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Ul'. 221. Marburg, Donnerstag, den 19. September. . <■;. ' 1872.
Oberhessische Zeit«ng.W
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal der Oberhesiische« Zeitung mit Kreitblatt durch die Expedition (Aoch'sche Buchdruckerei) bezogen 881 ®6t., durch die Postämter 27 Lgr. 0 Pfg. (excl. Bestellgebühr und incl- Stempelsteuer), für das Ausland excl. Stempel 22 Ggr. —
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Deutsches Keich.
** Berlin, 17. Septbr. Das Befinden des Prinzen Albreckt ist insofern günstig zu nennen, als der hohe Kranke aus unmittelbarer Lebensgefahr gerettet ist. Die Lähmung bauert noch immer fort und dürfte voraussichtlich auch nicht so bald gehoben wer den, da derartige Erscheinungen nur langsam zu weichen pflegen. Prinz Albrecht Sohn wird sich wahrscheinlich demnächst wieder nach Hannover begeben, die Ge mahlin des Erkrankten aber noch längere Zeit bei ihm verweilen. — Fürst Bismarck wird seinen Aufenthalt in Berlin noch um einige Tage verlängern, doch be (tätigt es sich, daß der Urlaub des Fürsten ziemlich weit ausgedehnt werden wird. Wie es heißt, dürfte er erst zum Schluffe des Jahres seine Geschäfte wieder ausnehmen. — Wie aus sicherer Quelle verlautet, ist es richtig, daß der Unterstaatoseeretär im auswärtigen Amte, Herr v. Thtle, um seine Entlassung ein gekommen ist. Obgleich die formelle Genehmigung des Gesuches bis jetzt nicht erfolgte, bürftc doch an der Ertheilung derselben nicht zu zweifeln sein. Herr v. Thile wird seine Functionen nock einige Zeit weitersühren und alsdann Herr v. Balan interi- mistisch für ihn eintreten, lieber die definitive Wieder besetzung aber wird erst nach der Rückkehr des Reicks- kanzlers entschieden werden. — Im gestrigen Minister rathe kam, wie man hört, auch das Verhältniß zwischen Staat und Kirche im Allgemeinen, sowie speciell die Afiaire des Bischofs von Ermland zur Sprache. Es kann versichert werben, daß die Klärung dieser Ange legenheilen nunmehr ernstlich in Angriff genommen werden wird, doch muß nochmals betont werden, daß ein sofortiges Einschreiten zum 1. October gegen den westpreußischen Prälaten durchaus zweifelhaft ist. — Mehrere Zeitungen erzählen, daß das Reichspreßgesetz nunmehr tm Reichskanzleramte definitiv sestgestelll werde. Diese Nachricht dürste schon deswegen nicht zutreffend sein, weil bis j-tzt noch immer nicht alle Regierungen ihr Votum über die ursprüngliche Vorlage dem Reichskanzler zugestellt haben. — Der Beschluß der hiesigen Stadtverordneten bezüglich der Unglücksfälle am Abend des Zapfenstreiches gibt zu sonderbaren Conjecluren Anlag. So will mau aus der Persönlichkeit des Referenten, der angeblich dem Minister des Innern nahe stehen soll, förmlich auf eine Voreingenommenheit des
Die weskpreußische Sacularfeirr.
(Forr,etzung.)
IV.
Marienburg, 14 September.
Die heute in ungetrübter Klarheit aufgehende goldene Morgensonne verhieß einen schönen heitern Tag, draußen vor dem Marienthor int Lager der Ma schinenbauer wurde es schon früh lebendig, die Eisen bahn brachte die Festgäste aus Elbing, Dirschau, Danzig rc. wieder herbei, die gestern der Heimaih zugeeilt waren, und lange schon vor der auf 10 Uhr ststgesetzten Stunde ftanben die Gewerke auf ihren Sammelplätzen zum AuSrücken bereit- Schlag 10 Uhr befitirten die Schützen durch das Schloß nach dem unmittelbar vor der Marienburg südlich gelegenen Festplatze, auf welchem sich später das Denkmal Friedrich des Großen erheben soll. Die Schützen nahmen ihre Ausstellung am Schloßgraben entlang, die ihnen folgenden Gewerke zwischen dem Baldachin des Kaisers und den amphitheatralisch emporsteigenden Tribunen, elfteren eine breite Straße frei lassend, welche ein Podium für die Kreisstände die Deputa tionen und die Ehrengäste umschloß. Eiu köstliches Bild bot sich dem Beschauer beim Austritt aus dem Schloßportal. Ringsum die etwa 20 Fuß hohen Tri dunen dicht mit festlich geputzten Menschen besetzt, davor im weiten Halbkreise die Schüler und Gewerke mit ihren Fahnen, inmitten die bunten Uniformen und ein reicher Tamenflor, der sich zu beiden Seiten des Kaiser-Baldachins postirte und darüber ein Wald von Fahnen und Wimpeln,^in welchem jede einzelne Stadt Westpreußens mit Wappen und Farbe vertreten war. Der zur Ausnahme des Kaisers bestimmte Kiosk erhob sich unmittelbar vor der Baugrube in dichten, freien Bogen, geschmückt mit der Kaiserkrone
Letzteren gegen den Polizeipräsidenten und die von diesem getroffenen Anordnungen schließen. Dagegen ist denn doch einmal zu bemerken, daß eS einigermaßen sonderbar ist, einem Vertreter der Stadt zu infinuiren, er hole sich seine Instructionen anderswoher. Dann aber vergessen die betreffenden rabicalen Correspon- tenten, daß die Vorlage eine dringende war und der Referent vom Vorsitzenden ernannt war und gleich in der Sitzung referiren mußte, so daß eS also für ihn geradezu unmöglich gewesen wäre, sich Instructionen einzuholen. Auch war der Bericht, soweit es bekannt geworden, durchaus objectiv gehalten und entsprach nicht im Geringste» dem, waS ihm jene Journale im- putiren.
Marienwerder, 15. Sept. Am 2. October wird das Appellationsgericht in Marienwerder das Fist seines hundertjährigen Bestehens begehen, an welchem Tage eS vor 100 Jahren unter dem Namen Oberhof- und Landesgericht in Wirksamkeit getreten i|t. Zur Feier des Jubitäums wird in dem großen Sitzungssaale am 2. October, Mittags 12 Uhr, eine feierliche Sitzung des Appellationsgerichts und demnächst um 4 Uhr in einem dazu geeigneten Lokale ein Diner stattfinden. Aus Veranlassung des Festes hat der Kaiser sein Bildniß dem AppellationSgericht verliehen, und der Justiz-Minister dasjenige Friedrichs des Großen übersendet. Beide sehr gelungene Bildnisse in Lebensgröße find bereits eingetroffen. Der Justiz-Minister Dr. Leonhardt hat auf die von dem ersten Präsidenten ergangene Einladung verheißen, dem Feste persönlich beizuwohiien.
Hannover, 16. Septbr. Die Aufforderung des Landes-Eonsiftoriums über Grund ober Ungrund der hinsichtlich des bevorstehenden deutschen Protestanten- tages verbreiteten Nachrichten zu berichten, hat der Magistrat zu Osnabrück dahin beantwortet, daß er nichts Zuverlässiges darüber mitzutheilen wisse, als daß der Vorstand zu St. Katharinen die Kirche für den Gottesdienst und die Verhandlungen eingeräumt und der Magistrat keinen Anlaß gefunden habe, diesen Beschluß des Kircheiivorstandes zu inhibiren. Darauf hat das hiesige Landes Eonsistoriurn „in Erwägung der feindlichen Stellung, die der Protestanten Verein als solcher — abgesehen von der persönliche» Haltung mancher seiner Diitglieber — in seine» öffentlichen und ben Wappen der Hochmeister des deutschen Ritterordens. Hinter dem Baldachin, als Rückwand der großen Haupttribüne befand sich eine vom Professor Gropius in Naturgröße gemalte Ansicht des Standbildes.
Um halb 11 Uhr begab sich der Kaiser, gefolgt von dem Kronprinzen und dem Prinzen Karl, vom Schlosse nach dem Festplatze, und gleich daraus begann die Feier mit dem Gesänge deS Chorals: „Lode den Herren, ben mächtigen König ber Ehren." Die Festrede hielt der Vorsitzende des Fest Comites, Herr Oberbürgermeister v. Winter. Die Rede war eine sehr gehaltreiche, lichtvolle Darstellung des Wirkens des deutschen Ritterordens und der Ursache» seines Verfalls. Eine kleine Schaar deutscher Ritter zieht im Mittelalter aus, um den Heide» das Evangelium zu lehren, ihre Heldemhate» erfüllen die Welt und bald ist ihre Herrschaft an beiden Ufern der Weichsel jo weit erstarkt, daß sie sich dort eine feste Burg errichten können. Der mittelalterliche Gegensatz zwischen Adel und Bürger findet vor ihren Augen keine Gnade, vielmehr vereinen sich Orden und Hansa zur Lese stigung deutscher Sitte, deutschen Wesens. Aber so fest gegliedert dies Staatswesen auch erscheint, vollzieht sich an ihm doch das eherne Gesetz, welches nur rir steter Fortentwicklung die Bedingung der Existenz erblickt, ein furchtbarer Gegner erwächst ihm in ber Vereinigung von Polen und Lilthauen, und der Friede von Thorn wirft die große Riesenarbeit zweier Jahr Hunderte scheinbar für immer darnieder. Den Hohen- zollern, welche von Anfang an sich die Aufgabe stellten, Deutschlands Grenzen zu sichern, seine zerstreuten Glieder zu sammeln, war es Vorbehalten, den Hilferuf des sterbenden Ordens zu hören und zu verstehen. Friedrich II., der schon als Kronprinz für die Wieder
Kundgebungen zu den Ordnungen der evangelisch- lutherischen Kirche je länger, je mehr eingenommen hat und welche voraussichtlich gerade in der jetzt bevorstehenden Versammlung besonders scharfen Ausdruck finden wird, auch im Hinblick auf die Persönlichkeit der nach unwiderlegt gebliebenen Nachrichten auSer- sehenen Festprediger (die Pfarrer Schröder zu Frei- rechdorf im Nassauischen und Lang zu Zürich), sich bewogen gefunden, die Abhaltung außerordentlicher Gottesdienste aus Anlaß des Protcstantentages in den dortigen, Kirchen zu verbieten." Zugleich wird den Osnabrücker Geistlichen jede geistliche Function bei solchem Gottesdienst, welchen Charakter derselbe auch tragen und wo er auch stattfinden möge, untersagt. Die offreiöfe „Hann. Ztg ", welche das eingehend mo- tivirte Schreiben des Landes-Consistoriums veröffentlicht, begleitet dasselbe mit einer Charakterisirung der genannten Festprediger und fügt hinzu: „Wenn das Landes Consistorium Tendenzen, die in solchen Auslassungen gipfeln, nicht durch Gottesdienste in unseren evangelisch-lutherischen Kirchen verherrlicht wissen will, so thut es damit eben nichts als seine unabweisliche Pflicht."
Frankfurt, 15. Sept. Wie das hiesige Jn- telligenzblatt vernimmt, soll eS Seitens der Pforte für nöthig befunden worden fein, in Frankfurt ein türkisches General-Consulat für ganz Süddeutschland zu errichten. Für den Posten als General - Consul sei bereits ein hiesiger namhafter Banquier in Aussicht genommen; Said Abdallah ben Omar al Diamid, bisher Consul in Singapore, werde als Secretär des Consulats hierher versetzt werden, und daS General- Consulat solle dem türkischen Gesandte» in Berlin, Acistarchi Bey, untergeordnet sein und an diesen speciel zu berichte» haben.
Detmold. Ein Wahlaufruf des Comites der Volks- und Fortschrittspartei fordert zur Wahl solcher Männer auf, welche das nochmalige Zusanimentreten eines Landtages nach dem Wahlgesetze von 1836 (dem Wunsche der Regierung gemäß Behufs Vereinbarung eines neuen Wahlgesetzes) zu verhindern entschlossen sind. -
Darmstadt, 16. Septbr. Heute begann die Generalversammlung der historischen Vereine Deutschlands. Ungefähr 120 Theilnehmer, der Mehrzahl nach
Bereinigung der abgerissenen Provinzen mit dem Mutterlande schwärmte, führte diese Aufgabe durch, nachdem er schon so manches Lorbeerreis um fein Haupt gelegt; fein größtes Verdienst aber ist e«, daß er diese Lande der deutschen Cultur wiedergab. Westpreußen ist von da ab stets ein würdiges Glied M GesammtstaatS gewesen, bekannt ist die patriotische Hingabe ber Westpreußen während der Freiheitskriege, wie die katholische Geistlichkeit ihr Silberzeug auf ben Altar des Vaterlandes niederlegte. Mit Zuversicht dürfen wir hoffen, daß die Regierung der Hohenzol- lern auch ferner über uns wacht, wie sie uns bisher ihr Wohlwollen durch großartige Eisenbahn- und Brückenbauten und andere gemeinnützige Institutionen erwies. Dem Gedächtniß der Gegenwart entschwinde» »ur leicht die Drangsale der Vergangenheit, ober hoch hält es die Lehrer und Führer, welche u»S bis hieher aus dem schwierigen Wege leiteten. Darum wollen wir heute an dem hundertjährigen Gedenktage der Wiedervereinigung mit Preußen dem großen Könige ein Denkmal errichte», nicht um seine Thaten zu verherrlichen, denn die sind eingegraben im Buch der Geschichte , sondern um unsere Dankbarkeit zu beweise» an das Königshaus, zu dem wir in Treue stehen wollen in aller Zukunft. Ew. Majestät haben daS Vermächtniß Ihrer Ahnen in großartigster Weise erfüllt , ben gewaltigen Anstrengungen des deutschen Heeres unter glorreicher Führung ist es gelungen, neben Westpreußen auch Schleswig-Holstein und den Elsaß dem Mutterla cke wieder zuzuführen. Der Aufruf Ew. Majestät nach der Rückkehr aus dem letzten großen Kriege, daß die Arbeit des Friedens daS Errungen erhalten und befestigen soll, ist auch für und nicht ungehört erklungen, und am heutigen Tage geloben wir, daß wir Alle fort und fort an der Weichsel