei vollenbet unb bie monarchische Partei in Frank­reich erkenne nur einen legitimen König. Inzwischen halten sich die Prinzen von Orleans schweigend zu­rück; ber Graf von Paris hat sich nach Aix-leS-BatnS unb demnächst nach Italien begeben.

Die italienische Regierung hat dieser Tage mit dem französischen Bevollmächtigten über Veränderun­gen im Handelsverträge verhandelt. Italien will daS Princip der Handelsfreiheit nicht fallen lassen. Da­gegen scheint die Regierung geneigt zu sein, den Wünschen des Herrn ThierS, so viel als jener Grund­satz eben erlaubt, entgegenzukommen, unter ber Be dingung, daß berfelbe seine Stellung zu ber soge­nannten römischen Frage in einer dem Königreich Italien günstigen Weise präcifire.

Der König der Niederlande eröffnete am 16. d. die Generalstaaten. Die Thronrede conftatirt die freundschaftlichen Beziehungen zum Auslande und eine ziemlich günstige Finanzlage. Die nothwendigen Ar­beiten, um das Land in VertheidigungSzustand zu setzen, seien energisch gefördert.

In Gent hat am 15. das internationale Schützen­fest begonnen, vozu eine große Anzahl auswärtiger Nationalgardisten und Schütze» aus allen Theilen des Landes, so wie aus Holland und Luxemburg, besonders aber englische Volontärs in zahlreichem Corps angelangt sind. Der König der Belgier hielt am 16. eine Parade über die Schützen, die Rational- oft nur ein paar Stunden des TageS, und wenn ich draußen war, eilte ich immer, recht bald wieder zu Hause zu fein. Ich schob aber alleS auf bie arge Hitze in biefem Sommer, obwohl sie mir in früheren Jahren nie lästig gewesen war. ES kam nun, baß ich öfters gar Tage lang nicht wegkam aus bem Hause unb ber Stutzen ruhig an ber Wanb hing. Selbst beö Försters prächtig Gewehr, bas ich sonst immer mit leiser Schnsucht, auch ein solche« zu besitzen, be- munbert hatte, schien mir jetzt ohne Werth. Es war aber auch ein prächtig Ding, mit Silber ausgelegt unb in ben Kolben eine Gemsjagd gor zierlich ringe« schnitten Im Forsthaus gab eö nun freilich wenig zu lhun für mich. Mit bem alten Förster saß ich manch­mal bei einer Flasche Rothen den uns bie Rösel an­dern Keller holte, zusammen und Hörle zum zwan­zigsten Mal die Jagdabenteuer, bie er aus seiner Jugend erzählte, an. Aber bas würbe ich boch bald müde. Am hebften machte ich mir im Garten zu schaffen, wenn Rösel dort Wäsche aufhing, oder ihre Blumen ooer die paar Beete Gemüse begoß. Da half ich ihr Denn meist; aber seltsam, wir ermüdeten immer gar bald — Die Tage waren auch so schwül unb die Sonne brannte so heiß. In der Laube aber war eS schattig. Da setzten wir uns denn hinein und ruhten uns aus unb plauberten zusammen. Eine Freube war es bann zuzuhörey, wenn Rösel sprach unb sagte, wie sie die Statur gar so sehr liebe unb auch gar so gern im Freie» wäre DaS war merkwürbig, gerade wie bei mir.

Kam der Förster an der Laube vorüber, so sagte er nichts, sondern lächelte bloß still vor sich hin. Er schien ;« verstehen, wa< wir selber noch gar nicht verstände». :-

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Politische Wocheu-Urbrrficht.

Den Festen der Dreikaiser-Zusammenkunft reihte sich unmittelbar die Säcularfeier der Wiedervereinigung Westpreußens mit Ostpreußen unb seine Einverleibung in ben Staat Friedrich deS Großen an. Die Feier fand unter der persönlichen Theilnahme deS Kaisers, des Kronprinzen unb be« Prinzen Karl in dem herr­lichen Hochmeister-Schlosse zu Marienburg unter ber allgemeinsten Bethritigung aller Bewohner der Pro vinz statt. Nur dem Bischof von Ermland war es nicht gestattet, al« Vertreter der Geistlichkeit seiner Diöcese vor dem Kaiser erscheinen zu dürfen, da der­selbe noch fortwährend eine unbedingte Erklärung des Gehorsams gegen die Landesgesetze auszusprechen sich Weigert. In Fulda fanden wieder bischöfliche Confe- renzen be« gejammten deutschen Episcopais statt unb in Köln beginnt ein neuer Congreß der „Altkatholiken," b. h. bet Gegner der vaticanischen Satzungen. Aus Baiern hinterläßt die scheidende Woche noch immer bic stereotype Nachricht, „v. Gasser hat seine Minister- liste noch nicht abgeschlossen," doch scheint nun nach