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JRorÖurg, Dienstag, den 10. September. 1879.
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Aus Anlaß des Jahrestages von Sedan und bei Gelegenheit der Festlichkeiten zur Erinnerung an das weltgeschichtlich bedeutsame Ereigniß jenes 2. September sind Mir, gleichwie am Jahrestage von Gravelotte, von Festversammlungen, (Korporationen, Vereinen, Schulen und einzelnen Patrioten zahlreiche. Telegramme und Schriftstücke beglückwünschenden Inhalts zugesandt worden. Hocherfreut über so viele Beweise- von Aufmerksamkeit und Anhänglichkeit, veranlasse Ich Sie, allen denjenigen, welche Mir diese aus treuen deutschen Herzen kommenden Zurufe gewidmet haben, durch Veröffentlichung des gegenwärtigen Erlasses Meinen innigsten Dank kund zu geben. Berlin, den 7. September 1872.
gez. Wilhelm. 8» den Reichskanzler.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Sept. Die gestrige Dreikaiserparade war eins der großartigsten militärischen Schauspiele, welche Berlin leit lange gesehen hat. Es stanven gegen 25,000 Mann der auserlesensten Truppen der preußischen Armee in Front, die ganze preußische Garde. Nach 9 Uhr hatte sich Se. Mas. der Kaiser und König zu Wagen nach dem Tempelhofer Felde begeben, um dort die Ausstellung zu überwachen, und seine kaiserlichen Gäste zu empfangen. Gegen 8/410 stand die Parade und kurz vor 10 trafen die Kaiser von O-sterreich und Rußland in den Uniformen ihrer Garde - Regimenter mit dem Bande des Schwarzen Adler-OrdenS angelhan zu Wagen am Zollhause an, und stiegen da zu Pferde, empfingen aus den Händen des Kaisers und Königs den Paradcrapport, worauf die Parade von den drei Kaisern abgenommen wurde. Der Kaiser Franz Joseph ritt zur Rechten unseres Kaisers und Königs, der Kaiser von Rußland zur Linken. Der Kaiser von Oesterreich schien an diesem Tage den Bortritt zu haben. Der Kronprinz, die
königlichen jPrinzen und die Generalität trugen die österreichischen Ordensbänder, der Kaiser den russischen Gevrgsorden. Im Gefolge der drei Kaiser befanden sich vierunddreitzig füistliche Herren. Eö war ein selten schöner Anblick, diese glänzende Suite unter dem dreimaligen Hurrahrufen der Truppen und den Klängen des Präfenlnmarsches die Front, die wie eine Mauer stand, abreilen zu sehen. Bei dem 5301 bei- marsch begaben sich die Kaiser Alexander und Franz Joseph an die Spitze ihrer Regimenter, um biejelben Sr. Mas. dem Kaiser vorzuführen. ES fand zweimaliger Vorbeimarsch der Infanterie, einmaliger der Cavallerie statt, der anderthalb Stunden währte. I. Maj. die Kaiserin, I. kaiserl. Hoheit die Kronprin Zessin, II. HH. die Großherzoginnen von Baden, Mecklenburg-Schwerin, die Prinzessinnen des könig. lichen Hauses wohnten der Parade in vierspännigen Wagen bei. Die Zuschauermasse zu Fuß, 'Wagen und zu Pferde war immens. — Bei dem Nachmittags im weißen Saale und in der Bildergallerie stattgehabten Galadiner war die Zahl der Gedecke 530, im weißen Saale betrug dieselbe 200. Kaiser Wilhelm brachte folgenden Trinkspruch aus: Mit den Gefühlen herz lichen Dankes erhebe ich das Glas auf das Wohl meiner kaiserlichen Gäste! Die auf den Toast folgende Musik ging in die Melodie über: „Gott erhalte Franz den Kaiser", worauf Kaiser Franz Joseph, für den vorangegangcnen Toast herzlich dankend und denselben erwiedernd, folgenden Trinkjpruch auS- brachte: Golt erhalte und beschütze Kaiser Wilhelm, Kaiserin Augusta und das königliche Haus! Nach kurzer Pause ergriff Kaiser Alexander vaS Wort: Ich trinke auf das Wohl der tapfer» preußischen Armee! — Der Kaiser von Rußland ernannte die Prinzen Karl und Albrecht (Vater) von Preußen zu russischen Feldmarschätten. — Der auf heute Abend angesetzte Monstre - Zapfenstreich verlief in glänzendster Weise. Tie Musiker sämmtlicher Regimenter, im Ganzen 1124. einschließlich der Tambours, begleitet von 400 Fakelträger», setzte» sich um 91/2 Uhr vom FriedrichS- Dciikinale nach dem Lustgarten in Bewegung. Die auf dem Programm verzeichneten Musikstücke wurden aufs brillanteste vorgetragen und machten gewaltige
Wirkung. Der Menschenzndrang war ungeheuer; Straßen und Plätze aufs glänzendste erleuchtet. Einen ganz besonders brillanten Eindruck machten die elektri- schen Flammen, mit welchen der Lustgarten und die Säulenhalle des alten Museums bei Ende deS Zapfenstreichs beleuchtet wurden. Die Monarchen wohnten der Aufführung von den Fenstern des Schlosses au« bei. Schluß um IO1/2 Uhr. Unter den Gebäuden zeichneten sich vorzugsweise das RathhauS, das KriegS- Ministetium, die Universität, die Bibliothek und die katholische Kirche aus, von den Straßen die Linden, der Opernplatz, der Gendarmenmarkt, die Wilhelm- Straße.
— Der „Magd. Ztg " schreibt man: Der baierische Prinz Max Emanuel, Bruder der Kaiserin von Oesterreich, welcher hier eingelrcffen ist, folgte einer persönlichen Einladung, welche der Kronprinz in München an ihn richtete. Er wurde von den Majestäten in j herzlichster Weise empfangen. Der Kaiser tief. al« der Prinz eintrat: „Ah! Willkommen, lieber Prinz, wie freue ich mich, daß das liebe, theure Hau« Wit- telsbach doch auch vertreten ist! Herzlich willkommen Baiern in Preußen I"
— Mr. Arthur Kinnaird, Mitglied deS englischen Unterhauses, ist am Donnerstag von 'Sr. Durchlaucht dem Reichskanzler empfangen worden und hat demselben im Auftrage der Unterzeichner eine Adreffe überreicht, welche in deuffcher Uebersetzung lautet:
An
Se. Durchlaucht, den Reichskanzler, Fürsten BiSmarck rc.
Wir, die Unterzeichneten, welche als Bürger tine« schon lange mit bürgerlicher und Religionsfreiheit gesegneten Lande«, Zeugen sind deS Kampfes, welchen Ew. Durchlaucht als Kanzler Sr. Majestät de« deutschen Kaiser» für ein freie« und geeinigtes Vaterland gegen die päpstliche Curie führen, bitten um die Erlaubniß, Ew. Durchlaucht mit dem Ausdrucke unserer Ueberzeugung zu nahen, daß es ein Kampf ist von der tiefsten Bedeutung für Europa und von besonderem Interesse für England, welches vor 300 Jahren einen ähnlichen durchzumachen hatte. Der Anspruch, nicht nur die christliche Wahiheit zu lehren, wie sie in der Bibel niedergrlegt ist und von den Aposteln
Ein böses Gewisse«.
Bon Ewald August König.
(Fortsetzung.)
Der Rentner sah unwillig von seiner Arbeit auf, als der Advokat eintrat. Aergerlich über diese zweite Störung fragte er barsch nach dem Begehr des Fremden, der ruhig die Thür abschloß und sich bann in einen Sessel niederließ.
„Wir sind doch allein?" fragte der Jurist, indem n aus die Thür zum Nebenzimmer zeigte; „was ich Ihnen mitzutheilen habe, betrifft nur uns beide, oder bester gesagt, Sie allein. Mein Name ist Doctor Schacht, Advokat beim hiesigen Gerichtshöfe."
„Ich wüßte nicht, daß ich mit Ihnen etwas zu verhandeln hätte", erwiederte Krämer mürrisch, „ich sühre keine Prozesse".
„Sie könnte» aber in einen Prozeß und noch dazu w einen Criminalprozeß verwickelt werden, versetzte dvr Advokat. „Ick komme gerades Weges auS dem ®cfingntB und führte soeben eine längere Unterredung
dem Amerikaner Schmelzer."
Der Rentner fuhr von seinem Stuhle auf. „Entschuldigen Sie einen Augenblick", hob er an, „in jener Stube befindet sich meine Tochter, wäre es nicht bester, wenn ich Sie hinausschickte?"
Ter Advokat nickte und trat an's Fenster. Mathilde kannte ihn, sie wußte, daß er der Freund des Gelieb- lm war, er wollte ihr sein Gesicht verbergen, um in ihrem Herzen Hoffnungen zu wecken, bereit Erfüllung noch sehr in Frage stanb. —
Krämer öffnete die Thür und warf einen Blick in bas Nebenzimmer, eS war leer, Mathilde hatte es berlaffen. Beruhigt verschloß der Rentner die Thür »nb bat den Abvvkat, fortzufahren.
„Ich ging mit dem Vorsatz, mich jenem Verbrecher ^s Vertheidiger anzubieten, in daS Gefängniß Schmelzer legt« mir ein offenes Bekenntniß ab.“
Erdfahle Bläste Überzog das Antlitz des alten Mannes, seine Kniee bebten, sein stierer Blick war unverwandt auf den Advokaten gerichtet.
»Ich erfuhr, daß sein erstes Verbrechen ein Einbruch bei Ihrem Bruder in Amerika gewesen ist, der Zweck dieses Einbruchs geht deutlich aus einem Briefe hervor, welchen Sie an jenen Menschen geschrieben haben."
„Ich?" stotterte der Rentner. „Ein Brief von mir? Glauben Sie ihm nicht, er hat meine Handschrift gefälscht."
„Wenn dem wirklich so wäre, muß er doch Ihre Handschrift gekannt haben. Die Adresse trägt den .Poststempel unserer Stadt und da außer diesem Briefe noch zwei andere Schreiben vorliegen, so dürfte eö wohl nicht schwer fallen, die Echtheit der Handschrift z» konstatiren." '
„Kommen wir zu der Sache", versetzte Krämer, indem er die nasse Stirn mit seinem seidenen Taschentuche abtrocknete. „Gesetzt, ich gebe zu, diese Briefe geschrieben zu haben, was beweisen Sie gegen mich?"
„Dieser hier die Auffordemng zum Diebstahl, jener aber, den bet Verbrecher in Havre von Ihnen empfing, legt Ihre Mitschnlb an bet Ermordung Ihres Bruders klar an den Tag."
»Ich ffchc der Anklage ruhig entgegen", erwiederte der Rentner nach einer Pause, in der er mühsam nach Fassung gerungen hatte, „glauben Sie wirklich, mir etwas beweisen zu können, jo —"
„Sie wären bereits verhaftet, wenn nicht die Freundschaft zu Ernst Heller mich bewogen hätte, voiher diesen Weg zu versuchen", fuhr der Advokat ernst und mit erhöhter Stimme fort, „es kostet mich nur einen Gang zum JnstruktionSrichier, und Sie sitzen in der nächsten Stunde hinter Schloß und Riegel, um dort den Rest Ihres Lebens zu verbringen —"
»Zch versprach jenem Vagabunden hundertLouiSd'orS,
wenn er mir das Dokument schaffte, welches mein Bruder damals in Bezug auf sein Vermögen anser- tigen ließ"/ fiel Krämer dem Juristen inS Wort; „für die Mittel, welche jener Mensch anwandte, um seinen Zweck zu erreichen, kann man mich nicht verantwortlich machen."
„Sie reden, wie die Angst deS bösen Gewissen« eS schon eingibt, da« Gesetz spricht anders.“
„Man kann jedem Dinge eine andere Bedeutung unterschieben", erwiederte Krämer achselzuckend, „e« kommt eben nur daraus an, wie man's dreht und wendet. — Sie sagten vorhin, eS bedürfe nur der Anzeige, so würde ich verhaftet. Sie machte» diese Anzeige nicht, daraus glaube ich schließen zu dürfen, daß ich Ihr Schweigen erkaufen soll. So ruhig ich auch einer Anklage entgegen sehe, will ich mich doch zu diesem, Opfer entschließen, weil - weil —*
»Weil Ihr böses Gewissen Ihnen sagt, daß der Prozeß für Sie eine schlimme Wendung nehmen könne. Sparen Sie mir gegenüber die Maske, mich betrügen <5,e nicht. Der Amerikaner wird schweigen, wenn Sir Ihre Einwilligung zur Hochzeit Ihrer Tochter mit Ernst Heller geben."
Die Zornader auf der Stirn des Rentners schwoll drohend an. „Also auch Sie sind im Cornplot?" rief er heiser, den glühenden, durchbohrenden Blick, in welchem daS Feuer unversöhnlichen Hasses loderte, fest auf den Advokaten gerichtet. „Auch Sie wollen den Kuppler spielen? Fürwahr ein hübsches Nebengeschäft für einen Advokaten, dem die Praxis vielleicht kaum da« trockene Brod einbringt!"
Doctor Schacht erhob sich. „Unsere Unterredung ist zu Ende," sagte er gelassen, „auf Beleidigungen antworte tch nicht." Er wandte sich zur Thür, Krämer hielt ihn am Arme zurück. Auf den Ausbruch der Wuth war Erschlaffung gefolgt, der Rentner sah ein, °°B " va banque spielte, daß Alles, Ehre, Vermögen