Wr. 22V. Marburg, Mittwoch, den 18. September. 1872.
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Deutsches Strich.
** Berlin, 16. Septbr. Heute um 1 Uhr fand unter dem Borsitze des Fürsten Bismarck ein Ministerrath statt, bei welchem, wie man hört, hauptsächlich Vorlagen für da» Reich und außerdem Strike- Angelcgenheilen auf der Tagesordnung standen. Graf Eulenburg konnte den Berathungcn noch nicht beiwohnen, da er seinen Aufenthalt in der Provinz Preußen noch um einige Tage verlängert hat. Was die Abreise des Fürsten Bismarck nach Varzin betrifft, so dürste dieselbe den jetzt getroffenen Dispositionen zufolge morgen statlftnden. — Die Unglücköfälle am Abend des großen Zapfenstreiches werden von einem Theile der Presse »och immer in höchst tendenziöser lPeise ausgebeutet. Nachdem man eben zu der Einsicht gekommen war, daß die hiesigen Zustände dringend eine Stärkung der polizeilichen Autorität erforderten, macht man sich daran, sie wo möglich noch mehr zu untergraben. Es versteht sich von selbst, daß alle diese Angelegenheit betreffenden Nachrichten, welche derartige Organe bringen, mit der höchsten Vorsicht aufzunehmen sind. Erfindungen, wie die eines hiesigen Blattes, daß Fürst Bismarck der Polizei-- eine andere Stellung geben, sie dem Gcsammtministcrium unterordnen, ja eine Reichspolizei schaffen wolle, darf man wohl gradenwegs als albern bezeichnen. — Die Abweisung des Bischofs von Ermland hat wohl deutlich bekundet, daß die Politik der Regierung gegen die Hierarchie noch dieselbe ist Wenn nun aber einige Publicisten sofort zum 1. Oktober die Amts- und Temporalien- sperre eintreten lassen, so wird man gut thun, so voreilige Schlußfolgerungen sich nicht anzueignen. Wenn später derartige Prophezeihungen sich nicht erfüllen, so tritt dann beim Publikum eine Enttäuschung ein, und dieses mißt die Schuld der Regierung bei, während doch nur die Verbreiter jener Nachrichten sie veranlassen. Ultramontane Blätter erzählen,-die Erklärungen des Bischofs von Ermland seien Anfangs für ganz ausreichend erachtet, aber Fürst Bismarck habe neue unerfüllbare Anforcerungen an ihn gestellt. Dies entspricht indessen durchaus nicht der Wahrheit. Fürst Bismarck hat nur in seinem Schreiben die bisherige Anforderung genauer geäußert, um die jesui
tischen Vorbehalte und Ausflüchte des Bischofs unmöglich zu machen. — Die vielbesprochene Confis- calion der „Demokratischen Zeitung" ist, wie verlautet, keineswegs aus' Anlaß einer Belcidigling des Polizei- Präsidenten v. Madai erfolgt. Die Beschuldigungen des radicalcn Organs sollen weit höhere Regionen berührt und selbst die allerhöchste Person nicht geschont haben. — Der Minister deS Innern hat die Provinzialregierungen in einem Circular aufgesordert, bei Arbeitseinstellungen darauf Bedacht zu nehmen, daß Arbeiter, welche sich nicht an dem Slrike belhei- ligeu wollen, gegen jeden Druck Seitens der Stri feilten geschützt werden.
Hamburg, 14. Septbr. Wie der „H. B.H." aus Berlin geschrieben wird, ist vor einiger Zeit ein Schreiben des Reichskanzler Amtes über die Hamburgische Bankvaluta hieher ergangen, welches Beschleunigung der hiesigen Berathungen über die Angelegenheit empfiehlt, da wahrscheinlich schon in der nächsten Reichstagsjession das Reichsmünzgesetz werde vorgelegt werben, und nach gesetzlicher Einführung einer einheillichen Reichswährung selbstverständlich in einem Einzelstaale eine besondere Währung nicht werde fort- bestehen können.
Darmstadt, 16. Sept. Die Generalversammlung der historischen Vereine Deutschlands ist sehr zahlreich besucht. ES sind unter Andern zugegen: Gehcimerath v. Quast aus Berlin, Oberst v. Cohausen aus Wiesbaden,*Gehcimerath v. Gablentz aus Altenburg und Liudenschmitt aus Mainz.
Stuttgart, 13. Septbr. Der Bischof Dr. von Hefele von Rottenburg wird, wie taö „Deutsche Volks blatt", das ihm zum Organ d«nt, znittheilt, dieses Ma! an der Bischoss-Conferenz zu Fulda Theil neh men. „Wir können uns nur freuen", bemerkt das Deutsche Volksblatt zu dieser Nachricht, „daß der Kirchensürst, dessen weise Mäßigung jüngst selbst in dm gelben Blättern gerühmt wurde, seine gewichtige Stimme den Berathungen nicht entzieht, auf welche gerade in der gegenwärtigen Zeit Katholiken und Protestanten mit der höchsten Spannung Hinsehen."
München, 15. Sept. Herr v. Gasser ist gestern hier eingetroffen und hat mit mehreren höheren Staats
beamten persönlich Besprechungen gehabt, welche sich auf die Annahme von Portefeuilles in dem von ihm zu bildenden Ministerium bezogen.
Tegernsee, 14 Septbr. Professor Dr. v. Döllinger, welcher seine Ferien auf einer Billa des Grafen Arco zubrachte und hier einen lebhaften Verkehr mit einzelnen Führern der kirchlichen Neformpartei pflegte, begibt sich heute nach München, um mit Professor Huber nach Bonn zu reisen, woselbst eine Vorbesprechung stattfindet, und dann längstens bis Donners« lag in Köln einzutreffen. — Die in mehreren Zeitungen veröffentlichten Namen der neuen Minister Baierus haben in dieser Zusammensetzung wohl keine Berechtigung auf Glaubwürdigkeit; in politischer wie religiöser Beziehung würden sie ein eigmthümlicheS Farbenspiel bieten. So ist Lerchenfeld ein strenger Ultramontaner, Lipowsky Altkatholik,- Völkei ndorff griechisch-kaiholisch, General Walther ein orthodoxer Protestant. Die nächsten Tage müssen uns Gewißheit bringen.
A«8la«d.
Paris, 15. Sept. Tie Abreise ThierS' von Trouville ist nunmehr endgültig beschlossen. Derselbe wird am Donnerstag nach Paris zurückkehren und das Palais Elysse beziehen, wo er, wie man glaubt, einige Wochen verweilen wird. — Die „Agence Ha- vas" meldet, daß der Schriftsteller Edmond About in Taverne, wo er sich seit 14 Tagen zur Regelung seiner EizenthumSverhältnisse aufgehalten habe, auf Befehl der deutschen Behörde, verhaftet worden fei. — DaS „Journal officiel" meldet die Ernennung des Generals Chanzy zum Commandanten deS 7. Armeecorps mit dem Sitze in TourS, sowie de» Generals Ducrot zum Commandanten des 8. Armeecorps mit dem Sitze in Bourges. — Von Thiers' Aufenthalt in Havre, von wo er vor- g>stern nach Trouville zurückkehrte, ist noch zu Hielten, daß, nachdem er das ihm von der Stadt angebotene Frühstück eingenommen, er den transatlantischen Dampfer „France", die amerikanische Fregatte und das Aquarium besuchte. Eine große Anzahl von Orden wurde wieder vertheilt. Weitere Reden hielt der Präsident nicht; nur soll er, wie die „Liderts" berichtet, einigen Ver-
Dir wkstpreußischc Säcularfeier.
(Forr,etzung.)
III.
Der erste Festtag ist vorüber. Trübe und regnerisch, wie er begonnen, endete er, aber die Festesstim mung der Bevölkerung war eine ungetrübte, trotz deS llmietters war die Stadt glänzend illuminirt und braußen vor dem Maricnthor, im Lager der Maschinenbauer , herrschte ungebundene Lust und Fröhlichkeit. Die Westpreußen sind ganz entzückt von dem vortreff, üchen Aussehen und der Leutseligkeit des Kaisers nicht ®inter, wie von der männlichen Schönheit und von ber Freundlichkeit des Kronprinzen. Der gestrige Tag war für Se. Majestät ein gar beschwerlicher. Um 7 Uhr Morgens wurde die Reise von Berlin ange treten, um 4 Uhr Nachmittags traf der kaiserliche Zug hier ein, und obwohl es vom Himmel nur so herniederströmte , harrte Se. Maj. auf dem Altan des Schlosses aus , bis das letzte Gewerk vor der im Schloßhofe aufgerichteten Riesen-Borussia öorbei defi-
Um 7 Uhr begann der Empfang und die Borstel lung in Hochmeisters Remter und in den anstoßenden Gemächern. Das Hochmcilrerschloß war zur besseren Commuiiication zwischen den einzelnen Festsälen mit einem provisorischen golhischen Vorbau versehen, welcher' bei der Auffahrt zugleich als Corridor und Garderobe diente. Die wunderbare Architektonik dieses Theiles deS Schlosses und seiner Prunkgemächer zu beschreiben, erlassen Sie mir wohl. In der geräumigen Vorhalle wimmelte es von Uniformen , in dem Prunksaal der ehemaligen Ministerresidenz, bereit prachtvoll geglie derter Bau durch sinnigen Ausputz — durch den sich Director Hein in Berlin ein neues Verdienst erwarb — wenn auch nicht gehoben, so doch noch markirter dem $uge näher gerückt wurde, versammelten sich die De Mutationen der Kreise Westpreuhens, ihre Ausstellung
nach der durch das Loos bestimmten Reihenfolge nehmend. Daran schlossen sich die Deputationen des Eimlandes, die Deputation des Netzedistricts, die Vertreter der evangelischen Geistlichkeit, die Vertreter der katholischen Geistlichkeit, geführt von dem Weihbischofe der Diöcese Ermland, Herrn Gerschke, die Rabbinen, di« Repräsentanten des höhern Schulwesens , Rector und Senat der Universität Königsberg, die Repräsentanten der Elementarschulen und die Deputirten aus den von Friedrich dem Großen gegründeten Colonisten- dörfern. In dem anstoßenven kleinen Remter stellten sich die Inhaber der vier Oberhosämier deS König reichs Preußen, die Generale und Regimentseomman deute, die Vertreter der Regieruitgen und des Appel- lationsgerichts, und in den daran sich schließenden Räumen erwarteten die Damen und bie übrigen geladenen Gäste die Ankunft des Kaisers.
Schon bald nach 6 Uhr begann die Auffahrt und die Festräume füllten sich mit einer zahlreichen, hoch eleganten Gesellschaft, auf welche die Bilonisse der Hochmeister aus den Nischen gar verwundert herab- lchauten. Die Feftgenossen sanden sich hier zum ersten Male auf trockiiem Bocen und um den Kamin, in dessen Wand noch die steinerne Kugel steckt, die Ja- gello bei der Belagerung der Marienburg im Jahre 1410 durch ein Fenster des großen Remters schießen ließ, um durch Zertrümmerung des einzigen Granit- pfeilerS, der das mächtige Gewölbe leicht und frei trägt, bett Hochmeister mit seinem gesammten Ralhe zu begraben, die aber das Ziel um einige Zoll vcr lehlte, entspann sich eine lebhafte Unterhaltung, bie wie auf einen Schlag verstummte, als pünktlich um 7 Uhr bie Ankunft des Kaisers gemeldet wurde. Se. Majestät wurden an der Eingangsihür von dem Ober- Präsicenten v. Horn und den Vorsitzenden des Co- mite's, den Oberbürgermeistern v. Winter und von Forckenbeck, empfangen und beim Eintritt in den großen
Remter mit einem enthusiastischen Hoch der Versammlung begrüßt. Darauf hielt der Oberpräsident v. Horn eine kurze Ansprache:
Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser und König I
Gnädigster König und Herr I
Die einst durch Krieg und Verrath dem deutschen Preußen entrissenen, durch Eurer Majestät großen Vorfahr König Friedrich II mit seinem Reiche wieder vereinigten Lande haben in diesen Räumen vor hundert Jahren am 27. September 1772, ihrem neuen Herrscher die von thm gebotene Huldigung gebracht, indem ihre Stände in die Hände königlicher Bevollmächtigten den Eid der Treue und des Gehorsams ablegten. Heute erscheinen hier vor ihrem Könige und mit dessen huldreicher Erlaubniß, aber auch innerem Drange lolgend, Vertreter jener Lande, Westpreußetts, deS Ermland eS und des Netzedistrictes, um Eurer Majestät die Huldigung zu thun, welche das Herz gebietet, um das Gelübde der Treue und des Gehorsams, welches vor hundert Jahren abgelegt und seitdem in guten und bösen Tagen bewahrt worden ist, zu erneuern und Zeugniß davon abzulegen, daß jene LandeSlheile der Wohllhaten, die das große Ereigniß des Jahres 1872 aus allen LebenSgebieten im Gefolge gehabt hat sich bewußt und dankbar eingedenk sind, Denn was damals vom Throne zugefagt worden, ist ganz und reichlich in Erfüllung gegangen. Der große König verhieß, er werde die neu erworbene Provinz jo regieren, daß alle wohlgesinnten Bewohner sich glücklich und zufrieden fühlen und niemals Ursache haben sollten, bie eingetretene Veränderung zu bedauern. Diese Worte sind zu voller Wahrheit geworben, auch bei den Bewohnern nichtdeutscher Nationalität in ihrer großen M-hrzahl. Westpreußen thut nur sich selbst ein Genügen, wenn es dem großen Monarchen, deffen dankbares Andenken hier auch vhnr