Ur. 223. Marburg, Sonnabend, den 21 September. 1872.
Oterhessische Zeitung.
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Deutsches Strich.
s »• Berlin, 19. Septbr. Fürst Bismarck ist abgereist und somit werden wohl alle weiteren Miithei
—j hingen über die vielfachen Gründe, weshalb der Reichskanzler seinen Aufenthalt in Berlin verlängert habe, zum Schweigen gebracht sein. Wenn gesagt - > worden ist, Fürst Bismarck widme der Strike Angelegenheit, der Untersuchung über die Unglücksfälle am 7. September große Aufmerksamkeit, so möchte in Bezug auf den ersten Punkt darauf hinzuweisen q jein, daß die Erörterungen, welche im StaatSmini- stcrium gepflogen sind, durchaus nur genereller Natur waren, daß diese eine speciellere Behandlung schon
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am deshalb nicht erfahren konnten, weil der am meisten betheiligte Minister, Graf Eulenburg, der Sitzung nicht beigewohnt hat. Graf Eulenburg, welcher bekanntlich von Marienburg nach Ostpreußen gereist ist, dürste erst in nächster Woche nach Berlin zurückkehren. WaS den zweiten Punkt anbelangt, so weiß man in amtlichen Kreisen von einer Beauftragung des Geh. Raths Stiele durch den Fürsten Bismarck mit der Untersuchung nichts. Was in erster und wahrscheinlichster Weise den Fürsten Bismarck noch längere Zeit in Berlin zurückgehallen Hal, dürfte der Rücktritt des Herrn v. Thiele fein, welcher voraussichtlich mit dem 1. Oktober sein Amt verläßt. Wie man hört, wird beabsichtigt, das Provisorium nicht allzu lange bestehen zu lassen, sondern recht bald die Stelle defi- aitio zu besetzen. Auch soll mit dem Personenwechjel eine anderweitige Regelung der Stelle erfolgen, da
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gisters geeignet sind. — Auf Grund des Artikels 22 de» baierijchen Telegraphen-LertrageS vom 14. Juni d. I. sind Seitens unserer Telegrapheu-Berwatlung Anordnungen wegen Aufbewahrung der telegraphischen
v__stellen, um dadurch eine generelle Uebcrsicht über die
i,ag< Auswanderung aus Dcutjchland anstellen zu können.
Der Minister des Innern hat in Rücksicht hierauf die preußischen Behörden angewiesen, zu beiich'en, aus Welchen Häfen die Auswanderung ftattfindet, und welche Organe in diesen Häfen zur Führung des Re-
lj>H diese annalog der Stellung des Präsidenten des Reichs kanzleramtcs crcirt werden soll. — Die deutschen Regierungen beabsichtigen, über die Auswanderung in de» EinschiffungShäfen zuverlässige Erhebungen anzu-
Depeschm getroffen worden. Es werden die sogen, rcgistrirten Depeschen 18, die übrigen dagegen 6 Monate aufbewahrt werden. — An Stelle des Herrn v. Elsner ist der bisherige interimistische Vorsitzende, Ober-Tribunalsrath v. Holleben, zum Vorsitzenden des deutschen Central Comile's in der Sitzung vom 14. d. M. gewählt worden.
Berlin, 18. S.ptbr. lieber das jüngste Verhalten dcS Bischofs von Ermland veröffentlicht die „Spener'sche Zeitung" eine Reihe der in letzter Zeit gewechselten Schriftstücke. Der Bischof frägt unlerm 22. August bei dem Kaiser über die Theilnahme an der Feier in Marienburg an. Der Bescheid dcS Kaiser«, an den tiefgreifenden Gegensatz zwischen der Staatöregierung und dem Bischof anknüpsend, forderte den Bischof auf, daß er rückhaltlos erkläre, er sei gewillt, den Staats- gcsetzen in vollem Umfange Gehorsam zu leisten, alsdann werde der Kaiser bei der Säcularfeier freudig die Gesinnungen der Treue und Ergebenheit des Erm lander CleruS durch den Bischof bestätigt hören, andern falls werde die Bestätigung durch Wort und Schrift Sr. Majestät zur Genugthuung gereichen, aber aus dem Munde des Bischofs würde Se. Maj. dieselbe nicht enigegcnnehmen. Die Antwort des Bischofs an den Kaiser unterm 5. Septbr. erklärt, er erkenne die volle Souvernetät der weltlichen Obrigkeit auf staatlichem Gebiete an und erkenne keine andere Souveränität aus diesem Gebiete an. Er werde demgemäß die Pflicht, den Staalsgesetzen in vollem Umfange zu gehorchen, treu erfüllen, andererseits bekenne er, daß ihm in Sachen des Glaubens und für die Wege des ewigen Heils, Gottes Offenbarung und Gesetz als alleinige unumstößliche NolM gellen und er sich hierin der Offenbarung des Herrn Jesu Christi und der Autoritär der von ihm gestifteten Kirche ebenfalls rück hallslos unterwerfe. — Tie hierauf erfolgende Antwort dcS Fürsten Bismarck vom 9. September er klärt unter Anerkennung des entgegenkommenden formellen Charakters der bischöflichen Antwort, er könne als amtlicher Rathgeber den peisönlichen Empfang des Bischofs erst dam mit der Würde der Krone verträglich halten, wenn jeder Zweifel gehoben sei, daß der Bischof die Autorität der Landesgesetze unbedingt und vollständig anerkenne. Der Bischof habe gegen die
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Ein Opfer.
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Man findet eS öfter in Tirol und im baierischen Hochgebirz. daß in kleineren Orlen tief in den Bergen krr Pfarrer eine Art WirthShauS hält für die durch-
rcisenden Fremden und einsamen Pilger. Die Leute jo Jiliner Orte sind zu arm, als daß sie an ein Wirths Haus dächten. WaS sie mühsam der sterilen Nalur shgewinncn, schützt sie zur Noth vor Hunger; weiter Scht ihr Begehren nicht. So war eS auch in G., tiuern Oertchen in engem, von hohen Bergen umge- ö-nen Thalgrunde. Ich saß in der Hauptstube des kleinen Pfarrhauses und fühlte mich recht wohl bei "»er Flasche Tiroler WeinS im Gespräche mit dem Pfarrer. Nur eins gcnirte mich, daß er jedesmal.
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h den Tisch. Er ißt wohl erst später zu Mittag, ^chte ich. Da sah ich durch die offenstehende Zimmer- Ar, wie im Hausflur auf ein Tischch n ein, wie schien, sehr einfaches Mittagsmahl aufgetragen —- ^rde und der Pfarrer und die Köchin sich daran pWen und aßen. Es ist solche übermäßige Ehrcrbie-
jptmi ich etwas bedurfte, selbst ausstand und eS mir r brachte mit derselben Zuvorkommenheit, wie jeder Gast- Mirth auf dem Lande, nur mit einem gereiften An Wände und einem Takt, wie ihn ein gewöhnlicher Wirth dicht hätte. Wie gesagt, es war mir peinlich, mich von einem älteren Manne und noch dazu von einem Geist lichen so bedienen zu lassen, zumal, da ich aus der Aermlichkeit der ganzen Einrichtung sah, daß der Diann nahezu dürftig sein mußte und seine Stelle «ne keineswegs einträgliche. Ich sollte noch mehr er fteuncn. Der Tisch im Zimmer wurde für mich ge-
! beikt und die Köchin des Pfarrers trug mir ein Mit kagSessen auf, dessen Wohigeruch meine von der weiten ^°L tcut, die ich heute gemacht, ermatteten Sinne erbeut
A neu belebte. Aber der Pfarrer setzte sich nicht mit
tung gegen den Reicheren und Vornehmen — dafür hielt man mich wohl, weil ich gesagt, daß ich auf einer größeren Vergnügungsreise begriffen sei — allerdings nicht selten im Gebirge. Sie hat aber sicher in einem edleren Gefühl als in Servilität ihren Grund. Doch bei einem Geistlichen fiel mir dieser große Re spekt gegen den Fremden und Gast zu sehr auf und fast hätte ich geglaubt, eS sei eher priesterlicher Stolz, daß er sich nicht zu mir setzen mochte, rocnn dem nicht sein edles Gesicht und fein vorher so freundliches und zutrauliches Wesen widersprochen hätte. Wie bemerkt, war auch sein Mittagsmahl ein sehr einfaches und das vielleicht mit ein Grund, weshalb er sich nicht an meinen Tisch setzte.
Ich hatte nun recht Muße, sein edleS Profil, das mir schon vorher wohlthnend ausgefallen war, genau zu betrachten. Obgleich im Gebirg wohlgesorrnte Män- nerköpfe nichts seltenes sind, jo zeichnete sich der deS Priesters doch vor allen auS, die ich hier gesehen. Weiche, blaue Augen schimmerten über der edelgebogenen Nase und um den immer noch schönen Mund schwebte ein eigenthümlich wehrnüthiger Zug. Der Mann mochte ein hoher Fünfziger sein. Volles weißes Haar, das lockig seinen Kopf zierte, erhöhte den eb'eu Eindruck, den daS etwas bleiche Gesicht machte, noch mehr. Ein trüber Ernst, der über der hohen Stirne lag, und selbst, wenn er noch so freundlich sprach, nicht weichen wollte, war mir schon vorhin während unserer Unterhaltung aufgefallen.
Nachdem ich gegessen, trat ich heraus in den Hausflur und begann wieder ein Gespräch mit ihm. In dem wvhlgepflegten Gärtchen vor dem Hause war eine prächtige, schattige Laube, die mich lockte. Ich bat ihn, mir dort Gesellschaft zu leisten, wenn er Zeit und Lust habe. Mit der Bemerkung, daß ihm hier in dem einsamen Orte ohnedies selten der Genuß
LandeSgesetze durch die öffentliche Verhängung der großen Excommunication gegen königliche Unterthanen ohne Vorwissen der Regierung, gefehlt. Diese That- sache müsse der Bischof dem Landesherrn gegenüber anerkennen; alsdann sei jede Schwierigkeit gegen den Empfang gehoben. — Da« Schreiben des Bischofs an den Kaiser vom 11. Septbr. zeigt an, er sei in Folge der Zuschrift des Fürsten Bismarck vom 9. Septbr., welche mit dem Schreiben Sr. Maj. vom 2. Sepibr. nicht im Einklänge stehe, abgehalten bei der Jubelfeier zu erscheinen. Die Antwort des Bischofs vom 13. Septbr. an den Fürsten Bismarck bemerkt, der Brief deS Fürsten vom 9. Septbr. enthalte neue in dem Schreiben Sr. Maj. nicht enthaltene Bedingungen für sein Erscheinen und insofern eine wesentliche Aenderung der taiferl. Zusage. Die Erledigung durch brieflichen Verkehr habe nicht mehr zum Ziele führen können. Ter Bischof schließt mit der Bitte um Auskunft über die Gründe der Umänderung des kaiserl. Wortes. — Fürst Bismarck antwortet unterm 16. Septbr: Die Voraussetzung des Bischofs, sein Schreiben vom 5. September habe der allerhöchsten Aufforderung vom 2. September vollständig entsprochen, sei unzutriffenv, da einer Erklärung, welche, wenn ohne einschränkende Zusätze gegeben, genügen erscheinen könnte, seitens des Bischofs Bewegungsgründe und Zusätze beigegeben feien, welche den Sinn der Erklärung zweifelhaft machen und bkfelbe Auslegung mindestens zulasten, welche in ter bischöflichen, der Regierung gegenüber hierher ab gegebenen Erklärung unzweideutiger hervortrat und welche eben des Kaisers Bedenken gegen den Empfang hervorrief. DaS Schreiben lautet weiter: Indem ich hieraus erkannte, wie schwer et dem Bischöfe wird, eine die Zukunft betreffende uiulmreundene und befriedigende Erkiämng über die Stellung zur königl. Landeshoheit und zu den Landesgesetzen zu geben, habe ich geglaubt des Bischofs Schritt, welcher es dem Kaiser möglich gemacht haben würde, ihn zu empfangen, dadurch zu erleichtern, daß ich vorschlug, denselben auf die Erklärung übet die Vergangenheit einzuschränken, ohne bei dieser Gelegenheit Bürgschaften für die Zukunft von dem Bischöfe nochmals zu verlangen. Mein Ersuchen ging deßhalb nur auf Anerkenntniß der . Thatsache, daß der Bischof in der Vergangenheit
einer gebildeten Unterhaltung werde, sagte er zu. Er stand auf und ging voraus. Nachdem ich der Köchin aufgeiragen, -eine Flasche Wein und zwei Gläser in die Laube nachzubringen, folgte ich ihm. Bald faßen wir in tiefem Gespräch. Ich erstaunte über sein vtel- leitigeS Wisten. Der feurige Tyroler, von dem ich ihm ein Glas nach dem andern einschenkle, schien ihn ordentlich zu verjüngen. Ich sah mit Schmerz, daß leibst dieser hier so billige Genuß ihm durch seine kä,gliche Stellung versagt zu fein schien. Tenn et schlurfte den edlen Wein mit einem merklichen Behagen. Bald stand die zweite Flasche vor uns. Der Mann gefiel mir immer mehr Er hatte einen gesunden, klaren Verstand und dabei entwickelte er einen Schatz von Keiminiffen, wie man sonst bei katholischen Land- geistlichen und zumal tief im Gebirge nie findet. Aber fast noch mehr, als sein vielseitiges Wisten, er- sreuie mich die innige Begeisterung, mit der er an der Natur hing. Oft sprang er vom Gespräche über wissenschaftliche Gegenstände ab und brach in eine enthusiastische Lobeserhebung seiner Berge und der anderen Reize seines HeimalhlandeS aus. Er schien alle reizenden und pittoresken Punkte der Umgegend genau zu kennen und sie durchstreift zu haben bei Tag und bei Nacht, denn er wußte genau zu schildern, welchen Eindruck sie bei TageSbeleuchiung machten, und welchen im Mond- und Sternenlicht. Ich bemerkte, daß er wohl als Seminarist ober Student in den Ferien fein schönes Heimathland oft durchwandert habe. Er schüttelte mit dem Kopf: .Ich war nie in einem Seminar und nie auf einer Universität." Auf meine erstaunte Frage, wo er sich denn so reiches Wisten gesammelt, erwiderte er: „Ich ging mit 22 Jahren in« Kloster, da hatte ich Muße, hinter den stillen Mauern zu studiren, wozu mir bis dahin die Gelegenheit und die Zett ganz gefehlt hatte."