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Marburg, Sonnabend, den 14. September.
1872.
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i. Ei« Kösts Gewiffen.
Von Ewald August König.
(Fortsetzung.)
„Knüpft sich an diese zweite Bedingung nicht »och eine dritte und vierte?" fragte der Rentier sarkastisch.
„Allerdings, doch darüber reden wir später."^ „Und wie lautet diese zweite Bedingung?"
„Daß Sie da« Vermögen Ihres Bruders im Betrage von sechsunddreißigtausend Thalern morgen bei der Bank deponiren."
„Und wenn ich mich weigere? Wer will mich zwingen."
„Ich! Ist das Geld nicht morgen Mittag in der Bankkasse, so werden Sie morgen Nachmittag der haftet, eine andere Alternative bleibt Ihnen nicht."
Krämer erhob sich. „Ihre Forderungen sind ziemlich bescheiden, worin besteht die dritte Bedingung?" „Darin, daß Sie entweder innerhalb vier Wochen auf der See sind, oder dem Verbrecher die Mittel jur Flucht verschaffen, bevor dieser die Geduld verliert." „Also hätte ich durch die Erfüllung der ersten und zweiten Bedingung so zu sagen nichts gewonnen?"
„Zeit," erwiderte der Jurist achselzuckend, „mehr zu geben, lag nicht in meiner Macht."
Der Rentier blickte eine geraume Weile schweigend «nt stieren, glühenden Augen auf die Thür, hinter welcher der Advokat verschwunden war, dann brach er in ein lautes höhnisches Lachen aus. Es war das Hohngelächter der Hölle, jener Hölle, die man „das böse Gewiffen" genannt hat. Mühsam hatte der Rentier «ährend seiner Unterredung mit dem Juristen
Die Drei-Kaiser-Zusammenkunft.
Die große Woche der Drei-Kaiser-Zusammenkunft gcht heute zu Ende; aber die Eindrücke derselben und ihre politischen Folgen werden unzweifelhaft auf lange Zeit hinaus von tiefer Wirkung sein.
Die Vereinigung der drei Kaiser in der Hauptstadt deö neuen Deutschen Reiches ist die gewaltigste und wirksamste Kundgebung einer ernsten und entschiedenen Friedenspolitik, ohne jeden politischen Hintergedanken, ohne bedrohliche Richtung gegen irgend wen. Deshalb findet die Zusammenkunft aufrichtige Theilnahme und Zustimmung auch bei den nicht unmittelbar vertretenen Regierungen und Völkern, welche ihrerseits den Werth des Friedens für sich und für die europäische Entwickelung zu schätzen wiffen.
Was der Deutsche Kaiser vom ersten Tage nach der glorreichen Wiederaufrichtung deö Deutschen Reiches als die höchste Ausgabe desselben verkündigte, nämlich: „ein zuverlässiger Bürge des europäischen Friedens zu sein", — daö haben jetzt die drei Kaiser der großen Reiche des europäischen Festlandes als ihre gemeinsame Aufgabe erfaßt und erkennen lassen, und dadurch dem segenverheißenden Streben eine unerschütterliche Sicherheit der Erfüllung gegeben.
Unserem Kaiser und dem deutschen Volke darf es zu hoher Genugthuung gereichen, daß diese neue gewaltige Vereinigung für den Völkerfrieden ihren Kern und Mittelpunkt in der neu erstandenen Macht des Deutschen Reiches und in dem allseitigen Vertrauen zu der Politik desselben hat.
Es ist eine Thatsache, wie sie im Laufe der Weltgeschichte selten vorgekommen ist, daß eine unerwartet durch einen erschütternden Siegeszug errungene Machtstellung sofort eine so rückhaltlose Anerkennung und Zustimmung zu ihren Bestrebungen Seitens der großen Nachbarstaaten gefunden, wie sie dem jetzigen Deutschen Reiche zu Theil wird. Man darf darin zunächst ein offenes Zeugniß dafür finden, daß Deutschlands Sache bei der jüngsten großen Entscheidung eine gerechte war, vor Allem aber ein Zeichen deö festen Vertrauens der großen Mächte zu dem Ernst und der Aufrichtigkeit der friedlichen Richtung der deutschen Politik, wie sie von dem Oberhauple deS neuen Reiches vom ersten Augenblicke an verkündet worden ist.
„Der Geist, welcher im deutschen Volke lebt", so sprach unser Kaiser zum ersten deutschen Reichstag, „nicht minder die Verfaffung des Reiches und seine
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Heeres-Einrichtungen bewahren Deutschland inmitten seiner Erfolge vor jeder Versuchung zum Mißbrauch seiner durch seine Einigung gewonnenen Kraft. Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbstständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen wie der starken."
Daß die europäischen Mächte diesem Geiste der deutschen Politik von vornherein volles Vertrauen entgegenbrachten, das war schon in dem Verhalten derselben während der letzten KriegSmonate hervorgetreten. Vergeblich suchte Frankreich damals bei allen Großmächten der Reihe nach Eifersucht und Sorge wegen der deutschen Siege und der daraus erwachsen den Störung des sogenannten europäischen Gleichge- wichts zu erwecken, nirgends konnte solche Besorgniß Wurzel fassen. Noch während des Krieges wurde zwischen Oesterreich-Ungarn und dem Deutschen Reiche der Grund zu der aufrichtigen und innigen Annäherung gelegt, die sich seither in hoffnungsreicher Weise befestigt hat, und der Kaiser von Rußland benutzte seinerseits jede Gelegenheit, um seine herzliche Theilnahme an deutschen Siegen und Erfolgen mit Wort und That zu bekunden.
Und das Vertrauen, welches die beiden alten Kaiserreiche dem neuen deutschen Reich entgegentrugen, hat seine Kraft und Bedeutung auch darin bewährt, daß es dazu beigetragen hat, die alten freundlichen Beziehungen zwischen Oesterreich und Rußland sichtlich zu beleben und zu befestigen. Es war eine neue Täuschung der Feinde Deutschlands, daß sie wähnten, die Annäherung an Oesterreich-Ungarn müsse eine Erkaltung der Beziehungen zu Rußland zur Folge haben. Wenn eS noch eines Beweises bedurft hätte, daß Deutschlands Friedenspolitik auf einem umfassenden und allseitig festen Grund angelegt ist, so ist dies durch die neuesten Anzeichen, welche in der Drei Kaiser-Woche ihre letzte Bestätigung gefunden haben, für Jedermann ersichtlich geworden.
Je bedeutsamer hiernach die Thatsache der Drei- Kaiser-Verein gung an sich selbst ist, desto weniger liegt Anlaß vor, nach besonderen politischen Zwecken derselben im Einzelnen zu fragen und zu forschen.
Die vertrauensvolle Einmüthigkeit der drei Monarchen für die Wahrung und Befestigung des europäischen Friedens ist der Grund, auf welchem die Zusammenkunft beruht, und die offene Bekundung dieser Einmüthigkeit ist an und für sich eine große seine Fassung behauptet, jetzt brach 'er zusammen. Er saß in seinem Sessel, das Kinn auf die Hände ge stützt, und sah stier, gleich einem Verzweifelten vor sich hin. Man hatte ihm Alles genommen, was ihn an's Leben fesselte, sein Kind war ihm entfremdet, davongelaufen mit einem Andern, ohne ihm Lebewohl zu sagen, seinen Schatz wollte man ihm auch rauben, was blieb ihm noch? Freilich, auf den größten Theil seines Vermögens konnte Niemand Anspruch erheben, er hatte ja nicht einmal nöthig, sich einzuschränken, so groß war der Rest dieses Vermögens noch, aber wenn dem Menschen ein kleiner Theil seines Glückes geraubt wird, dann fällt es ihm schwer, sich mit dem Rest begnügen zu sollen. — Sechsunddreißigtausend Thaler, ein Drittel des Vermögens. Ein tiefer Seufzer entfuhr den Lippen des alten Mannes. Und an wen sollte er diese Summe zahlen? An den, welchen unter allen Menschen er am meisten haßte! Wie viele Verbrechen hatte er begangen, um das anvertraute Gut sich anzueignen, und jetzt sollte er umsonst sein Gewissen mit dieser schweren Sündenschuld belastet haben 1 Noch sträubte der Rentier sich gegen die innere Stimme, welche ihm zurief, er fei der Mörder seines Bruders, wohl suchte er sich einzureden, er habe ja den Auftrag dazu nicht gegeben, Alles habe so kommen müsse», wie es der Wille der Vorsehung gewesen sei. Das ist die Lehre von dem unerbittlichen Fatum, da« ist Eure Weisheit, Ihr Fatalisten, ganz dazu geschaffen, den Menschen zu entsittlichen, ihm das höchste und edelste Gut, die Religion zu nehmen! Wie entsetzlich klingen aus dem Munde des Mörders die Worte: „Gott hat es so gewollt, wäre es nicht sein
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politische That, deren mächtiger Eindruck unfehlbar dem Frieden dienen wird.
Gewiß werden drei mächtige Kaiser von der persönlichen Bedeutung wie Alexander, Franz Joseph und Wilhelm, und drei Staatsmänner, wie Fürst Gortscha- koff, Graf Andrassy und Fürst Bismarck nicht acht Tage lang im täglichen engeren Verkehr vereinigt sein, ohne daß ihre grundsätzliche Uebereinstimmung über die allgemeinen Ziele der Politik sich auch in der vertraulichen Besprechung der verschiedenen Seiten der thatsächlichen Politik und einer möglichen künftigen Gefährdung des Friedens betätigen sollte; aber zu bestimmteren diplomatischen Vereinbarungen würde ein Anlaß nur vorliegen, wenn von irgend einer Seite der Friede thatsächlich bedroht erschiene, was glücklicherweise nicht der Fall ist.
In solchem Sinne sagte Kaiser Alexander von Rußland den donischen Kosaken beim Abschiede: er begebe sich in das Ausland zur Sicherung des Friedens, der jedoch zur Zeit nicht bedroht sei.
Unser Reichskanzler Fürst Bismarck hat die Bedeutung der fürstlichen Zusammenkunft so eben dahin zusammengefaßt: die bloße Thatsache derselben werde überall als ein den Frieden verbürgender Abschluß der bisherigen großen Ereigniffe angesehen werden, und der allgemeine Glaube an den Frieden sei ja besonders für die emporblühende Gewerbthätig- kett fast ebenso wichtig, als die Erhaltung des Friedens selbst. Er durfte hinzufügen, daß diese Bedeutung der Drei-Kaijer-Zusammeiikunft auch von der Bevölkerung gefühlt und anerkannt zu werden scheine.*)
*) Dieses ResumS gründet sich auf die Anttvott, welche Fürst Bismarck der städtischen Deputation Berlins am Montag Abend gelegentlich der Ueberreichung des Ehrenbürgerdiploms ertheilte; in der von den Mitgliedern der Deputation niedergeschriebenen Fassung sagte der Fürst, „er danke für die Anerkennung, die ihm von einer Stadt zu Theil werde, die er wohl seine Vaterstadt zu nennen berechtigt sei, weil er, wenn auch nicht darin geboren, den größten Theil seines Lebens in ihr sich ausgehalten habe. Als Knabe sei er ein Zögling der Plahmann'schen Erziehungsanstalt, des Friedrich- Wilhelms-Gymnasiums und Grauen Klosters gewesen. In Berlin habe er die Hälfte seiner Universittztszeit zugebracht, hier sei er Referendarius gewesen, und hier habe er als Mann manch böses, manch gutes Jahr erlebt. — Um so werthvoller sei ihm neben ähnlichen Beweisen des Ver- trauens, d,e er von anderen deutschen Städten empfangen, neben den Auszeichnungen, die er hoher Huld verdanke, dieser Bürgerbrief. Im Dienste der Höse stehe er: sein Her, schlage nicht minder warm für das Bürgerthum, für die Entwickelung des städtischen Gemeinwesens. — Den großen Wille gewesen, daß jener Mensch durch meine Hand fallen sollte, er würde die That verhütet haben! Ich bin also nichts, als ein Werkzeug in den Händen der Vorsehung!" — Und wie Mancher sucht durch diese Gotteslästerung sein Gewiffen zu beruhigen!
Krämer stand auf und wanderte in seinem Zimmer auf und ab. Und wenn er nun das Geld bei der Bank deponitte, war er alsdann sicher, daß der Arm der Gerechtigkeit ihn nicht faffen und zur Rechenschaft ziehen werde? Konnte er sicher darauf rechnen, daß er ungefährdet entkam ? — Dem Rentner schauderte, wenn er daran dachte, daß er in der einsamen Zelle sitzen, in öffentlicher Gerichtssitzung des Mordes be« schuldigt vor die Schranken treten und endlich das «schaffot besteigen solle!
Ein leiseS Pochen an der Thür störte denJdeen- gang des allen Mannes. Er fuhr erschreckt zusammen, ermannte sich aber und öffnete. Ein noch ziemlich junger, anscheinend der untern Volksklaffe angehörender Mann, trat ein. Er schloß die Tühr hinter sich zu und übergab dem Rentner einen Zettel.
„Ich bin Schließer im Gefängnisse," sagte er, „(efen Sie diesen Wisch und fertigen Sie mich rasch ab, denn meine Augenblicke sind gezählt."
Die Hand, welche das Billet öffnete, zitterte fieberhaft; es mthielt nur die wenigen Zeilen:
„Länger halte ich« in diesem verfluchten Loch nicht aus, in allen Ecken lauern bleiche Gestalten, die mich ängstigen und nicht von mir lassen, Tag und Nacht habe ich keine Ruhe, brennender Durst quält mich, ich werU wahnsinnig, wenn ich länger hier bleiben muß. Deshalb sage ich Ihnen, halten Sie Ihr Versprechen,